Der Chevy und ich

Heute ist Ruhe-, Nicht-bis-wenig-Fahr-, Verdau-, Schreib- und Nix-Neues-Erleben-Tag. Mal schauen, ob mir noch ein schöner Name für solche Tage einfällt – Vorschläge sind willkommen!

Ich sitze in Pat’s Diner, einem Diner von 1948, passend zum Abenteuer von gestern. Kein WLAN, keine Kreditkarten (in Amerika!!!), liebevoll und zum größten Teil original eingerichtet, leckeres Essen, anständige Portionen und natürlich Kaffee satt. Ein guter Ort – schon wieder einer. Die Eigentümer, die irgendwie ebenfalls den 50-ern entsprungen sein könnten, wuseln hier auch rum – wobei „wuseln“ zu viel Tempo suggeriert. Pat sitzt hinter dem Tresen, hat alle(s) im Blick, plaudert mit den vorbeikommenden Gästen oder lässt sich von Gynsburgh zu einem Foto überreden. Ihr Sohn ist in der Küche aktiv, manchmal taucht er für Absprachen auf.

 

So, jetzt aber zu gestern. Wer meine Texte vom Schiff gelesen hat, der hat vielleicht noch meine Wunschliste für Amerika im Kopf. Auf dieser Liste stand unter anderem, dass ich gern mal mit einem Oldtimer fahren würde – am liebsten am Steuer. Einmal bin ich in Kiel schon mit einem Freund mitgefahren, das werde ich nie vergessen. Und so ein Ding mal selbst fahren… Versteht mich nicht falsch: Ich habe keine Ahnung von Oldtimern – ich finde nur die meisten von ihnen einfach wunderschön. Und fahre auch schon mal zu Oldtimertreffen, nur um sie zu fotografieren. Können Autos fotogen sein? Nun, viele alte sind es für mich. Wie dem auch sei: Als ich das auf meine Liste schrieb, war mir klar, dass ich diesen Punkt am wenigsten von allen herbeiführen bzw. beeinflussen konnte. Ich lass ja auch nicht jeden auf Josi – und ein Oldtimer (hier: Vintage Car, daran muss ich mich noch gewöhnen) ist ja nochmal was ganz anderes.

 

In Deutschland gibt es oft samstags oder sonntags Treffen von Oldtimer-Fahrern und -Liebhabern. Hier offenbar auch, denn gestern kam ich zufällig an einem solchen Treffen vorbei. Und hielt natürlich an, machte natürlich Bilder. Das Treffen war aber weder gut besucht noch fand ich besonders viel zu fotografieren. Als ich mich gerade auf Josi setzen und weiterfahren wollte, hörte ich von hinten die Frage: „From Europe?“ Eine junge Frau und ihr Vater hatten mein Nummernschild gesehen und gerätselt – so kamen wir ins Gespräch. Bis sie plötzlich verschwand, um ein Auto zu holen… Was soll ich sagen: Die beiden nahmen mit Papas Auto, einem 1958er Chevy Bel Air, an dem Oldtimertreffen teil. Natürlich wollte ich ein Bild von mir vor dem Schmuckstück und bekam es. Dann kam die Frage: „You wanna sit in it?“ – „Are you sure? ‚cause if you are, I’ll say yes!“ Und so kam es, dass ich plötzlich atemlos auf dem Fahrersitz dieses Autos saß.

 

Ich konnte schon das kaum fassen, dann hörte ich tatsächlich: „You wanna drive it up the road?“ Ich sag euch: Eva 1 hat sich vor Lachen in die Ecke geschmissen, als Eva 2 nur stumm und mit großen Augen nicken konnte. Dass das wirklich passierte – unglaublich! Also kam Oliver, so heißt der Besitzer, auf den Beifahrersitz, seine Tochter Catherine nach hinten. Und dann habe ich allen Ernstes dieses Auto gefahren! Ein Schiff – ich musste die Dimensionen erstmal klarkriegen. Das Lenkrad liegt ganz anders in der Hand – oder an den Fingern, so leichtgängig ist es. Die Federung, die Beschleunigung, das Bremsen (Bremsen???), Wahnsinn. Und Automatik – war das früher auch schon so? Es war das erste Mal, dass Oliver jemand anderen ans Steuer gelassen hatte. Und das, obwohl er davon ausging, dass ich a) Linksverkehr gewohnt sei und b) vor 22 Jahren zum letztem Mal Auto gefahren sei (Missverständnis: Vor 22 Jahren war meine letzte Automatikfahrt). Eine echte Vertrauensleistung also, die sich darin manifestierte, dass er den Türgriff nicht losließ und sich wie der schlimmste Beifahrer aller Zeiten aufführte (ich darf das schreiben). Wir haben so gelacht – unglaublich. In Deutschland grüßen sich Motorradfahrer – in den USA auch. Und die Vintage Car-Fahrer auch. Der erste, der mir entgegenkam, winkte ins Leere, weil ich das nicht wusste. Das habe ich beim zweiten aber voller Begeisterung wiedergutgemacht. Ach ja: Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich während der Fahrt keine Fotos machen konnte…

 

Höhe- und Endpunkt meiner Fahrt war nach etwa 15 min eine von der Hauptstraße abgehende Linkskurve. Leider konnte ich die Maße derselben nicht wirklich mit den Dimensionen und dem Wendekreis des Chevys in Einklang bringen, sodass wir mitten auf der Kreuzung stehenbleiben mussten. Vorwärts ging nicht mehr – da war ein Beet. Rückwärts ging nicht mehr, da wartete bereits der Folgeverkehr. Und weil wir so schön lang waren, haben wir natürlich alles blockiert, was noch möglich war: den entgegenkommenden Verkehr und auch noch diejenigen, die aus unserer Linkskurve auf die Hauptstraße wollten. Ein Traum. Und der beste Zeitpunkt, um noch immer lachend die Plätze zu wechseln: Oliver ans Steuer, ich bin rübergerutscht (schon das allein ist so cool an den alten Autos!). Oliver hat den Chevy souverän aus der Klemme manövriert und uns heil nach Hause gebracht.

High on emotion – total selig

Mehr ging gestern dann auch nicht mehr, so ganz hab ich das immer noch nicht verdaut. Ich bin mit Josi nur noch ein bisschen aus der Stadt rausgefahren, habe auf dem weitläufigen Rasen eines Gartens mein Lager errichtet (mit Erlaubnis) und bin schlafengegangen.

Oliver, thank you so much for making this possible and for putting your trust/ your beloved Chevy in my hands! And go to Europe – remember what we’ve said about your headstone!

 

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One thought on “Der Chevy und ich

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