Aus dem Steinstraßenschreibstübchen

Es ist Sonntag, ganz Kiel sitzt draußen in der Sonne und isst Eis. Ganz Kiel? Nein… In einem gemütlichen Zimmer im fünften Stock einer frühlingsfrischen Altbauwohnung sitze ich und schreibe. An meinem Buch. Endlich.

Nachdem ich mir einen Überblick über die Literatur zum Thema „Schreiben“ verschafft, mich in die Erfahrungen und Vorgehensweisen von Stephen King („Das Leben und das Schreiben“ – inspirierend) und Elizabeth George („Wort für Wort“ – nicht so meins) vertieft, etliche online-Tutorials angeschaut und verschiedene Schreibprogramme ausprobiert habe, ist folgender Rat als gemeinsamer Nenner übriggeblieben und offenbar am erfolgversprechendsten:

„Setz dich auf deinen Allerwertesten und schreib.“

Nun gut. Wie gesagt: Heute habe ich es endlich mal wieder geschafft, vorher lief ein paar Tage nix. Aber es war ja auch alles aufregend mit Bewerbungsgespräch und Job und Josi und überhaupt.

Ich fühle ich mich gerade ein wenig in die Reisezeit zurückversetzt, weil ich endlich Josis Taschen ausgeräumt habe. Bisher hab ich mich davor gedrückt – als ob meine Traumtour damit wirklich zu Ende ist. Dabei bin ich schon seit vier Monaten wieder hier! Mir war nicht klar, dass es so viele Enden für eine Sache geben kann.

Beim Anblick dieser Dinge werde ich zugleich froh und wehmütig:

  • meine „Weltkarte“ – die einzige USA-Karte, die ich genutzt habe. Von den hier dargestellten Straßen aus ging es nach Gefühl und Sonnenstand auf kleine und kleinste Straßen – irgendwann kam ja sicher wieder ein Highway;
  • Maine – ein Traum… und Moab – ohne Worte…
  • der Kompass, über den meine Jungs auf der Independent Spirit sich liebevoll kaputt gelacht haben, der mir aber ausreichende Dienste leistete;
  • die Wärmflasche, die ich mir tatsächlich das eine oder andere Mal in einem Diner oder einem Pub auffüllen ließ, um mich dann in Schlafsack und Zelt zu kuscheln – bestens versteckt, Ihr wisst schon;
  • meine Laufhose („Wenn ich irgendwo ankomme, laufe ich erstmal eine Runde – das ist bestimmt gut für meinen Rücken“). Das mag so sein, aber die Hose hat nicht einmal amerikanische Luft geschnuppert, sondern ist original zip-verpackt wieder mit nach Hause gekommen;
  • die Anti-Juck-Salbe, die wirklich gegen alle von Insekten verursachten Schmerzen half – danke, Lisa und Tina!
  • meine Visitenkarte, die ich an meinen kreativ gewählten Übernachtungsplätzen morgens im Zelt hinterlassen habe, wenn Kaffee und Frühstück in der Nähe waren. Niemand sollte sein Zelt abbauen und packen müssen, ohne vorher 1+x Kaffee genossen zu haben;

  • der Drumstick, den ich nach einer großartigen Bluesnacht in einem entzückenden Café im Mini-Örtchen Jemez, New Mexico, geschenkt bekam – Ronald Reagan moderierte zwischen den Cowboyfilmen, die den ganzen Tag liefen;

  • und natürlich der dicke, freche Gynsburgh, der sich bis heute geweigert hat, den Sheriffstern abzulegen, der ihm in Baggs, Wyoming, verliehen wurde. Dass der Dreck der gesamten 37.000 km auch noch an seinen Füßen sitzt, ist für ihn kein Widerspruch dazu…

Ach ja, genug geschwelgt… Weiter schreiben. Damit all die Erinnerungen im Buch einen kuscheligen gemeinsamen Raum finden.

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Foto-Challenge in Baltimore!

Diesmal habe ich meine Bilder immerhin auf 12 reduziert – alles schöne Erinnerungen an die drei Tage in der Ostküstenstadt.

Welche gefallen Euch am besten, welche sollen ins Buch?

Danke für Eure Hilfe!

Eva

Falls Ihr nochmal nachlesen wollt, was da so los war, geht einfach hierhin :-).

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Laura’s Dream

Laura habe ich in einem schnuckeligen Diner nördlich von Ogden, Utah, kennengelernt. Nachts herrschten inzwischen Temperaturen um 0°C – für mich nicht unbedingt eine Einladung zum Zelten. Trotzdem hätte ich es getan – der Inhaber des Diners hatte mir seinen Innenhof angeboten.

Mit Lauras Mom.

Plötzlich kam ein „You can sleep on my couch!“ von links – dort saß Laura. Aus dem Nichts bot sie mir die Couch in ihrem Apartment an, in das sie erst einige Tage zuvor eingezogen war. Ich habe bei ihr ganz wunderbar geschlafen und ich freu mich sehr, dass sie mich und Euch an ihrem größten Traum teilhaben lässt:

„My biggest dream is to start an organization that provides housing, education, and developmental opportunities for children in foster care where they can progress and be better prepared for their future in an environment that is supporting and loving.“

Dass Laura fürsorglich ist, habe ich selbst erlebt – neben ihrer Badewanne konnte ich noch allerlei Beautyprodukte ausprobieren, während sie mit einer Freundin unterwegs war.

Vertrauen und Fürsorge – danke für beides, Laura, und von Herzen alles Gute für Deinen tollen Traum!

 

 

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b4b – Bilder für das Buch

Ach ja… wenn man Hilfe braucht, soll man darum bitten.

Ich will meine 5.300 Fotos reduzieren, eine Vorauswahl für das Buch treffen – für das immerhin schon das Inhaltsverzeichnis steht ;-).

Aber schon zu Beginn scheitere ich an der mir selbst gestellten Herausforderung, die jeweils drei besten Fotos pro Tour-Etappe auszuwählen – es sind immer zu viele. Vielleicht sollte ich einfach „Etappe“ neu definieren? Als Woche, Tag oder Stunde?

Oder Ihr helft mir – wie ist das?

Welche der Bilder sollen mit ins Buch, Kapitel „Überfahrt“? Schreibt es einfach in die Kommentare.

Wenn Ihr nochmal nachlesen wollt, wie die zwei Wochen auf dem Ozean waren, findet Ihr die Berichte ab hier.

Danke!

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(c) Beitragsbild: Elena Eliachevitch_Getty Images

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Gesammelte Erkenntnisse

Seit meiner Rückkehr werde ich immer wieder gefragt, ob ich während meiner Tour etwas Wichtiges gelernt, ob ich große Erkenntnisse gehabt hätte. Am besten natürlich über mich.

Augenblicklich meldet sich mein schlechtes Gewissen – denn das habe ich nicht. Habe ich etwas falsch gemacht, etwas verpasst? Muss ich am Ende nochmal los?

So schön diese Variante auch wäre, so fallen mir dann doch einige Dinge ein, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe. Wie groß oder wie klein diese sind, wird sich zeigen.

So ist mir – neben meiner grenzenlosen Verwunderung darüber, wo um alles in der Welt dieses halbe Jahr geblieben ist – immer wieder klargeworden: Fast jeder Mist bringt auch was Gutes. Ohne die Schneestürme in Wyoming und die Waldbrände in Montana hätte ich nicht diese traumhafte Fahrt durch das atemberaubende Colorado erlebt. Und ich hätte in Utah nicht das Erfolgserlebnis gehabt, Josi mit Hilfe eines gebuddelten Lochs zum ersten Mal überhaupt allein aufzurichten.

Aber nur fast jeder Mist bringt auch Gutes. Manchmal ist Scheiße auch einfach nur Scheiße. Man kann und muss nicht alles schönreden. Scheiße darf man auch mal „Scheiße“ nennen – vielleicht noch „schöne Scheiße“. Gilt auf Reisen genauso wie Zuhause.

Ich bin gelassener geworden – mit Blick auf die Zukunft im Allgemeinen und mit Blick auf kritische Situationen. Es gibt so viele mögliche Lösungen und nicht nur die eine, die gerade vor unseren Augen zerfällt. Quer denken, neben der Spur – das bringt einen erstaunlich weit. Und erstaunlich viel Spaß.

Wenn gar nichts mehr geht, tauchen tatsächlich Helfer auf – woher auch immer. Erklären kann man das nicht. Man muss reisen, um es zu erleben. Man muss es erfahren.

Ich hatte schon immer ein eher positives Bild von Menschen. Auch in den Staaten habe ich erlebt, dass es ganz viele von ihnen gibt. Und dass sie noch viel offener, großzügiger und herzlicher sind, als ich mir vorstellen konnte.

Das Unterwegssein hat mich viel weniger angestrengt als erwartet. Das allabendliche Suchen nach einem Schlafplatz fast gar nicht. Überraschend schnell war das Vertrauen da, dass ich schon etwas Geeignetes finden würde. Dieses Vertrauen führte so weit, dass ich auch mal abends um acht an einem möglichen Schlafplatz vorbeigefahren bin, weil er mir nicht gefiel und/ oder es sich nicht gut anfühlte.

Lincoln, Nebraska: Zwischen Bibliothek und Schule – und keiner hat’s gemerkt

 

Es gibt eine Reihe kleiner, praktischer Dinge und Angewohnheiten, die mich unterwegs begleitet haben:

  • Duschen, wann immer es geht. Und sei es in der Trucker-Dusche an einer InterState-Kreuzung. So kann man vermeiden, beim Baden in Meer oder See gefragt zu werden, ob das denn nicht schon an Umweltverschmutzung grenze…
  • Servietten aus Restaurants mitnehmen, wann immer es geht. Die zweilagigen Taschentücher in den Staaten sind doof. Vom einlagigen Klopapier ganz zu schweigen.
  • Eine Wärmflasche ohne heißes Wasser wärmt nicht.
  • In Pubs kann man Wärmflaschen auffüllen lassen.
  • Beim wilden Campen: Klamotten abends immer richtigrum drehen – dann hat man sie schneller an, wenn nachts die Polizei draußen steht.
  • Die Polizei ist freundlich, auch in ungewöhnlichen Situationen. Wobei es sicher hilfreich war, dass ich ein blonde German girl on a bike war.

Nachts auf dem Vorplatz des Capitols, Washington

 

  • Wenn man abends im Dunkeln im Zelt Dinge ordnet: Helles auf Dunkles und Dunkles auf Helles legen. Gilt für Dinge, die man auch ohne Licht schnell wiederfinden will, wie z.B. Flaschendeckel, Tabletten, Kontaktlinsenbehälter (Licht ist bei heimlichem Campen nicht immer ratsam 😉).
    Immer, wenn ich die Sachen so geordnet habe, fühlte ich mich leicht zwanghaft.
    Immer, wenn ich den Krams problemlos im Dunklen fand, musste ich grinsen.
  • Waschbären sind laut. Immer.
  • Spinnen sind leise. Immer.
  • Erst das Zelt aufbauen, dann Wein, Margarita oder Mojito trinken. Is besser so – und eindeutig eleganter.

Tatsächlich habe ich doch noch drei Dinge über mich gelernt bzw. bin bestätigt worden:

  • Ich mache auch auf Reisen nicht regelmäßig Sport.
  • Ich bin keine Frühaufsteherin. Nicht einmal, wenn ich im Zelt schlafe.
  • Ich schlafe fast überall gut.
  • Ich will gut essen – aber nicht kochen.

Diese Dinge sind einfach so – Punkt. Jeder Versuch, das zu ändern, setzt mich unter Stress, verdirbt mir den Spaß und ist letztlich auch unnötig. Für mich funktioniert das Reisen so besser. Dann wird eben an den Unterkünften gespart, aber nicht am Essen. Geht alles – man muss nur gnädig mit sich umgehen. Und sich gönnen, in der Nähe des Morgenkaffees zu campen.

~ ~ ~

Das Spannendste war jedoch tatsächlich das Thema „Hilfe“. Ich habe gemerkt, dass es mindestens drei Stufen des Themas gibt und nicht nur zwei:

  • Stufe 1 – Hilfe annehmen
    Die Amis sind unglaublich hilfsbereit. Und wenn sie sehen, dass jemand ihre Unterstützung gebrauchen könnte, fragen sie nach. Und helfen. Ohne Erwartung einer Gegenleistung. Vielmehr leben sie nach dem Prinzip Pay it forward – eine schöne Maxime. Ein Gefallen soll nicht zurückgezahlt werden (to pay sth back), sondern forward, vorwärts an den nächsten, der es gebrauchen kann. Hilfe annehmen konnte ich ziemlich gut – schließlich hatte der andere sie ja angeboten.
  • Stufe 2 – Um Hilfe bitten
    Das war schon knackiger, zumindest zu Beginn. Da meine finanziellen Mittel begrenzt waren, wollte und konnte ich nicht jede Nacht in einem Motel, Hostel oder auch nur auf einem Campingplatz schlafen – letztere kosten auch gern mal zwischen 40 und 72 (!) Dollar. Also habe ich so oft wie möglich nach schönen Plätzchen für mein Zelt George geschaut und dafür immer mal bei Menschen geklingelt, um mich mit ihrer Erlaubnis in ihrem Vorgarten breit zu machen. Oder bei einer Kirche, um irgendwo drinnen zu übernachten. Und was soll ich sagen? Ich bin zwei Mal abgewiesen worden, nicht öfter. Und auch das war okay, schließlich kam meine Anfrage ja ohne jeden Anspruch. Und so konnte ich sie denn auch gut annehmen – das zu erhalten, worum man gebeten hat, ist ein tolles Gefühl.
  • Stufe 3 – (Viel) mehr bekommen als man erbeten hat
    Das war schwer. So habe ich bei 2 Grad Außentemperatur in einer Kirche gefragt, ob ich in einer Ecke drinnen mein Lager aufschlagen könne. Alles, was ich wollte, waren Wände und ein Dach. Aber nix da – das Übernachten auf dem Kirchenboden wurde als inakzeptabel eingestuft. Stattdessen sammelte der Pastor (Harley-Fahrer 😊) spontan Geld bei den anwesenden Gemeindemitgliedern, quartierte mich in einem sehr guten Motel ein und drückte mir die restlichen 40 Dollar in die Hand. Es gab einige dieser Situationen und am Anfang war es mir echt unangenehm. Erst nach einer Weile habe ich begriffen: Auch diese Menschen sind alt genug zu entscheiden, ob und wie sie mir helfen wollen. Und ein zweiter Aspekt war immer wieder hilfreich: Mir vorzustellen, wie gut sich das Helfen im umgekehrten Fall anfühlen würde. Denn wenn jemand helfen möchte, gewinnen letztlich beide Seiten.

Lisa und ihre Schwester Bonnie haben mich nach einem Restaurantplausch in ihr Gästezimmer eingeladen – Gynsburgh fand die beiden auch toll (Niantic, Connecticut)

Na, es ist ja doch einiges zusammengekommen, auch wenn es nicht die riesigen Erkenntnisse sind. Aber ich bin ja auch keine 20 mehr (ehrlich!) und hab mit 42 doch schon einiges gelernt – vor allem über mich.

Ich weiß, dass eine Managerkarriere mich nicht glücklich macht. Etwas mehr Geld wäre immer schön, aber reich sein muss ich nicht.

Solange ich eine sinnvolle Beschäftigung habe, genug Zeit für mich und für meine Herzensmenschen, fürs Motorradfahren, Genießen und zum Schlafen, bin ich glücklich.

Wie las ich vor einigen Tagen?

Man ist reich, wenn’s reicht.

Wenn das keine gute Erkenntnis ist, dann weiß ich auch nicht…

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Die Freuden des Campens

Endlich! Endlich! Endlich! Endlich konnte ich wieder zelten ohne zu frieren!

Vor wenigen Tagen habe ich allen Ernstes Frost im Norden Floridas erlebt – oder mitgebracht??? Ganz offensichtlich hatte ich von „überwintern in Florida“ bisher eine komplett falsche Definition… Interessanterweise bin ich aber nur zweimal kurz aufgewacht, habe George angehaucht, mich tiefer eingemummelt und weitergeschlafen. Wenn ich daran denke, dass ich mal bei 5 Grad vor Kälte nicht schlafen konnte – tsss…

Am Morgen haben der Engel Jimmy und der Engel Angela – Angestellte der Kirche, auf deren Gelände ich mich nachts geschlichen hatte, mich mit Kaffee, Wärme, Kaffee, Snacks und Kaffee versorgt. DANKE!!!!

Ha, aber ich wollte ja nicht mehr übers Frieren schreiben – und das muss ich auch nicht, jippieh! Denn heute Nacht waren es auf und in Key Largo, der größten Insel der Florida Keys, charmante 16 Grad. Die konnte ich im Garten von Sue genießen, die hier Bootstouren mit verschiedenen Schwerpunkten anbietet. Ihre Freundin Kat hat mir spontan noch eine Flasche Wein für den Abend mitgegeben – ich würde sagen: Läuft!

Da mein abgehärtetes Ich nicht mit nach Deutschland fliegen wird, sind dies wohl vorerst meine letzten Campingnächte – von Mittwoch bis Weihnachten werde ich zwischen Kuscheldeckenbett (inkl. Wärmflasche) und Badewanne pendeln. Aus diesem Grund habe ich mir gedacht, dass ich Euch an meinen Lieblingscampingmomenten teilhaben lasse – wie findet Ihr das?

Bitte versteht mich richtig: Es ist nicht so, dass ich unfassbar gern campe. Ich finde es zwar weit weniger schrecklich als befürchtet, aber vor allem spart es soooo viel Geld… Mit George habe ich ein super Zelt gekauft, das sich total schnell auf- und abbauen lässt. Inzwischen kann ich das sogar im Dunkeln!
Und so gibt es beim Campen tatsächlich viele wundervolle Momente – wobei ich hoffe, dass Ihr die in unterschiedlichem Maße vorhandene Ironie erkennt. Vermissen werde ich alles – einfach weil es Teil dieses großartigen Abenteuers war.

Hier also sind meine liebsten Momente und Situationen:

  • Wenn ich einen Platz gefunden habe, an dem ich die Leselampe anschalten kann, ohne befürchten zu müssen, entdeckt zu werden.
  • Wenn der Frühsport aus Schneckenschnipsen besteht: Die Minischnecken, die in der Nacht von außen auf das Zelt gerutscht/ geschliddert/ geschleimt – oder was auch immer – sind, kann man ganz wunderbar von innen wegschnipsen, ohne sich groß bewegen zu müssen. Wer das Känguru von Marc-Uwe Kling kennt, stellt zusätzlich Überlegungen zur Flugbahn an.
  • Bleiben wir noch einen Moment bei den Schnecken: Wundervoll ist es, wenn der Verwesungsgeruch der einige Tage zuvor mit dem Zelt eingerollten Schnecke(n) nachlässt…
  • Größere Schnecken erzeugen mit ihrem Schleim ganz außergewöhnliche Kunstwerke – man muss sie nur zu würdigen wissen.

Überhaupt sind Tiere beim Campen ein Quell steter Freude:

  • So habe ich mich des Öfteren gefragt, wo zum Himmel jetzt dieser Ohrenkneifer hingekrabbelt ist, den ich grad noch an der Schwelle zwischen Zelt außen und Zelt innen gesehen habe.
  • Genau hier war gerade noch ein Stinktier!!! In der Nacht hat es sich aus mir unerklärlichen Gründen mit George gestritten und ihn schließlich ordentlich besprüht. Ich sag Euch: Ich lag im Zelt und konnte nicht atmen, so sehr hat es gestunken. Mini-Atemhappen waren alles, was ich mir für bestimmt eine halbe Stunde gegönnt habe. Seitdem glaub ich nicht mehr an den Spruch, dass noch nie jemand erstunken ist…
  • Mücken – einfach göttlich. Und so schlau! Sie lieben insbesondere die Phase, in der man beim Auf- und Abbau hockend beschäftigt ist, wenn also Knöchel, unterer Rückenbereich, Handgelenke und Hände freiliegen. Davon hat man auch als Mensch am längsten etwas.

In puncto Spinnen habe ich eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht:

Phase 1 – Kindheit
Ein „Andrea!!! Staubsauger!!!“ reichte, damit meine zwei Jahre jüngere Schwester mit eben diesem Gerät zu mir kam. Sie musste nur schauen, wo ich grad stand, dann den am weitesten entfernten Punkt im Raum finden, schon hatte sie das Vieh. Und hat es todesmutig eingesaugt. Ich weiß bis heute nicht, was ich gemacht hätte, wenn sie mich damals im Stich gelassen hätte.

Phase 2 – Au pair auf Kauai, Hawaii
Hier gab es eklig viele Spinnen. Einmal in der Woche musste ich ums Haus gehen und alle entfernen und umbringen. Ihr Todeskampf in dem Eimer mit Chlor, in den ich sie mittels eines langen Was-auch-immer-es-war befördert habe, dauerte quälend lange – für beide Seiten. Einmal bin ich mit vollen Händen in ein Spinnennetz gelaufen, das ca. 90 cm Durchmesser hatte. Gesicht und Oberkörper. Ich hätte mich fast übergeben. Trotzdem bin ich seitdem der Überzeugung, genug Spinnen auf dem Gewissen zu haben und vermeide es, sie ins Jenseits zu befördern.

Phase 3 – Die Jahre seitdem
Kleinere Spinnen befördere ich selbst nach draußen. Natürlich mit Glas und ausreichend stabiler Unterlage. Bei größeren Spinnen hole ich meinen Schatz. Auch, wenn er gerade nicht da ist – dazu gibt es schließlich Telefone. Er kommt dann auch tatsächlich rüber – er könnte lediglich etwas gehetzter wirken. Und Bemerkungen wie „Ach, ist die süß!“, die ich schon durch die sicherheitshalber geschlossene Tür gehört habe, muss er sich noch irgendwie verkneifen. Aber er ist mein Held!
Da er natürlich nicht immer auf der Tour dabei war, mussten hier andere Menschen herhalten. So hab ich eine halbe Stunde gewartet, bis mir jemand die Spinne aus dem Rucksack holen und ich endlich den Campingplatz verlassen konnte. Und: JA, DA IST EINE SPINNE!

Phase 4 – Der Biss ins Dekolleté
Ich berichtete. Was ich nicht erzählt habe, ist, dass mein allerallerallererster Gedanke beim Anblick dieses Mistviehs – nur ein ganz kurzer Gedankenblitz – war: „Ach, ist die süß!“ War sie auch wirklich, schaut mal, das ist sie. Ich meine, deshalb muss sie ja noch lange nicht beißen, aber trotzdem…

Phase 5 – Spinne am Morgen…
Mein derzeitiger und ganz offensichtlich höchster Entwicklungsstand offenbarte sich in folgender Situation: Eines Morgens saß ich, mich innen und außen sortierend, mit dem Popo noch im Zelt, die Beine schon draußen. Und sah allen Ernstes eine Spinne AUF MEINEM BEIN krabbeln. Meine nonchalante Frage an sie, mit welchem Recht sie von drinnen nach draußen krabbelte und nicht umgekehrt, mag zwar auf eine ausgeprägte präcoffeine Lethargie zurückzuführen sein – trotzdem möchte ich die Situation nicht unerwähnt lassen.

So, zurück zu den tierlosen Freudenmomenten beim Campen:

  • Meist bewegt man sich im Zelt ja liegend, aufgestützt, sitzend oder auf allein Vieren. Sehr geschätzt habe ich die regelmäßig wiederkehrenden Momente, in denen ich mich gebückt aus dem Zelt bewegen wollte, mit dem Rücken zu weit nach oben und an die Zeltdecke kam. So erfrischend…

  • Tropfen auf dem Zelt bzw. das Geräusch des Tropfens beim Aufwachen rufen bei Anfängern romantische Gefühle hervor. Bis sie lernen, 30 Minuten weiter zu denken… Ein nasses Zelt im Regen abbauen – unbezahlbar. Hier heißt es, Verdrängung zu üben, sich im kuscheligen Schlafsack umzudrehen und weiterzuschlafen.
  • Nicht verdrängen kann man die ungünstige Organverteilung im Körper, wenn man mit voller Blase aufwacht, sich aber erst im Sitzen (für den Laien: abgeknickt) aus dem Schlafsack pellen und ggf. anziehen muss, um das Zelt zur Erledigung der Erleichterung zu verlassen.
  • Das Auf- und Zuziehen des Schlafsackreißverschlusses, welche nie, nie, nie ohne Verklemmen dieses blöden Mistdings vonstatten zu gehen scheinen, erweitert den persönlichen Fluchhorizont ganz ungemein.

Ich bin oft gefragt worden, ob ich denn nachts allein keine Angst hätte. Nein, ich hatte doch Gynsburgh! Im Ernst: Ich hatte nur zweimal Angst, weil ich die Geräusche draußen nicht zuordnen bzw. interpretieren konnte.

Im ersten Fall hatte ich George an einem relativ verlassenen Teich aufgebaut. Irgendwann spät am Abend kam ein Auto, dem Motorengeräusch nach ziemlich groß. Der Motor lief und lief und nichts passierte. Irgendwann hab ich mich rausgetraut – ein alter Truck, noch war niemand ausgestiegen. Also traute ich mich ans Fahrerfenster – und sah einen pickeligen Jüngling, der seine Flamme hierhin gefahren hatte. Offenbar wollten die beiden eine Runde knutschen… Schüchtern sagte er, dass alles okay sei und dass ich gern dort campen könne. Zu süß!

Im zweiten Fall bin ich von seltsamen Kratzgeräuschen am Zaun aufgewacht, hinter dem ich mein Lager aufgeschlagen hatte. Auch hier hab ich mich irgendwann rausgetraut – um einen dicken Waschbären auf den Zinnen des Zauns balanc…, äh, wandel… äh… äh… Gibt es ein Wort, das beschreibt, wie ein dickes Tier auf etwas Schmalem laufen will, mal nach links, mal nach rechts abrutscht, sich immer wieder hochzieht, zwei Schritte läuft und wieder abrutscht? Das war es, was ich erst mit vor Angst klopfendem Herzen, dann mit mühsam zurückgehaltenem Prusten gesehen habe. Und wieder: Zu süß!

PS.: Ja, ich hatte Pfefferspray dabei – und es beide Male nicht in meinem Krams gefunden…

So, Ihr Lieben, das war das. Wer jetzt noch nicht campen will, ist selbst schuld! So viel Freiheit gibt es nämlich selten. Sicher, ein tolles Zimmer in einem schnuckeligen Hotel ist was Feines. Aber zum Beispiel einen Privatstrand, an dem man für lau übernachten und wo man unbeobachtet ins Wasser hüpfen kann, gibt es eben nur so.

Dass überall noch die Überreste von Hurrikan Irma zu sehen sind, ist derzeit – und wohl noch in den kommenden Jahren – leider so. Und ermöglicht wohl überhaupt Refugien wie dieses.

So, das war’s jetzt aber wirklich. Ich will schnell zurück zu meinem Privatstrand und zum Sonnenuntergang ins Wasser hüpfen :-).

Wie krieg ich die nur alle heil nach Kiel???

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