Die Retterin des verlorenen Schatzes

Ach, es fließt doch eines ins andere… Vor allem natürlich bei Regen 🙂

Ich hatte euch von dem angesagten schweren Regen erzählt, den Ausläufern von Orkan Harvey (hier). Ich war also unterwegs – im Grunde noch ein bisschen sorglos. Wird schon nicht so schlimm werden – Regen halt. Gefährlich ist ja immer woanders. Als ich aber von einem Military-Ranger aus militärischem Sperrgebiet herausgeführt wurde* und er so richtig besorgt um mich war, begann ich doch, das Ganze etwas ernster zu nehmen. Weshalb ich auch zum ersten Mal ernsthaft überlegte, in einem verlassenen Haus zu übernachten. Ich fand auch schnell eines am Feldrand, das wild-romantisch wirkte („Und über dem Feld sieht das Gewitter bestimmt richtig toll aus!“).


Ich bin über die Veranda auf der Rückseite rein, ganz langsam und auch ein bisschen schissig. Alles sah so furchtbar heruntergekommen aus, dass da eigentlich niemand, aber auch wirklich niemand mehr wohnen konnte. Aber man weiß ja nie. Schritt für Schritt hab ich mich vorgetastet – über die Veranda (toller Blick!) durch die Küche bis ins Wohnzimmer. Ich könnte wetten, dass das im Ganzen bestimmt zehn Minuten gedauert hat…

Der Gedanke, hier zu übernachten, hatte sich schon beim ersten Schritt ins Haus erledigt. Zum einen wegen des unerträglichen Geruchs – Schimmel, Verdorbenes, Feuchtes und ich will nicht wissen, was sonst noch alles. Zum anderen, weil ich keine zehn Quadratzentimeter Boden gefunden habe, die frei waren von Ekelkrams. Trotzdem war ich natürlich neugierig (und der Regen noch weit weg), sodass ich weiter ins Wohnzimmer hinein ging. Und plötzlich ein Buch auf dem Boden liegen sah. Ein Buch, das gar nicht so sehr angegriffen schien. Seht ihr es auch?


Bei Büchern setzt der Verstand bei mir ein bisschen aus (nur ein bisschen) und ich bin hin. Ich dachte, ich seh nicht recht, und ich schwöre, es lag genau so da. Die Motorradfahrer unter euch kennen es mit Sicherheit:


Ist das krass oder ist das krass? Ich stand da echt ein paar Momente und hab nur draufgestarrt, weil ich es kaum glauben konnte. Dieses Buch in diesem Müll? Ich habe das arme Ding aufgehoben und etwas saubergemacht. Und in diesem Moment knarrte eine Tür.

Alter, ich war schneller wieder draußen als man „Zen“ sagen kann, mit Herzklopfen bis sonstwohin und dem Buch fest an mich gedrückt. Draußen dauerte es einen Moment, bis ich wieder bei mir war, und dann ging das Rattern los: „Hm, wenn da jemand ist, dann geht es ihm gar nicht gut, dann ist er sehr, sehr langsam. Krank oder alt oder voller Drogen. Denn sonst wäre er schon lange rausgekommen. Und überhaupt waren da drin so gar keine Spuren von etwas Aktuellem – keine staubfreie Zone, kein Essenskarton aus jüngerer Zeit. Also: nicht fit, nicht jung, nicht gefährlich. Krank, alt, Drogen? Mag sein, aber dann wäre schon irgendein Laut gekommen. Und wer so langsam läuft, hält auch kein Gewehr mehr. Also ist da vielleicht doch gar keiner?“

Ich beschloss, mich erstmal in sicherer Entfernung vom Haus hinzusetzen und ein paar Nachos aus meiner Box zu essen. Was man eben so macht in einer solchen Situation, richtig? Und das war tatsächlich die beste Entscheidung, denn nach einer Weile knarrte die Tür wieder. Und nochmal. Und was soll ich sagen? Es war die Terrassentür im Wind…

Natürlich konnte ich die Niederlage, die meine Flucht aus dem Haus bedeutete, nicht auf mir sitzenlassen. Also bin ich wieder rein, um den Rest des Hauses zu erkunden. Und um nicht sagen zu müssen, dass ich mich nicht wieder reingetraut habe 🙂

Den größten Schatz hatte ich aber schon gerettet. Und es gab überhaupt keinen Zweifel daran, dass ich das Buch mitnehme. Nicht, um es zu lesen – ich besitze es dreimal und jedes einzelne hat seinen besonderen Wert für mich – aber um es in einem Café oder in einer offenen Bibliothek zu lassen. Wer weiß, wen es auf welche Weise berühren wird?

Wo das Buch jetzt ist, wollt ihr wissen? Das kann ich verstehen :-). Nun, zusammen haben wir den Regen überstanden und es ist einige Tage mit mir gereist. Als ich dann mit Josi in Cape Girardeau zum Service war, habe ich einige Zeit in einem Café verbracht. Das hat zwar von außen mehr versprochen als es von innen gehalten hat, aber diese Bücherwand war wie geschaffen für mein Buch. Und da steht es nun – trocken und warm – und ich wünschte, ich könnte irgendwie verfolgen, was mit ihm geschieht :-).

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* Zu meiner Verteidigung (no pun intended :-)) kann ich sagen, dass es zum einen weder ein „Stay away“-Schild gab und mir zum anderen die ganze Zeit Trecker entgegenkamen und mich weder die schnuckeligen Jungs obendrauf noch die verstörend jungen Soldaten in den Panzern auf meinen Irrtum aufmerksam machten. Ich ging also von einer, nun, sagen wir mal „dualen Nutzung“ des Gebiets aus.

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