Ein Jahr Charlottesville

Vor einem Jahr lenkte ein junger Mann sein Auto in eine Anti-Rassismus-Demo in Charlottesville, Virginia, und tötete die Studentin Heather Heyer. Die Stadt hat sich davon bis heute nicht erholt, wie dieser Radiobericht deutlich macht.

Etwa zwei Wochen später war ich dort. Und wenn ich jetzt die Bilder anschaue, kommt sofort wieder die beklemmende Gefühlsmischung auf – irgendwas zwischen „Man kann es kaum glauben.“ und „Das kann immer und überall passieren.“

Aber gerade Letzteres lähmt wohl eher als es hilft.

Hier meine Eindrücke von damals:

Charlottesville

Beitrag teilen

Selig in Floyd

Ihr Lieben, ich sitze in Marshall, Missouri, bei einem Mexikaner (sehr lecker! Also, das Essen…) und habe zwei Margaritas intus. Die ersten meines Lebens und ich bin nicht mal sicher, ob man die wirklich so schreibt. War da nicht noch irgendwo ein -u-? Oder ein -h-? Ich weiß es nicht. Aber allein die Tatsache, dass ich mich das frage, zeigt, dass noch Reste von mir übrig sind. Dass ich die beiden getrunken habe, ist auch kein Grund zur Sorge – es gab einfach keinen Mojito. Ist ja auch voll Land hier. Auf jeden Fall mache ich drei Kreuze, dass ich den Text über Floyd, Virginia, schon offline vorgeschrieben habe und nur die Bilder einsetzen muss. Ungenauigkeiten und Fehler werden demnächst in nüchternem Zustand korrigiert. Oder auch nicht.


Ihr Lieben, ich muss Euch von Floyd erzählen, einem kleinen Städtchen in Virginia. Es liegt am Rande des Blue Ridge Parkways, einer Panoramastraße, die sich auf fast 800 km durch die gesamten Appalachen zieht. Auf diesem Parkway war ich unterwegs, seit dem Tag der Sonnenfinsternis.

Die Tage davor und danach waren doof – ich hab den Ozean vermisst und Maine. Unmittelbar nach der Sonnenfinsternis hat mich außerdem irgendwas Magen-Darm-Mäßiges erwischt, mit dem ich zwei Nächte und den dazwischenliegenden Tag komplett flachlag und nur Wasser zu mir nehmen konnte. Und das in einem Hotel, an dem zum einen überall mit viel Lärm gebaut wurde, und das zum anderen so schrecklich heruntergekommen war, dass ich mich nach der zweiten Nacht irgendwie mit meinem Krams auf Josi gehievt habe – hier konnte es mit mir nicht besser werden.

 

Insgesamt war ich also noch total matschig und mäßig gelaunt, als die Lady in einem kleinen Diner mir empfahl, doch mal in Floyd vorbeizuschauen, das sei ein süßes kleines Städtchen. Also hin – so etwas brauchte ich. Und was soll ich sagen: Von Anfang an hab ich mich in dem 425(!)-Seelen-Ort wohl gefühlt. Es war Freitag – und jeden Freitag gibt es in Floyd Livemusik und Tanz. Für George fand ich ein perfektes Eckchen zwischen einer stillgelegten Kirche und einer Galerie – nur von einer Seite aus einsehbar und die wirkte nicht sehr belebt. Eine Hotelzufahrt und ein Lagerhaus, das müsste gehen.

Stolz wie Bolle angesichts dieses genialen Nachtplätzchens bin ich zum Country Store gefahren (der ist sogar mit einem Bild bei Wikipedia), habe etwas gegessen, am Laptop gearbeitet und vor allem die Atmosphäre genossen. Irgendwann fing die Musik an – auch draußen auf der Straße spielten Bands. Einfach toll.

Bis auf die Tatsache, dass irgendwann zwei Typen zu Pferde auftauchten und krude Ideen verbreiten wollten. Sie ließen sich – im wahrsten Sinne des Wortes – zwar dazu herab, mit dem Fußvolk zu diskutieren, aber wirkliche Standpunktänderungen waren nicht zu erwarten. Gerade nach meinem Besuch in Charlottesville war das schon ein bisschen gruselig. Auch, dass sie einfach so und sichtlich stolz davonreiten konnten.

 

So gegen elf (bin ja nicht mehr die Jüngste) bin ich selig (wegen des Platzes und der Musik – nicht wegen der Reiter) in meinen Schlafsack gekrabbelt und gegen halb acht aufgewacht. Tatsächlich mal wieder eine Nacht ohne Polizei 😊.

_______

Scheiße, der Akku ist alle, keine Steckdose in Sicht und überhaupt muss ich mich jetzt mal um einen Schlafplatz kümmern. Ich hoffe, dass hier in Fußentfernung irgendwas ist – fahren kann ich nämlich nicht mehr…

Gute Nacht! Ich geb Euch trotzdem schon mal den ganzen Text, die Bilder kommen mit den Korrekturen. Oder auch nicht 😀

_______

Zum zweiten – hoffentlich nüchterneren Teil – geht es hier.

Beitrag teilen

Charlottesville

Irgendwann hatte ich gesehen, dass Charlottesville, Virginia, nah an oder sogar auf meiner Route liegt. Und habe seitdem überlegt, ob ich vorbeifahre. Katastrophentourismus? Mal auf den schlimmen Ort gucken? Sagen können, dass man da war? Ich kann es noch immer nicht recht in Worte fassen – ich wollte irgendwie die „Atmosphäre danach“ spüren. Wobei selbst das ja höchst individuell ist: Was wird mir von wem vermittelt und warum, was nehme ich auf und wiederum: warum? Egal – ich hab mich entschieden hinzufahren. Besser als nicht hinzufahren und solche Orte zu meiden. Dann gewinnen auch die Falschen.

Ich bin ziemlich früh angekommen, so gegen halb acht. Hab bei der Bibliothek geparkt, um danach vielleicht noch zu arbeiten, und bin in die Fußgängerzone gegangen – die total schön ist. Aber schon beim Schlendern waren einige Zeichen des Geschehenen sichtbar und irgendwo war auch immer ein Polizist, eine Polizistin oder ein Polizeiauto zu sehen.

Ich wusste nicht genau, wo das Auto in die Menge gefahren war, hatte nur die Handybilder im Fernsehen gesehen. Und plötzlich stand ich an der Stelle. Jeder, der vorbeiging, hielt betroffen an. Blieb auch länger stehen, ging die gesperrte Straße hinunter. Ein junges Pärchen mit Hund hielt inne, das Mädchen begann zu weinen. Eine Joggerin bog in die Straße ein, wurde langsamer und blieb dann schließlich eine knappe halbe Stunde.

Man merkt es einer Stadt nicht zwangsläufig an, ob in ihr solche Arschlöcher wohnen wie dieser Typ. Oder die rechten Demonstranten. Die Fußgängerzone von Charlottesville hätte auch der Rathausplatz in Göttingen oder die Holtenauer Straße in Kiel sein können – die Atmosphäre ist die gleiche. Ich habe nicht mit Leuten gesprochen – das wäre mir zu nahe gegangen und ich finde, ich hab auch kein Recht, in sie hineinzubohren, nur weil mir zufällig danach ist.

Ich hab noch gefrühstückt, meine kommenden Kilometer geplant und bin losgefahren. Nach Arbeiten in der Bibliothek war mir dann doch nicht mehr.

Beitrag teilen