„Nu Jim bald wird singen vor Freude…“

Na, kann jemand das Zitat einordnen? Ich gebe zu: Das Bild oben hilft.

Heute Mittag hab ich angesichts eines total verrückten Zufalls fast vor Freude gesungen: Ich war gerade dabei, über meine Fahrt durch Cairo, Illinois, zu schreiben. Diese Stadt macht einfach nur traurig, sie ist wohl die desolateste der Vereinigten Staaten. Selbst Geisterstädte sind angenehmer, weil in ihnen niemand mehr lebt, der seine Hoffnung auf Besserung begräbt oder am Leben hält – ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Ein Sprung in die Vergangenheit ist nötig, um zu dem Zufall zu kommen.
Aufgrund seiner Lage geriet Cairo Ende des 19. Jahrhunderts in der Sklavenhalterfrage zwischen die Fronten der Nord- und Südstaaten. Was es dazwischen überhaupt geben kann? Sehr, sehr wenig. Ein bisschen Wasser, mehr nicht.

(c) www.legendsofamerica.com

Cairo, zu Illinois und damit einem Gegner der Sklavenhaltung gehörig, war auf drei Seiten von den Südstaaten Kentucky und Missouri umgeben – und entschied sich, bei den alten Gepflogenheiten zu bleiben und nix auf freie Schwarze zu geben. Die geselltschaftlichen Entwicklungen im restlichen Illinois und in den anderen freien Nordstaaten ignorierte man einfach. Das wurde für viele Schwarze, die aus dem tieferen Süden nach Norden flohen, zur Falle – Cairo war eben nicht das ersehnte Tor zur Freiheit, sondern bedeutete oft den Rückverkauf in den Süden.

Lange Rede, hoffentlich auch Sinn: Ihr erinnert Euch an Huckleberry Finn? Und vielleicht sogar an den Schwarzen Jim, der „Jim von Mrs. Watson“ (=Sklave von Mrs. Watson)? Eine meiner Notizen behauptete, Twain habe beide auf einem Floß in Richtung Cairo fahren lassen!

Solchen Dingen muss ich ja immer gleich auf den Grund gehen. WLAN gibt es in meinem Schreibcafé nicht, auf dem Handy war mir die Recherche zu mühsam. Also ab nach Hause zum Internet!

Manch eine/r von Euch weiß, dass ich an keiner Bücherkiste vorbeigehen kann, seien die Bücher nun zu verschenken oder zu verkaufen. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass die Überwachung auf der Holtenauer Straße 1A funktioniert. Denn dort lagen, ohne Scheiß, diese beiden Bücher in einer Kiste:

Ist das verrückt oder ist das verrückt? Reflexartig hab ich sie eingesteckt, denn sie haben ja eindeutig auf mich gewartet. Zuhause hab ich dann mein eigenes Exemplar aus dem Regal gezogen: eine Ausgabe von 1974, ein Jahr älter als ich. In diesem Buch habe ich schon als Kind gelesen…

… und jetzt als erwachsene, reife und abgeklärte Frau nachgeschaut, was es mit Huck und Jim und Cairo auf sich hatte.

Jim ist seiner Mrs. Watson weggelaufen. Auf seiner Flucht treffen er und Huckleberry aufeinander (sie kennen sich). Sie suchen sich ein Floß und fahren den Mississippi hinab – hinauf ist mit einem Floß sehr anstrengend. Ihre Hoffnung und ihr Ziel stromabwärts ist die Stadt Cairo, Illinois. Für Jim ist klar, dass „er … im selben Augenblick, wo er sie zu Gesicht bekäm, ein ’n freier Mann wär.“ Immer wieder ruft er beim Anblick von Lichtern in der Dunkelheit: „Da ist Cairo!“ – „Da ist die Stadt!“

In den freien Staaten will Jim arbeiten und das Geld sparen, um seine Frau freizukaufen. Dann „wollten sie beide schuften wie’n paar Pferde, um auch ihre beiden Kinder loszukaufen.“

Hucks Reaktionen auf Jims Träume sind ein spannendes Thema für sich, ebenso wie Jims Schicksal. Das wird aber heute nix mehr, und überhaupt kann das ja jeder selbst nachlesen. Nur so viel: An Cairo fahren die beiden aus Versehen vorbei…

Habe ich jetzt erzählt, was ich erzählen wollte?? Dass Mark Twains Helden mein Cairo kannten? Jep. Und dass genau das Buch in einer Bücherkiste lag, nach dem ich mich grad umschaute? Ja, irgendwie auch.

Es muss ja nicht immer alles stringent erzählt sein, oder?

PS.: Über Cairo findet Ihr so einiges im Netz, unter anderem einen Beitrag auf Deutschlandfunk Kultur.

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