Mit Herzklopfen in die Vergangenheit II

Nach meiner Fastverhaftung begebe ich mich also brav in Richtung Treffpunkt für die Führungen. Unterwegs schaue ich natürlich nach links und rechts – es gibt einfach so viel zu entdecken. Im frischen Frühlingsgrün blitzt überall roter Backstein auf, mal einfache Mauerreste, mal halbe Wände, mal komplette, aber verfallende Häuser. Die gesamte Anlage ist einfach beeindruckend – wie wunderschön muss diese Lungenheilstätte, die eine der größten und fortschrittlichsten der Welt war, damals gewesen sein!

Ich hab großes Glück – auf mich und ein paar andere Interessierte wartet Irene Krause. Unglaublich, was diese Frau über die Heilstätten weiß. Seit Jahrzehnten beschäftigt sie sich mit der Anlage; ihr Wissen und ihre Begeisterung sind in jedem Wort spürbar. So hat sie zum Beispiel hunderte Postkarten aufgestöbert, die Personal und Patienten an ihre Angehörigen geschickt haben. Und so kann sie ihre Berichte mit Details aus dem damaligen Alltag füllen – wie die Suppe schmeckte oder welche Techtelmechtel es gab. Wenn Ihr mal eine Führung durch die Heilstätten machen wollt, dann nur mit ihr!

Zunächst führt Frau Krause uns durch einige Wirtschaftsgebäude auf dem Gelände. Die Heilstätten verfügten über eine komplett autonome Infrastruktur mit Bäckerei und Fleischerei, Werkstätten und Waschküchen – sogar ein eigenes Postamt gab es. Und von allem kann man Reste entdecken.

Die 200-Hektar-Anlage hatte eines der ersten kombinierten Fernheiz- und Elektrizitätswerke der Welt. Über ein zehn Kilometer langes, unterirdisches Kanalnetz versorgte dieses Werk das gesamte Gelände mit Strom, Wärme und Wasser. Für die lungenkranken Patienten ein riesiger Vorteil: Ihre Zimmer mussten nicht mit rußenden Öfen beheizt werden.

Ein riesiger Vorteil auch für die Schlawiner, die später alles potentiell Wertvolle vom Gelände und aus den Gebäuden klauten: Sie konnten ihre Diebestouren bequem und unsichtbar durch die unterirdischen Gänge erledigen.

Natürlich ist es verlockend, die Gebäude auch von innen zu entdecken. Leider ist das aus Sicherheitsgründen verboten – lediglich im Rahmen einer Führung darf man einige wenige Häuser betreten. Wer mich kennt, weiß, dass ich gerade Ersteres nur schwer aushalte…

Aber ich bleibe – noch – brav bei der Gruppe, immerhin will Irene Krause mit uns in eines der ehemaligen Behandlungsgebäude gehen. Sie lotst uns auf die Mittelstraße, um uns zu dem Gebäude ihrer Wahl zu führen.

Aber… Moment mal… das Gelände, zu dem wir gehen, kommt mir bekannt vor … oh nein… der Zaun auch … und erst der Sicherheitsmann…  Er naht, schließt das Tor auf und lässt uns rein – und wir sind tatsächlich auf dem Gelände, in das ich vorhin eingestiegen bin!

Frau Krause und der Sicherheitsmensch begrüßen sich, er begrüßt die Gruppe, und wir zwei begrüßen uns lächelnd mit „Wir kennen uns.“ Puh, alles easy. Aber er war ja auch vorhin schon nett.

 

Und dann geht es endlich in das Gebäude hinein.

Rechts im Bild ist die Irene!

Es ist atemberaubend – ich weiß gar nicht, wo ich mit dem Staunen anfangen soll. Riesige, hohe Räume, alles lichtdurchflutet, die ursprünglichen Fliesen von Villeroy & Boch, zauberhafte Details und überall Weite, Licht, Luft. Ich kann mir vorstellen, dass Lungenkranke hier automatisch besser atmen.

Gerade bewundere ich den schön gestalteten Wasserspender, als eine Stimme nah an meinem Ohr flüstert: „Wenn Sie sich jetzt beeilen, können Sie oben in den Gymnastikraum schauen!“ Ungläubig drehe ich mich um – der Sicherheitsmensch! Er lächelt, nickt und sagt: „Machen Sie fix! Ich weiß ja, wo die jetzt langgehen – da ist nicht viel zu sehen!“ Ich knutsche selten fremde, alte Männer ab, aber diesmal kann ich der Versuchung kaum widerstehen. „Die Treppe hoch und dann nach rechts!“

Also flitze ich los, so leise und unauffällig es aufgeregt eben möglich ist. Und finde mich in diesem Saal wieder, ganz allein. Am liebsten möchte ich einfach stehenbleiben und gucken und riechen und atmen. Und weil mich niemand davon abhält, tue ich eine Weile genau das.

Jetzt zu behaupten, man könne noch den Schweiß der Patienten riechen, geht wohl etwas weit, aber ein wenig fühle ich mich doch wie in einer anderen Welt.

So, fix wieder runter zu den anderen – ich will ja nix Schönes verpassen.

Auch das Badehaus ist atemberaubend – Architektur und Atmosphäre wunderschön. Ich bin überzeugt davon, dass Schönes die Seele streichelt und damit auch dem Körper gut tut. Wenn man bedenkt, wie eng, laut, rußig, dreckig und stinkend Berlin und vor allem viele Arbeitsplätze damals waren, muss ein Aufenthalt in den Heilstätten das reinste Paradies gewesen sein.

Noch etwas Wissen: Ende des 19. Jahrhunderts war es vor allem die Tuberkulose (= Schwindsucht, weil der erkrankte Mensch rasend schnell Gewicht verliert und dahinschwindet), die in den engen Gassen der Städte Hunderttausende umbringt. Jeder dritte Todesfall und jede zweite Arbeitsunfähigkeit war eine Folge dieser Volkskrankheit. Und obwohl Robert Koch den Erreger schon 1882 identifiziert hatte, dauerte es noch ewig bis zur Entwicklung wirksamer Medikamente. Man setzte erstmal auf Ruhe, frische Luft und gesundes Essen.

An Überleben und Gesundung der Infizierten war vor allem die Berliner Landesversicherungsanstalt (LVA) interessiert – ihre Sorge, Berlin könnten die Arbeiter wegsterben, war so unberechtigt nicht. Also veranlasste sie 1898 den Bau der Heilstätten. Weit genug weg von Berlin, um die Krankheit nicht vor der Nase zu haben, nah genug, um eine Anbindung zu gewährleisten. Und eben mit Krankengebäuden, die kleinen Palästen glichen.

Die Führung ist vorbei, Irene Krause entlässt uns. Hab ich schon gesagt, dass eine Heilstättenführung nur mit ihr in Frage kommt?

Auch wenn die Führung zu Ende ist, muss Josi trotzdem noch etwas auf mich warten. Ich habe vor, das alte OP-Gebäude zu erkunden. Ein Unterfangen, das mich Blut, Schweiß und Tränen kosten wird – im wahrsten Sinne der Worte.

Der Weg dorthin hat noch ein Leckerli für mich: das Gebäude, in dem der grandios-absurde Film „Men & Chicken“ mit dem immer göttlichen Mads Mikkelsen gedreht wurde:

Roman Polanski hat in den Heilstätten einige Szenen zu „Der Pianist“ gedreht (ich wage nicht zu behaupten, dass dies das Filmklavier ist) …

… und natürlich entstanden noch weitere Filme hier.

 

Jetzt will ich aber endlich in das OP-Gebäude. Natürlich ist es gerade für Besucher gesperrt – hoffentlich lande ich nicht doch noch hinter Gittern…

Der nächste Bericht wird’s zeigen!

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Mit Herzklopfen in die Vergangenheit I

Wer immer auf der richtigen Seite des „Betreten verboten“-Schildes stehenbleibt, sollte diesen und die kommenden Artikel nicht lesen. Wer Freude an Entdeckungen hat, auch wenn sie nicht immer einfach und/ oder legal zugänglich sind, hingegen schon. Also, bitte kurz überlegen…

Schon immer wollte ich die Beelitzer Heilstätten bei Berlin sehen, atmen, entdecken und fotografieren. Der marode Charme des 1898 errichteten Heil- und Kurorts für Tuberkulosekranke hatte mich schon auf Bildern total fasziniert – da wollte ich auch hin. Auch wenn ein Großteil des Geländes und der über 60 (!) Gebäude entweder bis zur absoluten Gefährdung verfiel oder inzwischen von unterschiedlichsten Investoren aufgekauft und gesperrt worden war – z.T. mit Bewachung, wohl wegen Leuten wie mir.

Es gibt Menschen, die es lieben, verlassene Orte (lost places) zu erkunden und auf Fotos einzufangen. Ich gehöre dazu. Grundsatz ist dabei immer „Nimm nichts mit als Fotos, hinterlasse nichts als Fußspuren“. Deshalb ist mein schlechtes Gewissen da relativ ruhig. Und weil klar war, dass das Gelände in den kommenden Jahren nach und nach aufgekauft, saniert und damit komplett verwandelt würde, hätte mich auch kaum jemand von dieser Reise in die Vergangenheit abhalten können.

Nun also bin ich da. Es ist Juni, die Sonne scheint, aber es ist nicht zu heiß – perfekt. Ich fahre auf Josi die Hauptstraße entlang, die das riesige Gelände in West- und Osthälfte teilt. Im Westen wurden die Männer behandelt, im Osten die Frauen – gemischt war da gar nix (Quelle der Karte).

Eine weitere Teilung gab es in Nord und Süd: im Norden noch ansteckend, im Süden nicht mehr. Da fühlte es sich eher wie auf Thomas Manns Zauberberg an – Reihen von Liegestühlen, geschützt vor Sonne und Regen. Und selbstredend terrassenförmig angeordnet, damit auch die hinteren Reihen sehen können, was so passiert.

 

Ein Grundstück mit drei riesigen, natürlich halb verfallenen Häusern ruft mich zu sich – was soll ich machen? Oder ist es doch die Statue des Sowjetsoldaten? Einmal Ossi, immer Ossi… Ich parke Josi ordnungsgemäß am Straßenrand (ich kann ja, wenn ich nur will) und checke die Lage.

Tolle Gebäude, offenbar große Säle mit riesigen Fenstern – das geradeaus war bestimmt mal ein Sportsaal. Das hab ich auf einem Foto gesehen – da will ich rein!

Leider scheint ein Wachmann dafür eingestellt zu sein, genau das zu verhindern. Mist. Er hat sein Häuschen vor dem rechten Haus, ich könnte also vielleicht ganz unauffällig an der Straße am Haus vorbeigehen…

… dann, wenn ich sicher aus Sichtweite bin, über den Zaun (dessen Maschenweite exakt meinen Turnschuhen entspricht – ein Zeichen!)…

… dann hinter dem Gebäude entlang…

… in Richtung Zielobjekt. Und natürlich alles ganz leise. Die Äste knacken schon laut genug, wenn man versucht, kein Geräusch zu machen. Draußen und an den Zäunen waren überall Schilder „Videoüberwachung“ & Co., aber daran glaube ich nicht. Wer verlegt denn hier Kabel, um das ganze Gelände mit empfindlichen Kameras auszustatten?! Niemand, genau.

Dafür gibt’s schließlich Bewegungsmelder… Batteriebetrieben, nehme ich an. Und natürlich geht eines der Dinger los, gerade als ich zwischen dem rechten Gebäude und meinem Zielhaus bin. Schöne Scheiße. Ich stehe wie angewurzelt zwischen zwei Bäumen, aber eigentlich muss der gute Wachmann mein Herz klopfen hören, als er in meine Richtung kommt. Plötzlich scheint er von der anderen Seite ein Geräusch zu hören, dreht sich um, wartet. Und geht schließlich zurück. Klar – hier springen bestimmt jede Menge Tiere rum, die alle naselang den Alarm auslösen.

Und was mach ich jetzt? So nah am Ziel! Aber ich will es nicht riskieren – wenn er mich doch noch erwischt, hat er mit Sicherheit richtig schlechte Laune. Ich nehme es also sportlich: Diese Runde hab ich verloren. Ich gehe zum Wachmann, der nicht schlecht guckt, sage ihm, dass ich den Alarm ausgelöst habe. Natürlich leiert er seine Verwarnungen runter, dirigiert mich aber gleichzeitig schon unauffällig in Richtung Ausgang. Als er hört, dass ich allein unterwegs bin, kommt ein staunender Seitenblick. Als klar wird, dass ich jetzt auf dieses Motorrad steige, ist das Eis gebrochen. Er empfiehlt mir zum einen die Führungen durch das Gelände – und dann noch zwei Stellen, an denen ich „halblegal“ unbehelligt rumstromern und fotografieren kann. Unglaublich.

Wir verabschieden uns, ich mache noch schnell ein heimliches Foto und mache mich auf zur Führung. Mal sehen, was die zu bieten hat.

Tatsächlich werde ich meinem Wachmann schon in etwa einer Stunde wiederbegegnen – aber das erzähl ich beim nächsten Mal :-).

 

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Charmant bis zum Horizont

Werder an der Havel ist ein entzückender Ort im Havelland. Auch hier viel Wasser, viel Grün, viele süße Häuschen und kreative Lädchen, überall Dinge, die einen zum Lächeln bringen.

 

 

… hier kann man aus dem Rahmen fallen…

 

… und offenbar auf extrem sportliche Hunde treffen.

 

Humor haben sie auch.

 

Auch bei Starkregen schön.

 

Na, wie wär’s?

 

Love is in the air…

 

… and to our feet.

 

Hier ist doch auch was im Busch.

 

Oder eher im Wasser.

 

Hier ist frei.

 

Und hier hoffentlich auch.

 

Hier ganz offensichtlich.

 

Und so schön enden die Tage in Werder an der Havel…

Im nächsten Beitrag geht’s dann in die Heilstätten Beelitz – ich sag Euch: Ein Leckerbissen!

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Ein Paradies vor der Haustür…

… eines von vielen, die wir hier in Deutschland haben. Sicher, im Havelland gibt es keine Berge oder dramatischen Schluchten, dafür aber Weite, viel (noch) ungestörte Natur, massenhaft Mohn- und Kornblumen, Wasser ohne Ende, wohltuende Stille, Obstbäume, Obstbäume, Obstbäume und weniger Menschen als woanders, die aber dafür richtig entspannt. Wem das jetzt zu ruhig klingt, dem sei gesagt, dass Berlin, Potsdam und Brandenburg nur eine halbe Stunde entfernt sind. Ehrlich.

Der Beweis: Potsdam.

Ich hab bisher nur einen kleinen Teil des Havellandes kennengelernt, aber man ahnt vielleicht schon, wie sehr ich es dort mag. Theodor Fontane (ja ja, was zusammengehört…) übrigens auch: Sein Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland  lebte hier (und ein Nachfahre lebt noch immer auf Gut Ribbeck), Effi Briest ist hier aufgewachsen und Fontane selbst ist hier auf seine Wanderungen durch die Mark Brandenburg gegangen. Im entzückenden Örtchen Caputh hatte Albert Einstein vier Jahre lang seine Sommerresidenz, weil es hier einfach so schön war. Das Havelland lohnt sich also – drei große Geister können nicht irren.

 

 

 

Wer mich kennt, weiß, dass das kein Morgennebel ist.

 

Fähren gibt es natürlich jede Menge…

… auf so manchen Fährnamen (Hintergrund) muss man einfach genussvoll anstoßen.

 

Das schönste Mittagschlafplätzchen gehört mir.

 

 

 

 

Soljanka – wie früher…

Außerdem gibt es viele lustige Sachen im Havelland, wie z.B. Toiletten für Hunde, die entweder auf Stelzen unterwegs oder Meister im Hochsprung sind:

Aber davon gibt’s beim nächsten Mal mehr – bis dahin lasse ich Euch mit den Hundebildern im Kopf allein.

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Havelland?!?

So manch einer wird denken: Havelland? Muss ich da hin? Reicht es nicht, wenn ich das als Rentner mache – wenn überhaupt?

Nein, tut es nicht! Es ist wunderschön dort – für Motorradfahrer, für Radfahrer, für Wanderer zu Lande und in Booten.

Man atmet tiefer ein und aus als woanders – und kann ’ne Menge entdecken. Das fängt bei Einsteins Sommerhaus an, geht über den Birnenbaum, von dem der Herr Ribbeck damals die Birnen gepflückt hat, und hört bei den verwunschenen Beelitzer Heilstätten noch lange nicht auf.

2016 war ich ein paar Tage dort – und vielleicht machen die in den kommenden Tagen folgenden Bilder und Berichte Euch ja Lust auf eine Tour vor der Rente!

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Seemannsgarn und Globetrotter

Ach, ja…

Schön war es, das Ofengespräch der Berliner Globetrotter am gestrigen Freitag. Eine spannende Runde von Motorradreisenden war ins bezaubernde Apfelhotel in Werder (Havelland) gekommen, um von ihren Reisen zu erzählen, zu hören und sich inspirieren zu lassen. Sogar der Dicke (ich meine Gynsburgh) war zufrieden, als er erstmal sein Plätzchen gefunden hatte.

Der Kamin brannte (na gut, es war ein Monitor, aber egal), während wir Grünkohl in uns hineinstopften, der sogar unseren norddeutschen Ansprüchen genügte. Bestens versorgt mit köstlichen Getränken ging es dann via Fotoshow erst mit Patrick und Jana nach Alaska und dann mit mir – ja, und Gynsburgh – über den Atlantik und durch den Ostteil der Staaten.

Wir haben viel gelacht, viel geträumt und so manchen Tipp (Bärenspray!) und so manche Idee (übernachten im Truck) mitgenommen – JETZT DARF AUCH BITTE DER FRÜHLING KOMMEN!!!

Wir sind bereit. Immer.

Danke an alle Beteiligten – ich freu mich sehr auf das nächste Mal!

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