Mit Herzklopfen in die Vergangenheit I

Wer immer auf der richtigen Seite des „Betreten verboten“-Schildes stehenbleibt, sollte diesen und die kommenden Artikel nicht lesen. Wer Freude an Entdeckungen hat, auch wenn sie nicht immer einfach und/ oder legal zugänglich sind, hingegen schon. Also, bitte kurz überlegen…

Schon immer wollte ich die Beelitzer Heilstätten bei Berlin sehen, atmen, entdecken und fotografieren. Der marode Charme des 1898 errichteten Heil- und Kurorts für Tuberkulosekranke hatte mich schon auf Bildern total fasziniert – da wollte ich auch hin. Auch wenn ein Großteil des Geländes und der über 60 (!) Gebäude entweder bis zur absoluten Gefährdung verfiel oder inzwischen von unterschiedlichsten Investoren aufgekauft und gesperrt worden war – z.T. mit Bewachung, wohl wegen Leuten wie mir.

Es gibt Menschen, die es lieben, verlassene Orte (lost places) zu erkunden und auf Fotos einzufangen. Ich gehöre dazu. Grundsatz ist dabei immer „Nimm nichts mit als Fotos, hinterlasse nichts als Fußspuren“. Deshalb ist mein schlechtes Gewissen da relativ ruhig. Und weil klar war, dass das Gelände in den kommenden Jahren nach und nach aufgekauft, saniert und damit komplett verwandelt würde, hätte mich auch kaum jemand von dieser Reise in die Vergangenheit abhalten können.

Nun also bin ich da. Es ist Juni, die Sonne scheint, aber es ist nicht zu heiß – perfekt. Ich fahre auf Josi die Hauptstraße entlang, die das riesige Gelände in West- und Osthälfte teilt. Im Westen wurden die Männer behandelt, im Osten die Frauen – gemischt war da gar nix (Quelle der Karte).

Eine weitere Teilung gab es in Nord und Süd: im Norden noch ansteckend, im Süden nicht mehr. Da fühlte es sich eher wie auf Thomas Manns Zauberberg an – Reihen von Liegestühlen, geschützt vor Sonne und Regen. Und selbstredend terrassenförmig angeordnet, damit auch die hinteren Reihen sehen können, was so passiert.

 

Ein Grundstück mit drei riesigen, natürlich halb verfallenen Häusern ruft mich zu sich – was soll ich machen? Oder ist es doch die Statue des Sowjetsoldaten? Einmal Ossi, immer Ossi… Ich parke Josi ordnungsgemäß am Straßenrand (ich kann ja, wenn ich nur will) und checke die Lage.

Tolle Gebäude, offenbar große Säle mit riesigen Fenstern – das geradeaus war bestimmt mal ein Sportsaal. Das hab ich auf einem Foto gesehen – da will ich rein!

Leider scheint ein Wachmann dafür eingestellt zu sein, genau das zu verhindern. Mist. Er hat sein Häuschen vor dem rechten Haus, ich könnte also vielleicht ganz unauffällig an der Straße am Haus vorbeigehen…

… dann, wenn ich sicher aus Sichtweite bin, über den Zaun (dessen Maschenweite exakt meinen Turnschuhen entspricht – ein Zeichen!)…

… dann hinter dem Gebäude entlang…

… in Richtung Zielobjekt. Und natürlich alles ganz leise. Die Äste knacken schon laut genug, wenn man versucht, kein Geräusch zu machen. Draußen und an den Zäunen waren überall Schilder „Videoüberwachung“ & Co., aber daran glaube ich nicht. Wer verlegt denn hier Kabel, um das ganze Gelände mit empfindlichen Kameras auszustatten?! Niemand, genau.

Dafür gibt’s schließlich Bewegungsmelder… Batteriebetrieben, nehme ich an. Und natürlich geht eines der Dinger los, gerade als ich zwischen dem rechten Gebäude und meinem Zielhaus bin. Schöne Scheiße. Ich stehe wie angewurzelt zwischen zwei Bäumen, aber eigentlich muss der gute Wachmann mein Herz klopfen hören, als er in meine Richtung kommt. Plötzlich scheint er von der anderen Seite ein Geräusch zu hören, dreht sich um, wartet. Und geht schließlich zurück. Klar – hier springen bestimmt jede Menge Tiere rum, die alle naselang den Alarm auslösen.

Und was mach ich jetzt? So nah am Ziel! Aber ich will es nicht riskieren – wenn er mich doch noch erwischt, hat er mit Sicherheit richtig schlechte Laune. Ich nehme es also sportlich: Diese Runde hab ich verloren. Ich gehe zum Wachmann, der nicht schlecht guckt, sage ihm, dass ich den Alarm ausgelöst habe. Natürlich leiert er seine Verwarnungen runter, dirigiert mich aber gleichzeitig schon unauffällig in Richtung Ausgang. Als er hört, dass ich allein unterwegs bin, kommt ein staunender Seitenblick. Als klar wird, dass ich jetzt auf dieses Motorrad steige, ist das Eis gebrochen. Er empfiehlt mir zum einen die Führungen durch das Gelände – und dann noch zwei Stellen, an denen ich „halblegal“ unbehelligt rumstromern und fotografieren kann. Unglaublich.

Wir verabschieden uns, ich mache noch schnell ein heimliches Foto und mache mich auf zur Führung. Mal sehen, was die zu bieten hat.

Tatsächlich werde ich meinem Wachmann schon in etwa einer Stunde wiederbegegnen – aber das erzähl ich beim nächsten Mal :-).

 

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