Foto-Challenge in Baltimore!

Diesmal habe ich meine Bilder immerhin auf 12 reduziert – alles schöne Erinnerungen an die drei Tage in der Ostküstenstadt.

Welche gefallen Euch am besten, welche sollen ins Buch?

Danke für Eure Hilfe!

Eva

Falls Ihr nochmal nachlesen wollt, was da so los war, geht einfach hierhin :-).

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On the road – finally

Und endlich, endlich ist alles bereit für den Start! Sicher wäre es klug gewesen, am Vorabend zu packen und früh ins Bett zu gehen und früh aufzustehen und früh loszufahren. Weil dann die Straßen leer sind und die Temperatur noch unter 30°. Aber klug ist eine Sache – meine Morgenabläufe eine andere. Aber was soll’s – ich brauche meine Zeit zum Wachwerden und Asphalt ist auch nur dann schön, wenn er die 30° von unten zurückstrahlt.

Beim obligatorischen Kaffee hab ich innerlich Abschied vom Hostel und den Leuten genommen, die ich dort kennengelernt habe. Die unterschiedlichsten Menschen übrigens – natürlich auch die obligatorischen deutschen Mädels, die nach dem Abi durch die USA reisen. Aber auch die Frau, deren Bruder gestorben ist – sie räumte sein Haus aus. Der Mann, der aus New York wegziehen will. Die Mieten und Lebenshaltunskosten steigen offenbar ins Unermessliche, nun sucht er in Baltimore nach einem Haus für sich. Der Immobilienmakler, der seine Lizenzen erneuern muss. Der Lehrer, der drei Tage pro Woche in New York arbeitet und zwei in Baltimore. Er nimmt dafür je drei Stunden Fahrt und das Wohnen im Hostel auf sich – weil er hofft, dass die Stelle in Baltimore sich irgendwann zu einer Vollzeitstelle entwickelt.

 

Mögen sie ihr Glück finden – ich hab meines :-). In der Mittagshitze geht es auf in den Wochenendverkehr – ist ja zu Hause auch die beste Zeit, um sich auf die A7 zu begeben. Ich krieg gleich zwei totale Extreme: kilometerlange Stau und absolute Raserphasen. Im Stau gehe ich in meinen Klamotten fast ein, aber weil ich mich schon ein bisschen heimisch fühle, nehme ich den Seitenstreifen. In den Phasen, in denen gefahren werden kann, bin ich platt – die Amis rasen wie verrückt, überholen auf allen Seiten, gern auch im Slalom. Das Konzept des Sicherheitsabstandes scheint unbekannt: Tut sich mal aus Versehen so viel Platz auf, dass er diese Funktion erfüllen könnte, wird es sofort als Einladung zum Einscheren verstanden. Das ist kein Fahren, das ist Speedkuscheln.

Das ist echt nicht meins und ich fahre so schnell wie möglich wieder runter. Tanke (eine Füllung = 7 Dollar). Cruise ein wenig durch die Gegend – viel besser. Und schaue so langsam nach einem Schlafplatz, ich will es wagen. Fahre in eine Nebenstraße, von da in einen Nebenweg, von da in einen Nebenpfad. Kein Mensch, viel Grün, viel Ruhe, ein Tümpel. Natürlich will ich wissen, was auf der anderen Seite des Tümpels ist – wobei ich nicht weiß, ob ich da lieber Menschen hätte oder lieber nicht.

 

Die Nacht ist irgendwas zwischen verzaubert und sehr irdisch: Ganz viele Glühwürmchen fliegen auf dem Platz herum, der Sternenhimmel ist wunderschön. Die Grillen veranstalten ein Konzert in Wacken-Lautstärke und bei jedem Geräusch fürchte ich, dass nun doch jemand kommt – in welcher Absicht auch immer. Aber alles geht gut und ich muss zugeben, dass ich doch ein wenig stolz bin, das gewagt zu haben, zumal ich es öfter machen will.

 

Ohrenstöpsel helfen übrigens phantastisch gegen Mücken. Nein, nicht gegen die Stiche – aber man hört die Mistviecher nicht und schläft ganz ruhig. Man ist dann am nächsten Morgen auch fit genug, um die Verwüstungen im Spiegel zu ertragen und um zu versuchen, die Stiche zu zählen. Mein Auge schwoll immer weiter zu, auf der linken Wange hatte ich neun Stiche. Hab dann nicht mehr weitergezählt – wollte ja irgendwann loskommen 🙂

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Ich hab sie wieder!

Es wird höchste Zeit, die Berichts- und Bilderlücken zwischen Baltimore und jetzt zu schließen – sonst komme ich gar nicht mehr hinterher. Ich habe immer die Vorstellung, Zeit zum Schreiben zu haben, aber irgendwie kommt meist das Leben dazwischen und es passiert etwas Neues, das natürlich auch erzählt werden will.

Im Moment sitze ich z.B. in New York, es ist kurz nach 3 Uhr morgens. Josi steht in Sichtweite auf der 8th Avenue, in Spuckentfernung von Trump Tower und Central Park, während ich hier drin Kaffee trinke. Wie das passiert ist? Die facebooker unter Euch wissen es, alle anderen müssen noch ein wenig warten…

Zurück nach Baltimore, wo ich voller Hoffnung angekommen war, Josi fix aus dem Zoll zu holen und loszufahren. Ha, aber nicht mit den Amis. Wer glaubt, in Deutschland sei die Bürokratie schlimm, der sollte hier mal was regeln – unglaublich. Drei Tage habe ich damit verbracht, per Email Ping-Pong mit Zollbehörden, Agenten und was weiß ich mit wem noch zu spielen. Irgendwann hab ich einfach alles nur noch ausgedruckt, ausgefüllt, unterschrieben und zurückgemailt – ich hoffe, es werden jetzt keine siebzehn Kühlschränke in die Esmarchstraße geschickt…

Richtig schön (ohne Ironie) war der Trip zum Flughafen – da ist das Customs and Borders Office. Dort treffe ich eine Dame an, die zuerst wie der sprichwörtliche bad cop auftritt. Barsch und einschüchternd kündigt sie mir an: „Sit down there. We’re gonne spend some loooooong time together, lady. You’d better get your papers ready.“ Das alles ganz platt und breit – wie eine Flunder. Göttlich. Aber die drei Tage Papierkrams haben sich offenbar gelohnt – wir kommen fix und ohne Probleme durch und fangen sogar an zu quatschen. Ob ich Kinder hätte, wenn ich eine solche Tour mache. Nein? Gut. Ob meine Eltern Bescheid wüssten, dass ich mich hier umtreibe. Ja. Wirklich? Ja, wirklich.

Und dann habe ich sie einfach gefragt, was ihr größter Wunsch sei. Ich war gar nicht sicher, ob sie antworten würde – aber es kam wie aus der Pistole geschossen. Sie wolle an einem Herzinfarkt sterben – an nichts anderem. Ihre Schwester ist offenbar vor kurzem qualvoll an Krebs gestorben, deshalb sei das ihr einziger Wunsch. Sonst habe sie alles, was sie wolle. Ganz schön offen…

Nach der Rückkehr ins Hostel bin ich noch ein wenig rumgeschlendert, am Abend lecker türkisch essen gegangen und dann ins Bett gefallen. Nichts ging mehr…

Am nächsten Tag war es dann endlich, endlich, endlich soweit. Ich hab mir ein Taxi gegönnt, um einigermaßen fix zum Frachthafen zu kommen. Die Behörden dort haben nämlich nur von 9-11:30 und von 13-15 Uhr geöffnet. Das dazwischen ist die Mittagspause… Mit Taxifahrer Amin hatte ich wieder unglaubliches Glück. Er ist aus Pakistan, war ursprünglich nach Australien ausgewandert, hat dort einige Jahre gelebt und ist dann in die USA gekommen. Sein größter Traum? Mit seiner Frau und seinen drei Kindern durch Australien zu fahren – ihnen die Orte zu zeigen, die er so liebt.

 

Amin hat mich bis aufs Hafengelände begleitet, was für uns beide ein Heidenspaß war, denn eigentlich sind Taxen dort nicht erlaubt. Deshalb sind wir auch durch alle Kontrollen gekommen – keiner wusste, was zu tun war, jeder hat uns eine Station weiter geschickt. Leider war irgendwann Schluss, wir haben ein Return Ticket bekommen und Amin hat mich bei einem Escort(!)-Service abgesetzt, der befugt ist, das Hafengelände zu befahren. Und dann hatte ich sie endlich wieder, meine Josi… Unglaublich dreckig, aber unversehrt. Mit ihr vom Hafengelände zu fahren war einfach ein Traum.

Um nach diesem Tag ein wenig runterzukommen, bin ich in die Peaberry Library gegangen, die mir das Hostel empfohlen hatte. Ein echtes Kleinod, in dem jeder Hans und jede Franzi arbeiten kann. Wenn ich das früher gewusst hätte…

 

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Bilder aus Baltimore

Ich mag Baltimore – es ist laut, dreckig, verkommen (außer in den Touri-Bereichen), alles irgendwie marode, schief, fußgängerunfreundlich. Also genau die Dinge, die mich extrem anstrengen und nerven. Nur (noch) nicht hier – Baltimore hat irgendwie Charme. Das hab ich sogar schon gedacht, bevor ich das Stadtmotto „Charm City“ las. Überall ist Musik: Wenn man von einer Ampel zur nächsten an den wartenden Autos vorbeiläuft, hört man das gesamte Musikspektrum. Bis auf Klassik – bisher. Es gibt Kunst an allen Ecken und Enden und mittendrin, ebenso wie kleine, süße Restaurants aus allen denkbaren Ländern. Gestern war ich türkisch essen, vorgestern äthiopisch – und habe mir geschworen, letzteres beim nächsten Mal nur löwenhungrig zu tun. In einem äthiopischen Restaurant nicht aufzuessen, fühlt sich so richtig doof an…

 

Zurück zu Baltimore: Die drei Hauptbuslinien sind kostenlos, Beerdigungskorsos dürfen über rote Ampeln fahren (kein Witz – alle Autos warten! Das Ganze passiert natürlich mit Sirene, sonst würden sie natürlich ihr Geschäft genial ankurbeln), die Bewohner einer Seniorenresidenz, an der ich vorbeiging, saßen plaudernd auf dem Bürgersteig – und ich muss gestehen, dass ich es (wiederum: noch) total entzückend und kuschelig finde, wenn ich im Restaurant mit „Dear“, „Darling“ und “Honey“ oder „Hon“ angesprochen werde. Von weiblichen Bedienungen, wohlgemerkt. Was sie wohl zu Jungs sagen?

Wer sich übrigens in einer amerikanischen Großstadt einsam fühlt, sollte einfach mal barfuß durch die Straßen laufen. Ich mach das ja ganz gern mal – und ich bin noch nie so oft angesprochen worden wie hier. Meist wohlmeinend („Dear, watch out…“), oft interessiert („Where are your shoes?“) einmal mit offenem Mund (er): „I’ve heard of people in foreign countries who do that…“ Zu lustig – ich denke, ich werde das als Experiment fortsetzen.

 

Ach, ein Fun Fact: Baltimore ist die „City of Firsts“: Gaaaaaaaaaaaaaaaaanz viele Dinge gab es hier zum ersten Mal. Den ersten Regenschirm, das erste Postamt, den ersten Ballonstart, die erste Sonntagszeitung, den ersten Kühlschrank und natürlich noch vieles mehr: baltimore.org/info/baltimore-firsts.

Die Obdachlosen, die man hier wirklich überall sieht, gehen mir nahe. Besonders die Menschen – ich wollte gerade „Gestalten“ tippen, manchmal wirken sie eher so – die ganz unten und meist verwirrt sind. Ich frag mich immer wieder, warum sie mich so berühren. Ich glaube, es ist, weil ich mich am Tiefpunkt meiner Depressionen letztlich immer so enden sah. Unvorstellbar, dass ich wieder am normalen Leben teilnehmen würde, undenkbar, dass ich wieder klar denken, arbeiten, reisen, lieben, lachen würde. Und deshalb fühle ich mich diesen Menschen irgendwie verbunden – gefühlt war ich fast da, wo sie sind. In meinem Empfinden war ich raus aus der Gesellschaft – über den Rand gefallen. Ich weiß, das ist objektiv nicht wahr. Aber wer eine schwere Depression kennt, wird mich verstehen. Jedenfalls gehe ich oft nachdenklich und auch dankbar für meinen anderen Weg (und meine Ärzte) an ihnen vorbei. Einer schaute vorgestern plötzlich ganz hell zurück. Ich hab ihm einen schönen Abend gewünscht (wie absurd!) – und er hat gestrahlt.

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Von Chester nach Baltimore

Customs and Borders Office

So, jetzt will ich Euch mal wieder auf den aktuellen Stand der Dinge bringen, bevor die Briefe aus der maritimen Vergangenheit Überhand gewinnen. Ganz aktueller Stand: Ich bin noch immer im Hostel in Baltimore, ich habe nun endlich – und hoffentlich – allen Papierkrams bewältigt, der zwischen mir und Josi lag, und ich krieg sie morgen nun hoffentlich Nr. 2 wirklich. Heute hatte das Hafenbüro schon geschlossen…

Was passierte nun zwischen dem Anlegen der „Independent Spirit“ in Chester und jetzt? Der Abschied vom Schiff und seiner Crew fiel mir nicht leicht – wurde mir aber von Tony versüßt. Der über 80-jährige Seemannsmissionar kommt immer an Bord, um die Crew mit Zeitschriften zu versorgen und bietet vielerlei Unterstützung an. In diesem Fall durfte er „this nice young lady passenger“ zu sich an Bord nehmen. Es dauerte ungefähr zwei Minuten, bis auch er sich als Biker outete – seine Harley „Bird“ ist wirklich schick. Motorradfahrer zeigen sich ja die Bilder ihrer Motorräder, wie Eltern sich die ihrer Kinder zeigen. Die Fahrt mit Tony war so witzig – seine Frau findet sich übrigens zu alt, um noch als Sozia mitzufahren. Konnten wir beide nicht verstehen – 80 ist doch kein Alter…

Tony fuhr mich zum Bahnhof in Philadelphia, von wo aus ich mit Zug oder Bus nach Baltimore weiterfahren wollte. Die Preise sprachen eindeutig für den Bus und der hatte seine Baltimore-Haltestalle an einer Mall außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes. Blöd, weil nun doch nochmal Taxikosten anfielen – aber der Fahrer Aladdin war es allemal wert. So jemanden habe ich noch nie erlebt.

 

Als der philippinische Taxifahrer hörte, dass ich Deutsche bin, verfiel er in absolute Schwärmerei für eine Carola Bürger, die Anfang der 90er auf den Inseln war. Die beiden verliebten sich ineinander, sie besuchte ihn drei Mal, er wollte seine Ausbildung fertig machen und dann nach Deutschland kommen und sie heiraten. Dazu kam es nie – er fand die Welt und andere Frauen zu spannend. Aber seit einigen Jahren sucht er nach Carola und ihren strahlend blauen Augen, seit Neuestem sogar über Facebook. Wer also eine Carola Bürger kennt…

Ich hab mich dann im Hostel eingerichtet, es waren witzige, aber auch anstrengende drei Tage. Die Kombination von lauter Musik, dem laufenden Fernseher, drei telefonierenden Leuten und den Gesprächen in der nahen Küche – die extra laut sein müssen, weil die Teppichreiniger im Haus unterwegs sind – ist nicht so ganz meins.

 

Gynsburgh hatte sich die Nächte mit mehreren anderen Frauen auch irgendwie anders vorgestellt und ist beleidigt. Aber wenn alles klappt, übernachten wir morgen schon woanders…

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