Ich hab sie wieder!

Es wird höchste Zeit, die Berichts- und Bilderlücken zwischen Baltimore und jetzt zu schließen – sonst komme ich gar nicht mehr hinterher. Ich habe immer die Vorstellung, Zeit zum Schreiben zu haben, aber irgendwie kommt meist das Leben dazwischen und es passiert etwas Neues, das natürlich auch erzählt werden will.

Im Moment sitze ich z.B. in New York, es ist kurz nach 3 Uhr morgens. Josi steht in Sichtweite auf der 8th Avenue, in Spuckentfernung von Trump Tower und Central Park, während ich hier drin Kaffee trinke. Wie das passiert ist? Die facebooker unter Euch wissen es, alle anderen müssen noch ein wenig warten…

Zurück nach Baltimore, wo ich voller Hoffnung angekommen war, Josi fix aus dem Zoll zu holen und loszufahren. Ha, aber nicht mit den Amis. Wer glaubt, in Deutschland sei die Bürokratie schlimm, der sollte hier mal was regeln – unglaublich. Drei Tage habe ich damit verbracht, per Email Ping-Pong mit Zollbehörden, Agenten und was weiß ich mit wem noch zu spielen. Irgendwann hab ich einfach alles nur noch ausgedruckt, ausgefüllt, unterschrieben und zurückgemailt – ich hoffe, es werden jetzt keine siebzehn Kühlschränke in die Esmarchstraße geschickt…

Richtig schön (ohne Ironie) war der Trip zum Flughafen – da ist das Customs and Borders Office. Dort treffe ich eine Dame an, die zuerst wie der sprichwörtliche bad cop auftritt. Barsch und einschüchternd kündigt sie mir an: „Sit down there. We’re gonne spend some loooooong time together, lady. You’d better get your papers ready.“ Das alles ganz platt und breit – wie eine Flunder. Göttlich. Aber die drei Tage Papierkrams haben sich offenbar gelohnt – wir kommen fix und ohne Probleme durch und fangen sogar an zu quatschen. Ob ich Kinder hätte, wenn ich eine solche Tour mache. Nein? Gut. Ob meine Eltern Bescheid wüssten, dass ich mich hier umtreibe. Ja. Wirklich? Ja, wirklich.

Und dann habe ich sie einfach gefragt, was ihr größter Wunsch sei. Ich war gar nicht sicher, ob sie antworten würde – aber es kam wie aus der Pistole geschossen. Sie wolle an einem Herzinfarkt sterben – an nichts anderem. Ihre Schwester ist offenbar vor kurzem qualvoll an Krebs gestorben, deshalb sei das ihr einziger Wunsch. Sonst habe sie alles, was sie wolle. Ganz schön offen…

Nach der Rückkehr ins Hostel bin ich noch ein wenig rumgeschlendert, am Abend lecker türkisch essen gegangen und dann ins Bett gefallen. Nichts ging mehr…

Am nächsten Tag war es dann endlich, endlich, endlich soweit. Ich hab mir ein Taxi gegönnt, um einigermaßen fix zum Frachthafen zu kommen. Die Behörden dort haben nämlich nur von 9-11:30 und von 13-15 Uhr geöffnet. Das dazwischen ist die Mittagspause… Mit Taxifahrer Amin hatte ich wieder unglaubliches Glück. Er ist aus Pakistan, war ursprünglich nach Australien ausgewandert, hat dort einige Jahre gelebt und ist dann in die USA gekommen. Sein größter Traum? Mit seiner Frau und seinen drei Kindern durch Australien zu fahren – ihnen die Orte zu zeigen, die er so liebt.

 

Amin hat mich bis aufs Hafengelände begleitet, was für uns beide ein Heidenspaß war, denn eigentlich sind Taxen dort nicht erlaubt. Deshalb sind wir auch durch alle Kontrollen gekommen – keiner wusste, was zu tun war, jeder hat uns eine Station weiter geschickt. Leider war irgendwann Schluss, wir haben ein Return Ticket bekommen und Amin hat mich bei einem Escort(!)-Service abgesetzt, der befugt ist, das Hafengelände zu befahren. Und dann hatte ich sie endlich wieder, meine Josi… Unglaublich dreckig, aber unversehrt. Mit ihr vom Hafengelände zu fahren war einfach ein Traum.

Um nach diesem Tag ein wenig runterzukommen, bin ich in die Peaberry Library gegangen, die mir das Hostel empfohlen hatte. Ein echtes Kleinod, in dem jeder Hans und jede Franzi arbeiten kann. Wenn ich das früher gewusst hätte…

 

Beitrag teilen

Von Chester nach Baltimore

Customs and Borders Office

So, jetzt will ich Euch mal wieder auf den aktuellen Stand der Dinge bringen, bevor die Briefe aus der maritimen Vergangenheit Überhand gewinnen. Ganz aktueller Stand: Ich bin noch immer im Hostel in Baltimore, ich habe nun endlich – und hoffentlich – allen Papierkrams bewältigt, der zwischen mir und Josi lag, und ich krieg sie morgen nun hoffentlich Nr. 2 wirklich. Heute hatte das Hafenbüro schon geschlossen…

Was passierte nun zwischen dem Anlegen der „Independent Spirit“ in Chester und jetzt? Der Abschied vom Schiff und seiner Crew fiel mir nicht leicht – wurde mir aber von Tony versüßt. Der über 80-jährige Seemannsmissionar kommt immer an Bord, um die Crew mit Zeitschriften zu versorgen und bietet vielerlei Unterstützung an. In diesem Fall durfte er „this nice young lady passenger“ zu sich an Bord nehmen. Es dauerte ungefähr zwei Minuten, bis auch er sich als Biker outete – seine Harley „Bird“ ist wirklich schick. Motorradfahrer zeigen sich ja die Bilder ihrer Motorräder, wie Eltern sich die ihrer Kinder zeigen. Die Fahrt mit Tony war so witzig – seine Frau findet sich übrigens zu alt, um noch als Sozia mitzufahren. Konnten wir beide nicht verstehen – 80 ist doch kein Alter…

Tony fuhr mich zum Bahnhof in Philadelphia, von wo aus ich mit Zug oder Bus nach Baltimore weiterfahren wollte. Die Preise sprachen eindeutig für den Bus und der hatte seine Baltimore-Haltestalle an einer Mall außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes. Blöd, weil nun doch nochmal Taxikosten anfielen – aber der Fahrer Aladdin war es allemal wert. So jemanden habe ich noch nie erlebt.

 

Als der philippinische Taxifahrer hörte, dass ich Deutsche bin, verfiel er in absolute Schwärmerei für eine Carola Bürger, die Anfang der 90er auf den Inseln war. Die beiden verliebten sich ineinander, sie besuchte ihn drei Mal, er wollte seine Ausbildung fertig machen und dann nach Deutschland kommen und sie heiraten. Dazu kam es nie – er fand die Welt und andere Frauen zu spannend. Aber seit einigen Jahren sucht er nach Carola und ihren strahlend blauen Augen, seit Neuestem sogar über Facebook. Wer also eine Carola Bürger kennt…

Ich hab mich dann im Hostel eingerichtet, es waren witzige, aber auch anstrengende drei Tage. Die Kombination von lauter Musik, dem laufenden Fernseher, drei telefonierenden Leuten und den Gesprächen in der nahen Küche – die extra laut sein müssen, weil die Teppichreiniger im Haus unterwegs sind – ist nicht so ganz meins.

 

Gynsburgh hatte sich die Nächte mit mehreren anderen Frauen auch irgendwie anders vorgestellt und ist beleidigt. Aber wenn alles klappt, übernachten wir morgen schon woanders…

Beitrag teilen

Der letzte Tag auf See

Gerade bin ich aufgewacht – 8:30 Uhr, offenbar meine biologische Aufwachzeit (muss ich unbedingt meiner Chefin sagen, man soll ja mit dem Biorhythmus leben – dann ist man auch leistungsfähiger…). Ich trinke den löslichen Kaffee, den es hier an Bord gibt, und bin ein klein wenig melancholisch. Natürlich – es waren ja auch großartige zwei Wochen. Heute Abend gegen 20 Uhr werden wir Land sehen, dann kommt gegen 22:30 Uhr der Lotse aus Chester an Bord und führt uns in die Hafenanlagen.

Über Nacht werden schon Container ab- und neu aufgeladen, morgen dann die ganzen Formalitäten. Ein Zollbeamter kommt an Bord, um alles zu kontrollieren. Dann bin ich frei, mich nach Baltimore aufzumachen und Josi zu finden. Sie müsste in diesen Tagen ankommen oder ist vielleicht schon da – das erfahre ich, sobald ich wieder Internet habe. Also wahrscheinlich morgen, der für uns zuständige Agent kommt mit einem Modem an Bord. Luxus!

Wobei das Internet mir tatsächlich kaum gefehlt hat. Sicher, manchmal hätte ich mich über das Blinken einer neuen Nachricht auf dem Smartphone gefreut, aber das war’s auch schon. Hätte ich Netz und Facebook gehabt, hätte ich sicher mehr auf den Bildschirm geschaut als aufs Meer.
Die zwei Wochen Runterkommen und Ausschlafen waren Gold wert für mich; ich hätte mich gar nicht direkt aus Kieler Alltag in den Flug und ins Abenteuer stürzen können. Den Atlantik in seiner Weite zu erleben, war grandios. Mit den witzigen und entspannten Menschen zusammen zu sein, war perfekt – zumal sie ja arbeiten mussten und ich so genau die richtige Mischung aus Kontakt und Zeit für mich hatte. Natürlich wird das, was kommt, einmalig. Aber die Melancholie ist trotzdem da – was ja nur für diese zwei Wochen Frachtschiffreise spricht.

Nebenbei: Ich habe ein neues Urlaubsziel: Kroatien. Ein Teil der Crew ist ja kroatisch – und die Bilder, die sie mir von ihrem Land gezeigt haben, sind atemberaubend. Die Straßen sollen es für Motorradfahrer ohnehin sein.

Aber jetzt erstmal die USA. Irgendwie verrückt – die meisten Menschen, die ich treffen werde, sind schon da. Die Landschaften, die ich durchfahren werde – schon da. Fehle nur noch ich, um das Bild zu vervollständigen 😊. Vieles von dem, was ich erleben werde, ist schon angelegt – ich weiß nur noch nichts davon. Steinbeck schreibt, „dass wir eine Reise nicht unternehmen, sondern von ihr unternommen werden. Führer, Fahrpläne, Reservierungen, so ehern und unvermeidlich sie sind, zerschellen an den Eigenarten der Reise. Nur wenn er dies erkannt hat, kann der wahre Tramp sich entspannt dem Lauf der Dinge hingeben. Nur dann ist er gegen alle Frustrationen gefeit.“ (S. 8)

Ein paar Stunden später

Bah, ich sitze hier, die Sonne scheint traumhaft schön auf mein Plätzchen auf der Brücke und mir ist total übel. Die ganze Theorie ist ja gut und schön, auch Erfahrung ist nicht schlecht, aber nichts hilft gegen dieses verdammte Aufgeregtsein. In den nächsten zwei Stunden soll Amerika am Horizont erscheinen, in den Funksprüchen tauchen immer öfter Fetzen wie „Rhode Island“ etc. auf und so langsam kriecht die Erkenntnis in mich rein: Ich werde tatsächlich in Amerika ankommen. Das ist so krass…

Dann mache ich mich auf die Suche nach meinem sonnengelben Motorrad und dann… geht’s noch nicht los. Glaub ich. Vjekoslav, der Chief Officer fragte mich vorhin, ob ich denn gleich „the road hitten“ würde, und ich hab gemerkt: Nein. Ich muss erstmal auf dem Festland ankommen, die Seereise abschließen, bevor die Motorradreise anfängt. Und eben Josi abholen. Vielleicht werde ich irgendwo übernachten, den Abend ruhig bei einem schönen Cocktail verbringen und auf die Karte schauen. Und dann am nächsten Morgen los. In den gedachten Sonnenaufgang – den echten schaffe ich Faultier nicht.

Beitrag teilen