Menschen an Bord

Eine Frage kommt immer wieder: „Bist Du da der einzige Passagier?!?“ Gern auch: „… die einzige Frau?!?!??!?!??“ Eine Antwort für beide Fragen: Ja. Ich muss gestehen, dass ich gar keine Mitreisenden gewollt hätte – die hätten mit in meiner Ecke auf der Brücke gesessen, ich hätte mit ihnen reden müssen, bah… So war es perfekt: Alle haben ihren Krams zu tun und zwischendurch redet man mal ein paar Sätze. Oder eben auch nicht. Großartig. Und als einzige Frau bin ich total nett behandelt worden, ohne jeden Stress. Die Jungs haben gut auf mich aufgepasst, mich mit Schokolade und zollfreien Zigaretten versorgt (ja, manchmal rauche ich), meine Reisepläne angemessen bewundert. Und abends haben wir oft auf Bier, Wein, Zigaretten und Seemannsgarn zusammengesessen. Das waren Stunden, die ich nie vergessen werde – ich vermisse sie schon jetzt.

Die Crew der Independent Spirit besteht zum großen Teil aus Philippinos; Offiziere und Ingenieure sind aus Kroatien und der Ukraine, der 3. Offizier ist ebenfalls Philippino – das gefällt mir. Alle sind offen und entspannt – und ich fühle mich jedes Mal in ???-Hörspielsphären versetzt, weil die Offiziere sich mit „Erster“, „Zweiter“ und „Dritter“ ansprechen 😊.

 

Die Crew heuert immer für sechs bis zehn Monate an, Offiziere und Ingenieure für drei bis vier. Danach ist theoretisch frei – aber gerade die Ordinary Seamen verdienen dann nichts oder nur wenig. Also versuchen sie, ein bis zwei Anschlussverträge zu bekommen. Die Wahl zwischen Pest und Cholera: kein Verdienst oder keine Zeit zuhause. Das stelle ich mir nicht leicht vor, zumal es nicht auf allen Schiffen Internet gibt. In Küstennähe rutscht immer noch mal eine WhatsApp oder eine Facebook-Nachricht durch, aber man kann sich nicht darauf verlassen. Offenbar soll hier aber Abhilfe geschaffen werden: Die Reederei installiert in den kommenden Monaten satellitengestütztes Internet auf all ihren Schiffen. Unser Kapitän hat eine vier Monate alte Tochter – wie toll wäre es, wenn er täglich ein paar Bilder oder eine Skype-Verbindung hätte!

 

Meine Independent Spirit fährt unter liberianischer Flagge. Ich muss gestehen, dass ich bei der nächsten Möglichkeit erstmal nachsehen muss, wo dieses Land überhaupt liegt. Natürlich sind steuerliche und allgemein finanzielle Aspekte die Gründe dafür, dass so viele Schiffe deutscher Reedereien unter ausländischer Flagge fahren (2010 wurden laut „Frachtschiffreisen verstehen“ insgesamt 1.773 Containerschiffe von deutschen Reedereien bereedert, aber nur 293 fuhren unter deutscher Flagge). Die entsprechend anderen Länder freuen sich über Steuereinnahmen, während die deutschen Reedereien nicht nur diese sparen – auch die Standards für Sicherheit & Co sind niedriger und somit günstiger. Da die Deutschen in dieser Hinsicht die aller-, aller-, allerstrengsten sind, scheinen viele Reedereien die entsprechend niedrigeren Standards auch für ausreichend zu halten. Und investieren ja schließlich ihr eigenes Geld und Personal.

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One thought on “Menschen an Bord

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