Ganz viel Regen und Engel am Wegesrand

Manchmal weiß ich gar nicht, wie ich die vielen kleinen Momente und Geschenke verpacken und erzählen kann – sie passieren einfach so zwischen den größeren und großen und grandiosen Momenten. Und sind dabei genauso wertvoll, deshalb möchte ich sie nicht vergessen.

So gab es zum Beispiel einen richtig fiesen Regentag, der als Nieselregentag getarnt anfing und so Hoffnung auf Besserung ließ. Ha, Pustekuchen. Der Regen wurde mehr und stärker, sodass ich endlich meine supersonderimprägnierte – Ihr wisst schon – Regenhose anziehen wollte. Wobei ich mich inzwischen auch nicht mehr beschweren darf: Walmart hat Imprägnierspray. Muss ich nur kaufen. Aber immer, wenn ich da bin, scheint die Sonne und wir haben 30°… Egal. Irgendwann war meine normale Hose durch und es musste dringend etwas passieren. Eine Blasenentzündung brauche ich auf diesem Trip ganz bestimmt nicht. Die Billardbar am Straßenrand behauptete „OPEN“ und „Biker welcome“ – here I come. Die Tür war offen, drinnen ein riesiger Saal, Billardtische, eine Bar, bläuliches Licht, eine Bühne, eine Pole-Dance-Stange. Na gut, ist ja auch ein Sport.

„Hello… hello? Anybody here?“ Nichts und niemand rührte sich – ich hab allen Ernstes hinter die Bar geschaut, ob da jemand nach einem Herzinfarkt nicht wieder aufgestanden ist. Dann endlich kam Don, eine ganz besondere Gestalt:


Don, der Rocker mit hawaiianisch-japanischen Vorfahren, brachte mir Kaffee, obwohl ich abwehrte; ich hätte kein Geld dabei, weil ich es noch nicht zur Bank geschafft hatte. Brachte mir noch einen Kaffee – der Mann weiß, was gut tut. Er sammelt Motorräder, die müssen ein Traum sein. Ich blieb eine ganze Weile, um wieder warm zu werden und machte zum Ende der Pause dieses Abschiedsbild. Beim Händeschütteln am Ende war was zwischen uns. Nein, nichts Romantisches, sondern 40 Dollar, die er mir in die Hand drückte. „Get yourself something nice to eat!“ Wieder Protest (ehrlich!), dass ich Geld hätte, nur eben nicht hier – es war nichts zu machen. „That’s what we do. We help people.“ Offenbar eine der Maximen seines Motorradclubs – das find ich schon sehr cool. Am Abend hab ich mir dann tatsächlich was Schönes gegönnt und auf Don getrunken. Thank you so much!


Nach dem Essen bin ich weitergefahren – der Regen war ein bisschen schwächer geworden. Aber alle, denen ich begegnete, warnten mich vor mehr und stärkerem Regen – wir waren am Rande von Orkan Harvey. Am liebsten hätte ich angesichts dieser Vorhersage natürlich irgendwo drinnen übernachtet. Und ich hätte tanken müssen, die Reserveleuchte machte bereits ihren Job. Aber dann entdeckte ich diesen perfekten Ort: In einem State Park ( = übernachten erlaubt, = kostenfrei) wartete an einem Bogenschießstand dieser Unterstand auf uns. Kein Weg ging daran vorbei, es war 17 Uhr – es würde also niemand mehr kommen – und Josi und George passten beide darunter. Leider war der Boden zementiert, sodass George an den Rand musste, damit ich ihn befestigen konnte, aber trotzdem: Perfekt.


Gegen 18 Uhr ging der Regen dann richtig los – wieder einmal: Perfekt! Und das war heftig. Ich weiß nicht, ob ich in den letzten Jahren einen so starken Regen erlebt habe. Ich konnte super schlafen, weil ich mich und Josi sicher wusste – ich war sogar ziemlich stolz auf mich. Mit einer Zigarette am Mini-Feuer haben wir das gefeiert :-).

Am nächsten Morgen regnete es immer noch so stark – ich musste weiterschlafen! Einfach unerträglich… Gegen 12 bin ich wieder aufgewacht (Ja, schlafen kann ich!) und es war nur noch leichter Regen.

Also zusammenpacken und aufbrechen – obwohl das fast ein bisschen schade war. Im Park stieg überall Nebel auf und bis auf den Idioten, der an der benachbarten Schießanlage seine Übungen machte, und seinen dämlichen Dackel, der jeden Schuss mit unerträglichem Kläffen begleitete (und mich wohlwollend an das Känguru und seinen Umgang mit kleinen, nervigen Hunden denken ließ – Kenner wissen, wovon ich schreibe), war es total still.

Wieder auf der Straße leuchtete die Reservelampe natürlich immer noch – irgendwie hatte niemand über Nacht den Tank gefüllt. Seltsam. Aber irgendwie auch gut, weil ich im Grunde schon immer mal wissen wollte, wie weit mein Reservetank mich bringt. Sicher – es hätte nichts dagegen gesprochen, das im Handbuch nachzulesen, aber seien wir doch mal ehrlich: Das ist langweilig. Und wir wollen Nervenkitzel, nicht wahr? Damit wäre dann auch eindeutig geklärt, zu welcher der beiden Arten von Menschen ich gehöre…


Im Laufe der verbleibenden Stunden bin ich an drei Tankstellen vorbeigekommen – immer Shell, immer mit dem horrend hohen Preis von 2,39 Dollar pro Gallone. Wer mag, kann das umrechnen – für alle anderen: Ein Witz. Aber 20 Cent mehr als ich es gewohnt war und wir lassen uns ja nicht alles bieten von den bösen Konzernen, nicht wahr?

Ohne Probleme und ohne dass meine Reservelampe von gelb auf rot umgesprungen war, erreichte ich das Department of Child Care, dessen hinteren Bereich ich zu meinem Schlafgemach erklärte. Die Angestellten würden um 8 Uhr anfangen – bis dahin sollte ich weg sein.


Am nächsten Morgen kam ich tatsächlich rechtzeitig weg – und zwar haargenau bis zum Rand des Parkplatzes. Beim Anlassen auf dem hinteren Parkplatz hatte Josi ein wenig gemeckert, was ich von ihr gar nicht kenne. Aber natürlich hilft gutes Zureden – bei Frau Strehler fährt ein Motorrad dann auch ohne Sprit. Bis zum vorderen Parkplatz. Und wieder mal musste ich über mich selbst lachen angesichts dieser absurden Situation: Die Angestellten des Departments bogen auf den Parkplatz ein, während ich Josi mit Mühe (Steigung!) aus dem Störbereich schob, um zur Tankstelle (!) zu laufen, die nach rechts in Sichtweite (!!) auf mich wartete. Oder auch nicht – war nämlich keine, sondern eine Waschanlage. Also wieder zurück, Josi und Gynsburgh einmal ermutigend zugeredet und nach links runter. Der Mensch bei der Waschanlage hatte gesagt: „Right down the hill.“ Kurz hatte ich überlegt, mit Josi da runterzurollen, aber die paar Meter Steigung vorher waren für mich nicht zu überwinden.

Nach etwa 100 Metern war mein Leidensweg aber auch schon vorbei: Aus seinem Truck rief Tom mir zu, ob ich Hilfe bräuchte. Mein erster Gedanke: „Ja, Kaffee!“ Er hatte Josi gesehen und dann mich in meiner Motorradjacke. Und dann eins und eins – ihr wisst schon. Wir sind also diesen Berg runtergefahren, um nach 10 Minuten (!) die Tankstelle zu erreichen. Ich hätte mir einen Wolf gelaufen, vor allem zurück…

Während ich mir einen Kaffee holen durfte, besorgte Tom, mein Held des Tages, einen Kanister von der ansässigen Feuerwehr. Ach ja, und dann ging alles ganz einfach…

Thank you so very much, Tom! It’s been a pleasure and I’m really glad you got up too early this very morning :-)!

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3 thoughts on “Ganz viel Regen und Engel am Wegesrand

  1. Bettina

    Wie machst Du das?😉 Kreuzen nur hilfsbereite Biker und Trucker Deinen Weg???!!! Jedenfalls scheinst Du viel Spaß zu haben, genieß weiter die vielen kleinen Momente. Liebe Grüße, Bettina

    • Eva

      Naja, die anderen fahren einfach weiter – mit den Doofen komme ich also kaum in Berührung.

      Und ich glaube, mein Exotenstatus hilft auch ein bisschen. Durch ihre Hilfe habe meine Engel am Wegesrand Anteil am Abenteuer – also win-win 🙂

      Liebste Grüße!!!
      Eva

  2. Pingback: Die Retterin des verlorenen Schatzes – Eva-hin-und-weg

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