Laura’s Dream

Laura habe ich in einem schnuckeligen Diner nördlich von Ogden, Utah, kennengelernt. Nachts herrschten inzwischen Temperaturen um 0°C – für mich nicht unbedingt eine Einladung zum Zelten. Trotzdem hätte ich es getan – der Inhaber des Diners hatte mir seinen Innenhof angeboten.

Mit Lauras Mom.

Plötzlich kam ein „You can sleep on my couch!“ von links – dort saß Laura. Aus dem Nichts bot sie mir die Couch in ihrem Apartment an, in das sie erst einige Tage zuvor eingezogen war. Ich habe bei ihr ganz wunderbar geschlafen und ich freu mich sehr, dass sie mich und Euch an ihrem größten Traum teilhaben lässt:

„My biggest dream is to start an organization that provides housing, education, and developmental opportunities for children in foster care where they can progress and be better prepared for their future in an environment that is supporting and loving.“

Dass Laura fürsorglich ist, habe ich selbst erlebt – neben ihrer Badewanne konnte ich noch allerlei Beautyprodukte ausprobieren, während sie mit einer Freundin unterwegs war.

Vertrauen und Fürsorge – danke für beides, Laura, und von Herzen alles Gute für Deinen tollen Traum!

 

 

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Gesammelte Erkenntnisse

Seit meiner Rückkehr werde ich immer wieder gefragt, ob ich während meiner Tour etwas Wichtiges gelernt, ob ich große Erkenntnisse gehabt hätte. Am besten natürlich über mich.

Augenblicklich meldet sich mein schlechtes Gewissen – denn das habe ich nicht. Habe ich etwas falsch gemacht, etwas verpasst? Muss ich am Ende nochmal los?

So schön diese Variante auch wäre, so fallen mir dann doch einige Dinge ein, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe. Wie groß oder wie klein diese sind, wird sich zeigen.

So ist mir – neben meiner grenzenlosen Verwunderung darüber, wo um alles in der Welt dieses halbe Jahr geblieben ist – immer wieder klargeworden: Fast jeder Mist bringt auch was Gutes. Ohne die Schneestürme in Wyoming und die Waldbrände in Montana hätte ich nicht diese traumhafte Fahrt durch das atemberaubende Colorado erlebt. Und ich hätte in Utah nicht das Erfolgserlebnis gehabt, Josi mit Hilfe eines gebuddelten Lochs zum ersten Mal überhaupt allein aufzurichten.

Aber nur fast jeder Mist bringt auch Gutes. Manchmal ist Scheiße auch einfach nur Scheiße. Man kann und muss nicht alles schönreden. Scheiße darf man auch mal „Scheiße“ nennen – vielleicht noch „schöne Scheiße“. Gilt auf Reisen genauso wie Zuhause.

Ich bin gelassener geworden – mit Blick auf die Zukunft im Allgemeinen und mit Blick auf kritische Situationen. Es gibt so viele mögliche Lösungen und nicht nur die eine, die gerade vor unseren Augen zerfällt. Quer denken, neben der Spur – das bringt einen erstaunlich weit. Und erstaunlich viel Spaß.

Wenn gar nichts mehr geht, tauchen tatsächlich Helfer auf – woher auch immer. Erklären kann man das nicht. Man muss reisen, um es zu erleben. Man muss es erfahren.

Ich hatte schon immer ein eher positives Bild von Menschen. Auch in den Staaten habe ich erlebt, dass es ganz viele von ihnen gibt. Und dass sie noch viel offener, großzügiger und herzlicher sind, als ich mir vorstellen konnte.

Das Unterwegssein hat mich viel weniger angestrengt als erwartet. Das allabendliche Suchen nach einem Schlafplatz fast gar nicht. Überraschend schnell war das Vertrauen da, dass ich schon etwas Geeignetes finden würde. Dieses Vertrauen führte so weit, dass ich auch mal abends um acht an einem möglichen Schlafplatz vorbeigefahren bin, weil er mir nicht gefiel und/ oder es sich nicht gut anfühlte.

Lincoln, Nebraska: Zwischen Bibliothek und Schule – und keiner hat’s gemerkt

 

Es gibt eine Reihe kleiner, praktischer Dinge und Angewohnheiten, die mich unterwegs begleitet haben:

  • Duschen, wann immer es geht. Und sei es in der Trucker-Dusche an einer InterState-Kreuzung. So kann man vermeiden, beim Baden in Meer oder See gefragt zu werden, ob das denn nicht schon an Umweltverschmutzung grenze…
  • Servietten aus Restaurants mitnehmen, wann immer es geht. Die zweilagigen Taschentücher in den Staaten sind doof. Vom einlagigen Klopapier ganz zu schweigen.
  • Eine Wärmflasche ohne heißes Wasser wärmt nicht.
  • In Pubs kann man Wärmflaschen auffüllen lassen.
  • Beim wilden Campen: Klamotten abends immer richtigrum drehen – dann hat man sie schneller an, wenn nachts die Polizei draußen steht.
  • Die Polizei ist freundlich, auch in ungewöhnlichen Situationen. Wobei es sicher hilfreich war, dass ich ein blonde German girl on a bike war.

Nachts auf dem Vorplatz des Capitols, Washington

 

  • Wenn man abends im Dunkeln im Zelt Dinge ordnet: Helles auf Dunkles und Dunkles auf Helles legen. Gilt für Dinge, die man auch ohne Licht schnell wiederfinden will, wie z.B. Flaschendeckel, Tabletten, Kontaktlinsenbehälter (Licht ist bei heimlichem Campen nicht immer ratsam 😉).
    Immer, wenn ich die Sachen so geordnet habe, fühlte ich mich leicht zwanghaft.
    Immer, wenn ich den Krams problemlos im Dunklen fand, musste ich grinsen.
  • Waschbären sind laut. Immer.
  • Spinnen sind leise. Immer.
  • Erst das Zelt aufbauen, dann Wein, Margarita oder Mojito trinken. Is besser so – und eindeutig eleganter.

Tatsächlich habe ich doch noch drei Dinge über mich gelernt bzw. bin bestätigt worden:

  • Ich mache auch auf Reisen nicht regelmäßig Sport.
  • Ich bin keine Frühaufsteherin. Nicht einmal, wenn ich im Zelt schlafe.
  • Ich schlafe fast überall gut.
  • Ich will gut essen – aber nicht kochen.

Diese Dinge sind einfach so – Punkt. Jeder Versuch, das zu ändern, setzt mich unter Stress, verdirbt mir den Spaß und ist letztlich auch unnötig. Für mich funktioniert das Reisen so besser. Dann wird eben an den Unterkünften gespart, aber nicht am Essen. Geht alles – man muss nur gnädig mit sich umgehen. Und sich gönnen, in der Nähe des Morgenkaffees zu campen.

~ ~ ~

Das Spannendste war jedoch tatsächlich das Thema „Hilfe“. Ich habe gemerkt, dass es mindestens drei Stufen des Themas gibt und nicht nur zwei:

  • Stufe 1 – Hilfe annehmen
    Die Amis sind unglaublich hilfsbereit. Und wenn sie sehen, dass jemand ihre Unterstützung gebrauchen könnte, fragen sie nach. Und helfen. Ohne Erwartung einer Gegenleistung. Vielmehr leben sie nach dem Prinzip Pay it forward – eine schöne Maxime. Ein Gefallen soll nicht zurückgezahlt werden (to pay sth back), sondern forward, vorwärts an den nächsten, der es gebrauchen kann. Hilfe annehmen konnte ich ziemlich gut – schließlich hatte der andere sie ja angeboten.
  • Stufe 2 – Um Hilfe bitten
    Das war schon knackiger, zumindest zu Beginn. Da meine finanziellen Mittel begrenzt waren, wollte und konnte ich nicht jede Nacht in einem Motel, Hostel oder auch nur auf einem Campingplatz schlafen – letztere kosten auch gern mal zwischen 40 und 72 (!) Dollar. Also habe ich so oft wie möglich nach schönen Plätzchen für mein Zelt George geschaut und dafür immer mal bei Menschen geklingelt, um mich mit ihrer Erlaubnis in ihrem Vorgarten breit zu machen. Oder bei einer Kirche, um irgendwo drinnen zu übernachten. Und was soll ich sagen? Ich bin zwei Mal abgewiesen worden, nicht öfter. Und auch das war okay, schließlich kam meine Anfrage ja ohne jeden Anspruch. Und so konnte ich sie denn auch gut annehmen – das zu erhalten, worum man gebeten hat, ist ein tolles Gefühl.
  • Stufe 3 – (Viel) mehr bekommen als man erbeten hat
    Das war schwer. So habe ich bei 2 Grad Außentemperatur in einer Kirche gefragt, ob ich in einer Ecke drinnen mein Lager aufschlagen könne. Alles, was ich wollte, waren Wände und ein Dach. Aber nix da – das Übernachten auf dem Kirchenboden wurde als inakzeptabel eingestuft. Stattdessen sammelte der Pastor (Harley-Fahrer 😊) spontan Geld bei den anwesenden Gemeindemitgliedern, quartierte mich in einem sehr guten Motel ein und drückte mir die restlichen 40 Dollar in die Hand. Es gab einige dieser Situationen und am Anfang war es mir echt unangenehm. Erst nach einer Weile habe ich begriffen: Auch diese Menschen sind alt genug zu entscheiden, ob und wie sie mir helfen wollen. Und ein zweiter Aspekt war immer wieder hilfreich: Mir vorzustellen, wie gut sich das Helfen im umgekehrten Fall anfühlen würde. Denn wenn jemand helfen möchte, gewinnen letztlich beide Seiten.

Lisa und ihre Schwester Bonnie haben mich nach einem Restaurantplausch in ihr Gästezimmer eingeladen – Gynsburgh fand die beiden auch toll (Niantic, Connecticut)

Na, es ist ja doch einiges zusammengekommen, auch wenn es nicht die riesigen Erkenntnisse sind. Aber ich bin ja auch keine 20 mehr (ehrlich!) und hab mit 42 doch schon einiges gelernt – vor allem über mich.

Ich weiß, dass eine Managerkarriere mich nicht glücklich macht. Etwas mehr Geld wäre immer schön, aber reich sein muss ich nicht.

Solange ich eine sinnvolle Beschäftigung habe, genug Zeit für mich und für meine Herzensmenschen, fürs Motorradfahren, Genießen und zum Schlafen, bin ich glücklich.

Wie las ich vor einigen Tagen?

Man ist reich, wenn’s reicht.

Wenn das keine gute Erkenntnis ist, dann weiß ich auch nicht…

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Driving home for Christmas

Ich bin zuhause. Und es ist gut.

Drei Tage auf den Florida Keys haben mich versöhnt. Ich konnte – legal! – ohne Helm über die vielen langen und kurzen Brücken dieses Paradieses fahren, wie ich es mir schon seit Jahren vorgestellt habe…

… noch ein wenig Restbräune mitnehmen, zweimal allein an einem (leider noch hurrikanverwüsteten) Strand zelten…

… und hier auch, quasi an meinem Privatstrand, im Atlantik baden:

Nur der Dicke ließ sich nicht dazu bewegen, ins Wasser zu gehen – aber er ist ja auch so dekorativ genug.

Die Keys waren der perfekte Abschluss für mich. Danach hieß es, nach Miami fahren und Josi für ihre Überfahrt abzugeben. Ich wusste, es würden gute Hände sein – schließlich hantieren diese vorrangig mit Traumautos. Kurz habe ich überlegt, mich über Nacht in der Halle einschließen zu lassen – aber da waren überall Kameras…

Dann hieß es freilich, ohne Josi zum 12,3 km entfernten Flughafen zu kommen. In meiner energisch-deutschen Euphorie bin ich erstmal zu Fuß los – 14 kg Gepäck hatte ich auch schon auf dem Jakobsweg getragen, und zwar 974 km weit. Dass dieses Gepäck damals in einem tollen Rucksack und nicht in zwei Schlenkertaschen, ich damals Wanderschuhe und keine Motorradstiefel getragen habe und ich vor allem fast 20 (krächz…) Jahre jünger war, fiel mir dann so Schritt für Schritt ein. Eben die Erkenntnisse, die man beim Laufen so hat. Geld für ein Taxi wollte ich nicht ausgeben, Trampen klappte nicht – blieb also nur, Polizisten, die gerade an einer Ampel warteten, um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten. Hat geklappt! Was soll ich sagen: Die Polizisten in den USA sind super – das belegt meine Quer-durch-alle-Staaten-Analyse ganz eindeutig.

Die Wartezeiten auf den Flughäfen in Miami und Brüssel habe ich mir mit der letzten Handwäsche der Saison…

… und allerlei Beobachtungen versüßt:

Käse mit Brie-Geschmack…

So richtig absurd war, dass Menschen 15 Dollar dafür bezahlen, ihre stabilen und robusten Koffer, die zur Unterscheidung von anderen Koffern verschiedene Designs haben, mit einer Plastikfolie zu umhüllen, die den Koffer vor Reisespuren schützt und ihn optisch an hunderte andere angleicht, so sie derselben Prozedur unterzogen wurden. Und das nicht nur in blau bei den verrückten Amis…

… sondern in grün auch bei den Belgiern:

Bescheuert. Und aus Umweltsicht unerträglich.

Jetzt bin ich zuhause. Wurde von meinem Liebsten am Flughafen abgeholt, habe Badewanne und Kuschelbett genossen – Letzteres 13 Stunden lang. Tja, gekonnt ist gekonnt! Ich bin noch nicht ganz sicher, wie es ist, wieder hier zu sein; bisher tut es jedenfalls noch nicht weh.

Naja, nicht mir. Der Dicke leidet schon – unser kleiner Schwarzfußcowboy muss sich an den Gedanken gewöhnen, doch bald ein Bad zu nehmen…

Ich gehe mir jetzt in Kiels schönster Straße etwas Weihnachtsstimmung holen – die Deko in den USA war dazu nicht gerade angetan. Obwohl… Dieser Weihnachtsmann an einem Strand am Golf von Mexiko war schon süß, oder?

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Die Freuden des Campens

Endlich! Endlich! Endlich! Endlich konnte ich wieder zelten ohne zu frieren!

Vor wenigen Tagen habe ich allen Ernstes Frost im Norden Floridas erlebt – oder mitgebracht??? Ganz offensichtlich hatte ich von „überwintern in Florida“ bisher eine komplett falsche Definition… Interessanterweise bin ich aber nur zweimal kurz aufgewacht, habe George angehaucht, mich tiefer eingemummelt und weitergeschlafen. Wenn ich daran denke, dass ich mal bei 5 Grad vor Kälte nicht schlafen konnte – tsss…

Am Morgen haben der Engel Jimmy und der Engel Angela – Angestellte der Kirche, auf deren Gelände ich mich nachts geschlichen hatte, mich mit Kaffee, Wärme, Kaffee, Snacks und Kaffee versorgt. DANKE!!!!

Ha, aber ich wollte ja nicht mehr übers Frieren schreiben – und das muss ich auch nicht, jippieh! Denn heute Nacht waren es auf und in Key Largo, der größten Insel der Florida Keys, charmante 16 Grad. Die konnte ich im Garten von Sue genießen, die hier Bootstouren mit verschiedenen Schwerpunkten anbietet. Ihre Freundin Kat hat mir spontan noch eine Flasche Wein für den Abend mitgegeben – ich würde sagen: Läuft!

Da mein abgehärtetes Ich nicht mit nach Deutschland fliegen wird, sind dies wohl vorerst meine letzten Campingnächte – von Mittwoch bis Weihnachten werde ich zwischen Kuscheldeckenbett (inkl. Wärmflasche) und Badewanne pendeln. Aus diesem Grund habe ich mir gedacht, dass ich Euch an meinen Lieblingscampingmomenten teilhaben lasse – wie findet Ihr das?

Bitte versteht mich richtig: Es ist nicht so, dass ich unfassbar gern campe. Ich finde es zwar weit weniger schrecklich als befürchtet, aber vor allem spart es soooo viel Geld… Mit George habe ich ein super Zelt gekauft, das sich total schnell auf- und abbauen lässt. Inzwischen kann ich das sogar im Dunkeln!
Und so gibt es beim Campen tatsächlich viele wundervolle Momente – wobei ich hoffe, dass Ihr die in unterschiedlichem Maße vorhandene Ironie erkennt. Vermissen werde ich alles – einfach weil es Teil dieses großartigen Abenteuers war.

Hier also sind meine liebsten Momente und Situationen:

  • Wenn ich einen Platz gefunden habe, an dem ich die Leselampe anschalten kann, ohne befürchten zu müssen, entdeckt zu werden.
  • Wenn der Frühsport aus Schneckenschnipsen besteht: Die Minischnecken, die in der Nacht von außen auf das Zelt gerutscht/ geschliddert/ geschleimt – oder was auch immer – sind, kann man ganz wunderbar von innen wegschnipsen, ohne sich groß bewegen zu müssen. Wer das Känguru von Marc-Uwe Kling kennt, stellt zusätzlich Überlegungen zur Flugbahn an.
  • Bleiben wir noch einen Moment bei den Schnecken: Wundervoll ist es, wenn der Verwesungsgeruch der einige Tage zuvor mit dem Zelt eingerollten Schnecke(n) nachlässt…
  • Größere Schnecken erzeugen mit ihrem Schleim ganz außergewöhnliche Kunstwerke – man muss sie nur zu würdigen wissen.

Überhaupt sind Tiere beim Campen ein Quell steter Freude:

  • So habe ich mich des Öfteren gefragt, wo zum Himmel jetzt dieser Ohrenkneifer hingekrabbelt ist, den ich grad noch an der Schwelle zwischen Zelt außen und Zelt innen gesehen habe.
  • Genau hier war gerade noch ein Stinktier!!! In der Nacht hat es sich aus mir unerklärlichen Gründen mit George gestritten und ihn schließlich ordentlich besprüht. Ich sag Euch: Ich lag im Zelt und konnte nicht atmen, so sehr hat es gestunken. Mini-Atemhappen waren alles, was ich mir für bestimmt eine halbe Stunde gegönnt habe. Seitdem glaub ich nicht mehr an den Spruch, dass noch nie jemand erstunken ist…
  • Mücken – einfach göttlich. Und so schlau! Sie lieben insbesondere die Phase, in der man beim Auf- und Abbau hockend beschäftigt ist, wenn also Knöchel, unterer Rückenbereich, Handgelenke und Hände freiliegen. Davon hat man auch als Mensch am längsten etwas.

In puncto Spinnen habe ich eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht:

Phase 1 – Kindheit
Ein „Andrea!!! Staubsauger!!!“ reichte, damit meine zwei Jahre jüngere Schwester mit eben diesem Gerät zu mir kam. Sie musste nur schauen, wo ich grad stand, dann den am weitesten entfernten Punkt im Raum finden, schon hatte sie das Vieh. Und hat es todesmutig eingesaugt. Ich weiß bis heute nicht, was ich gemacht hätte, wenn sie mich damals im Stich gelassen hätte.

Phase 2 – Au pair auf Kauai, Hawaii
Hier gab es eklig viele Spinnen. Einmal in der Woche musste ich ums Haus gehen und alle entfernen und umbringen. Ihr Todeskampf in dem Eimer mit Chlor, in den ich sie mittels eines langen Was-auch-immer-es-war befördert habe, dauerte quälend lange – für beide Seiten. Einmal bin ich mit vollen Händen in ein Spinnennetz gelaufen, das ca. 90 cm Durchmesser hatte. Gesicht und Oberkörper. Ich hätte mich fast übergeben. Trotzdem bin ich seitdem der Überzeugung, genug Spinnen auf dem Gewissen zu haben und vermeide es, sie ins Jenseits zu befördern.

Phase 3 – Die Jahre seitdem
Kleinere Spinnen befördere ich selbst nach draußen. Natürlich mit Glas und ausreichend stabiler Unterlage. Bei größeren Spinnen hole ich meinen Schatz. Auch, wenn er gerade nicht da ist – dazu gibt es schließlich Telefone. Er kommt dann auch tatsächlich rüber – er könnte lediglich etwas gehetzter wirken. Und Bemerkungen wie „Ach, ist die süß!“, die ich schon durch die sicherheitshalber geschlossene Tür gehört habe, muss er sich noch irgendwie verkneifen. Aber er ist mein Held!
Da er natürlich nicht immer auf der Tour dabei war, mussten hier andere Menschen herhalten. So hab ich eine halbe Stunde gewartet, bis mir jemand die Spinne aus dem Rucksack holen und ich endlich den Campingplatz verlassen konnte. Und: JA, DA IST EINE SPINNE!

Phase 4 – Der Biss ins Dekolleté
Ich berichtete. Was ich nicht erzählt habe, ist, dass mein allerallerallererster Gedanke beim Anblick dieses Mistviehs – nur ein ganz kurzer Gedankenblitz – war: „Ach, ist die süß!“ War sie auch wirklich, schaut mal, das ist sie. Ich meine, deshalb muss sie ja noch lange nicht beißen, aber trotzdem…

Phase 5 – Spinne am Morgen…
Mein derzeitiger und ganz offensichtlich höchster Entwicklungsstand offenbarte sich in folgender Situation: Eines Morgens saß ich, mich innen und außen sortierend, mit dem Popo noch im Zelt, die Beine schon draußen. Und sah allen Ernstes eine Spinne AUF MEINEM BEIN krabbeln. Meine nonchalante Frage an sie, mit welchem Recht sie von drinnen nach draußen krabbelte und nicht umgekehrt, mag zwar auf eine ausgeprägte präcoffeine Lethargie zurückzuführen sein – trotzdem möchte ich die Situation nicht unerwähnt lassen.

So, zurück zu den tierlosen Freudenmomenten beim Campen:

  • Meist bewegt man sich im Zelt ja liegend, aufgestützt, sitzend oder auf allein Vieren. Sehr geschätzt habe ich die regelmäßig wiederkehrenden Momente, in denen ich mich gebückt aus dem Zelt bewegen wollte, mit dem Rücken zu weit nach oben und an die Zeltdecke kam. So erfrischend…

  • Tropfen auf dem Zelt bzw. das Geräusch des Tropfens beim Aufwachen rufen bei Anfängern romantische Gefühle hervor. Bis sie lernen, 30 Minuten weiter zu denken… Ein nasses Zelt im Regen abbauen – unbezahlbar. Hier heißt es, Verdrängung zu üben, sich im kuscheligen Schlafsack umzudrehen und weiterzuschlafen.
  • Nicht verdrängen kann man die ungünstige Organverteilung im Körper, wenn man mit voller Blase aufwacht, sich aber erst im Sitzen (für den Laien: abgeknickt) aus dem Schlafsack pellen und ggf. anziehen muss, um das Zelt zur Erledigung der Erleichterung zu verlassen.
  • Das Auf- und Zuziehen des Schlafsackreißverschlusses, welche nie, nie, nie ohne Verklemmen dieses blöden Mistdings vonstatten zu gehen scheinen, erweitert den persönlichen Fluchhorizont ganz ungemein.

Ich bin oft gefragt worden, ob ich denn nachts allein keine Angst hätte. Nein, ich hatte doch Gynsburgh! Im Ernst: Ich hatte nur zweimal Angst, weil ich die Geräusche draußen nicht zuordnen bzw. interpretieren konnte.

Im ersten Fall hatte ich George an einem relativ verlassenen Teich aufgebaut. Irgendwann spät am Abend kam ein Auto, dem Motorengeräusch nach ziemlich groß. Der Motor lief und lief und nichts passierte. Irgendwann hab ich mich rausgetraut – ein alter Truck, noch war niemand ausgestiegen. Also traute ich mich ans Fahrerfenster – und sah einen pickeligen Jüngling, der seine Flamme hierhin gefahren hatte. Offenbar wollten die beiden eine Runde knutschen… Schüchtern sagte er, dass alles okay sei und dass ich gern dort campen könne. Zu süß!

Im zweiten Fall bin ich von seltsamen Kratzgeräuschen am Zaun aufgewacht, hinter dem ich mein Lager aufgeschlagen hatte. Auch hier hab ich mich irgendwann rausgetraut – um einen dicken Waschbären auf den Zinnen des Zauns balanc…, äh, wandel… äh… äh… Gibt es ein Wort, das beschreibt, wie ein dickes Tier auf etwas Schmalem laufen will, mal nach links, mal nach rechts abrutscht, sich immer wieder hochzieht, zwei Schritte läuft und wieder abrutscht? Das war es, was ich erst mit vor Angst klopfendem Herzen, dann mit mühsam zurückgehaltenem Prusten gesehen habe. Und wieder: Zu süß!

PS.: Ja, ich hatte Pfefferspray dabei – und es beide Male nicht in meinem Krams gefunden…

So, Ihr Lieben, das war das. Wer jetzt noch nicht campen will, ist selbst schuld! So viel Freiheit gibt es nämlich selten. Sicher, ein tolles Zimmer in einem schnuckeligen Hotel ist was Feines. Aber zum Beispiel einen Privatstrand, an dem man für lau übernachten und wo man unbeobachtet ins Wasser hüpfen kann, gibt es eben nur so.

Dass überall noch die Überreste von Hurrikan Irma zu sehen sind, ist derzeit – und wohl noch in den kommenden Jahren – leider so. Und ermöglicht wohl überhaupt Refugien wie dieses.

So, das war’s jetzt aber wirklich. Ich will schnell zurück zu meinem Privatstrand und zum Sonnenuntergang ins Wasser hüpfen :-).

Wie krieg ich die nur alle heil nach Kiel???

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Übernachtungsreport IV – meist ohne Wände

Es gab Beschwerden aus meiner Leserschaft – der Übernachtungsreport zu Hotels, Motels, Hostels war offenbar zu langweilig. Und was soll ich sagen? Ich kann es verstehen. Diese Unterkünfte sind warm, sicher und trocken – und in der Regel passiert da auch nix, was man dort nicht erwarten würde. Da checken die normalen Leute ein – also die wenigsten meiner Leser…

Dass so ein herrlich spießiges, warmes und kuscheliges Bett auf Reisen manchmal einfach sein muss, wird jeder verstehen. Jetzt aber schauen wir uns mal wieder meine im wahrsten Sinne des Wortes außerhäusigen Übernachtungen an.

Aber gehen wir es langsam, gesittet und legal an. So kann man in den National und auch in vielen State Parks wild campen, solange man alles so verlässt, wie man es vorgefunden hat. Das hatte ich auf dem Blue Ridge Parkway gleich mal ausprobiert – und, wie ich finde, sehr gelungen. Als gehörten Josi und George dahin, oder?

Auch die Übernachtung am Horse Shoe Lake war großartig…

… und besonders aus zwei Gründen werde ich sie so bald nicht vergessen:

Zum einen habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Mangroven gesehen und hätte sie tatsächlich eine ganze Weile einfach nur bestaunen können:

Zum anderen war nicht weit entfernt ein kleiner, feiner Pub, den Sherry vor Kurzem übernommen hatte. Sie hat mir einen grandiosen Hausdrink gemacht (ein perfekter Ersatz für den Mojito) und die Stimmung dort war so unglaublich gut, die Gäste so witzig, dass ich dort auch hätte durchmachen können.

 

In Städten gestaltet sich das ganze Übernachtungsthema schon schwieriger, wenn man kein Geld für eine Unterkunft ausgeben möchte. Aber auch da geht so einiges!

Zum Beispiel direkt zwischen Bibliothek und Schule. Bibliotheken mag ich ja, wie Ihr inzwischen wisst, auch wegen ihres meist offenen WLAN. Der Platz hier in Lincoln, Nebraska, war natürlich gewagt, und ich habe mich mehrfach gefragt, wer mich wohl aus dem Schlaf reißen und schlimmstenfalls vertreiben würde: die Polizei? Personal der Bibliothek? Der Hausmeister der Schule? Reinigungskräfte? Oder einfach Passanten, z.B. ein gewissenhafter Gassigeher?

Die Lösung lautet: Niemand. Ich hab tatsächlich bis sechs (ist unter diesen Umständen echt lange!) geschlafen und bis sieben alles abgebaut – ich war so naiv zu glauben, dass Lehrer ab sieben in die Schule kommen, um ihren Krams vorzubereiten. So war das jedenfalls bei mir! Aber nix da – Viertel vor acht kamen die ersten. Na, egal, ich hatte eine unerwartet gute Nacht.

In Nebraska City stand George fast unsichtbar außerhalb des Lichtkegels hinter einer Arztpraxis. Da die Straße in ein Industriegebiet führte, gab es keine Fußgänger, die links oder rechts hätten schauen können. Nur Autofahrer – und die schauen nicht hinter Gebäude :-). Tipp für Nachmacher: Die Öffnungszeiten der umliegenden Geschäfte prüfen und den Wecker entsprechend stellen! Gilt auch für Übernachtungen hinter katholischen Kirchen, erinnert Ihr Euch?


Ach, das ist für einige bestimmt schon wieder zu langweilig…

 

Also auf nach Kalifornien. Hier habe ich in kürzester Zeit ein paar verrücktere Übernachtungsplätze gesammelt.

Da war zum Beispiel Carmel Heights, ein kleines Wohngebiet südlich von Carmel-by-the-Sea und Monterey – alles wunderschön direkt am Meer gelegen. Eigentlich wollte ich auf dem Campingplatz im Big Sur Park übernachten. Aber der Preis von 60 (!!!) Dollar (bestimmt auch noch before tax) für Motorrad, Zelt und mich hat mich selbst um 22:30 Uhr noch zur Weiterreise bewegt. Da bin ich trotzig. Weil die Straße nach Süden irgendwann gesperrt war, bin ich zurück nach Norden und hab doch tatsächlich ein schnuckeliges Häuschen mit perfekter Rückfront gefunden – unter der Terrasse konnte ich wind-, regen- und blicksicher schlafen:

Und ich lüge jetzt nicht: Um viertel vor neun am nächsten Morgen, als ich grad die letzten Sachen auf Josi befestigte, kamen die beiden Wagen von der Baufirma. Wie rücksichtsvoll von ihnen, so lange zu warten!

Feuerwehren sind auch eine schöne Möglichkeit! Meist sind es ja nette, hilfsbereite, schnuckelige Jungs (jep, Sexismus, ich weiß) und fitte Mädels (das gleicht es nicht aus, oder?), die nix dagegen haben, wenn auf dem Grundstück für eine Nacht ein Zelt steht. In Los Alamos haben mir Tahj, Marissa und Mike Platz und Kaffee angeboten – mehr brauche ich ja nicht. Gynsburgh war auch ganz begeistert, endlich wieder unter Menschen in Uniform zu sein – aber er hat Marissa offenbar doch etwas eingeschüchtert. Auf mein Gesicht müsst Ihr in diesem Slider verzichten. Es war früh am Morgen und vor dem ersten Kaffee, aber ich wollte Euch Marissa und dieses coole Fahrzeug zeigen.

Und ich habe wieder nette Menschen gefunden, bei denen ich eine sichere Nacht verbringen konnte. Wobei man dabei natürlich auch mal überrascht werden kann…

Toni stand in Greenfield an der Straße und sprach mit einer Freundin im Auto. Ich war gerade aus einem Nachbarort geflohen, ohne mein Zelt aufzubauen – die Gestalten, die die Straße rauf- und runterschlenderten und mich beim Zeltaufbau beobachtet hätten, gefielen mir gar nicht. Nun wollte ich mir in Greenfield ein sicheres Plätzchen suchen und wollte Toni eigentlich nur fragen, ob sie mir eines empfehlen könne. Sobald ihr klar wurde, dass ich als Frau allein unterwegs bin, war es für sie ebenso klar, dass sie mir ihr Sofa anbietet. Und das in einem Haus von ca. 45 qm, das sie mit ihrem Lebensgefährten, zwei schulpflichtigen Enkelkindern und vier (!) Hunden bewohnte. In der Wohnung herrschte das größte Chaos, auch wenn man merkte, dass sie versuchte, es in den Griff zu bekommen. Es gab keine Heizung, nur einen Heizlüfter. Fenster schlossen nicht richtig und waren mit Kleidungsstücken abgedichtet. Das Waschbecken im Bad war kaputt, das in der Küche kaum zugänglich. Umso mehr war ich von ihrem Angebot gerührt – ich kenne ja meine Chaosgrenze, ab der niemand mehr in meine Wohnung darf…

Als ob all das nicht beklemmend genug wäre, waren an den Wänden zahlreiche Fotos von Familienmitgliedern angebracht. Mir wurden alle vorgestellt – und zwischendurch fielen die Worte „killed“ und „raped and killed“. Schluck. Nachfragen? Nicht nachfragen? Nun, sie hatte es erwähnt und ich bin ja auch unterwegs, um Land und Leute kennenzulernen… Ihr Sohn wurde mit Anfang 20 von einer der hiesigen Gangs ermordet. Zusammen mit seiner Freundin, weil beide aus der Gang raus wollten. Eigentlich wäre das auch okay gewesen, aber irgendwie dann wohl doch nicht.

Und die Tochter von Tonis Lebensgefährten wurde mit 14 entführt, vergewaltigt, gefoltert und erstochen. Ist das zu glauben? Ich fühlte mich wie im sprichwörtlichen falschen Film. Ich meine, wie kann man so leben? Praktischerweise war der Mörder ein illegaler Einwanderer, sodass ihr Vater (offenbar ein legaler Einwanderer) Trost und Unterstützung bei einschlägigen Gruppierungen fand und findet. Die wiederum von Trump unterstützt werden, unter anderem bei regelmäßigen Treffen.
Auf dem Bild trägt der Vater ein Shirt mit allem, was seiner Tochter angetan wurde – und dann halten die beiden doch allen Ernstes die Daumen hoch. Mir fehlen noch jetzt die Worte dafür. Unter dem Bild hängt ein Haarteil, dass das Mädel getragen hat (wollte ich Euch nicht bildlich zumuten). Also, ich war nicht allzu traurig, am nächsten Morgen weiterzufahren. Und für Bett, Wärme, Sicherheit und Dusche bin ich Toni allemal dankbar – sie hat ein riesiges Herz.

Goleta, ein Vorort von Santa Barbara, ist das totale Gegenteil von Greenfield. Schon fast so, wie man sich Santa Barbara eben vorstellt. Diesmal bot sich wieder ein Vorgarten an, es war warm und trocken und es gab tatsächlich auch Vorgärten. Natürlich ist nicht jeder geeignet: Größe, Neigung, Format und Bepflanzung müssen passen, außerdem will der verwöhnte Camper ja nix Verwahrlostes. Und schließlich müssen die Bewohner zu Hause sein, damit man brav fragen kann. Ich hatte das Glück, bei Mary und Rick zu landen, einem fröhlichen und netten Paar in Pension. Ohne zu zögern haben sie mich in ihren Vorgarten gelassen und mich am Morgen zu Dusche und Frühstück eingeladen. Ich muss gestehen, dass ich die entsprechende Hoffnung hatte… Thank you, Mary and Rick, it’s been wonderful to meet you – and thank you for letting me stay!

Hier kam auch endlich mal wieder ein Polizist vorbei!

Er hielt allerdings in freundlichster Absicht: Er ist mit Mary und Rick befreundet, selbst BMW-Fahrer und offenbar fest entschlossen, so lange als Motorradfahrer unterwegs zu sein, wie er überhaupt laufen könnte.

Der folgenden Übernachtungsstätte trauere ich noch hinterher – in Santa Barbara wurde es nämlich richtig nobel: Ich habe mich unter dem Yacht Club einquartiert. Einfach perfekt: kein Zelt nötig, regengeschützt, mit Meeresrauschen im Ohr, am Morgen Kaffee im Hafen um die Ecke.

Zuerst wollte ich meerseitig unter das Gebäude krabbeln, das etwa einen halben Meter hoch auf Stelzen steht. Das haben aber anscheinend schon andere vor mir probiert – plötzlich fand ich mich in einem roten Laserstrahl wieder und ein helles Licht ging an. So muss es Catherine Zeta-Jones bei ihrem Training mit Sean Connery gegangen sein ;-).

Zum Glück kein lauter Alarm, aber ich rechnete doch fest damit, dass gleich ein Security-Mensch um die Ecke kommt und ich gehen muss. War aber nicht – und dann geh ich natürlich auch nicht.

Die Seite des Gebäudes lag ebenfalls in dunkelstem Schatten und weil an der Unterseite Rohre verliefen, war hier keine Alarmanlage installiert. So ganz hat sich mir der kausale Zusammenhang nicht erschlossen – ein bisschen tiefer bücken und wer will, kann hier dann ebensogut schlafen.

Also bin ich hier tief reingekrabbelt und habe eine traumhafte Nacht verbracht.Am nächsten Morgen wachte ich selig zu diesem Blick auf – hinter dem Wällchen das Meer. Einzig ein Hund hat mich entdeckt, ist aber verschreckt wieder weggerannt. Ich hoffe, es war nicht mein Geruch…

Über die Definition von „tief reinkrabbeln“ hab ich dann tagsüber nochmal nachgedacht…

… aber da ist ja noch ausreichend Platz zur Seite.

So schön war es am Yacht Club – Ihr werdet verstehen, dass ich noch eine Nacht bleiben wollte.

Auch Monsieur fand es ganz schick da und hangelte sich durch die Rohre – natürlich wie Sean Connery. Nach meiner zweiten Nacht wollte er da auch den Tag verbringen und auf meine Sachen aufpassen. Nun gut.

Oder nicht gut – als ich am Nachmittag vorbeischaute, um Krams für einen Sprung ins Meer zu holen, war alles weg. Nur eine Schleifspur im Sand (breiter als Gynsburgh, keine Sorge) verriet, dass meine Sachen tatsächlich mal hier auf einer Plane lagen.

Im Übrigen war doch nicht alles weg – der kleine Hilfssheriff hing noch in den Rohren. Keineswegs kleinlaut – er gab eher den Zeugen als den Bewacher, der versagt hat.

Mein Gang nach Canossa bestand aus drei Etappen: zum Personal des Yachtclubs, das mich an das Hafenbüro verwies, und vom Hafenbüro zur Polizei, die meine Sachen eingelagert hatte. Ohne Probleme bekam ich sie wieder – wir hatten im Grunde nur zwei Gesprächsthemen: Wie viele Nächte ich schon da übernachtet hatte („Two? Hmm, that was one in my shift and one in someone else’s, damn…“). Eigentlich kontrollieren sie den Yacht Club jede Nacht! Das zweite Thema war meine Tour – echt entspannte Polizisten. Sie haben sonst sicher mit mehr oder weniger ansprechbaren Obdachlosen zu tun, sodass ich eine angenehme, zumal geständige, Abwechslung war.

Und auch meine Trauer über den Schlafplatz hielt nicht zu lange an – dieser Blick über L.A. bei meinem Platz in der vergangenen Nacht war auch ganz okay 🙂

 

 

 

 

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Kacktag

Nun, dann wollen wir mal fortsetzen, was wir hier begonnen haben. An dieser Stelle aber zunächst DANKE für alle aufmunternden, tröstenden, neckenden Bemerkungen sowie Tipps für Offroad-Riding! Ein sehr cooles Gefühl, so begleitet zu werden!

Wo waren wir? Ach nein, nicht wir. Ich, ganz allein. In the middle of the fucking 4°-cold nowhere, immerhin in einem Zelt, unter dem weiten Himmel Utahs, der offenbar auch Kummer hatte – es regnete die ganze Nacht. Halbblind wegen der verlorenen Kontaktlinse musste ich den traurigen Anblick der liegenden Josi wenigstens nur halb verschwommen ertragen, als ich im kalten Regen ohne Taschentuch oder Ersatz Pipi machte. Ich denke, Situation und Stimmung sind klar.

Als es hell wurde, regnete es immer noch. Und weil ich in der Nacht kaum geschlafen hatte, gönnte ich mir den Luxus, mich noch ein paarmal umzudrehen und weiterzudösen – eine Freundin nennt das „schnitzeln“. Nichts von dem Mist da draußen würde weglaufen… Plötzlich näherten sich Motorengeräusche – unfassbar! So schnell wie ohne Kaffee möglich schälte ich mich aus dem Schlafsack und rutschte in meine Klamotten, während der Wagen draußen langsamer wurde, anhielt und … allen Ernstes weiterfuhr. Hallo??? Liegt hier etwa ständig eine BMW mitten auf der Straße? Mit einem Zelt direkt daneben? So parkt doch niemand! Da ruft man doch mal? Arschlöcher…

Kurz hab ich mir vorgestellt, dass in der Nacht jemand vorbeigefahren wäre und Josi einfach aufgestellt hätte. DANN hätte der Mistkerl natürlich vorbeifahren dürfen – in diesem Fall wäre Josi ja einfach der tolle Anblick wie immer gewesen, bei dem man natürlich langsamer wird. Aber ebenso natürlich war dem nicht so. Josi lag unverändert da, die obere Seite immerhin blitzblank sauber geregnet. Na schau – ich kann dem Ganzen doch noch was Gutes abgewinnen.


Immer noch ohne Kaffee hab ich wieder versucht, sie aufzurichten – nix. Natürlich hatte ich sie in Moab vollgetankt, damit ich nicht liegenbleibe – haha! Somit konnte ich mich nun mit den gesamten liegengebliebenen 210 kg plus Koffer plus Inhalt auseinandersetzen. Auch das Loch für den Hinterreifen ließ sich wegen des Lehms nicht weiter vertiefen – scheiße. Jetzt konnte ich entweder warten, bis jemand vorbeikam, oder in Richtung der Road 191 gehen, die ja irgendwann kommen musste. Ich wollte lieber was tun als warten, also bin ich losgetapert. Im Regen, bei jetzt immerhin 7°. Es war gar nicht leicht, Josi so zurückzulassen…


Eine Stunde lang latschte ich durch den Regen. Dabei hinterließ ich im roten Matsch Fußabdrücke, die mich in ihrer Einsamkeit an die Abdrücke auf dem Mond erinnerten. Kein Auto kam mir entgegen, keines überholte mich, auch eine Straße kam nicht in Sicht. Nachts hatte ich in der Ferne immerhin noch Autoscheinwerfer gesehen…

Ratlos bin ich umgekehrt – inzwischen war ich echt angepisst. Nach der logischen Stunde Rückweg gab es zum Frühstück erstmal den Rest Reis vom Vortag – um mich dann mit letzter Energie wieder an Josi zu versuchen. Es regte sich nichts, aber auch gar nichts. Ich hab’s sogar mit den Kraftschreien der Gewichtheber versucht, vergeblich. Vor lauter Frust, Hilflosigkeit, Müdigkeit, Verschwommenheit, Kaffeelosigkeit und Regen hab ich mir dann mal erlaubt, eine Runde zu heulen. Und genau auf diesen Moment hatte Mistkerl-Murphy nur gewartet, um die beiden entzückenden Jungs Victor und Cameron in ihrem 4-Wheeler auf der Bildfläche erscheinen zu lassen. Es war echt nicht zu fassen…

Die beiden kamen von einem ins Wasser gefallenen Bike-Trip zurück – der Weg war wegen des Regens gesperrt. Sie stellten Josi auf und hatten den Anstand, dabei zu ächzen. Dann boten sie mir an, mit mir zusammen bis zur 191 zu fahren. Das hab ich nur zu gern angenommen – ich fühlte mich so matschig, dass ich nicht für eine aufrechte Fahrt garantieren konnte. Dass der Untergrund, der vor uns lag, noch viel matschiger war als ich, ahnten wir alle nicht… Also fix George abgebaut und hinter den beiden her. Am Anfang war alles okay, der rote Boden ein bisschen matschig, aber machbar. Ich hab mir schon ein bisschen Erleichterung gestattet – wie naiv…

Der Boden wurde grau, der Matsch etwa 10 cm tief und so rutschig, dass selbst die Jungs in ihrem Truck hin- und herschlingerten. Wer jemals „Ghost – Nachricht von Sam“ gesehen hat, wird sich an die Töpferszene erinnern. So rutschig. Nichts ging. Das Mistzeug hat sich in die Profilrillen der Reifen gesetzt, sodass keines mehr vorhanden war. Und dann Schicht um Schicht aufgetragen, was die Reifen immer dicker und schwerer und nutzloser machte. Das war der Moment, in dem Josi zur Seite rutschte – ich weiß nicht, ob sie einfach weiterschlafen oder doch mal eine Schlammkur ausprobieren wollte. Die Jungs hielten an, wühlten sich durch den Schlamm zu uns durch, richteten Josi auf, wateten zum Truck und weiter ging es. Dieses Spielchen wiederholten wir etwa vier bis fünf Mal – und wer glaubt, dass zwischen den einzelnen Malen größere Strecken zurückgelegt wurden, der irrt. Wir reden von Metern im 10er-20er-Bereich. Nicht einmal haben die Jungs gemurrt, das war echt toll. Aber sie merkten in ihrem Truck ja auch, wie kacke das alles war. Nur ich kam immer mehr an meine Grenzen.

Irgendwann war klar, dass das Ganze keinen Sinn mehr ergab, zumal die Jungs ja sicher auch andere Pläne hatten. Es gab nur eine beschissene Lösung: Josi zurücklassen und irgendwie wieder in die Wildnis kommen, wenn der Weg befahrbar war. Allein die Vorstellung war schrecklich, aber ich sah keine andere Möglichkeit. Wir haben Josi an den Straßenrand geschoben, sie rutschte noch ein wenig, dann hatte sie ihren Platz. Sobald ich im Truck saß, war ich wie benommen. Warm, trocken, sicher, mit dem ganzen Mist (Life could be a lot better, too!) hinter mir – ich war ausgeschaltet. Victor machte geistesgegenwärtig einen GPS-Screenshot von Josis Standort und dann fuhren wir etwa 40 min zum nächsten Zivilisationspunkt: einer Tankstelle.

Dort wartete hinter dem Tresen schon der nächste Engel auf mich: Gary. Wunderbar durchgeknallt und ein Herz aus Gold. Er machte sogar ein Bild von mir für seine Gästewand 🙂

Gary und die Jungs verbündeten sich gleich, um mir zu helfen. Überlegten verschiedene Möglichkeiten, telefonierten Abschleppunternehmen durch. Aber das schien mir wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen – zumal die Kanonen ca. 300 Dollar kosten sollten. Als Gary mir von einem günstigen Motel in Green River 20 Meilen weit weg erzählte, zu dem er mich nach seinem Feierabend fahren könne, war die Sache für mich klar. Ich hätte an dem Tag nichts mehr leisten können, geschweige denn, nochmal da rauszufahren. Ich wollte duschen, wieder warm werden, schlafen und mich um Josi kümmern, wenn ich wieder fit und der Weg trocken war.

Mit Garys Hilfe fand ich das Robbers Roost Motel in Green River – günstig und perfekt. Sogar mit einer Badewanne, die ich selbstredend als erstes nutzte. Der rote Sand am Wannenboden kam übrigens nicht von mir, sondern von meiner Hose. Ob ich darin hätte lesen können, wann ich Josi wieder bei mir haben würde? In Ray’s Tavern hab ich mir einen ordentlichen Burger gegönnt – so langsam kamen die Lebensgeister wieder. Zumal es sogar Wein gab – und das im mormonengeprägten Utah!

Am nächsten Morgen konnte ich im fußläufig entfernten und wunderbaren Green River Coffee Co. ausgiebig frühstücken – ich hab aber auch echt viel Glück mit meinen Leib-und-Seele-Lokalitäten!

Weil ich seine Motorradkoffer spannend fand (Plastikkoffer mit Metallösen – wie ich es vor meiner Tour selbst lange überlegt hatte), kam ich mit John ins Gespräch. Pech, dass er nach meinem Motorrad fragte, so bekam er natürlich die ganze Geschichte zu hören. Ein bisschen Mitleid tat mir immer noch gut – auch wenn ich inzwischen mehrfach von Einheimischen gehört hatte, dass auf diesem nassen Lehm nichts und niemand fahren kann. John schlug vor, doch einfach mal nachzuschauen, wie weit man auf der Straße inzwischen kommt. Hmmm. Einerseits verlockend, andererseits hatte ich gerade gemerkt, wie gut mir zwei oder drei Tage Ruhe tun würden. Auch Gary hatte angeboten, mich rauszufahren, und/ aber er wäre erst zwei Tage später da.

Letztlich konnte ich der Möglichkeit, Josi so schnell wie möglich aus der Wildnis rauszuholen, nicht widerstehen. Und auch wenn die Sonne noch nicht so viel Zeit gehabt hatte, den Mistlehm zu trocknen, so hatte Johns Maschine eindeutig besser geeignete Reifen als Josi. Also sind wir rausgefahren – und tatsächlich durchgekommen! Der Weg war zwar noch nicht ganz trocken, aber befahrbar. Und Josi ordentlich eingesaut und eingetrocknet – aber in diesem Moment hab ich ihr alles verziehen 🙂

Ja, so war das. Und abgesehen von den zwei Stunden, die ich brauchte, um die Rillen in Josis Reifen vom verkrusteten Schlamm zu befreien und sie somit wieder fahrtüchtig und sicher zu machen, ist hier das gute Ende der Geschichte. Ich bin trotzdem noch eine weitere Nacht im Motel geblieben, habe am Abend noch einen Burger bei Ray und am Morgen einen leckeren Chorizo Burrito im Green Coffee gegessen und George die Sonne genießen lassen.

Und sollte ich mal wieder in den Schlamm fahren…

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