Brief aus der kalifornischen Gegenwart

Ach, es ist ein Traum. Gerade hab ich noch geschrieben, dass ich gern zwei Wochen mit Nix hätte, als mir wieder einfiel, dass ich das ja einfach machen kann! Ich meine: Wann, wenn nicht auf dieser Tour?!

Meinen Geburtstag hatte ich nach dem Abschied von Bernd nicht in Downtown San Francisco, sondern ruhig im Hotel verbracht. Dösen, lesen, facebook-Quatsch – und schließlich ein entspanntes Abendessen im Hotelrestaurant.


Ich meine, nachdem Bruce extra für mich ein T-Shirt rausgebracht hatte, konnte ja ohnehin nichts mehr passieren, oder?


Ich habe am Tag nach meinem Geburtstag zwar noch etwas Zeit in San Francisco verbracht, aber sehr viel weniger als geplant. Die Ausstellung, die ich sehen wollte, war mir mit 25 Dollar zu teuer – das ist auf dieser Reise in etwa das Tagesbudget. Die Photos von Walker Evans hätten mich zwar interessiert, aber es war kein Herzensthema.
So hab ich mich ein wenig im SF MoMA rumgetrieben, dem San Francisco Museum of Modern Art. Die Stahlskulptur Sequence wurde übrigens in Deutschland hergestellt:

 

Die Lombard Street bin ich auch nicht hoch- oder runtergefahren. Der spannende Teil hat ja alles, was ich so gern mag: enge Kurven in Steigungen bei langsamem Fahren. Weder für rauf noch für runter verlockend, wenn man annehmen muss, dass 7.000 japanische Touristen auf den Auslöser drücken, wenn man umkippt…
Obwohl: Im Zweifelsfall ist das Bild ohnehin nix. Ich hab mich mal in Honolulu von einem Japaner fotografieren lassen. Naiv, wie ich war, bin ich davon ausgegangen, dass sie fotografieren können – sie tun es ja so viel. Weit gefehlt… Als ich das Bild nach meiner Rückkehr ins beschauliche Vechta entwickeln ließ (ja, so war das damals), sah ich eine rechteckige Bodenfläche, die fast das ganze Bild ausfüllte. Im „Fast“ am oberen Rand in der Mitte (immerhin…) waren bordeauxrote Chucks zu sehen. Die hatte damals außer mir auch niemand sonst – das war also ich da auf dem Bild. Seitdem weiß ich, dass Japaner so viel knipsen, um die Wahrscheinlichkeit für ein gelungenes Bild zu erhöhen.

Also – keine Lombardstreet und auch keine Wave Organ. Darüber bin ich ein wenig traurig, aber ich hätte nochmal durch die ganze Stadt fahren müssen.

Stattdessen bin ich in Richtung Süden gefahren und in der Half Moon Bay gelandet, in der ich schon mit Bernd war. „Damals“ war es sonnig und heiß – mindestens 30er Sonnencreme, wenn man sich denn eincremt. Nun hatten  sich die Temperaturen halbiert, es war neblig und grau und trotzdem wunderschön.

Ich bin insgesamt vier Nächte in der Bucht geblieben und habe die Tage im „Ebbtide Café“ von Jürgen Harpo Marx verbracht. Der Jazzfreak aus Düsseldorf hatte sich vor 34 Jahren in eine Tänzerin aus San Francisco verliebt und war ausgewandert. Seit 32 Jahren sind sie jetzt verheiratet…

Diese Tage waren Balsam für den Teil von mir, der Alleinzeit braucht. Die Zeit mit Bernd war traumhaft schön und aufregend, aber ich brauche beides. Ich habe gelesen, geschrieben, aufs Meer geschaut, Leute beobachtet, leckerst gegessen, kurze Spaziergänge gemacht. Kein großer Input, einfach nix.

 

George stand derweil sicher im Garten eines verlassenen Hauses oberhalb des Venice Beach. Darunter machen wir es nicht mehr 🙂

Niemand würde auf die Idee kommen, in diesen Garten zu gehen – schon gar nicht bei schlechtem Wetter. Josi hatte sogar ihre eigene Garage unter Grün und die Spinnen in den Sträuchern haben mir den Gefallen getan, genau da zu bleiben.

Niemand würde auf die Idee kommen, in diesen Garten zu gehen? Doch – ein kleiner pummeliger Waschbär trotzte allem. Er hat mir einen gehörigen Schrecken eingejagt, als er sich neben George auf den Zaun hievte. Die Krallen haben ordentlich Lärm gemacht und ich konnte das zunächst überhaupt nicht einordnen. Als ich aus dem Zelt kam, sah ich das dicke Ding tolpatschig auf den Zaunzinnen wandeln, immer wieder rechts oder links runterrutschend. Mein Foto dieses Naturschauspiels wurde bisher allerdings nicht angemessen gewürdigt:

Nun denn – ich fahre erstmal weiter durch die orange leuchtende Halloweenwelt.

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