Wie viele Leben?

Vor ein paar Tagen traf ich einen entfernten Bekannten. Nach ihm gefragt, antwortete ich gedankenverloren: „Ich kenne ihn aus einem früheren Leben.“

Ich habe während eines früheren Jobs mit ihm zusammengearbeitet. Gerade mal sechs Jahre ist das her, aber es fühlt sich so weit weg und so anders an – eben wie in einem früheren Leben. Wer mich kennt, weiß, dass ich für Wiedergeburten & Co. wenig übrig habe, das also war es nicht.

Ich hab in meinem Leben so einige bekloppte Entscheidungen getroffen – privat und beruflich. Gradlinig ist hoffentlich mein Charakter, mein Lebenslauf ist weit davon entfernt.

Aber ich bin mir mit jedem Schritt, mit jedem Lebensabschnittsentwurf näher gekommen. Dem, wer ich bin, und dem, wie ich leben möchte. Genau deshalb fühlt sich jede dieser bekloppten Entscheidungen auch immer noch richtig an.

Ich kann mir mein Leben ohne meine USA-Tour nicht mehr vorstellen. Einer der wertvollsten Aspekte war das freie und selbstbestimmte Leben an jedem einzelnen Tag. Nicht nur am Wochenende, wenn man nach der Arbeitswoche doch zu müde ist, um genau das zu genießen. Ich will mehr von diesen langen Reisen – mal sehen, wann und wie ich das in mein Leben integrieren kann. Ride and write – das wär’s!

Der Teilzeitjob bei POLO macht richtig Spaß. Die Kunden sind meist entspannt und gut drauf – es ist eben ein Freizeitbereich. Und fühlt sich durch die Thematik ohnehin wie ein Teil meines Lebens an.

Ich kann mir ein Leben ohne meine Schnuckelwohnung nicht mehr vorstellen – seit Anfang Oktober bin ich wieder hier. Ein kleines Zimmer habe ich untervermietet, damit die Finanzen stimmen. Natürlich ist es immer noch knapper als vorher mit gut bezahltem Vollzeitjob, aber hey, das gehört sich für angehende Autoren schließlich so. Und immer wieder ertappe ich mich bei einem breiten Grinsen, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und den Ausblick genieße. Dann geht’s wieder und ich schreib brav weiter.

Und ich will mir mein Leben ohne das Schreiben nicht mehr vorstellen – auch wenn ich natürlich schon dreimal so weit sein könnte. Aber auch da will ich entspannen. Vielleicht schreibe ich nur dieses eine Buch in meinem Leben, da will ich mich nicht stressen. Es soll Spaß machen. Und das tut es. Die erste Fassung des Ostküstenteils ist fast fertig und könnte schon ein eigenes Buch sein. Ich werde gute Kürzer brauchen…

Lange Rede, hoffentlich mit Sinn: Das ist mein jetziges Leben. Und ich fühle mich pudelwohl darin.

Ich finde, jeder sollte sich so viele Leben nehmen, bis er bei seinem angekommen ist. Wir haben schließlich nur das eine.

 

 

 

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Philosophie second hand

Kennt Ihr das Phänomen der Problemkonstanz?

Das ist ganz einfach: Egal, in welcher Situation Du bist, Du hast immer in etwa die gleiche Menge an Problemen. Nur eben andere.

Woran das liegt? Gute Frage. Ich glaube, wir nehmen deshalb immer die Probleme wahr, weil gut Funktionierendes für unser Überleben keine Gefahr darstellt (gut funktionierende Waffen etc. ausgenommen). Wenn alles so läuft, wie wir das wollen, muss sich unser Gehirn nicht damit beschäftigen. Und deshalb konzentriert es sich auf andere potentiell gefährliche Dinge – irgendwas gibt es immer.

In einem kleinen Laden in den USA las ich auf einem Schild den Satz „Wenn du keine Probleme hast, bist du höchstwahrscheinlich tot.“ Hart, aber wahr.

Man muss sich ja nicht gleich an jedem Problem erfreuen. Aber sich öfter mal zu sagen, dass dessen Existenz fast normal ist – einfach weil wir leben – kann sicher nicht schaden.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will: Diese Konstanz scheint nicht nur bei Problemen gegeben zu sein.

Der alte T. Adorno sagte mal sinngemäß, dass ein Zugewinn an Freiheit gleichzeitig einen Zuwachs an Zwängen mit sich bringt.

Hab ich nicht selbst gelesen, sondern die Schriftstellerin Thea Dorn (wem fällt beim Namen was auf?). Ich wiederum hab diesen Gedanken im Magazin der Süddeutschen entdeckt und finde ihn sehr spannend. Auf der einen Seite schmeißt man Zwänge über Bord, freut sich ein Loch in den Bauch, und zack!, sind sie frech auf die andere Seite des Bootes geschwommen, sind hochgekraxelt und lachen einen von da aus an.

Kurz und knackig kann man das auch so sagen: „Tue, was du willst – und zahle dafür.“ Sagen angeblich die Spanier.

Und das wiederum bedeutet doch eigentlich, dass man keine Angst haben muss – auf einer der beiden Seiten zahlt man sowieso.

Dann bezahle ich doch lieber für was richtig Gutes, oder?

 

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Leben wie die Franzosen Auto fahr’n

Mein Lied fürs Wochenende. Und für danach.

Die Akustik ist mäßig, der Text toll.

Ich möchte leben wie Franzosen Auto fahren
eine Delle macht nichts aus
und wenn die Kreuzung voll ist
fährt man trotzdem drauf
kann sein, dass man im Weg steht
wenn man nicht auf dem Gehweg geht
tut mir auch nicht leid
tut mir auch nicht leid

Auch Sommersprossen sind Gesichtspunkte
hab ich irgendwo gelesen
und selbst die verschwinden mit zu wenig Sonne
gerade so als wäre nichts gewesen

Ich möchte leben wie Franzosen Auto fahren
egal wo man parkt
und eine rote Ampel ist immer nur ein Vorschlag
kann sein, dass man sich weh tut
wenn man den falschen Typen anhupt
tut mir auch nicht leid
tut mir auch nicht leid

Unsere Blicke sind so eingefahren,
dass unsere Augen Spurrillen haben
und immer auf dieselbe Stelle blicken
sich immer die gleichen
Dinge aus den Dingen picken

Ich möchte leben wie Franzosen Auto fahren
mal rechts, mal links, mal rückwärts
vom jetzigen Standpunkt aus
geht es immer nur vorwärts
kann sein, dass mal was schief geht
wenn man nicht den geraden Weg wählt
tut mir auch nicht leid
tut mir auch nicht leid
nein, nein, nein

Es gibt nicht viel zu entscheiden
letzten Endes nur zu gehen oder zu bleiben
und der, der geht ist langsamer als der, der bleibt
weil er viel später
seinen Ruhepunkt erreicht

Ich möchte leben wie Franzosen Auto fahren
eine Delle macht nichts aus
und wenn die Kreuzung voll ist
fährt man trotzdem drauf
kann sein, dass man im Weg steht
wenn man nicht den geraden Weg wählt
tut mir auch nicht leid
tut mir auch nicht leid
nein. nein. Nein.

© Wolfgang Müller

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