Kacktag

Nun, dann wollen wir mal fortsetzen, was wir hier begonnen haben. An dieser Stelle aber zunächst DANKE für alle aufmunternden, tröstenden, neckenden Bemerkungen sowie Tipps für Offroad-Riding! Ein sehr cooles Gefühl, so begleitet zu werden!

Wo waren wir? Ach nein, nicht wir. Ich, ganz allein. In the middle of the fucking 4°-cold nowhere, immerhin in einem Zelt, unter dem weiten Himmel Utahs, der offenbar auch Kummer hatte – es regnete die ganze Nacht. Halbblind wegen der verlorenen Kontaktlinse musste ich den traurigen Anblick der liegenden Josi wenigstens nur halb verschwommen ertragen, als ich im kalten Regen ohne Taschentuch oder Ersatz Pipi machte. Ich denke, Situation und Stimmung sind klar.

Als es hell wurde, regnete es immer noch. Und weil ich in der Nacht kaum geschlafen hatte, gönnte ich mir den Luxus, mich noch ein paarmal umzudrehen und weiterzudösen – eine Freundin nennt das „schnitzeln“. Nichts von dem Mist da draußen würde weglaufen… Plötzlich näherten sich Motorengeräusche – unfassbar! So schnell wie ohne Kaffee möglich schälte ich mich aus dem Schlafsack und rutschte in meine Klamotten, während der Wagen draußen langsamer wurde, anhielt und … allen Ernstes weiterfuhr. Hallo??? Liegt hier etwa ständig eine BMW mitten auf der Straße? Mit einem Zelt direkt daneben? So parkt doch niemand! Da ruft man doch mal? Arschlöcher…

Kurz hab ich mir vorgestellt, dass in der Nacht jemand vorbeigefahren wäre und Josi einfach aufgestellt hätte. DANN hätte der Mistkerl natürlich vorbeifahren dürfen – in diesem Fall wäre Josi ja einfach der tolle Anblick wie immer gewesen, bei dem man natürlich langsamer wird. Aber ebenso natürlich war dem nicht so. Josi lag unverändert da, die obere Seite immerhin blitzblank sauber geregnet. Na schau – ich kann dem Ganzen doch noch was Gutes abgewinnen.


Immer noch ohne Kaffee hab ich wieder versucht, sie aufzurichten – nix. Natürlich hatte ich sie in Moab vollgetankt, damit ich nicht liegenbleibe – haha! Somit konnte ich mich nun mit den gesamten liegengebliebenen 210 kg plus Koffer plus Inhalt auseinandersetzen. Auch das Loch für den Hinterreifen ließ sich wegen des Lehms nicht weiter vertiefen – scheiße. Jetzt konnte ich entweder warten, bis jemand vorbeikam, oder in Richtung der Road 191 gehen, die ja irgendwann kommen musste. Ich wollte lieber was tun als warten, also bin ich losgetapert. Im Regen, bei jetzt immerhin 7°. Es war gar nicht leicht, Josi so zurückzulassen…


Eine Stunde lang latschte ich durch den Regen. Dabei hinterließ ich im roten Matsch Fußabdrücke, die mich in ihrer Einsamkeit an die Abdrücke auf dem Mond erinnerten. Kein Auto kam mir entgegen, keines überholte mich, auch eine Straße kam nicht in Sicht. Nachts hatte ich in der Ferne immerhin noch Autoscheinwerfer gesehen…

Ratlos bin ich umgekehrt – inzwischen war ich echt angepisst. Nach der logischen Stunde Rückweg gab es zum Frühstück erstmal den Rest Reis vom Vortag – um mich dann mit letzter Energie wieder an Josi zu versuchen. Es regte sich nichts, aber auch gar nichts. Ich hab’s sogar mit den Kraftschreien der Gewichtheber versucht, vergeblich. Vor lauter Frust, Hilflosigkeit, Müdigkeit, Verschwommenheit, Kaffeelosigkeit und Regen hab ich mir dann mal erlaubt, eine Runde zu heulen. Und genau auf diesen Moment hatte Mistkerl-Murphy nur gewartet, um die beiden entzückenden Jungs Victor und Cameron in ihrem 4-Wheeler auf der Bildfläche erscheinen zu lassen. Es war echt nicht zu fassen…

Die beiden kamen von einem ins Wasser gefallenen Bike-Trip zurück – der Weg war wegen des Regens gesperrt. Sie stellten Josi auf und hatten den Anstand, dabei zu ächzen. Dann boten sie mir an, mit mir zusammen bis zur 191 zu fahren. Das hab ich nur zu gern angenommen – ich fühlte mich so matschig, dass ich nicht für eine aufrechte Fahrt garantieren konnte. Dass der Untergrund, der vor uns lag, noch viel matschiger war als ich, ahnten wir alle nicht… Also fix George abgebaut und hinter den beiden her. Am Anfang war alles okay, der rote Boden ein bisschen matschig, aber machbar. Ich hab mir schon ein bisschen Erleichterung gestattet – wie naiv…

Der Boden wurde grau, der Matsch etwa 10 cm tief und so rutschig, dass selbst die Jungs in ihrem Truck hin- und herschlingerten. Wer jemals „Ghost – Nachricht von Sam“ gesehen hat, wird sich an die Töpferszene erinnern. So rutschig. Nichts ging. Das Mistzeug hat sich in die Profilrillen der Reifen gesetzt, sodass keines mehr vorhanden war. Und dann Schicht um Schicht aufgetragen, was die Reifen immer dicker und schwerer und nutzloser machte. Das war der Moment, in dem Josi zur Seite rutschte – ich weiß nicht, ob sie einfach weiterschlafen oder doch mal eine Schlammkur ausprobieren wollte. Die Jungs hielten an, wühlten sich durch den Schlamm zu uns durch, richteten Josi auf, wateten zum Truck und weiter ging es. Dieses Spielchen wiederholten wir etwa vier bis fünf Mal – und wer glaubt, dass zwischen den einzelnen Malen größere Strecken zurückgelegt wurden, der irrt. Wir reden von Metern im 10er-20er-Bereich. Nicht einmal haben die Jungs gemurrt, das war echt toll. Aber sie merkten in ihrem Truck ja auch, wie kacke das alles war. Nur ich kam immer mehr an meine Grenzen.

Irgendwann war klar, dass das Ganze keinen Sinn mehr ergab, zumal die Jungs ja sicher auch andere Pläne hatten. Es gab nur eine beschissene Lösung: Josi zurücklassen und irgendwie wieder in die Wildnis kommen, wenn der Weg befahrbar war. Allein die Vorstellung war schrecklich, aber ich sah keine andere Möglichkeit. Wir haben Josi an den Straßenrand geschoben, sie rutschte noch ein wenig, dann hatte sie ihren Platz. Sobald ich im Truck saß, war ich wie benommen. Warm, trocken, sicher, mit dem ganzen Mist (Life could be a lot better, too!) hinter mir – ich war ausgeschaltet. Victor machte geistesgegenwärtig einen GPS-Screenshot von Josis Standort und dann fuhren wir etwa 40 min zum nächsten Zivilisationspunkt: einer Tankstelle.

Dort wartete hinter dem Tresen schon der nächste Engel auf mich: Gary. Wunderbar durchgeknallt und ein Herz aus Gold. Er machte sogar ein Bild von mir für seine Gästewand 🙂

Gary und die Jungs verbündeten sich gleich, um mir zu helfen. Überlegten verschiedene Möglichkeiten, telefonierten Abschleppunternehmen durch. Aber das schien mir wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen – zumal die Kanonen ca. 300 Dollar kosten sollten. Als Gary mir von einem günstigen Motel in Green River 20 Meilen weit weg erzählte, zu dem er mich nach seinem Feierabend fahren könne, war die Sache für mich klar. Ich hätte an dem Tag nichts mehr leisten können, geschweige denn, nochmal da rauszufahren. Ich wollte duschen, wieder warm werden, schlafen und mich um Josi kümmern, wenn ich wieder fit und der Weg trocken war.

Mit Garys Hilfe fand ich das Robbers Roost Motel in Green River – günstig und perfekt. Sogar mit einer Badewanne, die ich selbstredend als erstes nutzte. Der rote Sand am Wannenboden kam übrigens nicht von mir, sondern von meiner Hose. Ob ich darin hätte lesen können, wann ich Josi wieder bei mir haben würde? In Ray’s Tavern hab ich mir einen ordentlichen Burger gegönnt – so langsam kamen die Lebensgeister wieder. Zumal es sogar Wein gab – und das im mormonengeprägten Utah!

Am nächsten Morgen konnte ich im fußläufig entfernten und wunderbaren Green River Coffee Co. ausgiebig frühstücken – ich hab aber auch echt viel Glück mit meinen Leib-und-Seele-Lokalitäten!

Weil ich seine Motorradkoffer spannend fand (Plastikkoffer mit Metallösen – wie ich es vor meiner Tour selbst lange überlegt hatte), kam ich mit John ins Gespräch. Pech, dass er nach meinem Motorrad fragte, so bekam er natürlich die ganze Geschichte zu hören. Ein bisschen Mitleid tat mir immer noch gut – auch wenn ich inzwischen mehrfach von Einheimischen gehört hatte, dass auf diesem nassen Lehm nichts und niemand fahren kann. John schlug vor, doch einfach mal nachzuschauen, wie weit man auf der Straße inzwischen kommt. Hmmm. Einerseits verlockend, andererseits hatte ich gerade gemerkt, wie gut mir zwei oder drei Tage Ruhe tun würden. Auch Gary hatte angeboten, mich rauszufahren, und/ aber er wäre erst zwei Tage später da.

Letztlich konnte ich der Möglichkeit, Josi so schnell wie möglich aus der Wildnis rauszuholen, nicht widerstehen. Und auch wenn die Sonne noch nicht so viel Zeit gehabt hatte, den Mistlehm zu trocknen, so hatte Johns Maschine eindeutig besser geeignete Reifen als Josi. Also sind wir rausgefahren – und tatsächlich durchgekommen! Der Weg war zwar noch nicht ganz trocken, aber befahrbar. Und Josi ordentlich eingesaut und eingetrocknet – aber in diesem Moment hab ich ihr alles verziehen 🙂

Ja, so war das. Und abgesehen von den zwei Stunden, die ich brauchte, um die Rillen in Josis Reifen vom verkrusteten Schlamm zu befreien und sie somit wieder fahrtüchtig und sicher zu machen, ist hier das gute Ende der Geschichte. Ich bin trotzdem noch eine weitere Nacht im Motel geblieben, habe am Abend noch einen Burger bei Ray und am Morgen einen leckeren Chorizo Burrito im Green Coffee gegessen und George die Sonne genießen lassen.

Und sollte ich mal wieder in den Schlamm fahren…

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2 thoughts on “Kacktag

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