Charlottesville

Irgendwann hatte ich gesehen, dass Charlottesville, Virginia, nah an oder sogar auf meiner Route liegt. Und habe seitdem überlegt, ob ich vorbeifahre. Katastrophentourismus? Mal auf den schlimmen Ort gucken? Sagen können, dass man da war? Ich kann es noch immer nicht recht in Worte fassen – ich wollte irgendwie die „Atmosphäre danach“ spüren. Wobei selbst das ja höchst individuell ist: Was wird mir von wem vermittelt und warum, was nehme ich auf und wiederum: warum? Egal – ich hab mich entschieden hinzufahren. Besser als nicht hinzufahren und solche Orte zu meiden. Dann gewinnen auch die Falschen.

Ich bin ziemlich früh angekommen, so gegen halb acht. Hab bei der Bibliothek geparkt, um danach vielleicht noch zu arbeiten, und bin in die Fußgängerzone gegangen – die total schön ist. Aber schon beim Schlendern waren einige Zeichen des Geschehenen sichtbar und irgendwo war auch immer ein Polizist, eine Polizistin oder ein Polizeiauto zu sehen.

Ich wusste nicht genau, wo das Auto in die Menge gefahren war, hatte nur die Handybilder im Fernsehen gesehen. Und plötzlich stand ich an der Stelle. Jeder, der vorbeiging, hielt betroffen an. Blieb auch länger stehen, ging die gesperrte Straße hinunter. Ein junges Pärchen mit Hund hielt inne, das Mädchen begann zu weinen. Eine Joggerin bog in die Straße ein, wurde langsamer und blieb dann schließlich eine knappe halbe Stunde.

Man merkt es einer Stadt nicht zwangsläufig an, ob in ihr solche Arschlöcher wohnen wie dieser Typ. Oder die rechten Demonstranten. Die Fußgängerzone von Charlottesville hätte auch der Rathausplatz in Göttingen oder die Holtenauer Straße in Kiel sein können – die Atmosphäre ist die gleiche. Ich habe nicht mit Leuten gesprochen – das wäre mir zu nahe gegangen und ich finde, ich hab auch kein Recht, in sie hineinzubohren, nur weil mir zufällig danach ist.

Ich hab noch gefrühstückt, meine kommenden Kilometer geplant und bin losgefahren. Nach Arbeiten in der Bibliothek war mir dann doch nicht mehr.

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