Gesammelte Erkenntnisse

Seit meiner Rückkehr werde ich immer wieder gefragt, ob ich während meiner Tour etwas Wichtiges gelernt, ob ich große Erkenntnisse gehabt hätte. Am besten natürlich über mich.

Augenblicklich meldet sich mein schlechtes Gewissen – denn das habe ich nicht. Habe ich etwas falsch gemacht, etwas verpasst? Muss ich am Ende nochmal los?

So schön diese Variante auch wäre, so fallen mir dann doch einige Dinge ein, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe. Wie groß oder wie klein diese sind, wird sich zeigen.

So ist mir – neben meiner grenzenlosen Verwunderung darüber, wo um alles in der Welt dieses halbe Jahr geblieben ist – immer wieder klargeworden: Fast jeder Mist bringt auch was Gutes. Ohne die Schneestürme in Wyoming und die Waldbrände in Montana hätte ich nicht diese traumhafte Fahrt durch das atemberaubende Colorado erlebt. Und ich hätte in Utah nicht das Erfolgserlebnis gehabt, Josi mit Hilfe eines gebuddelten Lochs zum ersten Mal überhaupt allein aufzurichten.

Aber nur fast jeder Mist bringt auch Gutes. Manchmal ist Scheiße auch einfach nur Scheiße. Man kann und muss nicht alles schönreden. Scheiße darf man auch mal „Scheiße“ nennen – vielleicht noch „schöne Scheiße“. Gilt auf Reisen genauso wie Zuhause.

Ich bin gelassener geworden – mit Blick auf die Zukunft im Allgemeinen und mit Blick auf kritische Situationen. Es gibt so viele mögliche Lösungen und nicht nur die eine, die gerade vor unseren Augen zerfällt. Quer denken, neben der Spur – das bringt einen erstaunlich weit. Und erstaunlich viel Spaß.

Wenn gar nichts mehr geht, tauchen tatsächlich Helfer auf – woher auch immer. Erklären kann man das nicht. Man muss reisen, um es zu erleben. Man muss es erfahren.

Ich hatte schon immer ein eher positives Bild von Menschen. Auch in den Staaten habe ich erlebt, dass es ganz viele von ihnen gibt. Und dass sie noch viel offener, großzügiger und herzlicher sind, als ich mir vorstellen konnte.

Das Unterwegssein hat mich viel weniger angestrengt als erwartet. Das allabendliche Suchen nach einem Schlafplatz fast gar nicht. Überraschend schnell war das Vertrauen da, dass ich schon etwas Geeignetes finden würde. Dieses Vertrauen führte so weit, dass ich auch mal abends um acht an einem möglichen Schlafplatz vorbeigefahren bin, weil er mir nicht gefiel und/ oder es sich nicht gut anfühlte.

Lincoln, Nebraska: Zwischen Bibliothek und Schule – und keiner hat’s gemerkt

 

Es gibt eine Reihe kleiner, praktischer Dinge und Angewohnheiten, die mich unterwegs begleitet haben:

  • Duschen, wann immer es geht. Und sei es in der Trucker-Dusche an einer InterState-Kreuzung. So kann man vermeiden, beim Baden in Meer oder See gefragt zu werden, ob das denn nicht schon an Umweltverschmutzung grenze…
  • Servietten aus Restaurants mitnehmen, wann immer es geht. Die zweilagigen Taschentücher in den Staaten sind doof. Vom einlagigen Klopapier ganz zu schweigen.
  • Eine Wärmflasche ohne heißes Wasser wärmt nicht.
  • In Pubs kann man Wärmflaschen auffüllen lassen.
  • Beim wilden Campen: Klamotten abends immer richtigrum drehen – dann hat man sie schneller an, wenn nachts die Polizei draußen steht.
  • Die Polizei ist freundlich, auch in ungewöhnlichen Situationen. Wobei es sicher hilfreich war, dass ich ein blonde German girl on a bike war.

Nachts auf dem Vorplatz des Capitols, Washington

 

  • Wenn man abends im Dunkeln im Zelt Dinge ordnet: Helles auf Dunkles und Dunkles auf Helles legen. Gilt für Dinge, die man auch ohne Licht schnell wiederfinden will, wie z.B. Flaschendeckel, Tabletten, Kontaktlinsenbehälter (Licht ist bei heimlichem Campen nicht immer ratsam 😉).
    Immer, wenn ich die Sachen so geordnet habe, fühlte ich mich leicht zwanghaft.
    Immer, wenn ich den Krams problemlos im Dunklen fand, musste ich grinsen.
  • Waschbären sind laut. Immer.
  • Spinnen sind leise. Immer.
  • Erst das Zelt aufbauen, dann Wein, Margarita oder Mojito trinken. Is besser so – und eindeutig eleganter.

Tatsächlich habe ich doch noch drei Dinge über mich gelernt bzw. bin bestätigt worden:

  • Ich mache auch auf Reisen nicht regelmäßig Sport.
  • Ich bin keine Frühaufsteherin. Nicht einmal, wenn ich im Zelt schlafe.
  • Ich schlafe fast überall gut.
  • Ich will gut essen – aber nicht kochen.

Diese Dinge sind einfach so – Punkt. Jeder Versuch, das zu ändern, setzt mich unter Stress, verdirbt mir den Spaß und ist letztlich auch unnötig. Für mich funktioniert das Reisen so besser. Dann wird eben an den Unterkünften gespart, aber nicht am Essen. Geht alles – man muss nur gnädig mit sich umgehen. Und sich gönnen, in der Nähe des Morgenkaffees zu campen.

~ ~ ~

Das Spannendste war jedoch tatsächlich das Thema „Hilfe“. Ich habe gemerkt, dass es mindestens drei Stufen des Themas gibt und nicht nur zwei:

  • Stufe 1 – Hilfe annehmen
    Die Amis sind unglaublich hilfsbereit. Und wenn sie sehen, dass jemand ihre Unterstützung gebrauchen könnte, fragen sie nach. Und helfen. Ohne Erwartung einer Gegenleistung. Vielmehr leben sie nach dem Prinzip Pay it forward – eine schöne Maxime. Ein Gefallen soll nicht zurückgezahlt werden (to pay sth back), sondern forward, vorwärts an den nächsten, der es gebrauchen kann. Hilfe annehmen konnte ich ziemlich gut – schließlich hatte der andere sie ja angeboten.
  • Stufe 2 – Um Hilfe bitten
    Das war schon knackiger, zumindest zu Beginn. Da meine finanziellen Mittel begrenzt waren, wollte und konnte ich nicht jede Nacht in einem Motel, Hostel oder auch nur auf einem Campingplatz schlafen – letztere kosten auch gern mal zwischen 40 und 72 (!) Dollar. Also habe ich so oft wie möglich nach schönen Plätzchen für mein Zelt George geschaut und dafür immer mal bei Menschen geklingelt, um mich mit ihrer Erlaubnis in ihrem Vorgarten breit zu machen. Oder bei einer Kirche, um irgendwo drinnen zu übernachten. Und was soll ich sagen? Ich bin zwei Mal abgewiesen worden, nicht öfter. Und auch das war okay, schließlich kam meine Anfrage ja ohne jeden Anspruch. Und so konnte ich sie denn auch gut annehmen – das zu erhalten, worum man gebeten hat, ist ein tolles Gefühl.
  • Stufe 3 – (Viel) mehr bekommen als man erbeten hat
    Das war schwer. So habe ich bei 2 Grad Außentemperatur in einer Kirche gefragt, ob ich in einer Ecke drinnen mein Lager aufschlagen könne. Alles, was ich wollte, waren Wände und ein Dach. Aber nix da – das Übernachten auf dem Kirchenboden wurde als inakzeptabel eingestuft. Stattdessen sammelte der Pastor (Harley-Fahrer 😊) spontan Geld bei den anwesenden Gemeindemitgliedern, quartierte mich in einem sehr guten Motel ein und drückte mir die restlichen 40 Dollar in die Hand. Es gab einige dieser Situationen und am Anfang war es mir echt unangenehm. Erst nach einer Weile habe ich begriffen: Auch diese Menschen sind alt genug zu entscheiden, ob und wie sie mir helfen wollen. Und ein zweiter Aspekt war immer wieder hilfreich: Mir vorzustellen, wie gut sich das Helfen im umgekehrten Fall anfühlen würde. Denn wenn jemand helfen möchte, gewinnen letztlich beide Seiten.

Lisa und ihre Schwester Bonnie haben mich nach einem Restaurantplausch in ihr Gästezimmer eingeladen – Gynsburgh fand die beiden auch toll (Niantic, Connecticut)

Na, es ist ja doch einiges zusammengekommen, auch wenn es nicht die riesigen Erkenntnisse sind. Aber ich bin ja auch keine 20 mehr (ehrlich!) und hab mit 42 doch schon einiges gelernt – vor allem über mich.

Ich weiß, dass eine Managerkarriere mich nicht glücklich macht. Etwas mehr Geld wäre immer schön, aber reich sein muss ich nicht.

Solange ich eine sinnvolle Beschäftigung habe, genug Zeit für mich und für meine Herzensmenschen, fürs Motorradfahren, Genießen und zum Schlafen, bin ich glücklich.

Wie las ich vor einigen Tagen?

Man ist reich, wenn’s reicht.

Wenn das keine gute Erkenntnis ist, dann weiß ich auch nicht…

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