Bilder aus Baltimore

Ich mag Baltimore – es ist laut, dreckig, verkommen (außer in den Touri-Bereichen), alles irgendwie marode, schief, fußgängerunfreundlich. Also genau die Dinge, die mich extrem anstrengen und nerven. Nur (noch) nicht hier – Baltimore hat irgendwie Charme. Das hab ich sogar schon gedacht, bevor ich das Stadtmotto „Charm City“ las. Überall ist Musik: Wenn man von einer Ampel zur nächsten an den wartenden Autos vorbeiläuft, hört man das gesamte Musikspektrum. Bis auf Klassik – bisher. Es gibt Kunst an allen Ecken und Enden und mittendrin, ebenso wie kleine, süße Restaurants aus allen denkbaren Ländern. Gestern war ich türkisch essen, vorgestern äthiopisch – und habe mir geschworen, letzteres beim nächsten Mal nur löwenhungrig zu tun. In einem äthiopischen Restaurant nicht aufzuessen, fühlt sich so richtig doof an…

 

Zurück zu Baltimore: Die drei Hauptbuslinien sind kostenlos, Beerdigungskorsos dürfen über rote Ampeln fahren (kein Witz – alle Autos warten! Das Ganze passiert natürlich mit Sirene, sonst würden sie natürlich ihr Geschäft genial ankurbeln), die Bewohner einer Seniorenresidenz, an der ich vorbeiging, saßen plaudernd auf dem Bürgersteig – und ich muss gestehen, dass ich es (wiederum: noch) total entzückend und kuschelig finde, wenn ich im Restaurant mit „Dear“, „Darling“ und “Honey“ oder „Hon“ angesprochen werde. Von weiblichen Bedienungen, wohlgemerkt. Was sie wohl zu Jungs sagen?

Wer sich übrigens in einer amerikanischen Großstadt einsam fühlt, sollte einfach mal barfuß durch die Straßen laufen. Ich mach das ja ganz gern mal – und ich bin noch nie so oft angesprochen worden wie hier. Meist wohlmeinend („Dear, watch out…“), oft interessiert („Where are your shoes?“) einmal mit offenem Mund (er): „I’ve heard of people in foreign countries who do that…“ Zu lustig – ich denke, ich werde das als Experiment fortsetzen.

 

Ach, ein Fun Fact: Baltimore ist die „City of Firsts“: Gaaaaaaaaaaaaaaaaanz viele Dinge gab es hier zum ersten Mal. Den ersten Regenschirm, das erste Postamt, den ersten Ballonstart, die erste Sonntagszeitung, den ersten Kühlschrank und natürlich noch vieles mehr: baltimore.org/info/baltimore-firsts.

Die Obdachlosen, die man hier wirklich überall sieht, gehen mir nahe. Besonders die Menschen – ich wollte gerade „Gestalten“ tippen, manchmal wirken sie eher so – die ganz unten und meist verwirrt sind. Ich frag mich immer wieder, warum sie mich so berühren. Ich glaube, es ist, weil ich mich am Tiefpunkt meiner Depressionen letztlich immer so enden sah. Unvorstellbar, dass ich wieder am normalen Leben teilnehmen würde, undenkbar, dass ich wieder klar denken, arbeiten, reisen, lieben, lachen würde. Und deshalb fühle ich mich diesen Menschen irgendwie verbunden – gefühlt war ich fast da, wo sie sind. In meinem Empfinden war ich raus aus der Gesellschaft – über den Rand gefallen. Ich weiß, das ist objektiv nicht wahr. Aber wer eine schwere Depression kennt, wird mich verstehen. Jedenfalls gehe ich oft nachdenklich und auch dankbar für meinen anderen Weg (und meine Ärzte) an ihnen vorbei. Einer schaute vorgestern plötzlich ganz hell zurück. Ich hab ihm einen schönen Abend gewünscht (wie absurd!) – und er hat gestrahlt.

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4 thoughts on “Bilder aus Baltimore

  1. Arthur Bächle

    Hi Eva, ….das klingt mehr amerikanisch,
    Deine Eindrücke von Baltimore…sie machen neugierig, das selbst einmal zu erleben…auch barfuss durch die Stadt zu laufen, wir stellen uns das in Kiel vor(?! au weh !?); Du bist andererseits auch sehr sehr nachdenklich, bei dem was Du auch in der Stadt noch siehst.
    Mittlerweile sitzt wahrscheinlich schon auf Josi und beginnst Deine große Tour nach Norden, Süden oder Westen.
    Good luck Arthur und Anna

  2. Pingback: Der Übernachtungsreport – Teil III – Eva-hin-und-weg

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