Die Badlands in South Dakota – schlechtes, wunderschönes Land

Zurück auf meine ursprüngliche Route, zurück von meinen Vorgriffen auf die Abenteuer in Utah und den Geburtstag in San Francisco. Von Nebraska aus bin ich von Süden in South Dakota eingefahren. Ich habe in den ersten Stunden ständig angehalten, um diesen unglaublichen Horizont zu fotografieren – wissend, dass ich ihn ohnehin nicht richtig einfangen kann. Aber wer die folgenden Bilder auf einem großen Monitor anschaut, bekommt zumindest einen Eindruck.

Die Region South Dakotas, in die ich einfuhr, heißt Badlands – und landschaftlich gesehen ist sie genau das. Man kann dort kaum etwas anbauen, man kann dort kaum Vieh halten. Ideal also, um die ungeliebten Dakota-/Lakota-Indianer dorthin zu treiben und dieses unwirtliche Land zu ihrem Reservatszuhause zu erklären. In diesem Artikel geht es um nix anderes, wer also grad was Leichtes, Lustiges braucht, möge ihn auslassen.

Neben dem Niemandsland und dem Reservat gibt es im Norden den atemberaubend schönen Badlands National Park – mehr dazu im zweiten Teil. Das Land der Pine Ridge Reservation ist auch wunderschön, aber zum Leben eine Katastrophe. Einige Eindrücke (Zahlen aus Wikipedia):

  • Es ist wie eine Wüste, größere Städte und Supermärkte sind ewig weit weg – es gibt kaum Kontakt, geschweige denn Austausch.
  • Die Verkaufsgüter für die kleinen Trading Stores werden angeliefert – sicher auch nicht zu den günstigsten Preisen.
  • Die Arbeitslosenquote in der Pine Ridge Reservation liegt bei 85%, einfach unvorstellbar.
  • 2002 lebten 40% der Familien unterhalb der Armutsgrenze.
  • Die Suizidrate ist etwa viermal so hoch wie der Landesdurchschnitt.
  • Viele Familien haben weder Strom noch ein Telefon.
  • Mit einer Lebenserwartung von 47 Jahren für Männer und nur etwas mehr als 50 Jahren für Frauen ist die Lebenserwartung der Bewohner des Reservates eine der kürzesten aller Gruppen der westlichen Welt.
  • Geld verdienen kann man nur, wenn man einen der wenigen Jobs bei den Trading Posts, an der Grundschule, im Motel in Kyle oder im Casino hat. Oder man besitzt Motel oder Casino, das geht natürlich auch. Ich habe einige wenige bestens gekleidete Lakota gesehen und viele, viele in Zuständen, in denen ich mich auch entweder mit Drogen oder Alkohol zudröhnen würde. Ach ja, Handel mit Drogen ist auch noch eine Möglichkeit. Plenty of choices… Laut Wikipedia gibt es einen Solarplattenhandel und ein großes Familienunternehmen, das US-weit verkauft – ich habe davon nichts gesehen.
  • Etwa 75% der Haushalte auf Pine Ridge überleben durch Jagd auf Kleinwild, Sammeln von Wildfrüchten, Wurzeln und Samen oder (seltener) etwas Gartenbau. Zum Teil verkaufen sie die Erzeugnisse an andere Lakota-Familien oder in den Städten um das Reservat.

Und all das im 21. Jahrhundert in den USA! Ehrlich, es ist zum Weinen.

Immerhin gibt es eine Grundschule, ein College und sogar eine Waldorfschule:

Das Reservatsland gehört den Indianern nicht einmal. Vor einigen Jahren sollte es offenbar  in ihren Besitz übergehen, aber irgendwas kam dazwischen. So dürfen sie es zwar weiter mitverwalten, mehr aber auch nicht.

Es war auf der ganzen USA-Tour bisher seltsam, durch Orte und Gebiete oder über Flüsse zu fahren, die nach Indianerstämmen benannt sind, von denen wir als Kinder atemlos fasziniert gelesen haben. Und es ist ein beschissenes Gefühl, in Städte oder Orte einzufahren, die mit „… Reservation“ enden. Wie gebrandmarkt.

In der Pine Ridge Reservation liegt die Ortschaft Wounded Knee – ganz klein, mit knapp 300 Einwohnern. Irgendwie kennt man den Namen, geht es Euch auch so? Meist durch das Buch Bury My Heart at Wounded Knee („Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“) von Dee Brown. Ich hatte es immer mal wieder in der Hand – zuletzt sogar in Cape Girardeau, Missouri, aber ich hatte nie den Mut, es zu lesen.
Bei dem Massaker 1890 wurden in Wounded Knee 150-350 (je nach Quelle) Lakota-Indianer – Männer, Frauen und Kinder – erschossen. Nach diesem Massaker war der letzte Widerstand der Indianer gegen die Weißen gebrochen (Infos).

Der Ort des Massakers in Wounded Knee. Man hätte rauf- und rübergehen können, aber das konnte ich nicht.

Das Massaker beschäftigt auch heute noch viele Menschen, vor allem, weil die Indianer dafür nie Gerechtigkeit erfahren haben. Wobei sich natürlich die Frage stellt, wie die überhaupt aussehen könnte. Nach dem Anschlag in Las Vegas mit 58 Toten, der hier in den USA alle beschäftigt hat, waren auch Posts wie der nebenstehende in den sozialen Medien. Fand ich sehr interessant.

Gegenüber von der Massakerfläche (scheiß Wort – wer ein besseres weiß, sage es mir bitte) liegt auf einem Hügel ein kleiner Friedhof. Dort finden sich zum einen eine Stele für die Opfer von 1890, zum anderen weitere Gräber, alte und neue. Ich muss gestehen, dass hier bei mir das Gedenken hinter das Wundern und Grinsen angesichts der Namen zurücktrat. Und einmal dürft Ihr raten, welcher Name mir am besten gefiel 🙂

Zum größten Teil waren die Gräber verwahrlost, was im Gesamtkontext noch trauriger wirkte als verlassene Gräber allgemein schon. Dafür war die Kombination von indianischen Grabgaben mit schrecklich bunten Plastikblumen spannend. Dass die meisten Indianer auch deutlich christlich beerdigt wurden, lassen wir jetzt mal unkommentiert.

Am Friedhof befindet sich das Gemeindezentrum von Wounded Knee. In der ehemaligen Kirche verkaufen Bewohnerinnen Indianerschmuck – ein Versuch, auch hier ein Standbein aufzubauen. Zwei bis drei Bewohner kamen als Touristenführer auf Friedhofsbesucher zu und baten anschließend auf akzeptable Weise um Spenden. Auf meine Frage, ob der Ort Wounded Knee eher wachse oder schrumpfe, antwortete einer von ihnen – William Yellow Horse – ganz begeistert: „Er wird wachsen! 89 unserer Bewohner sind jung!“ Mmh… Einflüsse von außen wären da eine ganz schöne Ergänzung…

Vom Gemeindezentrum führt ein Trampelpfad hinab zum Museum. Auch hier habe ich gekniffen, der Friedhof und die Gespräche mit den Indianern waren intensiv genug für mich. Außerdem kam hier eines der Kids auf mich zugerannt und rief mit vorgehaltenen Händen: „Donations, donations!“ Es war schlimm.

Viel weiter bin ich an diesem Tag auch nicht mehr gekommen. Weil es kalt war und ich in der Reservation irgendwie nicht wild campen wollte, hab ich mir ein Zimmer in einem Motel in Kyle gegönnt – der Inhaber angeblich ein Indianer. So konnte ich mir einreden, doch noch was Gutes zu tun…

Am nächsten Tag bin ich in den Badlands National Park gefahren – dieser Bericht wird schöner!

 

 

 

 

 

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3 thoughts on “Die Badlands in South Dakota – schlechtes, wunderschönes Land

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