Der letzte Tag auf See

Gerade bin ich aufgewacht – 8:30 Uhr, offenbar meine biologische Aufwachzeit (muss ich unbedingt meiner Chefin sagen, man soll ja mit dem Biorhythmus leben – dann ist man auch leistungsfähiger…). Ich trinke den löslichen Kaffee, den es hier an Bord gibt, und bin ein klein wenig melancholisch. Natürlich – es waren ja auch großartige zwei Wochen. Heute Abend gegen 20 Uhr werden wir Land sehen, dann kommt gegen 22:30 Uhr der Lotse aus Chester an Bord und führt uns in die Hafenanlagen.

Über Nacht werden schon Container ab- und neu aufgeladen, morgen dann die ganzen Formalitäten. Ein Zollbeamter kommt an Bord, um alles zu kontrollieren. Dann bin ich frei, mich nach Baltimore aufzumachen und Josi zu finden. Sie müsste in diesen Tagen ankommen oder ist vielleicht schon da – das erfahre ich, sobald ich wieder Internet habe. Also wahrscheinlich morgen, der für uns zuständige Agent kommt mit einem Modem an Bord. Luxus!

Wobei das Internet mir tatsächlich kaum gefehlt hat. Sicher, manchmal hätte ich mich über das Blinken einer neuen Nachricht auf dem Smartphone gefreut, aber das war’s auch schon. Hätte ich Netz und Facebook gehabt, hätte ich sicher mehr auf den Bildschirm geschaut als aufs Meer.
Die zwei Wochen Runterkommen und Ausschlafen waren Gold wert für mich; ich hätte mich gar nicht direkt aus Kieler Alltag in den Flug und ins Abenteuer stürzen können. Den Atlantik in seiner Weite zu erleben, war grandios. Mit den witzigen und entspannten Menschen zusammen zu sein, war perfekt – zumal sie ja arbeiten mussten und ich so genau die richtige Mischung aus Kontakt und Zeit für mich hatte. Natürlich wird das, was kommt, einmalig. Aber die Melancholie ist trotzdem da – was ja nur für diese zwei Wochen Frachtschiffreise spricht.

Nebenbei: Ich habe ein neues Urlaubsziel: Kroatien. Ein Teil der Crew ist ja kroatisch – und die Bilder, die sie mir von ihrem Land gezeigt haben, sind atemberaubend. Die Straßen sollen es für Motorradfahrer ohnehin sein.

Aber jetzt erstmal die USA. Irgendwie verrückt – die meisten Menschen, die ich treffen werde, sind schon da. Die Landschaften, die ich durchfahren werde – schon da. Fehle nur noch ich, um das Bild zu vervollständigen 😊. Vieles von dem, was ich erleben werde, ist schon angelegt – ich weiß nur noch nichts davon. Steinbeck schreibt, „dass wir eine Reise nicht unternehmen, sondern von ihr unternommen werden. Führer, Fahrpläne, Reservierungen, so ehern und unvermeidlich sie sind, zerschellen an den Eigenarten der Reise. Nur wenn er dies erkannt hat, kann der wahre Tramp sich entspannt dem Lauf der Dinge hingeben. Nur dann ist er gegen alle Frustrationen gefeit.“ (S. 8)

Ein paar Stunden später

Bah, ich sitze hier, die Sonne scheint traumhaft schön auf mein Plätzchen auf der Brücke und mir ist total übel. Die ganze Theorie ist ja gut und schön, auch Erfahrung ist nicht schlecht, aber nichts hilft gegen dieses verdammte Aufgeregtsein. In den nächsten zwei Stunden soll Amerika am Horizont erscheinen, in den Funksprüchen tauchen immer öfter Fetzen wie „Rhode Island“ etc. auf und so langsam kriecht die Erkenntnis in mich rein: Ich werde tatsächlich in Amerika ankommen. Das ist so krass…

Dann mache ich mich auf die Suche nach meinem sonnengelben Motorrad und dann… geht’s noch nicht los. Glaub ich. Vjekoslav, der Chief Officer fragte mich vorhin, ob ich denn gleich „the road hitten“ würde, und ich hab gemerkt: Nein. Ich muss erstmal auf dem Festland ankommen, die Seereise abschließen, bevor die Motorradreise anfängt. Und eben Josi abholen. Vielleicht werde ich irgendwo übernachten, den Abend ruhig bei einem schönen Cocktail verbringen und auf die Karte schauen. Und dann am nächsten Morgen los. In den gedachten Sonnenaufgang – den echten schaffe ich Faultier nicht.

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