Diamanten? Pah…

Heute früh schickte mir meine Freundin Cornelia einen ganz zauberhaften Auszug aus einem Kinderbuch. Nicht, weil ich selbst Kinder hätte (hab ich nicht), sondern weil da so einiges zu mir zu passen scheint ;-).

Und so musste ich beim Lesen dann auch über’s ganze Gesicht lächeln – und das vor dem ersten Kaffee!

Weil es so schön ist und weil ich mitbekommen habe, dass Eltern oft die Nase voll haben von den klassischen Vorlesegeschichten, stell ich das hier einfach mal rein:

Ist das nicht entzückend? Also, auf in den Schlossgarten und die Welt dahinter!

Hier gibt’s das Buch, auf buecher.de scheint nur die CD verfügbar.

Danke, Corrie!

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(c) Diamanten

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Gesammelte Erkenntnisse

Seit meiner Rückkehr werde ich immer wieder gefragt, ob ich während meiner Tour etwas Wichtiges gelernt, ob ich große Erkenntnisse gehabt hätte. Am besten natürlich über mich.

Augenblicklich meldet sich mein schlechtes Gewissen – denn das habe ich nicht. Habe ich etwas falsch gemacht, etwas verpasst? Muss ich am Ende nochmal los?

So schön diese Variante auch wäre, so fallen mir dann doch einige Dinge ein, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe. Wie groß oder wie klein diese sind, wird sich zeigen.

So ist mir – neben meiner grenzenlosen Verwunderung darüber, wo um alles in der Welt dieses halbe Jahr geblieben ist – immer wieder klargeworden: Fast jeder Mist bringt auch was Gutes. Ohne die Schneestürme in Wyoming und die Waldbrände in Montana hätte ich nicht diese traumhafte Fahrt durch das atemberaubende Colorado erlebt. Und ich hätte in Utah nicht das Erfolgserlebnis gehabt, Josi mit Hilfe eines gebuddelten Lochs zum ersten Mal überhaupt allein aufzurichten.

Aber nur fast jeder Mist bringt auch Gutes. Manchmal ist Scheiße auch einfach nur Scheiße. Man kann und muss nicht alles schönreden. Scheiße darf man auch mal „Scheiße“ nennen – vielleicht noch „schöne Scheiße“. Gilt auf Reisen genauso wie Zuhause.

Ich bin gelassener geworden – mit Blick auf die Zukunft im Allgemeinen und mit Blick auf kritische Situationen. Es gibt so viele mögliche Lösungen und nicht nur die eine, die gerade vor unseren Augen zerfällt. Quer denken, neben der Spur – das bringt einen erstaunlich weit. Und erstaunlich viel Spaß.

Wenn gar nichts mehr geht, tauchen tatsächlich Helfer auf – woher auch immer. Erklären kann man das nicht. Man muss reisen, um es zu erleben. Man muss es erfahren.

Ich hatte schon immer ein eher positives Bild von Menschen. Auch in den Staaten habe ich erlebt, dass es ganz viele von ihnen gibt. Und dass sie noch viel offener, großzügiger und herzlicher sind, als ich mir vorstellen konnte.

Das Unterwegssein hat mich viel weniger angestrengt als erwartet. Das allabendliche Suchen nach einem Schlafplatz fast gar nicht. Überraschend schnell war das Vertrauen da, dass ich schon etwas Geeignetes finden würde. Dieses Vertrauen führte so weit, dass ich auch mal abends um acht an einem möglichen Schlafplatz vorbeigefahren bin, weil er mir nicht gefiel und/ oder es sich nicht gut anfühlte.

Lincoln, Nebraska: Zwischen Bibliothek und Schule – und keiner hat’s gemerkt

 

Es gibt eine Reihe kleiner, praktischer Dinge und Angewohnheiten, die mich unterwegs begleitet haben:

  • Duschen, wann immer es geht. Und sei es in der Trucker-Dusche an einer InterState-Kreuzung. So kann man vermeiden, beim Baden in Meer oder See gefragt zu werden, ob das denn nicht schon an Umweltverschmutzung grenze…
  • Servietten aus Restaurants mitnehmen, wann immer es geht. Die zweilagigen Taschentücher in den Staaten sind doof. Vom einlagigen Klopapier ganz zu schweigen.
  • Eine Wärmflasche ohne heißes Wasser wärmt nicht.
  • In Pubs kann man Wärmflaschen auffüllen lassen.
  • Beim wilden Campen: Klamotten abends immer richtigrum drehen – dann hat man sie schneller an, wenn nachts die Polizei draußen steht.
  • Die Polizei ist freundlich, auch in ungewöhnlichen Situationen. Wobei es sicher hilfreich war, dass ich ein blonde German girl on a bike war.

Nachts auf dem Vorplatz des Capitols, Washington

 

  • Wenn man abends im Dunkeln im Zelt Dinge ordnet: Helles auf Dunkles und Dunkles auf Helles legen. Gilt für Dinge, die man auch ohne Licht schnell wiederfinden will, wie z.B. Flaschendeckel, Tabletten, Kontaktlinsenbehälter (Licht ist bei heimlichem Campen nicht immer ratsam 😉).
    Immer, wenn ich die Sachen so geordnet habe, fühlte ich mich leicht zwanghaft.
    Immer, wenn ich den Krams problemlos im Dunklen fand, musste ich grinsen.
  • Waschbären sind laut. Immer.
  • Spinnen sind leise. Immer.
  • Erst das Zelt aufbauen, dann Wein, Margarita oder Mojito trinken. Is besser so – und eindeutig eleganter.

Tatsächlich habe ich doch noch drei Dinge über mich gelernt bzw. bin bestätigt worden:

  • Ich mache auch auf Reisen nicht regelmäßig Sport.
  • Ich bin keine Frühaufsteherin. Nicht einmal, wenn ich im Zelt schlafe.
  • Ich schlafe fast überall gut.
  • Ich will gut essen – aber nicht kochen.

Diese Dinge sind einfach so – Punkt. Jeder Versuch, das zu ändern, setzt mich unter Stress, verdirbt mir den Spaß und ist letztlich auch unnötig. Für mich funktioniert das Reisen so besser. Dann wird eben an den Unterkünften gespart, aber nicht am Essen. Geht alles – man muss nur gnädig mit sich umgehen. Und sich gönnen, in der Nähe des Morgenkaffees zu campen.

~ ~ ~

Das Spannendste war jedoch tatsächlich das Thema „Hilfe“. Ich habe gemerkt, dass es mindestens drei Stufen des Themas gibt und nicht nur zwei:

  • Stufe 1 – Hilfe annehmen
    Die Amis sind unglaublich hilfsbereit. Und wenn sie sehen, dass jemand ihre Unterstützung gebrauchen könnte, fragen sie nach. Und helfen. Ohne Erwartung einer Gegenleistung. Vielmehr leben sie nach dem Prinzip Pay it forward – eine schöne Maxime. Ein Gefallen soll nicht zurückgezahlt werden (to pay sth back), sondern forward, vorwärts an den nächsten, der es gebrauchen kann. Hilfe annehmen konnte ich ziemlich gut – schließlich hatte der andere sie ja angeboten.
  • Stufe 2 – Um Hilfe bitten
    Das war schon knackiger, zumindest zu Beginn. Da meine finanziellen Mittel begrenzt waren, wollte und konnte ich nicht jede Nacht in einem Motel, Hostel oder auch nur auf einem Campingplatz schlafen – letztere kosten auch gern mal zwischen 40 und 72 (!) Dollar. Also habe ich so oft wie möglich nach schönen Plätzchen für mein Zelt George geschaut und dafür immer mal bei Menschen geklingelt, um mich mit ihrer Erlaubnis in ihrem Vorgarten breit zu machen. Oder bei einer Kirche, um irgendwo drinnen zu übernachten. Und was soll ich sagen? Ich bin zwei Mal abgewiesen worden, nicht öfter. Und auch das war okay, schließlich kam meine Anfrage ja ohne jeden Anspruch. Und so konnte ich sie denn auch gut annehmen – das zu erhalten, worum man gebeten hat, ist ein tolles Gefühl.
  • Stufe 3 – (Viel) mehr bekommen als man erbeten hat
    Das war schwer. So habe ich bei 2 Grad Außentemperatur in einer Kirche gefragt, ob ich in einer Ecke drinnen mein Lager aufschlagen könne. Alles, was ich wollte, waren Wände und ein Dach. Aber nix da – das Übernachten auf dem Kirchenboden wurde als inakzeptabel eingestuft. Stattdessen sammelte der Pastor (Harley-Fahrer 😊) spontan Geld bei den anwesenden Gemeindemitgliedern, quartierte mich in einem sehr guten Motel ein und drückte mir die restlichen 40 Dollar in die Hand. Es gab einige dieser Situationen und am Anfang war es mir echt unangenehm. Erst nach einer Weile habe ich begriffen: Auch diese Menschen sind alt genug zu entscheiden, ob und wie sie mir helfen wollen. Und ein zweiter Aspekt war immer wieder hilfreich: Mir vorzustellen, wie gut sich das Helfen im umgekehrten Fall anfühlen würde. Denn wenn jemand helfen möchte, gewinnen letztlich beide Seiten.

Lisa und ihre Schwester Bonnie haben mich nach einem Restaurantplausch in ihr Gästezimmer eingeladen – Gynsburgh fand die beiden auch toll (Niantic, Connecticut)

Na, es ist ja doch einiges zusammengekommen, auch wenn es nicht die riesigen Erkenntnisse sind. Aber ich bin ja auch keine 20 mehr (ehrlich!) und hab mit 42 doch schon einiges gelernt – vor allem über mich.

Ich weiß, dass eine Managerkarriere mich nicht glücklich macht. Etwas mehr Geld wäre immer schön, aber reich sein muss ich nicht.

Solange ich eine sinnvolle Beschäftigung habe, genug Zeit für mich und für meine Herzensmenschen, fürs Motorradfahren, Genießen und zum Schlafen, bin ich glücklich.

Wie las ich vor einigen Tagen?

Man ist reich, wenn’s reicht.

Wenn das keine gute Erkenntnis ist, dann weiß ich auch nicht…

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Die Freuden des Campens

Endlich! Endlich! Endlich! Endlich konnte ich wieder zelten ohne zu frieren!

Vor wenigen Tagen habe ich allen Ernstes Frost im Norden Floridas erlebt – oder mitgebracht??? Ganz offensichtlich hatte ich von „überwintern in Florida“ bisher eine komplett falsche Definition… Interessanterweise bin ich aber nur zweimal kurz aufgewacht, habe George angehaucht, mich tiefer eingemummelt und weitergeschlafen. Wenn ich daran denke, dass ich mal bei 5 Grad vor Kälte nicht schlafen konnte – tsss…

Am Morgen haben der Engel Jimmy und der Engel Angela – Angestellte der Kirche, auf deren Gelände ich mich nachts geschlichen hatte, mich mit Kaffee, Wärme, Kaffee, Snacks und Kaffee versorgt. DANKE!!!!

Ha, aber ich wollte ja nicht mehr übers Frieren schreiben – und das muss ich auch nicht, jippieh! Denn heute Nacht waren es auf und in Key Largo, der größten Insel der Florida Keys, charmante 16 Grad. Die konnte ich im Garten von Sue genießen, die hier Bootstouren mit verschiedenen Schwerpunkten anbietet. Ihre Freundin Kat hat mir spontan noch eine Flasche Wein für den Abend mitgegeben – ich würde sagen: Läuft!

Da mein abgehärtetes Ich nicht mit nach Deutschland fliegen wird, sind dies wohl vorerst meine letzten Campingnächte – von Mittwoch bis Weihnachten werde ich zwischen Kuscheldeckenbett (inkl. Wärmflasche) und Badewanne pendeln. Aus diesem Grund habe ich mir gedacht, dass ich Euch an meinen Lieblingscampingmomenten teilhaben lasse – wie findet Ihr das?

Bitte versteht mich richtig: Es ist nicht so, dass ich unfassbar gern campe. Ich finde es zwar weit weniger schrecklich als befürchtet, aber vor allem spart es soooo viel Geld… Mit George habe ich ein super Zelt gekauft, das sich total schnell auf- und abbauen lässt. Inzwischen kann ich das sogar im Dunkeln!
Und so gibt es beim Campen tatsächlich viele wundervolle Momente – wobei ich hoffe, dass Ihr die in unterschiedlichem Maße vorhandene Ironie erkennt. Vermissen werde ich alles – einfach weil es Teil dieses großartigen Abenteuers war.

Hier also sind meine liebsten Momente und Situationen:

  • Wenn ich einen Platz gefunden habe, an dem ich die Leselampe anschalten kann, ohne befürchten zu müssen, entdeckt zu werden.
  • Wenn der Frühsport aus Schneckenschnipsen besteht: Die Minischnecken, die in der Nacht von außen auf das Zelt gerutscht/ geschliddert/ geschleimt – oder was auch immer – sind, kann man ganz wunderbar von innen wegschnipsen, ohne sich groß bewegen zu müssen. Wer das Känguru von Marc-Uwe Kling kennt, stellt zusätzlich Überlegungen zur Flugbahn an.
  • Bleiben wir noch einen Moment bei den Schnecken: Wundervoll ist es, wenn der Verwesungsgeruch der einige Tage zuvor mit dem Zelt eingerollten Schnecke(n) nachlässt…
  • Größere Schnecken erzeugen mit ihrem Schleim ganz außergewöhnliche Kunstwerke – man muss sie nur zu würdigen wissen.

Überhaupt sind Tiere beim Campen ein Quell steter Freude:

  • So habe ich mich des Öfteren gefragt, wo zum Himmel jetzt dieser Ohrenkneifer hingekrabbelt ist, den ich grad noch an der Schwelle zwischen Zelt außen und Zelt innen gesehen habe.
  • Genau hier war gerade noch ein Stinktier!!! In der Nacht hat es sich aus mir unerklärlichen Gründen mit George gestritten und ihn schließlich ordentlich besprüht. Ich sag Euch: Ich lag im Zelt und konnte nicht atmen, so sehr hat es gestunken. Mini-Atemhappen waren alles, was ich mir für bestimmt eine halbe Stunde gegönnt habe. Seitdem glaub ich nicht mehr an den Spruch, dass noch nie jemand erstunken ist…
  • Mücken – einfach göttlich. Und so schlau! Sie lieben insbesondere die Phase, in der man beim Auf- und Abbau hockend beschäftigt ist, wenn also Knöchel, unterer Rückenbereich, Handgelenke und Hände freiliegen. Davon hat man auch als Mensch am längsten etwas.

In puncto Spinnen habe ich eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht:

Phase 1 – Kindheit
Ein „Andrea!!! Staubsauger!!!“ reichte, damit meine zwei Jahre jüngere Schwester mit eben diesem Gerät zu mir kam. Sie musste nur schauen, wo ich grad stand, dann den am weitesten entfernten Punkt im Raum finden, schon hatte sie das Vieh. Und hat es todesmutig eingesaugt. Ich weiß bis heute nicht, was ich gemacht hätte, wenn sie mich damals im Stich gelassen hätte.

Phase 2 – Au pair auf Kauai, Hawaii
Hier gab es eklig viele Spinnen. Einmal in der Woche musste ich ums Haus gehen und alle entfernen und umbringen. Ihr Todeskampf in dem Eimer mit Chlor, in den ich sie mittels eines langen Was-auch-immer-es-war befördert habe, dauerte quälend lange – für beide Seiten. Einmal bin ich mit vollen Händen in ein Spinnennetz gelaufen, das ca. 90 cm Durchmesser hatte. Gesicht und Oberkörper. Ich hätte mich fast übergeben. Trotzdem bin ich seitdem der Überzeugung, genug Spinnen auf dem Gewissen zu haben und vermeide es, sie ins Jenseits zu befördern.

Phase 3 – Die Jahre seitdem
Kleinere Spinnen befördere ich selbst nach draußen. Natürlich mit Glas und ausreichend stabiler Unterlage. Bei größeren Spinnen hole ich meinen Schatz. Auch, wenn er gerade nicht da ist – dazu gibt es schließlich Telefone. Er kommt dann auch tatsächlich rüber – er könnte lediglich etwas gehetzter wirken. Und Bemerkungen wie „Ach, ist die süß!“, die ich schon durch die sicherheitshalber geschlossene Tür gehört habe, muss er sich noch irgendwie verkneifen. Aber er ist mein Held!
Da er natürlich nicht immer auf der Tour dabei war, mussten hier andere Menschen herhalten. So hab ich eine halbe Stunde gewartet, bis mir jemand die Spinne aus dem Rucksack holen und ich endlich den Campingplatz verlassen konnte. Und: JA, DA IST EINE SPINNE!

Phase 4 – Der Biss ins Dekolleté
Ich berichtete. Was ich nicht erzählt habe, ist, dass mein allerallerallererster Gedanke beim Anblick dieses Mistviehs – nur ein ganz kurzer Gedankenblitz – war: „Ach, ist die süß!“ War sie auch wirklich, schaut mal, das ist sie. Ich meine, deshalb muss sie ja noch lange nicht beißen, aber trotzdem…

Phase 5 – Spinne am Morgen…
Mein derzeitiger und ganz offensichtlich höchster Entwicklungsstand offenbarte sich in folgender Situation: Eines Morgens saß ich, mich innen und außen sortierend, mit dem Popo noch im Zelt, die Beine schon draußen. Und sah allen Ernstes eine Spinne AUF MEINEM BEIN krabbeln. Meine nonchalante Frage an sie, mit welchem Recht sie von drinnen nach draußen krabbelte und nicht umgekehrt, mag zwar auf eine ausgeprägte präcoffeine Lethargie zurückzuführen sein – trotzdem möchte ich die Situation nicht unerwähnt lassen.

So, zurück zu den tierlosen Freudenmomenten beim Campen:

  • Meist bewegt man sich im Zelt ja liegend, aufgestützt, sitzend oder auf allein Vieren. Sehr geschätzt habe ich die regelmäßig wiederkehrenden Momente, in denen ich mich gebückt aus dem Zelt bewegen wollte, mit dem Rücken zu weit nach oben und an die Zeltdecke kam. So erfrischend…

  • Tropfen auf dem Zelt bzw. das Geräusch des Tropfens beim Aufwachen rufen bei Anfängern romantische Gefühle hervor. Bis sie lernen, 30 Minuten weiter zu denken… Ein nasses Zelt im Regen abbauen – unbezahlbar. Hier heißt es, Verdrängung zu üben, sich im kuscheligen Schlafsack umzudrehen und weiterzuschlafen.
  • Nicht verdrängen kann man die ungünstige Organverteilung im Körper, wenn man mit voller Blase aufwacht, sich aber erst im Sitzen (für den Laien: abgeknickt) aus dem Schlafsack pellen und ggf. anziehen muss, um das Zelt zur Erledigung der Erleichterung zu verlassen.
  • Das Auf- und Zuziehen des Schlafsackreißverschlusses, welche nie, nie, nie ohne Verklemmen dieses blöden Mistdings vonstatten zu gehen scheinen, erweitert den persönlichen Fluchhorizont ganz ungemein.

Ich bin oft gefragt worden, ob ich denn nachts allein keine Angst hätte. Nein, ich hatte doch Gynsburgh! Im Ernst: Ich hatte nur zweimal Angst, weil ich die Geräusche draußen nicht zuordnen bzw. interpretieren konnte.

Im ersten Fall hatte ich George an einem relativ verlassenen Teich aufgebaut. Irgendwann spät am Abend kam ein Auto, dem Motorengeräusch nach ziemlich groß. Der Motor lief und lief und nichts passierte. Irgendwann hab ich mich rausgetraut – ein alter Truck, noch war niemand ausgestiegen. Also traute ich mich ans Fahrerfenster – und sah einen pickeligen Jüngling, der seine Flamme hierhin gefahren hatte. Offenbar wollten die beiden eine Runde knutschen… Schüchtern sagte er, dass alles okay sei und dass ich gern dort campen könne. Zu süß!

Im zweiten Fall bin ich von seltsamen Kratzgeräuschen am Zaun aufgewacht, hinter dem ich mein Lager aufgeschlagen hatte. Auch hier hab ich mich irgendwann rausgetraut – um einen dicken Waschbären auf den Zinnen des Zauns balanc…, äh, wandel… äh… äh… Gibt es ein Wort, das beschreibt, wie ein dickes Tier auf etwas Schmalem laufen will, mal nach links, mal nach rechts abrutscht, sich immer wieder hochzieht, zwei Schritte läuft und wieder abrutscht? Das war es, was ich erst mit vor Angst klopfendem Herzen, dann mit mühsam zurückgehaltenem Prusten gesehen habe. Und wieder: Zu süß!

PS.: Ja, ich hatte Pfefferspray dabei – und es beide Male nicht in meinem Krams gefunden…

So, Ihr Lieben, das war das. Wer jetzt noch nicht campen will, ist selbst schuld! So viel Freiheit gibt es nämlich selten. Sicher, ein tolles Zimmer in einem schnuckeligen Hotel ist was Feines. Aber zum Beispiel einen Privatstrand, an dem man für lau übernachten und wo man unbeobachtet ins Wasser hüpfen kann, gibt es eben nur so.

Dass überall noch die Überreste von Hurrikan Irma zu sehen sind, ist derzeit – und wohl noch in den kommenden Jahren – leider so. Und ermöglicht wohl überhaupt Refugien wie dieses.

So, das war’s jetzt aber wirklich. Ich will schnell zurück zu meinem Privatstrand und zum Sonnenuntergang ins Wasser hüpfen :-).

Wie krieg ich die nur alle heil nach Kiel???

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Time flies

Ich weiß nicht, wo dieses halbe Jahr geblieben ist. Sowohl mein Handy als auch mein Laptop zeigen an, dass wir den 14. Dezember haben – aber kann das wirklich sein? Ich bin doch grad erst mit der Independent Spirit in Chester, Philadelphia, eingelaufen – habe doch grad erst vergeblich einen Tag lang nach Bruce Springsteen gesucht, musste Josi in Moab zurücklassen, bin über den Great Salt Lake gefahren, habe mit meinem Liebsten die Westküste erfahren, mich mit Utah versöhnt, in Jemez, New Mexico, getanzt und auf der Route 66 breit gegrinst…

Aber allein die mehr oder weniger geschmackvolle Weihnachtsdeko hier in Florida zeigt, dass es wohl stimmen muss. Untermalt wird die Weihnachtsdeko momentan von Bollywoodmusik aus dem Handy des Motel-Portiers. Der Gute hat gerade extra für mich nochmal Kaffee gekocht – ihm geht es mit seinem Tee wie mir mit meinem Kaffee. Man kann sicher ohne überleben, aber ist das ein Leben?!

Ich fange schon wieder an zu erzählen – es gibt aber auch so viel, das zu erzählen sich lohnt! So hat mich gestern der Pastor einer Kirchengemeinde (Harleyfahrer) in das Motel hier in Perry verfrachtet. Er fand es unzumutbar, meiner Bitte zu entsprechen und mich auf dem Boden in der Kirche mein Schlaflager aufschlagen zu lassen… Kommt alles ins Buch.

Es ist also der 14. Punkt. Nicht zu leugnen. Am 18. will ich Josi bei dem Bekannten eines Freundes in Miami abgeben. Er wird sie irgendwann in den nächsten Monaten mit einer Ladung US-Oldtimer über den Ozean bringen. Das wird eine schöne Fahrt für sie. Ich selbst fliege am 19. ab Miami nach Hamburg. Insofern sind die Kälte und der Frost der letzten Tage (selbst hier in Florida!) wohl die perfekte Vorbereitung…

Ich habe noch vier Tage, um von Perry zu den Keys im Süden Floridas zu kommen, bis Key West zu fahren und wieder zurück nach Miami. Es wird knapp, aber es sollte klappen. Denn mit dem Motorrad diese 290 km zu fahren, über Brücken, die über 200 kleine Inseln verbinden, das muss toll sein.

Aber zunächst habt Ihr einen Rückblick auf die vergangenen zwei Wochen verdient. Kurz vor der Grenze von New Mexico zu Texas habe ich die Route 66 verlassen. Ich hätte wieder auf einer Interstate fahren müssen und dagegen bin ich inzwischen ziemlich allergisch. Die Belohnung folgte auf dem Fuße: ein Autofriedhof! Einfach so im Grenzlandnichts.

 

Über dieses verlassene Gelände zu streifen hat mich abwechselnd in größtes Entzücken (Oh, was ist das da denn? Oh, ist der schön!) und in Herzschmerz gestürzt, weil diese Schätze da so vor sich hinfaulen. Wenn man sich die alle neu vorstellt…

Vom Autofriedhof führte eine unauffällige Schotterstraße durch das Geisterörtchen Glenrio…

… über die Grenze nach Texas. Ich hatte mir vorgenommen, Texas mit Scheuklappen zu durchfahren, damit ich rechtzeitig in Miami bin. Das habe ich auch fast durchgehalten. Aber die riesigen Baumwollfelder konnte ich nicht ignorieren, zumal ich mit ihnen überhaupt nicht gerechnet hatte.

Im Süden von Texas bin ich dann tatsächlich vom Schnee eingeholt worden – aber ich wollte ja nicht mehr über die Kälte schimpfen…

Die Küste des Golfs von Mexiko, die ich in Texas, Louisiana, Alabama und Florida kennengelernt habe, ist grandios. Und erstaunlich vielfältig – im Schönen wie im Schwierigen. In Texas gibt es schönste Häuser, natürlich auf Stelzen, und eine deutliche Prägung durch die Ölgewinnung und -verarbeitung. Louisiana wirkt wilder, unentdeckter (ich weiß, das kann man nicht steigern). Die Häuser auf Stelzen sind schlichter, manchmal sind es auch Container. Ich bin an vielen verlassenen und verfallenen Häusern, Geschäften und Orten vorbeigekommen – nach den Hurrikanes ist die Ölindustrie hier zu großen Teilen nicht wieder aufgebaut worden. Und wenn die Arbeiter fehlen, fällt alles in sich zusammen. Alabama scheint wieder nobel, Florida hingegen unendlich langweilig. Sicher, es sind alles nur flüchtige Eindrücke, aber spannend ist es allemal.

Mit diesen Bildern lasse ich Euch wieder allein – ich will heute noch ein bisschen vorankommen!

 

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Utah – tatsächlich nochmal Utah

Manch einer mag ab und zu auf meine „Hier treib ich mich rum“-Karte schauen und sich gewundert haben, warum ich mich nach meiner Zeit in Kalifornien nicht direkt nach Osten, sondern nach Nordosten bewegt habe.

Was soll ich sagen? Meine Mutter ist schuld. Das haben Mütter ja tendenziell so an sich, und es ist in diesem Fall – ebenso wie natürlich in allen anderen – wahr. Vor nunmehr 19 Jahren, also 1998, hat sie mir eine Postkarte aus dem Bryce Canyon in Utah geschickt. Und diese Landschaft sah so toll aus, wie nicht von dieser Erde, dass ich den Canyon seitdem sehen wollte. Dafür, dass er in Utah liegt, wo ich ja mein spezielles Abenteuer hatte, kann der arme Canyon ja nichts. Für mich war klar: Da muss ich hin, auch wenn es einen Umweg auf dem Weg nach Florida bedeutet. Und überhaupt sind wir ja großzügig – wir geben Utah eine zweite Chance.

Wenn man aus Südwesten zu den Canyons will, kommt man durch Kanab – ein kleines Städtchen, in dem unzählige Western gedreht wurden. Man fühlt sich ein wenig wie in deren Kulissen – nur dass es keine Kulissen sind, sondern voll krass echte Natur und echt alte Häuser. Verrückt.

 

Überhaupt hat man in Kanab das Gefühl, dass hier die spannenden Dinge und auch die Canyons ganz nah beieinander liegen:

Wer aber jemals durch die Staaten gefahren ist, weiß, dass dem nicht zu trauen ist. Alles ist 70x weiter als gedacht und dann nochmal die Hälfte drauf. Mindestens. Deshalb habe ich mich in Kanab auch nochmal ordentlich bei einem Mexikaner gestärkt, problemlos mit meiner Kreditkarte bezahlt (Leser meiner Abenteuer ahnen, was kommt) und mich dann dem Campingplatz von Kanab genähert. Weil die Nachttemperaturen um die 4° liegen sollten, wollte ich mir für 40 Dollar ein kleines Cabin, eine Ein-Raum-Holzhütte mit Pusteheizung, gönnen. Und natürlich funktionierte meine Kreditkarte … mal wieder nicht. Ich war nur halb überrascht, aber vollständig angepisst, denn gerade an diesem Abend war ich kaputt, durchgefroren, stinksauer, alles. Tapfer fragte ich nach Kirchen im Ort und geschützten Orten für ein Zelt, als Jo, die Platzwartin, mir umsonst einen Platz für George gab. Und auch wenn ich es inzwischen gewohnt war, mir anständige Plätze zu suchen, war ich heilfroh, das nun nicht mehr tun zu müssen.

Es wird noch besser: Als ich dabei war, George aufzubauen, bahnten sich zwei Taschenlampen ihren Weg durchs Dunkel des Platzes: Jo und ihr Mann. In den Händen eine Tüte mit Lebensmitteln – und ein Bündel Geldscheine, das sie mir zusteckte, als ich mich verdutzt und gerührt für die Lebensmittel bedankte. Ich hab den beiden dreimal gesagt, dass ich Geld habe und nur nicht rankomme – sie ließen sich nicht von ihrer Aktion abbringen. Ich wollte ihnen klarmachen, dass ich nicht bedürftig war und ihre Gaben in diesem Sinne auch nicht verdiene. Aber der Witz war ja, dass ich in diesem Moment sehr wohl bedürftig war. Denn bis ich das mit meiner Karte geklärt hätte, könnte ich weder Josi noch mich mit Energie versorgen.

Ich hab vor dem Schlafengehen gar nicht mehr geschaut, wie viel Geld es war. Denn ob 5 Dollar oder 20, es war einfach überwältigend. Am nächsten Morgen dann das große Schlucken: 100 Dollar. Für ein reiches – allein schon, weil weiß, gebildet und aus Deutschland – Mädchen, das es nicht auf die Reihe kriegt, genügend Bargeld oder eine zweite Kreditkarte dabeizuhaben. Natürlich bin ich nochmal zu Jo gegangen und habe versucht, ihr das Geld oder wenigstens einen Teil zurückzugeben – keine Chance. Ihre einzige Bedingung: „Pay it forward.“ Den Gedanken mag ich ohnehin: Einen Gefallen nicht (nur) zu erwidern („to pay back a favor“), sondern weiterzugeben („to pay it forward“) an jemanden, der einem bedürftig über den Weg läuft.

Versprochen, Jo!

Zu erwähnen ist noch, dass die Kreditkarte wieder funktioniert – von ebenso unregelmäßigen wie unerklärlichen Ausnahmen abgesehen. Natürlich.

So, jetzt aber auf zum Bryce Canyon. Wie so oft hatte ich das Gefühl, schon auf dem Weg zu einem Canyon durch besondere Landschaften und Strukturen zu fahren. Einerseits scheint das logisch, andererseits bin ich immer wieder erstaunt, welch unterschiedliche Gegenden, Sandfarben, Felsstrukturen etc. in nächster Nähe zueinander liegen.

In jedem Fall habe ich auf dem Weg von Kanab zum Bryce Canyon endlich verstanden, warum die Dinosaurier ausgestorben sind: zu Tode gequatscht von einem fusseligen Säugetier…

Ich hab schon davon gehört, dass das passieren kann – aber es wird wohl nicht in den Schulen gelehrt, weil es einfach zu absurd erscheint. In jedem Fall sind dort Fußspuren der armen Wesen zu sehen.

Auf dem Weg zum Bryce Canyon müssen die Touristen natürlich nochmal abgezockt werden – allerdings nur bis Ende Oktober. Jetzt sind die Läden der Westernstadt geschlossen, was Deputy Sheriff Gynsburgh nicht davon abhält, das Gefängnis zu testen – und es offensichtlich für gut zu befinden.

Dass er beim anschließenden Klamottencheck aber nur auf mein – zugegebenermaßen ungewöhnlich üppiges – Dekolleté geschaut hat, fand ich dann doch etwas verstörend.

Endlich im Canyon… Wir alle wissen, dass Bilder gerade solche Orte und Regionen nicht angemessen zeigen können – nehmt das Kommende also als Eindruck. Fahrt mal hin – es ist wirklich toll! Und man fühlt sich tatsächlich an die Kleckerburgen aus dem Ostseeurlaub erinnert!

Man kann – wie in vielen Canyons – auch hinabsteigen…

… und hat dann natürlich noch ganz andere Perspektiven:

Und natürlich die:

 

Wenn das jetzt alles ruhig, schön und friedlich aussieht, dann keine Sorge: Das war es nicht. Die Hälfte der Zeit war ich stinkig, weil ich hier mit meinem alten Handy fotografieren musste und die Bilder deshalb milchig und oft unscharf sind. Und die andere Hälfte der Zeit hab ich versucht, keine kleinen Japaner über Zäune, Brüstungen oder Felsen zu schubsen. Alter, haben die genervt. Massen von ihnen und dann in Großfamilien mit Omma und dem Zweijährigen, der auf dem Serpentinenweg laufen lernt, während die drei Geschwister hin und her hüpfen. Hätten die sich nicht ein Beispiel an China nehmen können???

Das Schlimmste ist aber, dass jeder Japaner ab 8 Jahren ein Handy zu haben scheint. Einen Handystick hat immer nur das jeweilige Familienoberhaupt, das damit auch die Macht besitzt, Omma, Partner/in und alle Kinder hin und her zu scheuchen und für Fotos posieren zu lassen. Aber nicht nur für EIN Bild – nein. Alle möglichen Konstellationen werden durchexerziert, gnadenlos gegen alle und jeden. Währenddessen warten die anderen Touristen darauf, dass der Weg frei wird. Und der Fotospot – denn der muss ja ganz toll sein, wenn die eine Familie da zwei Stunden lang Bilder gemacht hat.

Gern sitzen sie – gerade die Teenager (diese Jugend!) – dicht an dicht auf den Geländern und Brüstungen, hinter denen die Naturschönheiten zu sehen wären, wegen derer man angereist ist. Ist egal, dass keiner an diesen Gören vorbei- oder gar durchschauen kann…

Es war unsäglich und mein Blutdruck – sonst eher unterirdisch – war dauerhaft in medizinisch bedenklichen Höhen. Ich bin ja nicht fremdenfeindlich, aber… Ihr wisst schon. Japaner hab ich echt gefressen.

Inzwischen war es halb sechs am Abend und es wurde kälter und dämmrig. Als Besucher ist man auf 9.000 Fuß (Kiel liegt auf 16,4 Fuß) und entsprechend arschkalt ist es da. Die meisten Besucher strömten jetzt in Richtung Ausgang, ich aber wollte noch ein oder zwei andere Punkte des Parks sehen. Auf jetzt leeren Straßen bin ich also noch so circa 20 Meilen reingefahren und auch etwas höher – ich hatte alles für mich, auch den Schnee.

Natürlich hab ich mal wieder gefroren, aber die Straßen waren trocken. Belohnt wurde ich mit dem Gefühl, den Sonnenuntergang ganz für mich allein zu haben:

Ich hatte während der kalten Nächte seit Nevada immer wieder überlegt, ob es sich lohnt, noch einmal hoch nach Utah zu fahren. Und das hat es – selbst mit Japanern.

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Übernachtungsreport IV – meist ohne Wände

Es gab Beschwerden aus meiner Leserschaft – der Übernachtungsreport zu Hotels, Motels, Hostels war offenbar zu langweilig. Und was soll ich sagen? Ich kann es verstehen. Diese Unterkünfte sind warm, sicher und trocken – und in der Regel passiert da auch nix, was man dort nicht erwarten würde. Da checken die normalen Leute ein – also die wenigsten meiner Leser…

Dass so ein herrlich spießiges, warmes und kuscheliges Bett auf Reisen manchmal einfach sein muss, wird jeder verstehen. Jetzt aber schauen wir uns mal wieder meine im wahrsten Sinne des Wortes außerhäusigen Übernachtungen an.

Aber gehen wir es langsam, gesittet und legal an. So kann man in den National und auch in vielen State Parks wild campen, solange man alles so verlässt, wie man es vorgefunden hat. Das hatte ich auf dem Blue Ridge Parkway gleich mal ausprobiert – und, wie ich finde, sehr gelungen. Als gehörten Josi und George dahin, oder?

Auch die Übernachtung am Horse Shoe Lake war großartig…

… und besonders aus zwei Gründen werde ich sie so bald nicht vergessen:

Zum einen habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Mangroven gesehen und hätte sie tatsächlich eine ganze Weile einfach nur bestaunen können:

Zum anderen war nicht weit entfernt ein kleiner, feiner Pub, den Sherry vor Kurzem übernommen hatte. Sie hat mir einen grandiosen Hausdrink gemacht (ein perfekter Ersatz für den Mojito) und die Stimmung dort war so unglaublich gut, die Gäste so witzig, dass ich dort auch hätte durchmachen können.

 

In Städten gestaltet sich das ganze Übernachtungsthema schon schwieriger, wenn man kein Geld für eine Unterkunft ausgeben möchte. Aber auch da geht so einiges!

Zum Beispiel direkt zwischen Bibliothek und Schule. Bibliotheken mag ich ja, wie Ihr inzwischen wisst, auch wegen ihres meist offenen WLAN. Der Platz hier in Lincoln, Nebraska, war natürlich gewagt, und ich habe mich mehrfach gefragt, wer mich wohl aus dem Schlaf reißen und schlimmstenfalls vertreiben würde: die Polizei? Personal der Bibliothek? Der Hausmeister der Schule? Reinigungskräfte? Oder einfach Passanten, z.B. ein gewissenhafter Gassigeher?

Die Lösung lautet: Niemand. Ich hab tatsächlich bis sechs (ist unter diesen Umständen echt lange!) geschlafen und bis sieben alles abgebaut – ich war so naiv zu glauben, dass Lehrer ab sieben in die Schule kommen, um ihren Krams vorzubereiten. So war das jedenfalls bei mir! Aber nix da – Viertel vor acht kamen die ersten. Na, egal, ich hatte eine unerwartet gute Nacht.

In Nebraska City stand George fast unsichtbar außerhalb des Lichtkegels hinter einer Arztpraxis. Da die Straße in ein Industriegebiet führte, gab es keine Fußgänger, die links oder rechts hätten schauen können. Nur Autofahrer – und die schauen nicht hinter Gebäude :-). Tipp für Nachmacher: Die Öffnungszeiten der umliegenden Geschäfte prüfen und den Wecker entsprechend stellen! Gilt auch für Übernachtungen hinter katholischen Kirchen, erinnert Ihr Euch?


Ach, das ist für einige bestimmt schon wieder zu langweilig…

 

Also auf nach Kalifornien. Hier habe ich in kürzester Zeit ein paar verrücktere Übernachtungsplätze gesammelt.

Da war zum Beispiel Carmel Heights, ein kleines Wohngebiet südlich von Carmel-by-the-Sea und Monterey – alles wunderschön direkt am Meer gelegen. Eigentlich wollte ich auf dem Campingplatz im Big Sur Park übernachten. Aber der Preis von 60 (!!!) Dollar (bestimmt auch noch before tax) für Motorrad, Zelt und mich hat mich selbst um 22:30 Uhr noch zur Weiterreise bewegt. Da bin ich trotzig. Weil die Straße nach Süden irgendwann gesperrt war, bin ich zurück nach Norden und hab doch tatsächlich ein schnuckeliges Häuschen mit perfekter Rückfront gefunden – unter der Terrasse konnte ich wind-, regen- und blicksicher schlafen:

Und ich lüge jetzt nicht: Um viertel vor neun am nächsten Morgen, als ich grad die letzten Sachen auf Josi befestigte, kamen die beiden Wagen von der Baufirma. Wie rücksichtsvoll von ihnen, so lange zu warten!

Feuerwehren sind auch eine schöne Möglichkeit! Meist sind es ja nette, hilfsbereite, schnuckelige Jungs (jep, Sexismus, ich weiß) und fitte Mädels (das gleicht es nicht aus, oder?), die nix dagegen haben, wenn auf dem Grundstück für eine Nacht ein Zelt steht. In Los Alamos haben mir Tahj, Marissa und Mike Platz und Kaffee angeboten – mehr brauche ich ja nicht. Gynsburgh war auch ganz begeistert, endlich wieder unter Menschen in Uniform zu sein – aber er hat Marissa offenbar doch etwas eingeschüchtert. Auf mein Gesicht müsst Ihr in diesem Slider verzichten. Es war früh am Morgen und vor dem ersten Kaffee, aber ich wollte Euch Marissa und dieses coole Fahrzeug zeigen.

Und ich habe wieder nette Menschen gefunden, bei denen ich eine sichere Nacht verbringen konnte. Wobei man dabei natürlich auch mal überrascht werden kann…

Toni stand in Greenfield an der Straße und sprach mit einer Freundin im Auto. Ich war gerade aus einem Nachbarort geflohen, ohne mein Zelt aufzubauen – die Gestalten, die die Straße rauf- und runterschlenderten und mich beim Zeltaufbau beobachtet hätten, gefielen mir gar nicht. Nun wollte ich mir in Greenfield ein sicheres Plätzchen suchen und wollte Toni eigentlich nur fragen, ob sie mir eines empfehlen könne. Sobald ihr klar wurde, dass ich als Frau allein unterwegs bin, war es für sie ebenso klar, dass sie mir ihr Sofa anbietet. Und das in einem Haus von ca. 45 qm, das sie mit ihrem Lebensgefährten, zwei schulpflichtigen Enkelkindern und vier (!) Hunden bewohnte. In der Wohnung herrschte das größte Chaos, auch wenn man merkte, dass sie versuchte, es in den Griff zu bekommen. Es gab keine Heizung, nur einen Heizlüfter. Fenster schlossen nicht richtig und waren mit Kleidungsstücken abgedichtet. Das Waschbecken im Bad war kaputt, das in der Küche kaum zugänglich. Umso mehr war ich von ihrem Angebot gerührt – ich kenne ja meine Chaosgrenze, ab der niemand mehr in meine Wohnung darf…

Als ob all das nicht beklemmend genug wäre, waren an den Wänden zahlreiche Fotos von Familienmitgliedern angebracht. Mir wurden alle vorgestellt – und zwischendurch fielen die Worte „killed“ und „raped and killed“. Schluck. Nachfragen? Nicht nachfragen? Nun, sie hatte es erwähnt und ich bin ja auch unterwegs, um Land und Leute kennenzulernen… Ihr Sohn wurde mit Anfang 20 von einer der hiesigen Gangs ermordet. Zusammen mit seiner Freundin, weil beide aus der Gang raus wollten. Eigentlich wäre das auch okay gewesen, aber irgendwie dann wohl doch nicht.

Und die Tochter von Tonis Lebensgefährten wurde mit 14 entführt, vergewaltigt, gefoltert und erstochen. Ist das zu glauben? Ich fühlte mich wie im sprichwörtlichen falschen Film. Ich meine, wie kann man so leben? Praktischerweise war der Mörder ein illegaler Einwanderer, sodass ihr Vater (offenbar ein legaler Einwanderer) Trost und Unterstützung bei einschlägigen Gruppierungen fand und findet. Die wiederum von Trump unterstützt werden, unter anderem bei regelmäßigen Treffen.
Auf dem Bild trägt der Vater ein Shirt mit allem, was seiner Tochter angetan wurde – und dann halten die beiden doch allen Ernstes die Daumen hoch. Mir fehlen noch jetzt die Worte dafür. Unter dem Bild hängt ein Haarteil, dass das Mädel getragen hat (wollte ich Euch nicht bildlich zumuten). Also, ich war nicht allzu traurig, am nächsten Morgen weiterzufahren. Und für Bett, Wärme, Sicherheit und Dusche bin ich Toni allemal dankbar – sie hat ein riesiges Herz.

Goleta, ein Vorort von Santa Barbara, ist das totale Gegenteil von Greenfield. Schon fast so, wie man sich Santa Barbara eben vorstellt. Diesmal bot sich wieder ein Vorgarten an, es war warm und trocken und es gab tatsächlich auch Vorgärten. Natürlich ist nicht jeder geeignet: Größe, Neigung, Format und Bepflanzung müssen passen, außerdem will der verwöhnte Camper ja nix Verwahrlostes. Und schließlich müssen die Bewohner zu Hause sein, damit man brav fragen kann. Ich hatte das Glück, bei Mary und Rick zu landen, einem fröhlichen und netten Paar in Pension. Ohne zu zögern haben sie mich in ihren Vorgarten gelassen und mich am Morgen zu Dusche und Frühstück eingeladen. Ich muss gestehen, dass ich die entsprechende Hoffnung hatte… Thank you, Mary and Rick, it’s been wonderful to meet you – and thank you for letting me stay!

Hier kam auch endlich mal wieder ein Polizist vorbei!

Er hielt allerdings in freundlichster Absicht: Er ist mit Mary und Rick befreundet, selbst BMW-Fahrer und offenbar fest entschlossen, so lange als Motorradfahrer unterwegs zu sein, wie er überhaupt laufen könnte.

Der folgenden Übernachtungsstätte trauere ich noch hinterher – in Santa Barbara wurde es nämlich richtig nobel: Ich habe mich unter dem Yacht Club einquartiert. Einfach perfekt: kein Zelt nötig, regengeschützt, mit Meeresrauschen im Ohr, am Morgen Kaffee im Hafen um die Ecke.

Zuerst wollte ich meerseitig unter das Gebäude krabbeln, das etwa einen halben Meter hoch auf Stelzen steht. Das haben aber anscheinend schon andere vor mir probiert – plötzlich fand ich mich in einem roten Laserstrahl wieder und ein helles Licht ging an. So muss es Catherine Zeta-Jones bei ihrem Training mit Sean Connery gegangen sein ;-).

Zum Glück kein lauter Alarm, aber ich rechnete doch fest damit, dass gleich ein Security-Mensch um die Ecke kommt und ich gehen muss. War aber nicht – und dann geh ich natürlich auch nicht.

Die Seite des Gebäudes lag ebenfalls in dunkelstem Schatten und weil an der Unterseite Rohre verliefen, war hier keine Alarmanlage installiert. So ganz hat sich mir der kausale Zusammenhang nicht erschlossen – ein bisschen tiefer bücken und wer will, kann hier dann ebensogut schlafen.

Also bin ich hier tief reingekrabbelt und habe eine traumhafte Nacht verbracht.Am nächsten Morgen wachte ich selig zu diesem Blick auf – hinter dem Wällchen das Meer. Einzig ein Hund hat mich entdeckt, ist aber verschreckt wieder weggerannt. Ich hoffe, es war nicht mein Geruch…

Über die Definition von „tief reinkrabbeln“ hab ich dann tagsüber nochmal nachgedacht…

… aber da ist ja noch ausreichend Platz zur Seite.

So schön war es am Yacht Club – Ihr werdet verstehen, dass ich noch eine Nacht bleiben wollte.

Auch Monsieur fand es ganz schick da und hangelte sich durch die Rohre – natürlich wie Sean Connery. Nach meiner zweiten Nacht wollte er da auch den Tag verbringen und auf meine Sachen aufpassen. Nun gut.

Oder nicht gut – als ich am Nachmittag vorbeischaute, um Krams für einen Sprung ins Meer zu holen, war alles weg. Nur eine Schleifspur im Sand (breiter als Gynsburgh, keine Sorge) verriet, dass meine Sachen tatsächlich mal hier auf einer Plane lagen.

Im Übrigen war doch nicht alles weg – der kleine Hilfssheriff hing noch in den Rohren. Keineswegs kleinlaut – er gab eher den Zeugen als den Bewacher, der versagt hat.

Mein Gang nach Canossa bestand aus drei Etappen: zum Personal des Yachtclubs, das mich an das Hafenbüro verwies, und vom Hafenbüro zur Polizei, die meine Sachen eingelagert hatte. Ohne Probleme bekam ich sie wieder – wir hatten im Grunde nur zwei Gesprächsthemen: Wie viele Nächte ich schon da übernachtet hatte („Two? Hmm, that was one in my shift and one in someone else’s, damn…“). Eigentlich kontrollieren sie den Yacht Club jede Nacht! Das zweite Thema war meine Tour – echt entspannte Polizisten. Sie haben sonst sicher mit mehr oder weniger ansprechbaren Obdachlosen zu tun, sodass ich eine angenehme, zumal geständige, Abwechslung war.

Und auch meine Trauer über den Schlafplatz hielt nicht zu lange an – dieser Blick über L.A. bei meinem Platz in der vergangenen Nacht war auch ganz okay 🙂

 

 

 

 

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