Gesammelte Erkenntnisse

Seit meiner Rückkehr werde ich immer wieder gefragt, ob ich während meiner Tour etwas Wichtiges gelernt, ob ich große Erkenntnisse gehabt hätte. Am besten natürlich über mich.

Augenblicklich meldet sich mein schlechtes Gewissen – denn das habe ich nicht. Habe ich etwas falsch gemacht, etwas verpasst? Muss ich am Ende nochmal los?

So schön diese Variante auch wäre, so fallen mir dann doch einige Dinge ein, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe. Wie groß oder wie klein diese sind, wird sich zeigen.

So ist mir – neben meiner grenzenlosen Verwunderung darüber, wo um alles in der Welt dieses halbe Jahr geblieben ist – immer wieder klargeworden: Fast jeder Mist bringt auch was Gutes. Ohne die Schneestürme in Wyoming und die Waldbrände in Montana hätte ich nicht diese traumhafte Fahrt durch das atemberaubende Colorado erlebt. Und ich hätte in Utah nicht das Erfolgserlebnis gehabt, Josi mit Hilfe eines gebuddelten Lochs zum ersten Mal überhaupt allein aufzurichten.

Aber nur fast jeder Mist bringt auch Gutes. Manchmal ist Scheiße auch einfach nur Scheiße. Man kann und muss nicht alles schönreden. Scheiße darf man auch mal „Scheiße“ nennen – vielleicht noch „schöne Scheiße“. Gilt auf Reisen genauso wie Zuhause.

Ich bin gelassener geworden – mit Blick auf die Zukunft im Allgemeinen und mit Blick auf kritische Situationen. Es gibt so viele mögliche Lösungen und nicht nur die eine, die gerade vor unseren Augen zerfällt. Quer denken, neben der Spur – das bringt einen erstaunlich weit. Und erstaunlich viel Spaß.

Wenn gar nichts mehr geht, tauchen tatsächlich Helfer auf – woher auch immer. Erklären kann man das nicht. Man muss reisen, um es zu erleben. Man muss es erfahren.

Ich hatte schon immer ein eher positives Bild von Menschen. Auch in den Staaten habe ich erlebt, dass es ganz viele von ihnen gibt. Und dass sie noch viel offener, großzügiger und herzlicher sind, als ich mir vorstellen konnte.

Das Unterwegssein hat mich viel weniger angestrengt als erwartet. Das allabendliche Suchen nach einem Schlafplatz fast gar nicht. Überraschend schnell war das Vertrauen da, dass ich schon etwas Geeignetes finden würde. Dieses Vertrauen führte so weit, dass ich auch mal abends um acht an einem möglichen Schlafplatz vorbeigefahren bin, weil er mir nicht gefiel und/ oder es sich nicht gut anfühlte.

Lincoln, Nebraska: Zwischen Bibliothek und Schule – und keiner hat’s gemerkt

 

Es gibt eine Reihe kleiner, praktischer Dinge und Angewohnheiten, die mich unterwegs begleitet haben:

  • Duschen, wann immer es geht. Und sei es in der Trucker-Dusche an einer InterState-Kreuzung. So kann man vermeiden, beim Baden in Meer oder See gefragt zu werden, ob das denn nicht schon an Umweltverschmutzung grenze…
  • Servietten aus Restaurants mitnehmen, wann immer es geht. Die zweilagigen Taschentücher in den Staaten sind doof. Vom einlagigen Klopapier ganz zu schweigen.
  • Eine Wärmflasche ohne heißes Wasser wärmt nicht.
  • In Pubs kann man Wärmflaschen auffüllen lassen.
  • Beim wilden Campen: Klamotten abends immer richtigrum drehen – dann hat man sie schneller an, wenn nachts die Polizei draußen steht.
  • Die Polizei ist freundlich, auch in ungewöhnlichen Situationen. Wobei es sicher hilfreich war, dass ich ein blonde German girl on a bike war.

Nachts auf dem Vorplatz des Capitols, Washington

 

  • Wenn man abends im Dunkeln im Zelt Dinge ordnet: Helles auf Dunkles und Dunkles auf Helles legen. Gilt für Dinge, die man auch ohne Licht schnell wiederfinden will, wie z.B. Flaschendeckel, Tabletten, Kontaktlinsenbehälter (Licht ist bei heimlichem Campen nicht immer ratsam 😉).
    Immer, wenn ich die Sachen so geordnet habe, fühlte ich mich leicht zwanghaft.
    Immer, wenn ich den Krams problemlos im Dunklen fand, musste ich grinsen.
  • Waschbären sind laut. Immer.
  • Spinnen sind leise. Immer.
  • Erst das Zelt aufbauen, dann Wein, Margarita oder Mojito trinken. Is besser so – und eindeutig eleganter.

Tatsächlich habe ich doch noch drei Dinge über mich gelernt bzw. bin bestätigt worden:

  • Ich mache auch auf Reisen nicht regelmäßig Sport.
  • Ich bin keine Frühaufsteherin. Nicht einmal, wenn ich im Zelt schlafe.
  • Ich schlafe fast überall gut.
  • Ich will gut essen – aber nicht kochen.

Diese Dinge sind einfach so – Punkt. Jeder Versuch, das zu ändern, setzt mich unter Stress, verdirbt mir den Spaß und ist letztlich auch unnötig. Für mich funktioniert das Reisen so besser. Dann wird eben an den Unterkünften gespart, aber nicht am Essen. Geht alles – man muss nur gnädig mit sich umgehen. Und sich gönnen, in der Nähe des Morgenkaffees zu campen.

~ ~ ~

Das Spannendste war jedoch tatsächlich das Thema „Hilfe“. Ich habe gemerkt, dass es mindestens drei Stufen des Themas gibt und nicht nur zwei:

  • Stufe 1 – Hilfe annehmen
    Die Amis sind unglaublich hilfsbereit. Und wenn sie sehen, dass jemand ihre Unterstützung gebrauchen könnte, fragen sie nach. Und helfen. Ohne Erwartung einer Gegenleistung. Vielmehr leben sie nach dem Prinzip Pay it forward – eine schöne Maxime. Ein Gefallen soll nicht zurückgezahlt werden (to pay sth back), sondern forward, vorwärts an den nächsten, der es gebrauchen kann. Hilfe annehmen konnte ich ziemlich gut – schließlich hatte der andere sie ja angeboten.
  • Stufe 2 – Um Hilfe bitten
    Das war schon knackiger, zumindest zu Beginn. Da meine finanziellen Mittel begrenzt waren, wollte und konnte ich nicht jede Nacht in einem Motel, Hostel oder auch nur auf einem Campingplatz schlafen – letztere kosten auch gern mal zwischen 40 und 72 (!) Dollar. Also habe ich so oft wie möglich nach schönen Plätzchen für mein Zelt George geschaut und dafür immer mal bei Menschen geklingelt, um mich mit ihrer Erlaubnis in ihrem Vorgarten breit zu machen. Oder bei einer Kirche, um irgendwo drinnen zu übernachten. Und was soll ich sagen? Ich bin zwei Mal abgewiesen worden, nicht öfter. Und auch das war okay, schließlich kam meine Anfrage ja ohne jeden Anspruch. Und so konnte ich sie denn auch gut annehmen – das zu erhalten, worum man gebeten hat, ist ein tolles Gefühl.
  • Stufe 3 – (Viel) mehr bekommen als man erbeten hat
    Das war schwer. So habe ich bei 2 Grad Außentemperatur in einer Kirche gefragt, ob ich in einer Ecke drinnen mein Lager aufschlagen könne. Alles, was ich wollte, waren Wände und ein Dach. Aber nix da – das Übernachten auf dem Kirchenboden wurde als inakzeptabel eingestuft. Stattdessen sammelte der Pastor (Harley-Fahrer 😊) spontan Geld bei den anwesenden Gemeindemitgliedern, quartierte mich in einem sehr guten Motel ein und drückte mir die restlichen 40 Dollar in die Hand. Es gab einige dieser Situationen und am Anfang war es mir echt unangenehm. Erst nach einer Weile habe ich begriffen: Auch diese Menschen sind alt genug zu entscheiden, ob und wie sie mir helfen wollen. Und ein zweiter Aspekt war immer wieder hilfreich: Mir vorzustellen, wie gut sich das Helfen im umgekehrten Fall anfühlen würde. Denn wenn jemand helfen möchte, gewinnen letztlich beide Seiten.

Lisa und ihre Schwester Bonnie haben mich nach einem Restaurantplausch in ihr Gästezimmer eingeladen – Gynsburgh fand die beiden auch toll (Niantic, Connecticut)

Na, es ist ja doch einiges zusammengekommen, auch wenn es nicht die riesigen Erkenntnisse sind. Aber ich bin ja auch keine 20 mehr (ehrlich!) und hab mit 42 doch schon einiges gelernt – vor allem über mich.

Ich weiß, dass eine Managerkarriere mich nicht glücklich macht. Etwas mehr Geld wäre immer schön, aber reich sein muss ich nicht.

Solange ich eine sinnvolle Beschäftigung habe, genug Zeit für mich und für meine Herzensmenschen, fürs Motorradfahren, Genießen und zum Schlafen, bin ich glücklich.

Wie las ich vor einigen Tagen?

Man ist reich, wenn’s reicht.

Wenn das keine gute Erkenntnis ist, dann weiß ich auch nicht…

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The Storm

“And once the storm is over you won’t remember how you made it through, how you managed to survive. You won’t even be sure, in fact, whether the storm is really over. But one thing is certain. When you come out of the storm you won’t be the same person who walked in. That’s what this storm’s all about.”

Haruki Murakami

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(c) Bild

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Der Übernachtungsreport – Teil III

Es wird mal wieder Zeit für einen Übernachtungsreport! Hotels, Motels und Hostels hab ich in Teil I und Teil II noch außen vor gelassen – die sollen nun zu ihrem Recht kommen.

Hmm, womit fangen wir denn mal an? Die Preishierarchie von oben nach unten, das wär doch was.

Hotels

Also zuerst die Hotels. Das gab es aus Budgetgründen eigentlich nur einmal während meiner Alleinreisezeit, und zwar in Maine. Ich war gerade in Maine angekommen und hatte das Gefühl, mir jetzt etwas gönnen zu können. Ein Gefühl, dem man ja fast immer nachgeben sollte. Als ich also das schnuckelige York Harbor Inn mit Ozeanblick sah, dachte ich mir: „Das wär’s!“

Vernünftig, wie ich bin, hatte ich ein Preislimit im Kopf, als ich das Hotel betrat: „100 Dollar, 100 Dollar, 100 Dollar.“ Mit Blick auf die Rezeption wiederholte Eva 1 leise: „100 Dollar“, und fragte laut: „Was kostet die Nacht für eine Person?“ – „129 Dollar.“ – „Okay,“ sagte Eva 2. Eva 1 schaute sie entsetzt an, Eva 2 schaute leise pfeifend und entschuldigend lächelnd zur Dame hinter dem Tresen. Plötzlich kam von dort: „154 dollars, please!“ Während Eva 1 so elegant wie möglich zu Boden sank, flüsterte Eva 2 – nun doch etwas schuldbewusst – „Ah, die Steuern, stimmt…“ Aus welchem Grund auch immer werden in der Regel die Preise before tax genannt und ausgezeichnet – am Ende kommt dann eine höhere Rechnung.

Nun gut, ich war drin und dann muss man sowas auch genießen. Selbst dann, wenn das Gesetz einem im Wege steht. Den Wein mit rausnehmen, um ihn bei Sonnenuntergang zu genießen? No way, das geht nicht, das ist verboten! Ja, is klar. Der Wein, die Reste vom Mittagessen und ich sind trotzdem auf die andere Straßenseite gegangen, um den Abend in einem kleinen Park zu genießen. Hatte was von einem Abend mit Rodin:

Nach meiner Rückkehr ins Zimmer konnte ich mich glücklich schätzen, noch einen Platz im Bett zu ergattern – wir haben das friedlich geregelt.


Motels

Da gibt es nicht viel Neues zu berichten – so oft hab ich da nicht übernachtet, die Preise lagen zwischen 60 und 170 (!) Dollar. Manchmal muss es aber doch sein: wenn das Wetter zu schlecht und/ oder ich zu erschöpft bin. Wichtigste Ausstattungsgegenstände sind nach wie vor eine Badewanne und eine Kaffeemaschine. Letztere ist in der Regel Standard – Gott sei Dank. Bei den Badewannen ist es Definitionssache, ob es sich um eine Dusch- oder eine Badewanne handelt. Es empfiehlt sich, weder allzu groß noch allzu schwer zu sein, dann ist man auf der sicheren Seite.

Ansonsten ist neben Bett, Kaffeemaschine und Badewanne das Allerbeste an einem Motelzimmer der PLATZ. Platz zum Ausbreiten, Auslüften, Trocknen – alles, was sonst draußen und bei blödem Wetter nicht geht. Insofern ist das zweite Bett mitnichten für Mitreisende gedacht 🙂

PS.: Wenn es ein B&B-Motel ist, lieber nochmal nachfragen. Das zweite „B“ kann nämlich auch schlechter Kaffee im Vorraum des Motels sein oder schlicht eine Liste mit Frühstücksempfehlungen für die Lokale im Ort 🙂

PPS.: Was mir wohl immer ein Rätsel bleiben wird, ist die Parkmentalität der Amis. Offenbar ist es unverzichtbar, dass das Gepäck vom Auto direkt ins Zimmer geworfen werden kann – geparkt wird unmittelbar vor der „Haus-„Tür. Ob das Auto so eine Art Familienmitglied ist?

Hostels

In drei Großstädten habe ich in Hostels übernachtet: in Baltimore (großartig), in Boston (groß, hip, nicht so meins) und in Portland. Portland war tatsächlich sehr urig, die Angestellten haben sich große Mühe gegeben, das Hostel für alle zu einem guten Ort zu machen. Einmal pro Woche gibt es sogar Live-Musik, aber das geht meines Erachtens eher nach hinten los. Wer von Euch hat „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ gesehen? Erinnert Ihr Euch an das Hippie-Pärchen, das auf einer der Hochzeiten gesungen hat? Dann brauche ich nicht mehr zu sagen… Doch: Sie waren bemüht.

Das schönste Hostel, in dem ich bisher übernachtet habe, war im Kreis Pescadero an der kalifornischen Küste zwischen San Francisco und LA. Drinnen wie viele andere Hostels auch, lässt schon der Blick aus meinem Bett Schönstes ahnen:

Das Hostel liegt direkt am Meer, neben dem Pigeon Point Lighthouse, einem alten Leuchtturm, der in den kommenden Jahren restauriert werden soll. Man kann da ganz zauberhaft spazierengehen…

… oder einfach hier sitzen, lesen, träumen…

… auf Wale warten oder der Sonne beim Untergehen zuschauen. Was braucht man mehr?

So, das war’s mal wieder. Meine mehr oder weniger konventionellen Übernachtungen mit George sind im nächsten Teil dran. Außerdem hab ich da mal all das zusammengestellt, was ich am Campen so toll finde – Ihr dürft gespannt sein!

 

 

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Kacktag

Nun, dann wollen wir mal fortsetzen, was wir hier begonnen haben. An dieser Stelle aber zunächst DANKE für alle aufmunternden, tröstenden, neckenden Bemerkungen sowie Tipps für Offroad-Riding! Ein sehr cooles Gefühl, so begleitet zu werden!

Wo waren wir? Ach nein, nicht wir. Ich, ganz allein. In the middle of the fucking 4°-cold nowhere, immerhin in einem Zelt, unter dem weiten Himmel Utahs, der offenbar auch Kummer hatte – es regnete die ganze Nacht. Halbblind wegen der verlorenen Kontaktlinse musste ich den traurigen Anblick der liegenden Josi wenigstens nur halb verschwommen ertragen, als ich im kalten Regen ohne Taschentuch oder Ersatz Pipi machte. Ich denke, Situation und Stimmung sind klar.

Als es hell wurde, regnete es immer noch. Und weil ich in der Nacht kaum geschlafen hatte, gönnte ich mir den Luxus, mich noch ein paarmal umzudrehen und weiterzudösen – eine Freundin nennt das „schnitzeln“. Nichts von dem Mist da draußen würde weglaufen… Plötzlich näherten sich Motorengeräusche – unfassbar! So schnell wie ohne Kaffee möglich schälte ich mich aus dem Schlafsack und rutschte in meine Klamotten, während der Wagen draußen langsamer wurde, anhielt und … allen Ernstes weiterfuhr. Hallo??? Liegt hier etwa ständig eine BMW mitten auf der Straße? Mit einem Zelt direkt daneben? So parkt doch niemand! Da ruft man doch mal? Arschlöcher…

Kurz hab ich mir vorgestellt, dass in der Nacht jemand vorbeigefahren wäre und Josi einfach aufgestellt hätte. DANN hätte der Mistkerl natürlich vorbeifahren dürfen – in diesem Fall wäre Josi ja einfach der tolle Anblick wie immer gewesen, bei dem man natürlich langsamer wird. Aber ebenso natürlich war dem nicht so. Josi lag unverändert da, die obere Seite immerhin blitzblank sauber geregnet. Na schau – ich kann dem Ganzen doch noch was Gutes abgewinnen.


Immer noch ohne Kaffee hab ich wieder versucht, sie aufzurichten – nix. Natürlich hatte ich sie in Moab vollgetankt, damit ich nicht liegenbleibe – haha! Somit konnte ich mich nun mit den gesamten liegengebliebenen 210 kg plus Koffer plus Inhalt auseinandersetzen. Auch das Loch für den Hinterreifen ließ sich wegen des Lehms nicht weiter vertiefen – scheiße. Jetzt konnte ich entweder warten, bis jemand vorbeikam, oder in Richtung der Road 191 gehen, die ja irgendwann kommen musste. Ich wollte lieber was tun als warten, also bin ich losgetapert. Im Regen, bei jetzt immerhin 7°. Es war gar nicht leicht, Josi so zurückzulassen…


Eine Stunde lang latschte ich durch den Regen. Dabei hinterließ ich im roten Matsch Fußabdrücke, die mich in ihrer Einsamkeit an die Abdrücke auf dem Mond erinnerten. Kein Auto kam mir entgegen, keines überholte mich, auch eine Straße kam nicht in Sicht. Nachts hatte ich in der Ferne immerhin noch Autoscheinwerfer gesehen…

Ratlos bin ich umgekehrt – inzwischen war ich echt angepisst. Nach der logischen Stunde Rückweg gab es zum Frühstück erstmal den Rest Reis vom Vortag – um mich dann mit letzter Energie wieder an Josi zu versuchen. Es regte sich nichts, aber auch gar nichts. Ich hab’s sogar mit den Kraftschreien der Gewichtheber versucht, vergeblich. Vor lauter Frust, Hilflosigkeit, Müdigkeit, Verschwommenheit, Kaffeelosigkeit und Regen hab ich mir dann mal erlaubt, eine Runde zu heulen. Und genau auf diesen Moment hatte Mistkerl-Murphy nur gewartet, um die beiden entzückenden Jungs Victor und Cameron in ihrem 4-Wheeler auf der Bildfläche erscheinen zu lassen. Es war echt nicht zu fassen…

Die beiden kamen von einem ins Wasser gefallenen Bike-Trip zurück – der Weg war wegen des Regens gesperrt. Sie stellten Josi auf und hatten den Anstand, dabei zu ächzen. Dann boten sie mir an, mit mir zusammen bis zur 191 zu fahren. Das hab ich nur zu gern angenommen – ich fühlte mich so matschig, dass ich nicht für eine aufrechte Fahrt garantieren konnte. Dass der Untergrund, der vor uns lag, noch viel matschiger war als ich, ahnten wir alle nicht… Also fix George abgebaut und hinter den beiden her. Am Anfang war alles okay, der rote Boden ein bisschen matschig, aber machbar. Ich hab mir schon ein bisschen Erleichterung gestattet – wie naiv…

Der Boden wurde grau, der Matsch etwa 10 cm tief und so rutschig, dass selbst die Jungs in ihrem Truck hin- und herschlingerten. Wer jemals „Ghost – Nachricht von Sam“ gesehen hat, wird sich an die Töpferszene erinnern. So rutschig. Nichts ging. Das Mistzeug hat sich in die Profilrillen der Reifen gesetzt, sodass keines mehr vorhanden war. Und dann Schicht um Schicht aufgetragen, was die Reifen immer dicker und schwerer und nutzloser machte. Das war der Moment, in dem Josi zur Seite rutschte – ich weiß nicht, ob sie einfach weiterschlafen oder doch mal eine Schlammkur ausprobieren wollte. Die Jungs hielten an, wühlten sich durch den Schlamm zu uns durch, richteten Josi auf, wateten zum Truck und weiter ging es. Dieses Spielchen wiederholten wir etwa vier bis fünf Mal – und wer glaubt, dass zwischen den einzelnen Malen größere Strecken zurückgelegt wurden, der irrt. Wir reden von Metern im 10er-20er-Bereich. Nicht einmal haben die Jungs gemurrt, das war echt toll. Aber sie merkten in ihrem Truck ja auch, wie kacke das alles war. Nur ich kam immer mehr an meine Grenzen.

Irgendwann war klar, dass das Ganze keinen Sinn mehr ergab, zumal die Jungs ja sicher auch andere Pläne hatten. Es gab nur eine beschissene Lösung: Josi zurücklassen und irgendwie wieder in die Wildnis kommen, wenn der Weg befahrbar war. Allein die Vorstellung war schrecklich, aber ich sah keine andere Möglichkeit. Wir haben Josi an den Straßenrand geschoben, sie rutschte noch ein wenig, dann hatte sie ihren Platz. Sobald ich im Truck saß, war ich wie benommen. Warm, trocken, sicher, mit dem ganzen Mist (Life could be a lot better, too!) hinter mir – ich war ausgeschaltet. Victor machte geistesgegenwärtig einen GPS-Screenshot von Josis Standort und dann fuhren wir etwa 40 min zum nächsten Zivilisationspunkt: einer Tankstelle.

Dort wartete hinter dem Tresen schon der nächste Engel auf mich: Gary. Wunderbar durchgeknallt und ein Herz aus Gold. Er machte sogar ein Bild von mir für seine Gästewand 🙂

Gary und die Jungs verbündeten sich gleich, um mir zu helfen. Überlegten verschiedene Möglichkeiten, telefonierten Abschleppunternehmen durch. Aber das schien mir wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen – zumal die Kanonen ca. 300 Dollar kosten sollten. Als Gary mir von einem günstigen Motel in Green River 20 Meilen weit weg erzählte, zu dem er mich nach seinem Feierabend fahren könne, war die Sache für mich klar. Ich hätte an dem Tag nichts mehr leisten können, geschweige denn, nochmal da rauszufahren. Ich wollte duschen, wieder warm werden, schlafen und mich um Josi kümmern, wenn ich wieder fit und der Weg trocken war.

Mit Garys Hilfe fand ich das Robbers Roost Motel in Green River – günstig und perfekt. Sogar mit einer Badewanne, die ich selbstredend als erstes nutzte. Der rote Sand am Wannenboden kam übrigens nicht von mir, sondern von meiner Hose. Ob ich darin hätte lesen können, wann ich Josi wieder bei mir haben würde? In Ray’s Tavern hab ich mir einen ordentlichen Burger gegönnt – so langsam kamen die Lebensgeister wieder. Zumal es sogar Wein gab – und das im mormonengeprägten Utah!

Am nächsten Morgen konnte ich im fußläufig entfernten und wunderbaren Green River Coffee Co. ausgiebig frühstücken – ich hab aber auch echt viel Glück mit meinen Leib-und-Seele-Lokalitäten!

Weil ich seine Motorradkoffer spannend fand (Plastikkoffer mit Metallösen – wie ich es vor meiner Tour selbst lange überlegt hatte), kam ich mit John ins Gespräch. Pech, dass er nach meinem Motorrad fragte, so bekam er natürlich die ganze Geschichte zu hören. Ein bisschen Mitleid tat mir immer noch gut – auch wenn ich inzwischen mehrfach von Einheimischen gehört hatte, dass auf diesem nassen Lehm nichts und niemand fahren kann. John schlug vor, doch einfach mal nachzuschauen, wie weit man auf der Straße inzwischen kommt. Hmmm. Einerseits verlockend, andererseits hatte ich gerade gemerkt, wie gut mir zwei oder drei Tage Ruhe tun würden. Auch Gary hatte angeboten, mich rauszufahren, und/ aber er wäre erst zwei Tage später da.

Letztlich konnte ich der Möglichkeit, Josi so schnell wie möglich aus der Wildnis rauszuholen, nicht widerstehen. Und auch wenn die Sonne noch nicht so viel Zeit gehabt hatte, den Mistlehm zu trocknen, so hatte Johns Maschine eindeutig besser geeignete Reifen als Josi. Also sind wir rausgefahren – und tatsächlich durchgekommen! Der Weg war zwar noch nicht ganz trocken, aber befahrbar. Und Josi ordentlich eingesaut und eingetrocknet – aber in diesem Moment hab ich ihr alles verziehen 🙂

Ja, so war das. Und abgesehen von den zwei Stunden, die ich brauchte, um die Rillen in Josis Reifen vom verkrusteten Schlamm zu befreien und sie somit wieder fahrtüchtig und sicher zu machen, ist hier das gute Ende der Geschichte. Ich bin trotzdem noch eine weitere Nacht im Motel geblieben, habe am Abend noch einen Burger bei Ray und am Morgen einen leckeren Chorizo Burrito im Green Coffee gegessen und George die Sonne genießen lassen.

Und sollte ich mal wieder in den Schlamm fahren…

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Lourdes in Amerika

Dass meine Tour abwechslungsreich sein würde, war klar – aber mit manchem hatte ich dann doch nicht gerechnet 🙂

Damit zum Beispiel, dass ich  in Pennsylvania an einem katholischen Wallfahrtsort anhalten würde. Aber dieses goldene Megading, das ich zunächst für Jesus hielt, sah man schon von so unendlich weit, dass ich neugierig auf die Instanz war, die so viel Selbstbewusstsein demonstrierte, indem sie eine Statue der Demut aufstellt.

Also hin zu dem recht weitläufigen Anwesen, das hauptsächlich von Asiaten und Hispanics besucht war. Es gab eine Anlage für riesige Messen – und massenhaft Wassercontainer, die die Gläubigen für den Hausgebrauch füllen konnten.
Ein sehr rührender Moment war, als eine Frau ihrem alten Vater eine offenbar schmerzende Stelle auf dem Rücken mit dem gesegneten Wasser einrieb. Das haben die Katholiken den anderen Religionen voraus: mehr Körperlichkeit, mehr Ganzheitlichkeit.

 

Der Parkplatz zu dem Anwesen hatte übrigens eine Neigung, die jedem Weinberg Ehre gemacht hätte. Beim Parken ist Josi mir zweimal umgefallen. Angesichts der extremen Neigung schäme ich mich nicht dafür – aber vielleicht hätte ich es als Ungläubige als Zeichen verstehen sollen, der Anlage fernzubleiben? Die blauen Flecken auf meinem Luxuskörper erinnern mich täglich an diese Frage…

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Der Übernachtungsreport – Teil II

Der geneigte Leser des Übernachtungsreports Teil I (wie jetzt: nicht gelesen??? Das geht ja gar nicht! Hier isser!) mag sich fragen, warum ich so einen Aufwand betreibe und George nicht einfach auf einem Campingplatz aufstelle – da gehören Zelte schließlich hin. Jep, die Frage ist berechtigt, an dem Einwand etwas dran. Und ich habe es tatsächlich probiert:

7. Campingplätze

Allerdings waren die ersten Male herbe Enttäuschungen. Das lag zum einen daran, dass ich in der Ferien- und Haupturlaubszeit in einer der beliebtesten Regionen überhaupt unterwegs war – Pech. Eine Person, ein Motorrad, ein Zelt: 60 bis 124 Dollar. Da kommt Freude auf! Wenn man denn überhaupt reingelassen wird. Viele nehmen keine Motorradfahrer (vielleicht wegen der lauten Harleys?) und keine Einzelübernachtungen an. Da fühlt man sich so richtig willkommen… In einem State Park wurden morgens um 8 Uhr die Rasenmäher und die Rasenkantenschneider in Gang gesetzt. Bis 11 Uhr – ungelogen. IN EINEM STATE PARK!!!

Der „Campingplatz am Meer“ – aber Baden verboten

An einigen Plätzen, die mich genommen hätten, wollte ich nicht bleiben. Oft waren es regelrechte Eventzentren mit Bespaßung und Musik in jedem Winkel. Und/ oder an belebten Straßen gelegen und somit auch auf diesem Kanal schweinelaut. Ganz ehrlich: Schlecht schlafen krieg ich auch billiger.

In der letzten Woche aber wurde mein Glaube an Campingplätze durch zwei Plätze wiederhergestellt. Beide klein, beide ein bisschen schraddelig, sehr naturnah und beide mit vielen liebevollen Details von den – so vermute ich – Dauerbewohnern.

Der zweite Platz lag nicht nur nicht (!) an der Hauptstraße, sondern richtig weit weg davon. Gegen 18 Uhr sah ich das Schild „Lakeside Camping 5 mi“. Na gut, ich kann ja auch mal früh irgendwo sein. Aus der Hauptstraße wurde eine Nebenstraße, daraus eine kleine Straße, daraus ein Schotterweg, daraus ein Sandweg. Aus 5 mi wurden 3, dann 2, dann wieder 3, dann 1. Die wildesten Gedanken gingen durch meinen Kopf: „Wenn ich die Einzige da bin, drehe ich wieder um.“ – „Hier draußen überlebt doch niemals ein amerikanischer Campingplatz!“ – „Warum kommt mir hier niemand entgegen? Ist das etwa ‚Camping im Hotel California‘? ‚You can check in any time you like but you can never leave?'“

Irgendwann war ich da und wurde an der Schranke von der versammelten Campingplatzjugend beäugt. Und wieder ein wilder Gedanke: „Die sind doch irgendwie komisch. Alle. Bestimmt Inzest. Die Familien kommen bestimmt seit Jahren hierher…“ Wie dem auch sei: Der Campingwart (seit 30 Jahren – ich sag’s ja!) war sehr nett, mein Platz in Ordnung, der gesamte Platz total entzückend und der See, in den ich gleich gesprungen bin, ein Traum. Und alles für 27,95 Dollar. Heute morgen habe ich nach meinem Morgenplantschen sogar einen Kaffee abstauben können. Ach, manchmal ist es fein, ein blonde German girl zu sein…

8. Kirchen

Ach ja, die Kirche(n) und ich – eine never ending story. Ich hab ja schon ein wenig ein schlechtes Gewissen, die so zu nutzen (auszunutzen?), wo ich doch sonst nix mehr mit ihr zu tun habe. Ein bisschen wie die Leute, die kirchlich heiraten, weil es ach so schön ist – sonst aber nie da sind. Na gut, Weihnachten. Egal. Von einigen „kirchlichen“ Übernachtungen hatte ich ja schon erzählt. Die eine Nacht am Friedhof, in der ich gar nicht schlafen konnte. Die Nacht, in der Pastor Edward mich einlud, auf dem Sofa eines Gemeinderaumes zu schlafen.

Und nun eine Nacht im Schatten einer katholischen Kirche in einer Kleinstadt. Sie war echt massiv, der Parkplatz dahinter riesig.

Dann ein Grasstreifen – und in der Ecke, die am verstecktesten war, ein Müllcontainer. Nun ja, das ist wohl die Buße, die fällig ist. Als George steht, bin ich ganz schön stolz – das könnte klappen. Josi steht hinter dem Container, auch perfekt.

An eine Sache allerdings hab ich nicht gedacht – so ein Mist:

Katholiken. Messe um acht. Ächz…

Also früh raus, damit ich rechtzeitig weg bin. Hat auch alles geklappt – nicht mal die Polizei kam vorbei. Ich fühle mich vernachlässigt.

9. Von Starbucks bis zum Pub

Was sich beim Essen und Trinken so ergibt, ist echt witzig. Einiges hatte ich schon erzählt – von der Starbucks Gang zum Beispiel und von Lisa und ihrer Schwester Bonnie. Neu sind die spontanen Einladungen von Lisa und Donny, wobei letzterer im Grunde nicht anders konnte, als mir Unterschlupf zu gewähren.

Hier war angeblich kein Platz mehr frei…

Nachdem ich einen Tag in den wunderschönen und kurvenreichen White Mountains in New Hampshire verbracht hatte, war mir nach einem Besuch in Berlin (ein Kaff, aber was soll’s) und einem Wein. Also beschloss ich, dass ich in Berlin schon was zum Übernachten finden würde – der örtliche Pub war schnell gefunden. Inzwischen bin ich es gewohnt, dass die Gespräche verstummen (ungelogen!) und alle kurz gucken. Na gut, ein Mädel in Motorradklamotten mit einem Tankrucksack unterm Arm, in dem ein anzüglich grinsender Plüschbär steckt, ist ja auch was. Ein frisch-fröhliches „Hey there!“ und die armen Menschen sind erlöst und können weiter essen und reden. So auch hier und mit einigen Leuten an der Bar bin ich ins Gespräch gekommen und habe gefragt, wo hier vielleicht ein Fleckchen für mich und mein Zelt sein könnte. Und nach einer Weile meinte Lisa, ich sei auf ihrem Rasen willkommen. Total genial! Spannend war, dass es für sie auch ein Abenteuer war – „I’ve never done anything like that before!“ Nun, ich hoffe, ich habe mich so benommen, dass sie es wieder tun würde. Liebste Grüße, Lisa!

 

Auch Donny habe ich in einem Pub kennengelernt – allerdings wurde ich an ihn verwiesen. Im kleinen Kaff Thornton saß ich nämlich an einem Abend, wieder mit dem Entschluss, hier was zu finden. Der Gin Tonic ließ eindeutig darauf schließen. Ziemlich bald hab ich mitbekommen, dass sich alle im Raum kennen – großartig. Also bin ich zur Kellnerin, die sehr sympathisch wirkte, und hab sie gefragt, wer von den Anwesenden wohl Platz für ein Zelt auf seinem Grundstück hätte – ich würde dann fragen… Brauchte ich gar nicht. Sie zupfte am Ärmel des Typen, der mit ihrem Verlobten rumalberte – das war dann Donny. Also nicht der Verlobte – der andere. Und Donny ist ihr Nachbar und sie kennt ihn seit Jahren. Sicherer konnte ich also gar nicht sein. Donny hat mir dann aber quasi verboten, auf seinem Rasen zu zelten, und mir seine Couch zur Verfügung gestellt. Heaven… Und die Dusche am Morgen! Und der Kaffee! Thank you, Donny, that was great!

 

So, die letzen vier Übernachtungsarten kommen in einem neuen Artikel – so viel auf einmal will doch kein Mensch lesen. Außerdem muss ich mich so langsam auf die Suche nach einer Schlafstätte machen 🙂

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