Die Freuden des Campens

Endlich! Endlich! Endlich! Endlich konnte ich wieder zelten ohne zu frieren!

Vor wenigen Tagen habe ich allen Ernstes Frost im Norden Floridas erlebt – oder mitgebracht??? Ganz offensichtlich hatte ich von „überwintern in Florida“ bisher eine komplett falsche Definition… Interessanterweise bin ich aber nur zweimal kurz aufgewacht, habe George angehaucht, mich tiefer eingemummelt und weitergeschlafen. Wenn ich daran denke, dass ich mal bei 5 Grad vor Kälte nicht schlafen konnte – tsss…

Am Morgen haben der Engel Jimmy und der Engel Angela – Angestellte der Kirche, auf deren Gelände ich mich nachts geschlichen hatte, mich mit Kaffee, Wärme, Kaffee, Snacks und Kaffee versorgt. DANKE!!!!

Ha, aber ich wollte ja nicht mehr übers Frieren schreiben – und das muss ich auch nicht, jippieh! Denn heute Nacht waren es auf und in Key Largo, der größten Insel der Florida Keys, charmante 16 Grad. Die konnte ich im Garten von Sue genießen, die hier Bootstouren mit verschiedenen Schwerpunkten anbietet. Ihre Freundin Kat hat mir spontan noch eine Flasche Wein für den Abend mitgegeben – ich würde sagen: Läuft!

Da mein abgehärtetes Ich nicht mit nach Deutschland fliegen wird, sind dies wohl vorerst meine letzten Campingnächte – von Mittwoch bis Weihnachten werde ich zwischen Kuscheldeckenbett (inkl. Wärmflasche) und Badewanne pendeln. Aus diesem Grund habe ich mir gedacht, dass ich Euch an meinen Lieblingscampingmomenten teilhaben lasse – wie findet Ihr das?

Bitte versteht mich richtig: Es ist nicht so, dass ich unfassbar gern campe. Ich finde es zwar weit weniger schrecklich als befürchtet, aber vor allem spart es soooo viel Geld… Mit George habe ich ein super Zelt gekauft, das sich total schnell auf- und abbauen lässt. Inzwischen kann ich das sogar im Dunkeln!
Und so gibt es beim Campen tatsächlich viele wundervolle Momente – wobei ich hoffe, dass Ihr die in unterschiedlichem Maße vorhandene Ironie erkennt. Vermissen werde ich alles – einfach weil es Teil dieses großartigen Abenteuers war.

Hier also sind meine liebsten Momente und Situationen:

  • Wenn ich einen Platz gefunden habe, an dem ich die Leselampe anschalten kann, ohne befürchten zu müssen, entdeckt zu werden.
  • Wenn der Frühsport aus Schneckenschnipsen besteht: Die Minischnecken, die in der Nacht von außen auf das Zelt gerutscht/ geschliddert/ geschleimt – oder was auch immer – sind, kann man ganz wunderbar von innen wegschnipsen, ohne sich groß bewegen zu müssen. Wer das Känguru von Marc-Uwe Kling kennt, stellt zusätzlich Überlegungen zur Flugbahn an.
  • Bleiben wir noch einen Moment bei den Schnecken: Wundervoll ist es, wenn der Verwesungsgeruch der einige Tage zuvor mit dem Zelt eingerollten Schnecke(n) nachlässt…
  • Größere Schnecken erzeugen mit ihrem Schleim ganz außergewöhnliche Kunstwerke – man muss sie nur zu würdigen wissen.

Überhaupt sind Tiere beim Campen ein Quell steter Freude:

  • So habe ich mich des Öfteren gefragt, wo zum Himmel jetzt dieser Ohrenkneifer hingekrabbelt ist, den ich grad noch an der Schwelle zwischen Zelt außen und Zelt innen gesehen habe.
  • Genau hier war gerade noch ein Stinktier!!! In der Nacht hat es sich aus mir unerklärlichen Gründen mit George gestritten und ihn schließlich ordentlich besprüht. Ich sag Euch: Ich lag im Zelt und konnte nicht atmen, so sehr hat es gestunken. Mini-Atemhappen waren alles, was ich mir für bestimmt eine halbe Stunde gegönnt habe. Seitdem glaub ich nicht mehr an den Spruch, dass noch nie jemand erstunken ist…
  • Mücken – einfach göttlich. Und so schlau! Sie lieben insbesondere die Phase, in der man beim Auf- und Abbau hockend beschäftigt ist, wenn also Knöchel, unterer Rückenbereich, Handgelenke und Hände freiliegen. Davon hat man auch als Mensch am längsten etwas.

In puncto Spinnen habe ich eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht:

Phase 1 – Kindheit
Ein „Andrea!!! Staubsauger!!!“ reichte, damit meine zwei Jahre jüngere Schwester mit eben diesem Gerät zu mir kam. Sie musste nur schauen, wo ich grad stand, dann den am weitesten entfernten Punkt im Raum finden, schon hatte sie das Vieh. Und hat es todesmutig eingesaugt. Ich weiß bis heute nicht, was ich gemacht hätte, wenn sie mich damals im Stich gelassen hätte.

Phase 2 – Au pair auf Kauai, Hawaii
Hier gab es eklig viele Spinnen. Einmal in der Woche musste ich ums Haus gehen und alle entfernen und umbringen. Ihr Todeskampf in dem Eimer mit Chlor, in den ich sie mittels eines langen Was-auch-immer-es-war befördert habe, dauerte quälend lange – für beide Seiten. Einmal bin ich mit vollen Händen in ein Spinnennetz gelaufen, das ca. 90 cm Durchmesser hatte. Gesicht und Oberkörper. Ich hätte mich fast übergeben. Trotzdem bin ich seitdem der Überzeugung, genug Spinnen auf dem Gewissen zu haben und vermeide es, sie ins Jenseits zu befördern.

Phase 3 – Die Jahre seitdem
Kleinere Spinnen befördere ich selbst nach draußen. Natürlich mit Glas und ausreichend stabiler Unterlage. Bei größeren Spinnen hole ich meinen Schatz. Auch, wenn er gerade nicht da ist – dazu gibt es schließlich Telefone. Er kommt dann auch tatsächlich rüber – er könnte lediglich etwas gehetzter wirken. Und Bemerkungen wie „Ach, ist die süß!“, die ich schon durch die sicherheitshalber geschlossene Tür gehört habe, muss er sich noch irgendwie verkneifen. Aber er ist mein Held!
Da er natürlich nicht immer auf der Tour dabei war, mussten hier andere Menschen herhalten. So hab ich eine halbe Stunde gewartet, bis mir jemand die Spinne aus dem Rucksack holen und ich endlich den Campingplatz verlassen konnte. Und: JA, DA IST EINE SPINNE!

Phase 4 – Der Biss ins Dekolleté
Ich berichtete. Was ich nicht erzählt habe, ist, dass mein allerallerallererster Gedanke beim Anblick dieses Mistviehs – nur ein ganz kurzer Gedankenblitz – war: „Ach, ist die süß!“ War sie auch wirklich, schaut mal, das ist sie. Ich meine, deshalb muss sie ja noch lange nicht beißen, aber trotzdem…

Phase 5 – Spinne am Morgen…
Mein derzeitiger und ganz offensichtlich höchster Entwicklungsstand offenbarte sich in folgender Situation: Eines Morgens saß ich, mich innen und außen sortierend, mit dem Popo noch im Zelt, die Beine schon draußen. Und sah allen Ernstes eine Spinne AUF MEINEM BEIN krabbeln. Meine nonchalante Frage an sie, mit welchem Recht sie von drinnen nach draußen krabbelte und nicht umgekehrt, mag zwar auf eine ausgeprägte präcoffeine Lethargie zurückzuführen sein – trotzdem möchte ich die Situation nicht unerwähnt lassen.

So, zurück zu den tierlosen Freudenmomenten beim Campen:

  • Meist bewegt man sich im Zelt ja liegend, aufgestützt, sitzend oder auf allein Vieren. Sehr geschätzt habe ich die regelmäßig wiederkehrenden Momente, in denen ich mich gebückt aus dem Zelt bewegen wollte, mit dem Rücken zu weit nach oben und an die Zeltdecke kam. So erfrischend…

  • Tropfen auf dem Zelt bzw. das Geräusch des Tropfens beim Aufwachen rufen bei Anfängern romantische Gefühle hervor. Bis sie lernen, 30 Minuten weiter zu denken… Ein nasses Zelt im Regen abbauen – unbezahlbar. Hier heißt es, Verdrängung zu üben, sich im kuscheligen Schlafsack umzudrehen und weiterzuschlafen.
  • Nicht verdrängen kann man die ungünstige Organverteilung im Körper, wenn man mit voller Blase aufwacht, sich aber erst im Sitzen (für den Laien: abgeknickt) aus dem Schlafsack pellen und ggf. anziehen muss, um das Zelt zur Erledigung der Erleichterung zu verlassen.
  • Das Auf- und Zuziehen des Schlafsackreißverschlusses, welche nie, nie, nie ohne Verklemmen dieses blöden Mistdings vonstatten zu gehen scheinen, erweitert den persönlichen Fluchhorizont ganz ungemein.

Ich bin oft gefragt worden, ob ich denn nachts allein keine Angst hätte. Nein, ich hatte doch Gynsburgh! Im Ernst: Ich hatte nur zweimal Angst, weil ich die Geräusche draußen nicht zuordnen bzw. interpretieren konnte.

Im ersten Fall hatte ich George an einem relativ verlassenen Teich aufgebaut. Irgendwann spät am Abend kam ein Auto, dem Motorengeräusch nach ziemlich groß. Der Motor lief und lief und nichts passierte. Irgendwann hab ich mich rausgetraut – ein alter Truck, noch war niemand ausgestiegen. Also traute ich mich ans Fahrerfenster – und sah einen pickeligen Jüngling, der seine Flamme hierhin gefahren hatte. Offenbar wollten die beiden eine Runde knutschen… Schüchtern sagte er, dass alles okay sei und dass ich gern dort campen könne. Zu süß!

Im zweiten Fall bin ich von seltsamen Kratzgeräuschen am Zaun aufgewacht, hinter dem ich mein Lager aufgeschlagen hatte. Auch hier hab ich mich irgendwann rausgetraut – um einen dicken Waschbären auf den Zinnen des Zauns balanc…, äh, wandel… äh… äh… Gibt es ein Wort, das beschreibt, wie ein dickes Tier auf etwas Schmalem laufen will, mal nach links, mal nach rechts abrutscht, sich immer wieder hochzieht, zwei Schritte läuft und wieder abrutscht? Das war es, was ich erst mit vor Angst klopfendem Herzen, dann mit mühsam zurückgehaltenem Prusten gesehen habe. Und wieder: Zu süß!

PS.: Ja, ich hatte Pfefferspray dabei – und es beide Male nicht in meinem Krams gefunden…

So, Ihr Lieben, das war das. Wer jetzt noch nicht campen will, ist selbst schuld! So viel Freiheit gibt es nämlich selten. Sicher, ein tolles Zimmer in einem schnuckeligen Hotel ist was Feines. Aber zum Beispiel einen Privatstrand, an dem man für lau übernachten und wo man unbeobachtet ins Wasser hüpfen kann, gibt es eben nur so.

Dass überall noch die Überreste von Hurrikan Irma zu sehen sind, ist derzeit – und wohl noch in den kommenden Jahren – leider so. Und ermöglicht wohl überhaupt Refugien wie dieses.

So, das war’s jetzt aber wirklich. Ich will schnell zurück zu meinem Privatstrand und zum Sonnenuntergang ins Wasser hüpfen :-).

Wie krieg ich die nur alle heil nach Kiel???

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One thought on “Die Freuden des Campens

  1. Andi

    wow, welch eine Ode auf die olle Plane mit den Blechheringen – das kleine Stückchen Stoff, das es einem ermöglicht an den schönsten Plätzen der Welt zu nächtigen.

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