Santa Season in Santa Fe

Geht es Euch auch so? An den Tagen nach Weihnachten werde ich immer ein wenig wehmütig.

Vor dem 24.12. der ganze Stress (dem ich ja diesmal entgangen bin), dann mit Glück einen, mit Pech zwei und mit viel Pech drei Tage mit Menschen, deren Gesellschaft nicht zwingend ganz oben auf der eigenen Wunschliste steht.

Und wenn das alles geschafft ist, lugt der Alltag schon wieder grinsend um die Ecke. Einige müssen zwischen den Jahren arbeiten – ob am Arbeitsplatz oder am Schreibtisch zu Hause -, andere müssen schon wieder Dringendes erledigen in Geschäften, denen man die Weihnachtstage nur an den reduzierten Weihnachtssachen anmerkt.

Mir geht das Ganze jedenfalls immer viel zu schnell vorbei. Ebenso wie die gesamte Dezemberbeleuchtung, der irgendwann im Januar der Strom abgedreht wird. Als ob die Zeit nach Weihnachten, der Rest des Januars und der Februar mit Kälte und Dunkelheit nicht auch etwas extra Schönheit vertragen könnten.

Deshalb dachte ich mir, ich entführe Euch nach Santa Fe. In dieser ganz besonderen Stadt war ich Ende November – und fand die Atmosphäre ganz wunderbar.

In den Wintermonaten werden massenhaft Chilis geerntet und zu unterschiedlichsten Hängegebilden verarbeitet. Die werden dann zusammen mit Weihnachtsbäumen überall in der Stadt verkauft und dann an Türen, Gebäuden und auf Plätzen aufgehängt. Allein durch ihr kräftiges Rot wirken die Chilischoten weihnachtlich – und durch die Nähe zum Weihnachtsgrün nochmal mehr.

Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Alten Marktplatz von Santa Fe wurde an verschiedenen Stellen beworben. Bei der „Ersterleuchtung“ Ende November scheint alles voller Menschen zu sein, die „Ah!“ und „Oh!“ rufen. Das hatte ich zwar um ein paar Tage verpasst, wollte aber trotzdem sehen, was da so schön ist.

Auf dem Weg vom Hostel in die Innenstadt gab es einiges zu bestaunen. Ich bin zu Fuß gegangen – die Entfernung gab das her – und es war beeindruckend, wie einheitlich das Stadtbild ist, ohne gezwungen oder langweilig zu wirken. Von Einfamilienhäusern über Reihenhäuser, Verwaltungsgebäude, Autowerkstätten bis hin zu McDonald’s ist alles im Adobe-Stil gehalten. Adobe ist die Bezeichnung für einen luftgetrockneten Lehmziegel, aus denen seit Jahrtausenden kleine Häuser und riesige Pyramiden hergestellt werden. Und eben auch die Häuser in Santa Fe. Eine stringente Stadtplanung seit den frühen 1900-er Jahren hat das ermöglicht: Neue Gebäude durften nur in diesem altmexikanischen Pueblo- bzw. Adobe-Stil erbaut werden; bestehende Gebäude wurden restauriert. Nur wenige Gebäude haben mehrere Stockwerke. So sieht dann sogar ein McDonald’s erträglich aus.

Die ganze Stadt wirkt entspannt, bodenständig, menschenfreundlich. So etwas hatte ich bisher noch nicht gesehen. Hier sind einige Bilder von Onkel Google.

Allerdings habe ich mich auf dem gesamten Weg gefragt, was diese unsäglichen Plastikzipfeltütchen sein sollten, die fast jedes dieser schönen Häuser verunstalteten. Schutz für irgendwelche Holzteile? Restaurierungen? Keine Ahnung…

Während ich durch die Straßen streifte, entdeckte ich in der katholischen Kirche, dass Santa Fe tatsächlich sein eigenes Wunder erlebt hat: Mit St. Kateri Tekakwitha wurde hier die bisher einzige Native American der amerikanischen Geschichte heiliggesprochen. Ihr Leben war dafür auch nicht ganz so spaßig – ich hoffe, das war es wert…

Am Alten Markt angekommen, konnte ich zusehen, wie er immer bunter wurde. Das ist sicherlich Geschmackssache, aber zum Farbenlernen ist es grandios:

Wer braucht schon Drogen, wenn er das hier anschauen kann?

Auf dem Rückweg ins Hostel wurde dann klar, wofür die Plastikzipfelmützchen auf den Häusern dienten: Es waren Windlichter! Hier war also die Weihnachtsbeleuchtung für die Spießer, zu denen ich mich in diesem Fall gern zähle. Ruhig, dezent, stilvoll, wunderschön und über die ganze Stadt verteilt:

Meine Kamera konnte das nicht angemessen einfangen, aber ich hoffe, dass Ihr einen Eindruck bekommen habt.

In diesem Sinne wünsche ich Euch, dass Ihr schöne, ruhige Weihnachtstage hattet und dass Ihr die Stimmung noch eine Weile mitnehmen könnt!

Und ich danke Euch sehr dafür, dass Ihr meinen Blog bis hierhin gelesen habt – und hoffentlich dabei bleibt! Gern möchte ich Euch nämlich Anteil daran geben, wie aus der Reise hoffentlich ein Buch sowie Abende mit Erzählen, Lesen und Bilderschau werden!

Ein erster aufregender Termin steht schon fest: ein zweistündiges Radiointerview Ende Januar. Der genaue Termin folgt selbstverständlich!

Liebe Grüße aus Kiel

Eva

Beitrag teilen

Eiskaltes Vergnügen

Wer mich kennt, der weiß, dass bei mir im Zweifelsfall die Abenteuerlust über die Vernunft siegt. Wie viel Trotz in der Abenteuerlust ist und wie viel „Ach, wird schon gut gehen!“-Zuversicht, variiert von Fall zu Fall.

In Casper wurde für mich trotz Jacquies Warnungen klar: Ich will, ich will, ich will den Teton Nationalpark sehen. Und dann nach Montana – das wird schon irgendwie gehen. Wettervorhersagen treffen schließlich nicht immer ein und die Waldbrände in Montana sollten sie ja wohl auch so langsam unter Kontrolle kriegen. Ich muss gestehen, dass ich Yellowstone gar nicht so sehr auf dem Schirm hatte – er war für mich eher Durchgangsstation nach Montana.

Also verabschiedete ich mich von der kopfschüttelnden Jacquie und machte mich gen Westen auf. Ohne viele Worte nehme ich Euch mit den folgenden Bildern mit durch diese – wieder einmal – grandiose Weite:

Ich hab schon in diesen Momenten gedacht: Selbst wenn ich wegen Schnee und Kälte nicht weiterkomme, hat es sich allein wegen dieser Anblicke schon gelohnt, nach Westen rauszufahren. Denn genau deshalb wollte ich diese Tour machen – um in grandiose Weiten hineinzufahren. Und allein diese Farben in den Felsen…

Und wie gut, dass ich das gedacht habe, denn der erste Schnee wurde sichtbar.

Die Fahrt war so erfrischend, wie dieser Schnee es verspricht, und so war ich heilfroh, als ich gleich am Beginn des kleinen Ortes Dubois (sprich: dübeus, nicht etwa französisch: düboa) auf Mary-Ellen traf. Ihre Kirchengemeinde hatte es sich zur Aufgabe gemacht, durchreisenden Wanderern und Radfahrern ein kostenloses Quartier zur Verfügung zu stellen – was für eine tolle Idee! Zum Glück qualifizierte sie Josi auch als „Rad“ und so konnte ich mich drei Nächte lang einkuscheln, aufwärmen und ausruhen.

Das Motto der Gemeinde finde ich toll – davon kann man sich inspirieren lassen:

Dubois ist eine süße kleine Stadt (knapp 1.000 Einwohner). Bei dem Bild, das Google Search zur Stadt als erstes zeigt, musste ich gerade herzlich lachen. Sie sehen: Richtig – nichts. Zumindest keine Stadt. Aber Dubois hat tatsächlich so einiges zu bieten.

Hier in Dubois kann man sich noch so richtig das Leben in den Westernzeiten vorstellen. Inklusive Cowboystiefel für Kids, die gerade laufen gelernt haben. Oder lernen sie darin laufen?

Und einiges, das dann doch befremdlich ist, gibt es auch:

Aber warum blieb ich drei Nächte lang? Weil natürlich schon in der ersten Nacht Schnee fiel.

Tagsüber verzog das weiße Mistzeug sich immer in höhere Lagen…

… aber das tröstete nur bedingt: Zum einen waren die Temperaturen nun auch alles andere als motorradfahrfreundlich, zum anderen liegen die National Parks höher als Dubois und wurden also langsam und liebevoll eingeschneit. Straßen wurden gesperrt, von der Durchquerung von Teton und Yellowstone abgeraten. Ich hatte eine Weile lang Hoffnung auf den jeweils nächsten Tag – in den Bergen weiß man ja nie.

In der Wartezeit suchte ich mir – natürlich – ein schnuckeliges Café zum Sein, Warten und Arbeiten. Und ich hatte gleich das Gefühl: Hier werde ich verstanden!

Es gab – wiederum natürlich – Stammgäste; Tom war einer von ihnen. Seinen Namen habe ich erst bei meinem letzten Besuch erfahren. Wenn er nicht im Café war, war er auf der Jagd – zu den absonderlichsten Uhrzeiten, aber so ist das wohl bei der Jagd. Im Ort liefen viele Menschen in diesen Klamotten rum, auch Pärchen und sogar Kinder. Ob die wohl mit auf die Jagd gehen? Wundern würde es mich, ehrlich gesagt, nicht.

Nicht im Café, sondern in einem Restaurant lernte ich Biggy kennen. Zunächst befanden wir uns auf unterschiedlichen Seiten des Bartresens. Aber schon bald wurde klar, dass auch sie Deutsche ist – wie verrückt ist das denn? Birgit aus Luckenwalde war schon als junges Mädchen von Pferden und Indianerfilmen fasziniert. Also ist sie ausgewandert, hat Wyoming entdeckt, hat Pferde gezüchtet und lebt jetzt – soweit ich das beurteilen kann – mit ihren Pferden glücklich in ihrem Paradies. Ich find das so genial: Das war ihr Traum, also hat sie es umgesetzt. Es war bestimmt nicht immer leicht und auch jetzt arbeitet sie ja zusätzlich im Restaurant. Aber sie nimmt das auf sich, um ihren Traum zu leben. Ich hatte in vielen Gesprächen auf der Tour den Eindruck, dass Menschen zwar einen großen Traum haben, aber offenbar darauf warten, dass sich das Traumpanorama von allein entfaltet. Ohne Aufwand, ohne Verzicht. Hmm… Sehr unwahrscheinlich.

Am dritten Tag musste ich einsehen, dass es mit Teton und Yellowstone nichts werden würde. Es war zum Heulen, denn Montana fiel damit auch erstmal flach. Wobei fraglich ist, was ich angesichts der Waldbrände davon gehabt hätte. Gesperrte Straßen, diesige Sicht, Kratzen im Hals? Na, danke.

Da ich aber immer noch Mitte Oktober in Seattle sein wollte, musste eine neue Route her. Natürlich südlich der Rockys, denn Schnee konnte ich auch hier haben. Der neue Plan lautete also – in der Genauigkeit all meiner Pläne bisher: südlich aus Wyoming raus, dann durch die linke obere Ecke von Colorado nach Nordwesten, dann durch das 12-15-Viertel von Utah nach Nordosten, dann durch Idaho, Oregon nach Washington. Alles klar?

Na, dann kann’s ja losgehen! Machen wir aus der geplatzten Teton-Montana-Seifenblase einfach eine Utah-Colorado-Wunderblase.

Beitrag teilen

Wyoming is callin‘!

Jetzt hab ich auch wirklich lang genug damit gewartet, diesen Abschnitt zu schreiben – Ihr solltet inzwischen ähnliche Temperaturen haben wie ich damals, um Euch alles so richtig schön vorstellen zu können.
Nein, Quatsch, ich hab’s nicht früher geschafft. Aber temperaturmäßig passt es tatsächlich ganz gut 🙂

Wir sind noch immer in South Dakota, in der südwestlichsten Ecke. Frisch war es ja schon in den Badlands geworden, den ersten Nachtfrost gab es bei Porky. Weil es aber erst Mitte September war, hatte ich noch immer die Hoffnung auf warme Herbsttage und erträgliche Nächte. Schließlich wollte ich in den atemberaubenden Teton Nationalpark, durch den Yellowstone in Wyoming und dann in Montana den Indian Summer erleben. Ich Greenhorn.

In dieser Ecke South Dakotas kommt man natürlich nicht an Mt. Rushmore vorbei. Also, man kommt vorbei – aber man kommt im Grunde nicht daran vorbei, das Ding anzusehen. Im Leben wäre ich nicht auf die Idee gekommen, extra dorthin zu fahren, um mir in Stein gehauene Köpfe anzuschauen. Dementsprechend fiel es mir auch sehr leicht, nach dem Blick auf die Jungs aus der ewig langen Schlange zum Monument auszuscheren…

… und weiter in Richtung Black Hills National Forest zu fahren. Tolle Straßen, viele Kurven und immer wieder perfekte Blicke auf Mt. Rushmore – ohne Wartezeiten.

Außerdem sind die Herren Präsidenten ohnehin auf jeder Straße präsent:

Von da an ging es nach Südwesten in Richtung Teton. Und ebenfalls von da an wurden die Nächte immer kälter. In Newcastle, Wyoming, dachte ich, das Plätzchen in einer geschützten Ecke an einer Kirche würde helfen, etwas Wärme im Zelt zu halten, aber Pustekuchen. Ich hab noch nie so gefroren. Allerhand Ratschläge gingen mir durch den Kopf und glaubt mir: Ich hab sie alle ausprobiert. Klamotten an, Klamotten aus, das ja, das nein – ich hätte sogar einen Kopfstand gemacht, wenn es geholfen hätte.

Um 4:12 Uhr hab ich aufgegeben, mich angezogen und bin durch die klirrend kalte Nacht mit klarem Himmel die Hauptstraße auf- und abgegangen. Dabei hab ich entdeckt, dass Wacken offenbar Ableger hat :-).

Die Lady, die ihren Coffee Shop  schon um 5:45 Uhr öffnete statt um 6:00 Uhr, hätte ich knutschen können. Da hab ich mich dann erstmal eineinhalb Stunden aufgewärmt und gefrühstückt, bevor ich zur Kirche zurück bin, um George zu holen. Aber wenn ich dachte, es könne nicht kälter werden, sollte ich noch zweimal eines besseren belehrt werden…

Bevor es soweit war, konnte ich auf dem Weg nach Casper, Wyoming, schönste Weite genießen. Da hat das klare Wetter ja auch seine guten Seiten… Am liebsten würde ich Euch die Bilder ganz groß und leuchtend hier in den Beitrag kopieren, aber ich hoffe, dass sie auch so wirken:

Als ich – schon im Dunklen – in Casper ankam, machte ich mich naiv zuversichtlich auf die Suche nach einem Schlafplatz. Ich wusste noch nicht, dass es die schlimmste Nacht meiner (bisherigen) Reise werden sollte… Zunächst bin ich auf einen Hügel gefahren – schöne Ausblicke sind ja was Feines. Das Wohngebiet dort war allerdings so angelegt, dass ich keine Lücke für mich fand. Eine große, zugewachsene Wiese wäre eine Option gewesen – wir ignorieren jetzt bitte die Hunde, die dort in unserer Vorstellung rumhüpfen und mehr. Aber da oben pfiff ein kalter Wind, echt unangenehm, und der hätte die ganze Zeit entweder an mir oder an George gerüttelt. Auch nicht schön. Also weiter – und siehe da: ein größerer Kirchenkomplex. Mit Spielplatz, Garten, Hinterhof, allen Schikanen. Zuerst packte ich mich unter einen Baum – Mist immer noch der Wind. Also irgendwo eine windgeschützte Ecke suchen – aber es war einfach keine zu finden. Unglaublich.

Egal, wohinter ich mich versteckte: Der Wind wehte kalt über mich rüber. Also runter in die Stadt – vielleicht gibt es bei der Bibliothek eine gute Ecke? Dreimal umrundet: Nein. Unglaublich. Wind, Wind, Wind. Aber was ist das? Eine von allen vier Seiten von Plexiglas umgebene Bushaltestelle? Meine! Schlaf ich halt mal in einer Haltestelle, Hauptsache, ich kriege Schlaf! Inzwischen war es zwei Uhr und ich echt zermürbt. Ich wunderte mich kurz darüber, dass kein Obdachloser in der Haltestelle schlief, wusste aber auch bald, warum. Der Wind kam nicht nur durch die 20 cm hohe Lücke am Boden rein, die Verwirbelungen drinnen waren dann richtig schön. Alter, ich war durch. Später habe ich erfahren, dass Casper eine der windigsten Städte der USA ist. Ich würde wahnsinnig, wenn ich dort leben müsste!

Erklärung und Quelle hier.

Und während die Polizei sonst immer zu mir kommt, bin ich diesmal zu ihr gegangen – absolut ratlos, wo ich die letzten Stunden der Nacht verbringen sollte. Geld ausgeben wollte ich trotz allem nicht.

Ihr werdet es kaum glauben:

  • Die Polizeistation war offen.
  • Sie war warm.
  • Es war kein Mensch da.
  • Ich fand eine Möglichkeit, mich auszustrecken. Man wird ja bescheiden.

Und so schlief ich erschöpft und froh mit folgendem Bild vor Augen ein:


Selige Stunden von 2:30 bis 5:00 Uhr – was für ein Luxus!

Beitrag teilen

Die Badlands in South Dakota – schlechtes, wunderschönes Land

Zurück auf meine ursprüngliche Route, zurück von meinen Vorgriffen auf die Abenteuer in Utah und den Geburtstag in San Francisco. Von Nebraska aus bin ich von Süden in South Dakota eingefahren. Ich habe in den ersten Stunden ständig angehalten, um diesen unglaublichen Horizont zu fotografieren – wissend, dass ich ihn ohnehin nicht richtig einfangen kann. Aber wer die folgenden Bilder auf einem großen Monitor anschaut, bekommt zumindest einen Eindruck.

Die Region South Dakotas, in die ich einfuhr, heißt Badlands – und landschaftlich gesehen ist sie genau das. Man kann dort kaum etwas anbauen, man kann dort kaum Vieh halten. Ideal also, um die ungeliebten Dakota-/Lakota-Indianer dorthin zu treiben und dieses unwirtliche Land zu ihrem Reservatszuhause zu erklären. In diesem Artikel geht es um nix anderes, wer also grad was Leichtes, Lustiges braucht, möge ihn auslassen.

Neben dem Niemandsland und dem Reservat gibt es im Norden den atemberaubend schönen Badlands National Park – mehr dazu im zweiten Teil. Das Land der Pine Ridge Reservation ist auch wunderschön, aber zum Leben eine Katastrophe. Einige Eindrücke (Zahlen aus Wikipedia):

  • Es ist wie eine Wüste, größere Städte und Supermärkte sind ewig weit weg – es gibt kaum Kontakt, geschweige denn Austausch.
  • Die Verkaufsgüter für die kleinen Trading Stores werden angeliefert – sicher auch nicht zu den günstigsten Preisen.
  • Die Arbeitslosenquote in der Pine Ridge Reservation liegt bei 85%, einfach unvorstellbar.
  • 2002 lebten 40% der Familien unterhalb der Armutsgrenze.
  • Die Suizidrate ist etwa viermal so hoch wie der Landesdurchschnitt.
  • Viele Familien haben weder Strom noch ein Telefon.
  • Mit einer Lebenserwartung von 47 Jahren für Männer und nur etwas mehr als 50 Jahren für Frauen ist die Lebenserwartung der Bewohner des Reservates eine der kürzesten aller Gruppen der westlichen Welt.
  • Geld verdienen kann man nur, wenn man einen der wenigen Jobs bei den Trading Posts, an der Grundschule, im Motel in Kyle oder im Casino hat. Oder man besitzt Motel oder Casino, das geht natürlich auch. Ich habe einige wenige bestens gekleidete Lakota gesehen und viele, viele in Zuständen, in denen ich mich auch entweder mit Drogen oder Alkohol zudröhnen würde. Ach ja, Handel mit Drogen ist auch noch eine Möglichkeit. Plenty of choices… Laut Wikipedia gibt es einen Solarplattenhandel und ein großes Familienunternehmen, das US-weit verkauft – ich habe davon nichts gesehen.
  • Etwa 75% der Haushalte auf Pine Ridge überleben durch Jagd auf Kleinwild, Sammeln von Wildfrüchten, Wurzeln und Samen oder (seltener) etwas Gartenbau. Zum Teil verkaufen sie die Erzeugnisse an andere Lakota-Familien oder in den Städten um das Reservat.

Und all das im 21. Jahrhundert in den USA! Ehrlich, es ist zum Weinen.

Immerhin gibt es eine Grundschule, ein College und sogar eine Waldorfschule:

Das Reservatsland gehört den Indianern nicht einmal. Vor einigen Jahren sollte es offenbar  in ihren Besitz übergehen, aber irgendwas kam dazwischen. So dürfen sie es zwar weiter mitverwalten, mehr aber auch nicht.

Es war auf der ganzen USA-Tour bisher seltsam, durch Orte und Gebiete oder über Flüsse zu fahren, die nach Indianerstämmen benannt sind, von denen wir als Kinder atemlos fasziniert gelesen haben. Und es ist ein beschissenes Gefühl, in Städte oder Orte einzufahren, die mit „… Reservation“ enden. Wie gebrandmarkt.

In der Pine Ridge Reservation liegt die Ortschaft Wounded Knee – ganz klein, mit knapp 300 Einwohnern. Irgendwie kennt man den Namen, geht es Euch auch so? Meist durch das Buch Bury My Heart at Wounded Knee („Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“) von Dee Brown. Ich hatte es immer mal wieder in der Hand – zuletzt sogar in Cape Girardeau, Missouri, aber ich hatte nie den Mut, es zu lesen.
Bei dem Massaker 1890 wurden in Wounded Knee 150-350 (je nach Quelle) Lakota-Indianer – Männer, Frauen und Kinder – erschossen. Nach diesem Massaker war der letzte Widerstand der Indianer gegen die Weißen gebrochen (Infos).

Der Ort des Massakers in Wounded Knee. Man hätte rauf- und rübergehen können, aber das konnte ich nicht.

Das Massaker beschäftigt auch heute noch viele Menschen, vor allem, weil die Indianer dafür nie Gerechtigkeit erfahren haben. Wobei sich natürlich die Frage stellt, wie die überhaupt aussehen könnte. Nach dem Anschlag in Las Vegas mit 58 Toten, der hier in den USA alle beschäftigt hat, waren auch Posts wie der nebenstehende in den sozialen Medien. Fand ich sehr interessant.

Gegenüber von der Massakerfläche (scheiß Wort – wer ein besseres weiß, sage es mir bitte) liegt auf einem Hügel ein kleiner Friedhof. Dort finden sich zum einen eine Stele für die Opfer von 1890, zum anderen weitere Gräber, alte und neue. Ich muss gestehen, dass hier bei mir das Gedenken hinter das Wundern und Grinsen angesichts der Namen zurücktrat. Und einmal dürft Ihr raten, welcher Name mir am besten gefiel 🙂

Zum größten Teil waren die Gräber verwahrlost, was im Gesamtkontext noch trauriger wirkte als verlassene Gräber allgemein schon. Dafür war die Kombination von indianischen Grabgaben mit schrecklich bunten Plastikblumen spannend. Dass die meisten Indianer auch deutlich christlich beerdigt wurden, lassen wir jetzt mal unkommentiert.

Am Friedhof befindet sich das Gemeindezentrum von Wounded Knee. In der ehemaligen Kirche verkaufen Bewohnerinnen Indianerschmuck – ein Versuch, auch hier ein Standbein aufzubauen. Zwei bis drei Bewohner kamen als Touristenführer auf Friedhofsbesucher zu und baten anschließend auf akzeptable Weise um Spenden. Auf meine Frage, ob der Ort Wounded Knee eher wachse oder schrumpfe, antwortete einer von ihnen – William Yellow Horse – ganz begeistert: „Er wird wachsen! 89 unserer Bewohner sind jung!“ Mmh… Einflüsse von außen wären da eine ganz schöne Ergänzung…

Vom Gemeindezentrum führt ein Trampelpfad hinab zum Museum. Auch hier habe ich gekniffen, der Friedhof und die Gespräche mit den Indianern waren intensiv genug für mich. Außerdem kam hier eines der Kids auf mich zugerannt und rief mit vorgehaltenen Händen: „Donations, donations!“ Es war schlimm.

Viel weiter bin ich an diesem Tag auch nicht mehr gekommen. Weil es kalt war und ich in der Reservation irgendwie nicht wild campen wollte, hab ich mir ein Zimmer in einem Motel in Kyle gegönnt – der Inhaber angeblich ein Indianer. So konnte ich mir einreden, doch noch was Gutes zu tun…

Am nächsten Tag bin ich in den Badlands National Park gefahren – dieser Bericht wird schöner!

 

 

 

 

 

Beitrag teilen

Washington bei Nacht – wann sonst?

Eigentlich wollte ich von Vermont aus relativ gerade und vor allem fix runter nach Süden bzw. Südwesten fahren, um auf dem sogenannten Blue Ridge Parkway für etwa 800 Kilometer die traumhafte Landschaft der Appalachen zu genießen.

„Eigentlich“ sagt dann ja auch schon alles – denn ein Moment am vorigen Sonntagabend änderte die Punkte „gerade“ und „fix“. Knapp vier Wochen zuvor war ich schon einmal an Washington vorbeigefahren – auf dem Weg von Baltimore zur Chesapeake Bay Bridge. Es war Samstagnachmittag, es war 33 Grad heiß und ich steckte im Interstate-Verkehrswahnsinn – einer irre machenden Mischung aus Stau und Raserei (also der Verkehr, ich noch nicht). Da war mir nicht wirklich nach Hauptstadtbesichtigung, zumal all die komischen Touristen ja auch da waren ;-).

Nun stand ich an einer Ampel in Richtung Süden, es war schon dunkel und plötzlich sah ich ein Schild in Richtung Washington. 34 Meilen. Scheiße. Das kann ich doch jetzt nicht – im wahrsten Sinne des Wortes – links liegenlassen! Nicht an einem Sonntagabend, wo alle Tatort schauen, die Touristen weg sind und die Pendler noch zu Hause! Also: Spur gewechselt, abgebogen und allein schon an der Vorfreude gemerkt: Das war die richtige Entscheidung.

Wieder alles beleuchtet zu sehen, die Straßen für mich zu haben, in Ruhe auch mal langsam fahren, suchend herumeiern und auch entspannt am Straßenrand stehenbleiben zu können: Das macht es für mich mehr als wett, dass ich in keines der Gebäude reinkann.

Und so hab ich mich natürlich auf den Bürgersteig gestellt, um Josi zu fotografieren 🙂

Mein Glück war an dieser Stelle perfekt. Aber Moment – ich hatte heute noch keine… Das Geräusch einer dicken Harley näherte sich – es gehörte zu einem Polizisten. Jetzt war die Welt wieder in Ordnung. Er hielt auf der anderen Seite der Poller, nahm seinen Helm ab und sagte: „I like your bike!“ Smalltalk – ein guter Start. „Well, I like yours – and it definetely sounds better!“ Zufriedenes Grinsen seinerseits – ich alte Schmeichelbacke. Aber dann: Augen auf und durch. „But that’s not what you’re here for, right?“ – „Nope. Parking on the sideway – that’s not allowed.“ Ach ja, weiß ich ja, aber ich konnte nicht widerstehen. Und ich bin auch schon fertig und gleich weg – hab alle Bilder gemacht, die ich machen wollte. „Pictures? Where are you from?“ Nach der Antwort war das Eis dann endgültig gebrochen und er hat mich sogar mit seinem Bike fotografiert! Rauf durfte ich leider nicht – state property. Ist auch egal – das war so schon so unendlich cool!

Noch einige kleine Gänge und Fahrten durch das nächtliche Washington – dabei bin ich auf ein Denkmal für den guten Albert Einstein gestoßen. Bei dem Präsidenten ist sein Ausspruch wohl passend wie selten: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Gegen elf bin ich dann wieder raus aus Washington. Eigentlich wollte ich es bis zurück auf meine ursprüngliche Route schaffen, aber ich war einfach zu müde. Und deshalb froh, als ich mal wieder eine Kirche mit Rasenfläche entdeckte – auch Josi konnte sicher stehen. Ihr wisst ja inzwischen, worauf es ankommt 🙂

Trotzdem war ich bei jedem vorbeifahrenden Auto unruhig – die Straße führte in einer Kurve an der Kirche vorbei, sodass ich jedesmal etwas davon hatte. Gegen 3:30 wurde ich wach, weil ein Auto mit laufendem Motor neben George stand, der Fahrer telefonierte. Ich wollte mich schnell anziehen und rausgehen – kommt ja immer gut an. Aber als ich – leicht nachtverschwitzt und deshalb klebrig – meine ebenfalls klebrige Motorradhose (weil mit Regeninlay) auf eine annehmbare Höhe gezerrt hatte und aus dem Zelt gestolpert war, hörte ich nur noch „Okay, I’ll take care of it.“ und ein davonfahrendes Auto.

Wer oder was auch immer das war – in dieser Nacht kam niemand mehr. Und als ich morgens dann auf der Suche nach Kaffee zur Tankstelle ging (ein Segen im wahrsten Sinne des Wortes), kam ich auch noch bei einem Medium (Psychic – Reader and Adviser) vorbei. Mir hätte in dieser Nacht also überhaupt nichts passieren können…

 

Beitrag teilen

Lourdes in Amerika

Dass meine Tour abwechslungsreich sein würde, war klar – aber mit manchem hatte ich dann doch nicht gerechnet 🙂

Damit zum Beispiel, dass ich  in Pennsylvania an einem katholischen Wallfahrtsort anhalten würde. Aber dieses goldene Megading, das ich zunächst für Jesus hielt, sah man schon von so unendlich weit, dass ich neugierig auf die Instanz war, die so viel Selbstbewusstsein demonstrierte, indem sie eine Statue der Demut aufstellt.

Also hin zu dem recht weitläufigen Anwesen, das hauptsächlich von Asiaten und Hispanics besucht war. Es gab eine Anlage für riesige Messen – und massenhaft Wassercontainer, die die Gläubigen für den Hausgebrauch füllen konnten.
Ein sehr rührender Moment war, als eine Frau ihrem alten Vater eine offenbar schmerzende Stelle auf dem Rücken mit dem gesegneten Wasser einrieb. Das haben die Katholiken den anderen Religionen voraus: mehr Körperlichkeit, mehr Ganzheitlichkeit.

 

Der Parkplatz zu dem Anwesen hatte übrigens eine Neigung, die jedem Weinberg Ehre gemacht hätte. Beim Parken ist Josi mir zweimal umgefallen. Angesichts der extremen Neigung schäme ich mich nicht dafür – aber vielleicht hätte ich es als Ungläubige als Zeichen verstehen sollen, der Anlage fernzubleiben? Die blauen Flecken auf meinem Luxuskörper erinnern mich täglich an diese Frage…

Beitrag teilen