Ein Paradies vor der Haustür…

… eines von vielen, die wir hier in Deutschland haben. Sicher, im Havelland gibt es keine Berge oder dramatischen Schluchten, dafür aber Weite, viel (noch) ungestörte Natur, massenhaft Mohn- und Kornblumen, Wasser ohne Ende, wohltuende Stille, Obstbäume, Obstbäume, Obstbäume und weniger Menschen als woanders, die aber dafür richtig entspannt. Wem das jetzt zu ruhig klingt, dem sei gesagt, dass Berlin, Potsdam und Brandenburg nur eine halbe Stunde entfernt sind. Ehrlich.

Der Beweis: Potsdam.

Ich hab bisher nur einen kleinen Teil des Havellandes kennengelernt, aber man ahnt vielleicht schon, wie sehr ich es dort mag. Theodor Fontane (ja ja, was zusammengehört…) übrigens auch: Sein Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland  lebte hier (und ein Nachfahre lebt noch immer auf Gut Ribbeck), Effi Briest ist hier aufgewachsen und Fontane selbst ist hier auf seine Wanderungen durch die Mark Brandenburg gegangen. Im entzückenden Örtchen Caputh hatte Albert Einstein vier Jahre lang seine Sommerresidenz, weil es hier einfach so schön war. Das Havelland lohnt sich also – drei große Geister können nicht irren.

 

 

 

Wer mich kennt, weiß, dass das kein Morgennebel ist.

 

Fähren gibt es natürlich jede Menge…

… auf so manchen Fährnamen (Hintergrund) muss man einfach genussvoll anstoßen.

 

Das schönste Mittagschlafplätzchen gehört mir.

 

 

 

 

Soljanka – wie früher…

Außerdem gibt es viele lustige Sachen im Havelland, wie z.B. Toiletten für Hunde, die entweder auf Stelzen unterwegs oder Meister im Hochsprung sind:

Aber davon gibt’s beim nächsten Mal mehr – bis dahin lasse ich Euch mit den Hundebildern im Kopf allein.

Beitrag teilen

Die Freuden des Campens

Endlich! Endlich! Endlich! Endlich konnte ich wieder zelten ohne zu frieren!

Vor wenigen Tagen habe ich allen Ernstes Frost im Norden Floridas erlebt – oder mitgebracht??? Ganz offensichtlich hatte ich von „überwintern in Florida“ bisher eine komplett falsche Definition… Interessanterweise bin ich aber nur zweimal kurz aufgewacht, habe George angehaucht, mich tiefer eingemummelt und weitergeschlafen. Wenn ich daran denke, dass ich mal bei 5 Grad vor Kälte nicht schlafen konnte – tsss…

Am Morgen haben der Engel Jimmy und der Engel Angela – Angestellte der Kirche, auf deren Gelände ich mich nachts geschlichen hatte, mich mit Kaffee, Wärme, Kaffee, Snacks und Kaffee versorgt. DANKE!!!!

Ha, aber ich wollte ja nicht mehr übers Frieren schreiben – und das muss ich auch nicht, jippieh! Denn heute Nacht waren es auf und in Key Largo, der größten Insel der Florida Keys, charmante 16 Grad. Die konnte ich im Garten von Sue genießen, die hier Bootstouren mit verschiedenen Schwerpunkten anbietet. Ihre Freundin Kat hat mir spontan noch eine Flasche Wein für den Abend mitgegeben – ich würde sagen: Läuft!

Da mein abgehärtetes Ich nicht mit nach Deutschland fliegen wird, sind dies wohl vorerst meine letzten Campingnächte – von Mittwoch bis Weihnachten werde ich zwischen Kuscheldeckenbett (inkl. Wärmflasche) und Badewanne pendeln. Aus diesem Grund habe ich mir gedacht, dass ich Euch an meinen Lieblingscampingmomenten teilhaben lasse – wie findet Ihr das?

Bitte versteht mich richtig: Es ist nicht so, dass ich unfassbar gern campe. Ich finde es zwar weit weniger schrecklich als befürchtet, aber vor allem spart es soooo viel Geld… Mit George habe ich ein super Zelt gekauft, das sich total schnell auf- und abbauen lässt. Inzwischen kann ich das sogar im Dunkeln!
Und so gibt es beim Campen tatsächlich viele wundervolle Momente – wobei ich hoffe, dass Ihr die in unterschiedlichem Maße vorhandene Ironie erkennt. Vermissen werde ich alles – einfach weil es Teil dieses großartigen Abenteuers war.

Hier also sind meine liebsten Momente und Situationen:

  • Wenn ich einen Platz gefunden habe, an dem ich die Leselampe anschalten kann, ohne befürchten zu müssen, entdeckt zu werden.
  • Wenn der Frühsport aus Schneckenschnipsen besteht: Die Minischnecken, die in der Nacht von außen auf das Zelt gerutscht/ geschliddert/ geschleimt – oder was auch immer – sind, kann man ganz wunderbar von innen wegschnipsen, ohne sich groß bewegen zu müssen. Wer das Känguru von Marc-Uwe Kling kennt, stellt zusätzlich Überlegungen zur Flugbahn an.
  • Bleiben wir noch einen Moment bei den Schnecken: Wundervoll ist es, wenn der Verwesungsgeruch der einige Tage zuvor mit dem Zelt eingerollten Schnecke(n) nachlässt…
  • Größere Schnecken erzeugen mit ihrem Schleim ganz außergewöhnliche Kunstwerke – man muss sie nur zu würdigen wissen.

Überhaupt sind Tiere beim Campen ein Quell steter Freude:

  • So habe ich mich des Öfteren gefragt, wo zum Himmel jetzt dieser Ohrenkneifer hingekrabbelt ist, den ich grad noch an der Schwelle zwischen Zelt außen und Zelt innen gesehen habe.
  • Genau hier war gerade noch ein Stinktier!!! In der Nacht hat es sich aus mir unerklärlichen Gründen mit George gestritten und ihn schließlich ordentlich besprüht. Ich sag Euch: Ich lag im Zelt und konnte nicht atmen, so sehr hat es gestunken. Mini-Atemhappen waren alles, was ich mir für bestimmt eine halbe Stunde gegönnt habe. Seitdem glaub ich nicht mehr an den Spruch, dass noch nie jemand erstunken ist…
  • Mücken – einfach göttlich. Und so schlau! Sie lieben insbesondere die Phase, in der man beim Auf- und Abbau hockend beschäftigt ist, wenn also Knöchel, unterer Rückenbereich, Handgelenke und Hände freiliegen. Davon hat man auch als Mensch am längsten etwas.

In puncto Spinnen habe ich eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht:

Phase 1 – Kindheit
Ein „Andrea!!! Staubsauger!!!“ reichte, damit meine zwei Jahre jüngere Schwester mit eben diesem Gerät zu mir kam. Sie musste nur schauen, wo ich grad stand, dann den am weitesten entfernten Punkt im Raum finden, schon hatte sie das Vieh. Und hat es todesmutig eingesaugt. Ich weiß bis heute nicht, was ich gemacht hätte, wenn sie mich damals im Stich gelassen hätte.

Phase 2 – Au pair auf Kauai, Hawaii
Hier gab es eklig viele Spinnen. Einmal in der Woche musste ich ums Haus gehen und alle entfernen und umbringen. Ihr Todeskampf in dem Eimer mit Chlor, in den ich sie mittels eines langen Was-auch-immer-es-war befördert habe, dauerte quälend lange – für beide Seiten. Einmal bin ich mit vollen Händen in ein Spinnennetz gelaufen, das ca. 90 cm Durchmesser hatte. Gesicht und Oberkörper. Ich hätte mich fast übergeben. Trotzdem bin ich seitdem der Überzeugung, genug Spinnen auf dem Gewissen zu haben und vermeide es, sie ins Jenseits zu befördern.

Phase 3 – Die Jahre seitdem
Kleinere Spinnen befördere ich selbst nach draußen. Natürlich mit Glas und ausreichend stabiler Unterlage. Bei größeren Spinnen hole ich meinen Schatz. Auch, wenn er gerade nicht da ist – dazu gibt es schließlich Telefone. Er kommt dann auch tatsächlich rüber – er könnte lediglich etwas gehetzter wirken. Und Bemerkungen wie „Ach, ist die süß!“, die ich schon durch die sicherheitshalber geschlossene Tür gehört habe, muss er sich noch irgendwie verkneifen. Aber er ist mein Held!
Da er natürlich nicht immer auf der Tour dabei war, mussten hier andere Menschen herhalten. So hab ich eine halbe Stunde gewartet, bis mir jemand die Spinne aus dem Rucksack holen und ich endlich den Campingplatz verlassen konnte. Und: JA, DA IST EINE SPINNE!

Phase 4 – Der Biss ins Dekolleté
Ich berichtete. Was ich nicht erzählt habe, ist, dass mein allerallerallererster Gedanke beim Anblick dieses Mistviehs – nur ein ganz kurzer Gedankenblitz – war: „Ach, ist die süß!“ War sie auch wirklich, schaut mal, das ist sie. Ich meine, deshalb muss sie ja noch lange nicht beißen, aber trotzdem…

Phase 5 – Spinne am Morgen…
Mein derzeitiger und ganz offensichtlich höchster Entwicklungsstand offenbarte sich in folgender Situation: Eines Morgens saß ich, mich innen und außen sortierend, mit dem Popo noch im Zelt, die Beine schon draußen. Und sah allen Ernstes eine Spinne AUF MEINEM BEIN krabbeln. Meine nonchalante Frage an sie, mit welchem Recht sie von drinnen nach draußen krabbelte und nicht umgekehrt, mag zwar auf eine ausgeprägte präcoffeine Lethargie zurückzuführen sein – trotzdem möchte ich die Situation nicht unerwähnt lassen.

So, zurück zu den tierlosen Freudenmomenten beim Campen:

  • Meist bewegt man sich im Zelt ja liegend, aufgestützt, sitzend oder auf allein Vieren. Sehr geschätzt habe ich die regelmäßig wiederkehrenden Momente, in denen ich mich gebückt aus dem Zelt bewegen wollte, mit dem Rücken zu weit nach oben und an die Zeltdecke kam. So erfrischend…

  • Tropfen auf dem Zelt bzw. das Geräusch des Tropfens beim Aufwachen rufen bei Anfängern romantische Gefühle hervor. Bis sie lernen, 30 Minuten weiter zu denken… Ein nasses Zelt im Regen abbauen – unbezahlbar. Hier heißt es, Verdrängung zu üben, sich im kuscheligen Schlafsack umzudrehen und weiterzuschlafen.
  • Nicht verdrängen kann man die ungünstige Organverteilung im Körper, wenn man mit voller Blase aufwacht, sich aber erst im Sitzen (für den Laien: abgeknickt) aus dem Schlafsack pellen und ggf. anziehen muss, um das Zelt zur Erledigung der Erleichterung zu verlassen.
  • Das Auf- und Zuziehen des Schlafsackreißverschlusses, welche nie, nie, nie ohne Verklemmen dieses blöden Mistdings vonstatten zu gehen scheinen, erweitert den persönlichen Fluchhorizont ganz ungemein.

Ich bin oft gefragt worden, ob ich denn nachts allein keine Angst hätte. Nein, ich hatte doch Gynsburgh! Im Ernst: Ich hatte nur zweimal Angst, weil ich die Geräusche draußen nicht zuordnen bzw. interpretieren konnte.

Im ersten Fall hatte ich George an einem relativ verlassenen Teich aufgebaut. Irgendwann spät am Abend kam ein Auto, dem Motorengeräusch nach ziemlich groß. Der Motor lief und lief und nichts passierte. Irgendwann hab ich mich rausgetraut – ein alter Truck, noch war niemand ausgestiegen. Also traute ich mich ans Fahrerfenster – und sah einen pickeligen Jüngling, der seine Flamme hierhin gefahren hatte. Offenbar wollten die beiden eine Runde knutschen… Schüchtern sagte er, dass alles okay sei und dass ich gern dort campen könne. Zu süß!

Im zweiten Fall bin ich von seltsamen Kratzgeräuschen am Zaun aufgewacht, hinter dem ich mein Lager aufgeschlagen hatte. Auch hier hab ich mich irgendwann rausgetraut – um einen dicken Waschbären auf den Zinnen des Zauns balanc…, äh, wandel… äh… äh… Gibt es ein Wort, das beschreibt, wie ein dickes Tier auf etwas Schmalem laufen will, mal nach links, mal nach rechts abrutscht, sich immer wieder hochzieht, zwei Schritte läuft und wieder abrutscht? Das war es, was ich erst mit vor Angst klopfendem Herzen, dann mit mühsam zurückgehaltenem Prusten gesehen habe. Und wieder: Zu süß!

PS.: Ja, ich hatte Pfefferspray dabei – und es beide Male nicht in meinem Krams gefunden…

So, Ihr Lieben, das war das. Wer jetzt noch nicht campen will, ist selbst schuld! So viel Freiheit gibt es nämlich selten. Sicher, ein tolles Zimmer in einem schnuckeligen Hotel ist was Feines. Aber zum Beispiel einen Privatstrand, an dem man für lau übernachten und wo man unbeobachtet ins Wasser hüpfen kann, gibt es eben nur so.

Dass überall noch die Überreste von Hurrikan Irma zu sehen sind, ist derzeit – und wohl noch in den kommenden Jahren – leider so. Und ermöglicht wohl überhaupt Refugien wie dieses.

So, das war’s jetzt aber wirklich. Ich will schnell zurück zu meinem Privatstrand und zum Sonnenuntergang ins Wasser hüpfen :-).

Wie krieg ich die nur alle heil nach Kiel???

Beitrag teilen

Time flies

Ich weiß nicht, wo dieses halbe Jahr geblieben ist. Sowohl mein Handy als auch mein Laptop zeigen an, dass wir den 14. Dezember haben – aber kann das wirklich sein? Ich bin doch grad erst mit der Independent Spirit in Chester, Philadelphia, eingelaufen – habe doch grad erst vergeblich einen Tag lang nach Bruce Springsteen gesucht, musste Josi in Moab zurücklassen, bin über den Great Salt Lake gefahren, habe mit meinem Liebsten die Westküste erfahren, mich mit Utah versöhnt, in Jemez, New Mexico, getanzt und auf der Route 66 breit gegrinst…

Aber allein die mehr oder weniger geschmackvolle Weihnachtsdeko hier in Florida zeigt, dass es wohl stimmen muss. Untermalt wird die Weihnachtsdeko momentan von Bollywoodmusik aus dem Handy des Motel-Portiers. Der Gute hat gerade extra für mich nochmal Kaffee gekocht – ihm geht es mit seinem Tee wie mir mit meinem Kaffee. Man kann sicher ohne überleben, aber ist das ein Leben?!

Ich fange schon wieder an zu erzählen – es gibt aber auch so viel, das zu erzählen sich lohnt! So hat mich gestern der Pastor einer Kirchengemeinde (Harleyfahrer) in das Motel hier in Perry verfrachtet. Er fand es unzumutbar, meiner Bitte zu entsprechen und mich auf dem Boden in der Kirche mein Schlaflager aufschlagen zu lassen… Kommt alles ins Buch.

Es ist also der 14. Punkt. Nicht zu leugnen. Am 18. will ich Josi bei dem Bekannten eines Freundes in Miami abgeben. Er wird sie irgendwann in den nächsten Monaten mit einer Ladung US-Oldtimer über den Ozean bringen. Das wird eine schöne Fahrt für sie. Ich selbst fliege am 19. ab Miami nach Hamburg. Insofern sind die Kälte und der Frost der letzten Tage (selbst hier in Florida!) wohl die perfekte Vorbereitung…

Ich habe noch vier Tage, um von Perry zu den Keys im Süden Floridas zu kommen, bis Key West zu fahren und wieder zurück nach Miami. Es wird knapp, aber es sollte klappen. Denn mit dem Motorrad diese 290 km zu fahren, über Brücken, die über 200 kleine Inseln verbinden, das muss toll sein.

Aber zunächst habt Ihr einen Rückblick auf die vergangenen zwei Wochen verdient. Kurz vor der Grenze von New Mexico zu Texas habe ich die Route 66 verlassen. Ich hätte wieder auf einer Interstate fahren müssen und dagegen bin ich inzwischen ziemlich allergisch. Die Belohnung folgte auf dem Fuße: ein Autofriedhof! Einfach so im Grenzlandnichts.

 

Über dieses verlassene Gelände zu streifen hat mich abwechselnd in größtes Entzücken (Oh, was ist das da denn? Oh, ist der schön!) und in Herzschmerz gestürzt, weil diese Schätze da so vor sich hinfaulen. Wenn man sich die alle neu vorstellt…

Vom Autofriedhof führte eine unauffällige Schotterstraße durch das Geisterörtchen Glenrio…

… über die Grenze nach Texas. Ich hatte mir vorgenommen, Texas mit Scheuklappen zu durchfahren, damit ich rechtzeitig in Miami bin. Das habe ich auch fast durchgehalten. Aber die riesigen Baumwollfelder konnte ich nicht ignorieren, zumal ich mit ihnen überhaupt nicht gerechnet hatte.

Im Süden von Texas bin ich dann tatsächlich vom Schnee eingeholt worden – aber ich wollte ja nicht mehr über die Kälte schimpfen…

Die Küste des Golfs von Mexiko, die ich in Texas, Louisiana, Alabama und Florida kennengelernt habe, ist grandios. Und erstaunlich vielfältig – im Schönen wie im Schwierigen. In Texas gibt es schönste Häuser, natürlich auf Stelzen, und eine deutliche Prägung durch die Ölgewinnung und -verarbeitung. Louisiana wirkt wilder, unentdeckter (ich weiß, das kann man nicht steigern). Die Häuser auf Stelzen sind schlichter, manchmal sind es auch Container. Ich bin an vielen verlassenen und verfallenen Häusern, Geschäften und Orten vorbeigekommen – nach den Hurrikanes ist die Ölindustrie hier zu großen Teilen nicht wieder aufgebaut worden. Und wenn die Arbeiter fehlen, fällt alles in sich zusammen. Alabama scheint wieder nobel, Florida hingegen unendlich langweilig. Sicher, es sind alles nur flüchtige Eindrücke, aber spannend ist es allemal.

Mit diesen Bildern lasse ich Euch wieder allein – ich will heute noch ein bisschen vorankommen!

 

Beitrag teilen

Utah – tatsächlich nochmal Utah

Manch einer mag ab und zu auf meine „Hier treib ich mich rum“-Karte schauen und sich gewundert haben, warum ich mich nach meiner Zeit in Kalifornien nicht direkt nach Osten, sondern nach Nordosten bewegt habe.

Was soll ich sagen? Meine Mutter ist schuld. Das haben Mütter ja tendenziell so an sich, und es ist in diesem Fall – ebenso wie natürlich in allen anderen – wahr. Vor nunmehr 19 Jahren, also 1998, hat sie mir eine Postkarte aus dem Bryce Canyon in Utah geschickt. Und diese Landschaft sah so toll aus, wie nicht von dieser Erde, dass ich den Canyon seitdem sehen wollte. Dafür, dass er in Utah liegt, wo ich ja mein spezielles Abenteuer hatte, kann der arme Canyon ja nichts. Für mich war klar: Da muss ich hin, auch wenn es einen Umweg auf dem Weg nach Florida bedeutet. Und überhaupt sind wir ja großzügig – wir geben Utah eine zweite Chance.

Wenn man aus Südwesten zu den Canyons will, kommt man durch Kanab – ein kleines Städtchen, in dem unzählige Western gedreht wurden. Man fühlt sich ein wenig wie in deren Kulissen – nur dass es keine Kulissen sind, sondern voll krass echte Natur und echt alte Häuser. Verrückt.

 

Überhaupt hat man in Kanab das Gefühl, dass hier die spannenden Dinge und auch die Canyons ganz nah beieinander liegen:

Wer aber jemals durch die Staaten gefahren ist, weiß, dass dem nicht zu trauen ist. Alles ist 70x weiter als gedacht und dann nochmal die Hälfte drauf. Mindestens. Deshalb habe ich mich in Kanab auch nochmal ordentlich bei einem Mexikaner gestärkt, problemlos mit meiner Kreditkarte bezahlt (Leser meiner Abenteuer ahnen, was kommt) und mich dann dem Campingplatz von Kanab genähert. Weil die Nachttemperaturen um die 4° liegen sollten, wollte ich mir für 40 Dollar ein kleines Cabin, eine Ein-Raum-Holzhütte mit Pusteheizung, gönnen. Und natürlich funktionierte meine Kreditkarte … mal wieder nicht. Ich war nur halb überrascht, aber vollständig angepisst, denn gerade an diesem Abend war ich kaputt, durchgefroren, stinksauer, alles. Tapfer fragte ich nach Kirchen im Ort und geschützten Orten für ein Zelt, als Jo, die Platzwartin, mir umsonst einen Platz für George gab. Und auch wenn ich es inzwischen gewohnt war, mir anständige Plätze zu suchen, war ich heilfroh, das nun nicht mehr tun zu müssen.

Es wird noch besser: Als ich dabei war, George aufzubauen, bahnten sich zwei Taschenlampen ihren Weg durchs Dunkel des Platzes: Jo und ihr Mann. In den Händen eine Tüte mit Lebensmitteln – und ein Bündel Geldscheine, das sie mir zusteckte, als ich mich verdutzt und gerührt für die Lebensmittel bedankte. Ich hab den beiden dreimal gesagt, dass ich Geld habe und nur nicht rankomme – sie ließen sich nicht von ihrer Aktion abbringen. Ich wollte ihnen klarmachen, dass ich nicht bedürftig war und ihre Gaben in diesem Sinne auch nicht verdiene. Aber der Witz war ja, dass ich in diesem Moment sehr wohl bedürftig war. Denn bis ich das mit meiner Karte geklärt hätte, könnte ich weder Josi noch mich mit Energie versorgen.

Ich hab vor dem Schlafengehen gar nicht mehr geschaut, wie viel Geld es war. Denn ob 5 Dollar oder 20, es war einfach überwältigend. Am nächsten Morgen dann das große Schlucken: 100 Dollar. Für ein reiches – allein schon, weil weiß, gebildet und aus Deutschland – Mädchen, das es nicht auf die Reihe kriegt, genügend Bargeld oder eine zweite Kreditkarte dabeizuhaben. Natürlich bin ich nochmal zu Jo gegangen und habe versucht, ihr das Geld oder wenigstens einen Teil zurückzugeben – keine Chance. Ihre einzige Bedingung: „Pay it forward.“ Den Gedanken mag ich ohnehin: Einen Gefallen nicht (nur) zu erwidern („to pay back a favor“), sondern weiterzugeben („to pay it forward“) an jemanden, der einem bedürftig über den Weg läuft.

Versprochen, Jo!

Zu erwähnen ist noch, dass die Kreditkarte wieder funktioniert – von ebenso unregelmäßigen wie unerklärlichen Ausnahmen abgesehen. Natürlich.

So, jetzt aber auf zum Bryce Canyon. Wie so oft hatte ich das Gefühl, schon auf dem Weg zu einem Canyon durch besondere Landschaften und Strukturen zu fahren. Einerseits scheint das logisch, andererseits bin ich immer wieder erstaunt, welch unterschiedliche Gegenden, Sandfarben, Felsstrukturen etc. in nächster Nähe zueinander liegen.

In jedem Fall habe ich auf dem Weg von Kanab zum Bryce Canyon endlich verstanden, warum die Dinosaurier ausgestorben sind: zu Tode gequatscht von einem fusseligen Säugetier…

Ich hab schon davon gehört, dass das passieren kann – aber es wird wohl nicht in den Schulen gelehrt, weil es einfach zu absurd erscheint. In jedem Fall sind dort Fußspuren der armen Wesen zu sehen.

Auf dem Weg zum Bryce Canyon müssen die Touristen natürlich nochmal abgezockt werden – allerdings nur bis Ende Oktober. Jetzt sind die Läden der Westernstadt geschlossen, was Deputy Sheriff Gynsburgh nicht davon abhält, das Gefängnis zu testen – und es offensichtlich für gut zu befinden.

Dass er beim anschließenden Klamottencheck aber nur auf mein – zugegebenermaßen ungewöhnlich üppiges – Dekolleté geschaut hat, fand ich dann doch etwas verstörend.

Endlich im Canyon… Wir alle wissen, dass Bilder gerade solche Orte und Regionen nicht angemessen zeigen können – nehmt das Kommende also als Eindruck. Fahrt mal hin – es ist wirklich toll! Und man fühlt sich tatsächlich an die Kleckerburgen aus dem Ostseeurlaub erinnert!

Man kann – wie in vielen Canyons – auch hinabsteigen…

… und hat dann natürlich noch ganz andere Perspektiven:

Und natürlich die:

 

Wenn das jetzt alles ruhig, schön und friedlich aussieht, dann keine Sorge: Das war es nicht. Die Hälfte der Zeit war ich stinkig, weil ich hier mit meinem alten Handy fotografieren musste und die Bilder deshalb milchig und oft unscharf sind. Und die andere Hälfte der Zeit hab ich versucht, keine kleinen Japaner über Zäune, Brüstungen oder Felsen zu schubsen. Alter, haben die genervt. Massen von ihnen und dann in Großfamilien mit Omma und dem Zweijährigen, der auf dem Serpentinenweg laufen lernt, während die drei Geschwister hin und her hüpfen. Hätten die sich nicht ein Beispiel an China nehmen können???

Das Schlimmste ist aber, dass jeder Japaner ab 8 Jahren ein Handy zu haben scheint. Einen Handystick hat immer nur das jeweilige Familienoberhaupt, das damit auch die Macht besitzt, Omma, Partner/in und alle Kinder hin und her zu scheuchen und für Fotos posieren zu lassen. Aber nicht nur für EIN Bild – nein. Alle möglichen Konstellationen werden durchexerziert, gnadenlos gegen alle und jeden. Währenddessen warten die anderen Touristen darauf, dass der Weg frei wird. Und der Fotospot – denn der muss ja ganz toll sein, wenn die eine Familie da zwei Stunden lang Bilder gemacht hat.

Gern sitzen sie – gerade die Teenager (diese Jugend!) – dicht an dicht auf den Geländern und Brüstungen, hinter denen die Naturschönheiten zu sehen wären, wegen derer man angereist ist. Ist egal, dass keiner an diesen Gören vorbei- oder gar durchschauen kann…

Es war unsäglich und mein Blutdruck – sonst eher unterirdisch – war dauerhaft in medizinisch bedenklichen Höhen. Ich bin ja nicht fremdenfeindlich, aber… Ihr wisst schon. Japaner hab ich echt gefressen.

Inzwischen war es halb sechs am Abend und es wurde kälter und dämmrig. Als Besucher ist man auf 9.000 Fuß (Kiel liegt auf 16,4 Fuß) und entsprechend arschkalt ist es da. Die meisten Besucher strömten jetzt in Richtung Ausgang, ich aber wollte noch ein oder zwei andere Punkte des Parks sehen. Auf jetzt leeren Straßen bin ich also noch so circa 20 Meilen reingefahren und auch etwas höher – ich hatte alles für mich, auch den Schnee.

Natürlich hab ich mal wieder gefroren, aber die Straßen waren trocken. Belohnt wurde ich mit dem Gefühl, den Sonnenuntergang ganz für mich allein zu haben:

Ich hatte während der kalten Nächte seit Nevada immer wieder überlegt, ob es sich lohnt, noch einmal hoch nach Utah zu fahren. Und das hat es – selbst mit Japanern.

Beitrag teilen

Brief aus der kalifornischen Gegenwart

Ach, es ist ein Traum. Gerade hab ich noch geschrieben, dass ich gern zwei Wochen mit Nix hätte, als mir wieder einfiel, dass ich das ja einfach machen kann! Ich meine: Wann, wenn nicht auf dieser Tour?!

Meinen Geburtstag hatte ich nach dem Abschied von Bernd nicht in Downtown San Francisco, sondern ruhig im Hotel verbracht. Dösen, lesen, facebook-Quatsch – und schließlich ein entspanntes Abendessen im Hotelrestaurant.


Ich meine, nachdem Bruce extra für mich ein T-Shirt rausgebracht hatte, konnte ja ohnehin nichts mehr passieren, oder?


Ich habe am Tag nach meinem Geburtstag zwar noch etwas Zeit in San Francisco verbracht, aber sehr viel weniger als geplant. Die Ausstellung, die ich sehen wollte, war mir mit 25 Dollar zu teuer – das ist auf dieser Reise in etwa das Tagesbudget. Die Photos von Walker Evans hätten mich zwar interessiert, aber es war kein Herzensthema.
So hab ich mich ein wenig im SF MoMA rumgetrieben, dem San Francisco Museum of Modern Art. Die Stahlskulptur Sequence wurde übrigens in Deutschland hergestellt:

 

Die Lombard Street bin ich auch nicht hoch- oder runtergefahren. Der spannende Teil hat ja alles, was ich so gern mag: enge Kurven in Steigungen bei langsamem Fahren. Weder für rauf noch für runter verlockend, wenn man annehmen muss, dass 7.000 japanische Touristen auf den Auslöser drücken, wenn man umkippt…
Obwohl: Im Zweifelsfall ist das Bild ohnehin nix. Ich hab mich mal in Honolulu von einem Japaner fotografieren lassen. Naiv, wie ich war, bin ich davon ausgegangen, dass sie fotografieren können – sie tun es ja so viel. Weit gefehlt… Als ich das Bild nach meiner Rückkehr ins beschauliche Vechta entwickeln ließ (ja, so war das damals), sah ich eine rechteckige Bodenfläche, die fast das ganze Bild ausfüllte. Im „Fast“ am oberen Rand in der Mitte (immerhin…) waren bordeauxrote Chucks zu sehen. Die hatte damals außer mir auch niemand sonst – das war also ich da auf dem Bild. Seitdem weiß ich, dass Japaner so viel knipsen, um die Wahrscheinlichkeit für ein gelungenes Bild zu erhöhen.

Also – keine Lombardstreet und auch keine Wave Organ. Darüber bin ich ein wenig traurig, aber ich hätte nochmal durch die ganze Stadt fahren müssen.

Stattdessen bin ich in Richtung Süden gefahren und in der Half Moon Bay gelandet, in der ich schon mit Bernd war. „Damals“ war es sonnig und heiß – mindestens 30er Sonnencreme, wenn man sich denn eincremt. Nun hatten  sich die Temperaturen halbiert, es war neblig und grau und trotzdem wunderschön.

Ich bin insgesamt vier Nächte in der Bucht geblieben und habe die Tage im „Ebbtide Café“ von Jürgen Harpo Marx verbracht. Der Jazzfreak aus Düsseldorf hatte sich vor 34 Jahren in eine Tänzerin aus San Francisco verliebt und war ausgewandert. Seit 32 Jahren sind sie jetzt verheiratet…

Diese Tage waren Balsam für den Teil von mir, der Alleinzeit braucht. Die Zeit mit Bernd war traumhaft schön und aufregend, aber ich brauche beides. Ich habe gelesen, geschrieben, aufs Meer geschaut, Leute beobachtet, leckerst gegessen, kurze Spaziergänge gemacht. Kein großer Input, einfach nix.

 

George stand derweil sicher im Garten eines verlassenen Hauses oberhalb des Venice Beach. Darunter machen wir es nicht mehr 🙂

Niemand würde auf die Idee kommen, in diesen Garten zu gehen – schon gar nicht bei schlechtem Wetter. Josi hatte sogar ihre eigene Garage unter Grün und die Spinnen in den Sträuchern haben mir den Gefallen getan, genau da zu bleiben.

Niemand würde auf die Idee kommen, in diesen Garten zu gehen? Doch – ein kleiner pummeliger Waschbär trotzte allem. Er hat mir einen gehörigen Schrecken eingejagt, als er sich neben George auf den Zaun hievte. Die Krallen haben ordentlich Lärm gemacht und ich konnte das zunächst überhaupt nicht einordnen. Als ich aus dem Zelt kam, sah ich das dicke Ding tolpatschig auf den Zaunzinnen wandeln, immer wieder rechts oder links runterrutschend. Mein Foto dieses Naturschauspiels wurde bisher allerdings nicht angemessen gewürdigt:

Nun denn – ich fahre erstmal weiter durch die orange leuchtende Halloweenwelt.

Beitrag teilen

Am Wegesrand

Ihr Lieben, ich bin noch in San Francisco, habe vorhin aus dem Flughafenhotel ausgecheckt, in dem Bernd und ich bis gestern zu zweit waren und in dem ich gestern ruhig – angemessen – meinen Geburtstag habe ausklingen lassen. Nun liegt San Francisco mir bei strahlendem Sonnenschein zu Füßen, wartet quasi, Josi ist gepackt, aber ich brauch mal wieder etwas mehr Zeit.

Gefühlt beginnt jetzt der dritte und letzte Teil meiner Tour. Der erste Teil von der Ankunft Mitte Juli an der Ostküste bis Seattle, dann jetzt zu zweit die Küstenfahrt von Seattle nach San Francisco, und nun geht es allein in Richtung Osten nach Miami. Von dort geht mein Flieger am 19. Dezember – das ist übermorgen!!! Unfassbar. Wo ist die Zeit geblieben? Ich hätte ein Jahr gebraucht… Ich bin grad etwas wehmütig und müde. Hab eigentlich keine Lust auf Großstadt, aber verdammt – es ist San Francisco! Und eine Ausstellung will ich dort auch sehen.

Am liebsten würde ich jetzt zwei Wochen Pause einschieben, die nicht von der Gesamtzeit abgezogen werden – Ihr wisst, was ich meine. Und einfach innehalten, keine neuen Eindrücke verarbeiten, die ausstehenden Berichte schreiben und Fotos genießen, den inneren Speicher leeren. Vielleicht klappt das ein wenig an den Stränden, die jetzt die Straße säumen.

Auf so einer Tour gibt es ja nicht nur die großen Erlebnisse und Geschichten, sondern auch viele kleine besondere Momente. Die mag ich mindestens ebenso und deshalb kommt hier ein erster Schwung davon. Einfach so, mit kurzen Stichworten – ich hoffe, es macht Euch Freude!

Kennt jemand von Euch den Film „Manchester by the Sea“?

Ebenfalls an der Ostküste – im süßen Rockport:

Mit diesen Jungs hier kam ich ins Gespräch, weil ich mich unwissend in die booth gesetzt habe, in der sie seit Jahren morgens sitzen. Ich durfte sitzenbleiben und wir hatten eine sehr amüsante Zeit:


Wenn es so viel regnet, dass die Handschuhe abfärben, die Fingerkuppen schrumpeln und Gynsburgh die coolste Out-of-wet-Frisur hat.


Eine meiner Umfallstellen – der Klassiker: beste Hanglage, rutschiger Untergrund, reduzierte Geschwindigkeit und ich will ’ne Kurve fahren. Zum Glück waren auch hier schnell hilfsbereite Jungs da, um Josi aufzuheben.


Ahnt Ihr den Blick? Irgendwo in Maine – so müsste man leben… Kam leider nicht näher ran.

Is klar.

Gemütliches Mittagessen und Schreiben am Wasser – wieder irgendwo an der Ostküste.


Campen auf amerikanisch. Meist ziehen diese Monster noch den Familienjeep hinter sich her.

Matthew war allen Ernstes zu Fuß unterwegs von Mexiko nach Maine, wo sein Vater lebt.


Der beste Kommentar zum Thema „Zeit“ auf dieser Reise.


Ein Lokal sammelt die Hundebilder seiner Kunden – verrückt und perfekt bei Wartezeit.


Comedy pur: Als rauskam, dass ich Deutsche bin, rief eine der Damen den anderen zu: „Wir haben doch die drei Deutschen hier in der Stadt – leben die noch?“  Offenbar kein sicheres Pflaster für Deutsche 😉


Einfach so.

~~~

~~~

~~~

~~~

Als ich in diesem genialen „Books & Bar“-Buchladen saß, kam jemand rein und sagte, er habe grad einen Parkschein für Josi gekauft, weil hier so viel kontrolliert würde… Wie hilfsbereit ist das denn bitte?

~~~

~~~

~~~


Mit dieser mehr als angemessenen Ehrerbietung für Josi verabschiede ich mich für heute – nicht, dass San Francisco noch im Nebel verschwindet, bevor ich meinen Hintern nach Downtown bewegt habe. Liebe Grüße!

 

Beitrag teilen