Der Übernachtungsreport – Teil I

„Wo übernachte ich heute?“ Diese Frage stellt sich naturgemäß jeden Tag, aber ich muss gestehen, dass ich die Antwort darauf meist erst sehr spät suche – selten vor vier oder fünf. Ich bin auch gern mal bis sieben oder acht unterwegs, schaue schon mal links und rechts, halte aber nicht an, wenn ich nichts Gutes sehe. Es geht ja nicht nur darum, dass ich mich sicher fühle und einen ebenen, geschützten Platz für George finde. Josi soll auch aus dem Blickfeld – ein verloren umherstehendes Motorrad lockt im besten Fall die Polizei an.

Ich hab mal versucht, verschiedene Übernachtungsvarianten zusammenzufassen, und siehe da: bisher sind es 13. Ganz schön viel dafür, dass ich erst einen Monat unterwegs bin. Hier ist der erste Schwung:

1. Right in the middle of nowhere

Das hab ich ja ganz am Anfang gemacht, als ich aus Baltimore raus war. Und abgesehen von den Mücken und meiner fehlenden Weisheit, Josi schlau abzustellen (das Lehrgeld wurde in Form von Schweiß, Flüchen, Matsch, Mückenstichen und Zeit gezahlt), war es super. Ich hab Glühwürmchen gesehen und Sterne und hab mich gefühlt wie eine echte Abenteurerin.

Ähnlich auf Cape Cod, wo ich – sogar ohne Zelt – in einem Wendehammer am Ende einer laaaangen Einfahrt übernachtet habe, auf einem Rasenstück gerade so außer Sichtweite des letzten Hauses. Ich hab immer wieder hingeschaut, weil Licht brannte, nur um am nächsten Tag festzustellen, dass es die Dreifachgarage war, die wie ein Haus beleuchtet war. Das eigentliche Haus lag komplett außer Sichtweite.
Die Polizei machte brav ihren Job und kam so gegen halb zwei vorbei, um sich nach einem netten Gespräch mit einem fürsorglichen „Be safe“ wieder zu verabschieden. Der Sternenhimmel war toll – allerdings hatte ich am Morgen für jeden Stern einen Mückenstich im Gesicht. Naja, wahre Schönheit kommt ja bekanntlich von innen…

Einmal hab ich einem Wäldchen übernachtet, das zum einen ganz in der Nähe der Polizeistation lag, zum anderen an ein irgendwie seltsames Gewerbegebiet angrenzte. Ich hab mich nur mäßig wohl gefühlt – und wollte nicht wieder mitten in der Nacht von der Polizei geweckt werden. Ich habe die Geschichte schon erzählt: Die Jungs durften mir das Campen dort nicht erlauben, schauten aber weg. Und so konnte ich mit einem guten Gefühl durchschlafen. Ich muss gestehen, dass ich diese Variante ziemlich clever finde 🙂

2. Auf dem Rasen von netten Menschen

Das hab ich inzwischen ein paar Mal gemacht – bei Paul, bei Karen und Bryan, gerade vorgestern bei John und seiner Frau in der 37. Nebenstraße eines Ortes – sowie bei ein, zwei anderen, deren Namen ich peinlicherweise schon vergessen habe… Ich find es einfach großartig, dass diese Leute spontan jemanden so in ihre Nähe lassen. Ich klopfe ja einfach – meist wie gesagt am mittleren Abend – und frage, ob ich mein Zelt für eine Nacht auf ihrem Rasen aufbauen darf. So mancher Deutsche würde schon allein wegen seines Rasens ablehnen, ganz zu schweigen davon, dass ja keiner der „Beklopften“ weiß, wen sie sich da auf ihr Grundstück holen. Schön an dieser Variante ist für mich zum einen, dass der Boden meist eben und frei von Steinen ist – Rasen eben :-). Und zum anderen, dass vorbeifahrende Polizisten keinen Grund haben nachzufragen. Es sei denn, es gibt ätzende Nachbarn… Was mehr als ausgeglichen wird durch so unglaublich nette Menschen wie Karen und Bryan, die sich mehrfach dafür entschuldigten, mir kein Gästezimmer anbieten zu können… A kiss for you!

3. „Hello? Anybody here?“

Mit verlassenen oder derzeit unbewohnten Häusern und Grundstücken wie diesem hier habe ich bisher nur geliebäugelt, obwohl ich sie total faszinierend finde. In einem verlassenen Haus wäre es mir wohl doch zu gruselig – wer weiß, wer da noch so auftaucht… Außerdem sind die selten sauber. Diese Stallung hier hat mich total fasziniert, aber die Spinnenweben waren so riiiiiiiieeeeesig, dass ich mit Sicherheit arachnophobische Albträume bekommen hätte. Schade eigentlich…

Aber auch gut, denn sonst hätte ich nicht den schönen Abend im Pub und das urgemütliche Sofa bei Donny gehabt. Mehr davon in Teil II 🙂

Auf einem unbewohnten Grundstück mein Zelt aufzuschlagen, könnte ich mir schon eher vorstellen. Als ich vor ein paar Tagen nach Woodstock, Vermont, kam, sah ich ein Haus an der Hauptstraße, das nicht verwahrlost aussah, aber doch irgendwie verlassen. Zwar standen die Gartenstühle draußen, aber es wuchs auch Unkraut in den Ritzen zwischen den Bodenplatten. Licht brannte keines, ein Auto war auch nicht da, die Einfahrt halb zugewachsen. Es gab eine perfekte Fläche für George und daneben Platz für Josi. Also klingelte ich bei der Nachbarin und fragte, ob das Haus bewohnt sei. Naja, halb, die Besitzer wohnen in Massachusetts – und kommen bestimmt nicht heute Nacht wieder. Sie könne zwar nicht die Erlaubnis geben, aber es würde bestimmt gut gehen. Perfekt – ist es auch.

Eine charmante Anekdote am Rande: Die Dame wies mich darauf hin, dass der Rasen der Kirche auch sehr schön sei 🙂

4. Zehn Meter vom Restaurant zum Zelt

Das war perfekt. Auf der Deer Isle nach leckersten Nachos direkt in den Schlafsack rutschen. Wenn nur das lästige Zähneputzen nicht wäre… Bei meiner Ankunft hatte ich die Rasenflächen rund um das Restaurant gesehen und drinnen – nach der Bestellung, versteht sich – nach dem Besitzer gefragt. Witzigerweise war es genau der sympathische Kerl, der gerade die Runde machte um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Cory hat mir das Übernachten erlaubt, was toll war. Die Freude darüber wurde einzig dadurch getrübt, dass er am Folgetag nicht wie gewohnt Frühstück und Kaffee anbot (also allgemein, meine ich, nicht nur mir ;-)). Aber auch das hatte sein Gutes – im Café 44 North Coffee bekam Josi nämlich ihr erstes Tattoo 🙂

5. Schutz und WLAN

Der perfekte „wilde“ Schlafplatz ist hinter Bibliotheken – das hab ich in Bremen und Camden (beides Maine) und in Ellsworth (New Hampshire) gemacht. Eine Variante wären Schulen, solange die Ferien noch andauern – aber bisher waren mir die Grünflächen dort zu weitläufig.

Und so schaue ich in Orten, in die ich nach 17 Uhr komme, immer erstmal nach der Bibliothek. Wo liegt sie, gibt es Rasenfläche, gibt es versteckte Rasenfläche. Dann ist die Sache eigentlich schon entschieden – denn neben einem guten Schlafplatz kann ich dem offenen WLAN einfach nicht widerstehen. Ein paar WhatsApp-Nachrichten, mal eben auf Spiegel Online und Facebook schauen, was so los ist (na gut, ich gebe es zu: umgekehrte Reihenfolge) und dann beim Fertigmachen und Tüdeln Deutschlandfunk Kultur. All das auch am Morgen, versteht sich – es ist so schön.

Natürlich ist das Zelten an Bibliotheken nicht legal. In Bremen hat keiner bemerkt, dass ich da war, in Camden auch nicht. In Ellsworth hat der Mitarbeiter Edmund George entdeckt, als ich gerade frühstücken war. Nein, das ist nicht dreist, sondern schlicht pragmatisch: Ich brauche Kaffee und Frühstück, George muss trocknen und außerdem war ich um halb sieben wach, während die Bibliothek erst um 9 Uhr öffnet. Es hätte also klappen können. Aber Edmund macht seinen Job gut und hat die Polizei gerufen. Als Mylady wach und gesättigt zurückkam, hat er sie ganz nett davon in Kenntnis gesetzt, dass die Polizei da war und dass sie das Zelt abbauen muss. Alles legitim – hab ich auch ganz schnell gemacht. Bei dem Gedanken, dass die Polizei und ich zum ersten Mal nicht zusammengetroffen sind, musste ich fast grinsen – und dann richtig, als ein Polizeiwagen vorfuhr, der Fahrer mich beim Abbau sah, lässig winkte, „Thank you“ (!!!) rief und wieder davonfuhr. Ich bin dann nochmal rein und hab mich bei Edmund für seine Freundlichkeit bedankt und mich verabschiedet – bye, bye, Ellsworth!

 

6. In einem Truck – jawohl!

Das war bisher das coolste – und von allen Nächten draußen auch die bequemste. Als Ossi-Kind kann ich es ja nicht lassen, an jeder Türklinke zu rütteln um zu schauen, ob sie nicht vielleicht doch offen ist. Ebenso bei gepflegt wirkenden Trucks, die in der beginnenden Dämmerung ganz einsam und allein an der Straße stehen. Na gut, an einem Haus. Na gut, an einer Werkstatt. Aber es war niemand mehr da. Und mehrere (!) der Trucks – und ein Schulbus – tatsächlich offen. Drinnen alles etwas müffelig, aber trocken und warm. Na, Entschuldigung, da fahr ich doch nicht weiter! Es war schon ganz schön spannend, meinen Krams in den Truck zu kriegen, und gleichzeitig die Innenraumbeleuchtung auszumachen, wenn Autos vorbeifuhren! Josi zu verst… äh, sinnvoll zu parken, war hingegen kein Problem – sie ist neben den Riesen quasi geschrumpft.

Die Nacht war gut – Gynsburgh hat aber auch gut aufgepasst. Gegenüber war übrigens mal wieder ein Friedhof und das Hobby der Dorfjugend scheint zu sein, mit den Autos ihrer Eltern zwischen den Grabreihen entlangzufahren. Naja, dann nehmen sie wenigstens keine Drogen…

Am nächsten Morgen stand dann doch plötzlich ein Auto da, das ich nicht einordnen konnte. Patrouille? Jugendliche? Inhaber?

Da – man sieht das Vorderteil!

Nichts dergleichen – ein armer Arbeiter, der um 6 Uhr zu Straßenarbeiten kommen sollte und nun wegen des feuchten Wetters wieder nach Hause geschickt wurde. Hab ich erfahren, nachdem ich Zähne putzend auf ihn zugegangen bin. Frech kommt weiter. So, jetzt einpacken und los, auch wenn der Abschied von so einem coolen Gefährt schwer fällt.

 

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6 thoughts on “Der Übernachtungsreport – Teil I

  1. Andi

    Das sind ja mal spannende Übernachtungsplätze, die Du da ergründest. Die Idee mit dem Bibliothekscamp finde ich dabei universell einsetzbar und schreib sie mir hinter die Ohren.

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