Ein Königreich für Wärme

Ich muss zugeben, dass ich auch auf der Fahrt weg von Dubois noch traurig war wegen Teton und Montana. Es sagt sich so leicht: „Ach, dann nächstes Mal!“ – „Ich komm bestimmt nochmal wieder.“ Aber stimmt das auch? Sicher, ich bin knackige 42, aber es ist kein Urlaub, den man mal eben so bucht.

Ich fuhr also, so vor mich hinträumend, aus den Bergen heraus und ignorierte dabei die Wolken und den Schnee am Horizont.


Suchspiele machen ohnehin viel mehr Spaß 🙂


Bald wurde klar, dass ich die Schneewolken zwar ignorieren konnte, dass das aber keineswegs auf Gegenseitigkeit beruhen musste. Die Temperaturen pendelten um den Nullpunkt, Schneematsch kam von oben und von unten, und natürlich war da dann noch die Baustelle, an der ich zwei Minuten warten musste. Murphy, du Mistkerl! Immerhin hatte ich so genügend Zeit, mit zitternd-steifen Fingern die Kamera aus meiner Jacke zu zuddeln und ein Erinnerungsbild zu machen.

Bestimmt eine Stunde bin ich so gefahren – und Alter, war mir kalt. So richtig. Mir ist ein Rätsel, wie einige Leute freiwillig (also richtig freiwillig, also gewollt und geplant) bei diesen Temperaturen mit dem Motorrad unterwegs sein können. Ein guter Bekannter von mir hat „Urlaub“ auf Island gemacht, unfassbar! Bei den Bildern und Berichten, die er auf Facebook gepostet hat, hab ich mich jedes Mal gefragt, ob das noch Spaß macht oder ob das nun als Urlaub mit schlechtem Wetter gilt. Oder war er genau darauf vorbereitet? Und ist trotzdem gefahren? Unmöglich. Ich muss ihn mal fragen.

Als ich wahrsten Sinne des Wortes keinen Finger mehr rühren konnte und selbst der Dicke vor mir anfing, sich zu beschweren, weil Kälte und Nässe durch Fell und Fett drangen, kam bei Split Rock eine Tankstelle in Sicht. Offenbar eine Tankstelle mit kulinarischer Ecke – dem Himmel sei Dank. Eine heiße Schokolade, ein Tee, ein Kaffee – irgendwas, woran ich meine Finger ins Leben zurückholen konnte. Der Rest würde warten müssen, es sei denn, ich würde einen Fremden fragen, ob er mir beim Ausziehen hilft…

Tatsächlich bekam ich umgehend einen schönen Pott Kaffee. Und während der meine Finger und mein Inneres auftaut, erzähle ich Euch kurz etwas über Split Rock (zweite Bergkuppe von rechts oder hier, Bild von der Hinfahrt, seufz…):

Dieser natürliche V-förmige Spalt war nämlich zum einen Orientierungspunkt für die Indianer (Shoshone, Arapaho, Crow und Sioux), die seit drei Ewigkeiten in dieser Gegend lebten, und ab Ende des 19. Jahrhunderts für die Siedlertrecks, die auf dem sogenannten Oregon Trail von Osten kamen und dann nordwestlich nach Oregon oder südwestlich nach Kalifornien gezogen sind. Ohne Straßen, Orte oder andere menschengemachte Orientierungshilfen war ein solch markanter Punkt Gold wert, zumal man ihn schon aus zwei Tagesreisen Entfernung sehen konnte.

Soviel zur Rubrik „Am Wegesrand“. Ich war inzwischen soweit aufgetaut, dass ich mich umsehen konnte. Und Ihr werdet es nicht glauben: Da stand ein Ofen! Mit Feuer drin! Warm! Ich hätte auf die Knie gehen können, aber Kälte und Alter sind eine ungute Kombination. Immerhin konnte ich mir die triefenden Motorradklamotten vom Leib pellen und sie rund um den Ofen aufhängen.

Den Königsplatz nahm selbstverständlich Gynsburgh ein – schließlich hatte er vor mir auf dem Motorrad gesessen und heldenhaft Wind, Schneeregen und Kälte von mir ferngehalten.

Ich stellte mir einen Stuhl vor den Ofen und so verbrachten wir zwei eine halbe Stunde schweigend (ich) und selig (beide) an der Wärme. Und obwohl es eigentlich nicht besser hätte sein können, wurde es das doch noch: Isebel, die Inhaberin der Split Rock Gas Station and Pub meinte ganz easy: „You can sleep here if you want to!“

Und ob ich wollte. Egal, wo – Fußboden, Sofa, Bett – Hauptsache, es waren vier Wände um mich und ein Dach über mir. Jemand sagte mal: „Wie gut, dass Häuser innen hohl sind.“ Wie wahr.

Ich hatte also ein Schlafquartier…… das ich zwar ab und zu teilen musste…

… aber dafür hab ich schnell viele neue – wenn auch eher ruhige – Freunde gefunden:

Der Tag in Isebels Pub verlief tiefenentspannt. Regelmäßig, aber nicht zu oft, kamen Männer unterschiedlichsten Alters und mit unterschiedlichem Alkoholpegel rein, um einige Zeit an der Bar zu verbringen. Manche tranken, manche aßen, manche schauten einfach nur fern. Da liefen übrigens die besten Wild West-Filme – ich hab auch eine ganze Weile geschaut.

Am späten Nachmittag kam dann das Jungvolk. Na gut, zwei davon. Stilecht mit Cowboy Boots und Hut spielten sie ihre Partien Billard, abgelenkt lediglich vom Fernseher in unmittelbarer Nähe.

Da lief eine der früheren Folgen von Game of Thrones, und wer die Serie kennt, der weiß, dass es darin durchaus explizite Szenen gibt. Ich sag Euch: Als Daeneris zur Vorbereitung ihrer Hochzeit mit Leckerbissen Drogon nackt in die viel zu heiße Badewanne stieg, war unser Cowboy hier total überfordert. Er starrte so gebannt auf den Bildschirm – sein Kumpel hätte unbemerkt alle Kugeln versenken können. Wobei ich mir jetzt natürlich jegliche Analogie spare.

 

Nach einer guten Nacht, viel Kaffee und einem anständigen Frühstück ging es am nächsten Tag weiter. Würde ich schreiben „am nächsten Morgen“, dann wäre das gelogen. Ich komme selten vor 10 Uhr irgendwo weg – es sei denn, ich muss einen semi-legalen Schlafplatz räumen. Hier aber konnte ich sogar ausschlafen und das lieeeeebe ich ja…

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