Casper – ausruhen im Wind

Wir haben mein frierendes, übermüdetes Ich im windigen Casper, Wyoming, zurückgelassen, wisst Ihr es noch? Damals habe ich – wie schon manches Mal zuvor – an die Obdachlosen gedacht. Ich meine, ICH kann mich ja jederzeit irgendwo einmieten, will es nur nicht, weil ich meine Lieben zuhause dann früher anpumpen müsste. Aber die homeless people haben diese Wahl nicht. Sie müssen sich irgendwo niederlassen – egal, welche Temperaturen herrschen, egal, wie verletzlich sie an ihrem Platz sind. Auf meiner Tour hab ich fast jeden Obdachlosen gegrüßt, ich fühlte mich irgendwie verbunden. Auch wenn es sicher anmaßend ist. Interessant, dass diese Menschen in Deutschland „nur“ kein Obdach haben, im englischen Sprachraum aber auch kein Zuhause…

Mit diesen und anderen, ähnlich hellen Gedanken fuhr ich langsam die noch leeren Straßen von Casper ab – auf Josi fühlte ich mich weniger verloren. Dass der Wind um jede Ecke fegte, brauche ich nicht mehr zu erwähnen, oder? Und endlich, endlich – gegen 5:30 Uhr – war ich erlöst. Ein kleines, schnuckeliges Café war erleuchtet: Jacquie’s Bistro, Brunch and Bar, also mit Sicherheit auch Kaffee, an dem ich mich festhalten und mir die Hände wärmen konnte, bis ich wieder aufgetaut war.

Jacquie hat ein so großes Herz, dass es kaum in den Laden passt. Zunächst ließ sie mich einfach in Ruhe warm werden und schüttete regelmäßig Kaffee in den Pott in meinen Händen. Dann gab’s was zu essen und während ich langsam wieder ich selbst wurde, hatte sie schon längst all ihre Freunde in der Stadt über Facebook gebeten, mir für eine Nacht Unterkunft zu gewähren. Sie hat sogar ein Frühstück ausgelobt – unglaublich, aber zum Glück wahr!
Jacquie, you’re the best – thank you for everything!Leider hat sie offenbar nur so seltsame Freunde, die sich morgens eher mit Wachwerden, Aufstehen, ihren Kids, der Fahrt zum Job und dem Start desselben beschäftigen, als damit, ihre Facebook-Nachrichten zu checken. Sehr seltsam – jedenfalls hatte bis neun, halb zehn noch niemand fest zugesagt. Weil ich nach dieser Nacht im Wind und der vorigen Nacht in der Kälte Newcastles vor Müdigkeit fast vom Stuhl fiel, hab ich mich in ein günstiges Motel eingebucht – geführt von einem Indian. Das will ich ja unterstützen. Dass er – um es mit Robin Williams im Film „Good Will Hunting“ zu sagen – ein Indian mit einem Punkt auf der Stirn und nicht mit einer Feder auf dem Kopf war, hat mich ebenso wenig gestört wie die, nun sagen wir mal „charaktervollen“ Darstellungen von Feder-Indianern. Ich lag um 10 Uhr morgens im Bett und hab geschlafen.

Nach einigen Monaten unterwegs habe ich gemerkt, dass ich nach einer Weile in der amerikanischen Weite immer wieder so zwei bis drei Tage brauche, die ich an einem kleinen, überschaubaren Ort verbringe. Wo ich Menschen wiedertreffe, wo die Orte mir ansatzweise vertraut werden, wo ich mal nichts Neues sehe, das verarbeitet werden will. Die Deer Isle in Maine war so ein Ruhepunkt, Floyd in Virginia ebenso, Higginsville in Missouri auch. Und Green River in Utah, nach dem Abenteuer beim Arches National Park. Offenbar war mal wieder so eine Zeit dran, denn am nächsten Tag fühlte ich mich in keiner Weise fit zum Weiterfahren. Ein ruhiges spätes Frühstück bei Jacquie, dann ein bisschen arbeiten, ein bisschen am Blog schreiben und dann zu einer Freundin von Jacquie, bei der ich übernachten konnte.

Mal so zwischendrin, während ich mich im Motel erhole:

Casper lag genau auf der Route der Sonnenfinsternis!

Und Casper ist romantisch…

Und Casper ist tier- und menschenlieb 😉

Am nächsten Tag – natürlich – Frühstück bei Jacquie. Als ich ihr jedoch sagte, dass ich mich tatsächlich nach Westen in Richtung Yellowstone aufmachen wollte, schüttelte sie nur den Kopf und zeigte mir eine Unwetterwarnung für die Region. Die Temperaturen sollten noch mehr fallen, es sollte Schnee im Yellowstone geben. Großartig… Wenn ich auf eines so gar keine Lust mehr hatte, dann frieren. Das hatte ich seit Wounded Knee getan. Auf der anderen Seite wollte ich unbedingt in den Teton Nationalpark und dann durch den Yellowstone nach Montana – Teton und Montana waren zwei der großen Träume dieser Tour! Scheiße…

Erstmal noch einen Kaffee, Karte studieren, nachdenken. Und dann schau’n wir mal.

 

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2 thoughts on “Casper – ausruhen im Wind

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