Eiskaltes Vergnügen

Wer mich kennt, der weiß, dass bei mir im Zweifelsfall die Abenteuerlust über die Vernunft siegt. Wie viel Trotz in der Abenteuerlust ist und wie viel „Ach, wird schon gut gehen!“-Zuversicht, variiert von Fall zu Fall.

In Casper wurde für mich trotz Jacquies Warnungen klar: Ich will, ich will, ich will den Teton Nationalpark sehen. Und dann nach Montana – das wird schon irgendwie gehen. Wettervorhersagen treffen schließlich nicht immer ein und die Waldbrände in Montana sollten sie ja wohl auch so langsam unter Kontrolle kriegen. Ich muss gestehen, dass ich Yellowstone gar nicht so sehr auf dem Schirm hatte – er war für mich eher Durchgangsstation nach Montana.

Also verabschiedete ich mich von der kopfschüttelnden Jacquie und machte mich gen Westen auf. Ohne viele Worte nehme ich Euch mit den folgenden Bildern mit durch diese – wieder einmal – grandiose Weite:

Ich hab schon in diesen Momenten gedacht: Selbst wenn ich wegen Schnee und Kälte nicht weiterkomme, hat es sich allein wegen dieser Anblicke schon gelohnt, nach Westen rauszufahren. Denn genau deshalb wollte ich diese Tour machen – um in grandiose Weiten hineinzufahren. Und allein diese Farben in den Felsen…

Und wie gut, dass ich das gedacht habe, denn der erste Schnee wurde sichtbar.

Die Fahrt war so erfrischend, wie dieser Schnee es verspricht, und so war ich heilfroh, als ich gleich am Beginn des kleinen Ortes Dubois (sprich: dübeus, nicht etwa französisch: düboa) auf Mary-Ellen traf. Ihre Kirchengemeinde hatte es sich zur Aufgabe gemacht, durchreisenden Wanderern und Radfahrern ein kostenloses Quartier zur Verfügung zu stellen – was für eine tolle Idee! Zum Glück qualifizierte sie Josi auch als „Rad“ und so konnte ich mich drei Nächte lang einkuscheln, aufwärmen und ausruhen.

Das Motto der Gemeinde finde ich toll – davon kann man sich inspirieren lassen:

Dubois ist eine süße kleine Stadt (knapp 1.000 Einwohner). Bei dem Bild, das Google Search zur Stadt als erstes zeigt, musste ich gerade herzlich lachen. Sie sehen: Richtig – nichts. Zumindest keine Stadt. Aber Dubois hat tatsächlich so einiges zu bieten.

Hier in Dubois kann man sich noch so richtig das Leben in den Westernzeiten vorstellen. Inklusive Cowboystiefel für Kids, die gerade laufen gelernt haben. Oder lernen sie darin laufen?

Und einiges, das dann doch befremdlich ist, gibt es auch:

Aber warum blieb ich drei Nächte lang? Weil natürlich schon in der ersten Nacht Schnee fiel.

Tagsüber verzog das weiße Mistzeug sich immer in höhere Lagen…

… aber das tröstete nur bedingt: Zum einen waren die Temperaturen nun auch alles andere als motorradfahrfreundlich, zum anderen liegen die National Parks höher als Dubois und wurden also langsam und liebevoll eingeschneit. Straßen wurden gesperrt, von der Durchquerung von Teton und Yellowstone abgeraten. Ich hatte eine Weile lang Hoffnung auf den jeweils nächsten Tag – in den Bergen weiß man ja nie.

In der Wartezeit suchte ich mir – natürlich – ein schnuckeliges Café zum Sein, Warten und Arbeiten. Und ich hatte gleich das Gefühl: Hier werde ich verstanden!

Es gab – wiederum natürlich – Stammgäste; Tom war einer von ihnen. Seinen Namen habe ich erst bei meinem letzten Besuch erfahren. Wenn er nicht im Café war, war er auf der Jagd – zu den absonderlichsten Uhrzeiten, aber so ist das wohl bei der Jagd. Im Ort liefen viele Menschen in diesen Klamotten rum, auch Pärchen und sogar Kinder. Ob die wohl mit auf die Jagd gehen? Wundern würde es mich, ehrlich gesagt, nicht.

Nicht im Café, sondern in einem Restaurant lernte ich Biggy kennen. Zunächst befanden wir uns auf unterschiedlichen Seiten des Bartresens. Aber schon bald wurde klar, dass auch sie Deutsche ist – wie verrückt ist das denn? Birgit aus Luckenwalde war schon als junges Mädchen von Pferden und Indianerfilmen fasziniert. Also ist sie ausgewandert, hat Wyoming entdeckt, hat Pferde gezüchtet und lebt jetzt – soweit ich das beurteilen kann – mit ihren Pferden glücklich in ihrem Paradies. Ich find das so genial: Das war ihr Traum, also hat sie es umgesetzt. Es war bestimmt nicht immer leicht und auch jetzt arbeitet sie ja zusätzlich im Restaurant. Aber sie nimmt das auf sich, um ihren Traum zu leben. Ich hatte in vielen Gesprächen auf der Tour den Eindruck, dass Menschen zwar einen großen Traum haben, aber offenbar darauf warten, dass sich das Traumpanorama von allein entfaltet. Ohne Aufwand, ohne Verzicht. Hmm… Sehr unwahrscheinlich.

Am dritten Tag musste ich einsehen, dass es mit Teton und Yellowstone nichts werden würde. Es war zum Heulen, denn Montana fiel damit auch erstmal flach. Wobei fraglich ist, was ich angesichts der Waldbrände davon gehabt hätte. Gesperrte Straßen, diesige Sicht, Kratzen im Hals? Na, danke.

Da ich aber immer noch Mitte Oktober in Seattle sein wollte, musste eine neue Route her. Natürlich südlich der Rockys, denn Schnee konnte ich auch hier haben. Der neue Plan lautete also – in der Genauigkeit all meiner Pläne bisher: südlich aus Wyoming raus, dann durch die linke obere Ecke von Colorado nach Nordwesten, dann durch das 12-15-Viertel von Utah nach Nordosten, dann durch Idaho, Oregon nach Washington. Alles klar?

Na, dann kann’s ja losgehen! Machen wir aus der geplatzten Teton-Montana-Seifenblase einfach eine Utah-Colorado-Wunderblase.

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One thought on “Eiskaltes Vergnügen

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