Die Amerikaner sind so oberflächlich…

… wie ich pünktlich bin.

Wer mich kennt, liegt jetzt lachend und nach Luft schnappend am Boden – ich gebe Euch noch einen Moment, Euch zu beruhigen.

Ich muss das Thema einfach mal ansprechen, denn es regt mich echt auf. Wir hegen und pflegen dieses Oberflächlichkeitsklischee so liebevoll, sodass es ohne jede Daseinsberechtigung zum Dauerblüher geworden ist. Unser Argument: die berühmte „How are you?“-Frage, die in den Staaten tatsächlich immer gestellt wird. Wir Deutschen sind dann gern entrüstet: „Aber die Antwort interessiert sie überhaupt nicht!“ Böse, oberflächliche Amis.

Nö.

Zum einen finde ich es gut, dass diese Frage überhaupt gestellt wird. Je nachdem, wie einem grad ist und wie das Verhältnis zur fragenden Person ist, steht es jedem ja frei, mehr oder weniger offen zu antworten. Wird eine solche Frage gar nicht erst gestellt, werden wohl nur die Wenigsten mal eben so ihr Seelenleben ausbreiten.

Zum anderen wurde im Rahmen einer Studie (Quelle folgt!) festgestellt, dass 67% der Deutschen auf die Frage „Wie geht’s?“ mit „Gut.“ antworten, selbst wenn es ihnen nicht gut geht.* Was ihr gutes Recht ist – siehe oben. Aber meiner Meinung nach kann man nicht das Recht auf eine solche kleine Lüge für sich beanspruchen und sich dann darüber beschweren, dass sich jemand nicht für diese Lüge interessiert.

Wie ich jetzt darauf komme?

Im Juli 2017 hat legte mein Containerschiff Independent Spirit in Chester, Philadelphia, an. Unfasssbar, dass das bald zwei Jahre her ist… In den folgenden Wochen und Monaten habe ich die wunderbarsten Amerikaner kennengelernt. Zu den meisten von ihnen habe ich tatsächlich noch Kontakt und dafür staune ich voller Dankbarkeit.

Von Sherry aus Illinois, die mit der Horseshoe Bar den urigsten Pub im Mittleren Westen führt, habe ich vor einigen Tagen die witzigsten Pub-Shirts überhaupt bekommen.

Bisher darf ich nur das langärmelige anziehen (s. ganz oben), weil Gynsburgh die anderen für sich und seine Stummelärmchen reklamiert, aber noch habe ich Hoffnung, sie auch mal tragen zu dürfen.

„I got lei’d* at Horseshoe Bar
*hawaiianische Abwandlung von „laid“
„Ich wurde in der Horseshoe Bar flachgelegt“

Klar, dass Gynsburgh dieses Shirt liebt.
I would cuddle you so hard — Ich würd dich knuddeln wie verrückt.

Amin, der Taxifahrer, der mich auf der Suche nach Josi kühn durch die unbekannten Weiten des Baltimorer Frachthafens gefahren hat, füttert meinen Wunsch, mit dem Motorrad durch Pakistan zu fahren. Es ist sein Heimatland und muss atemberaubend schön sein.

Steve aus Berlin versorgt mich immer wieder montags mit Bildern, Musik und Anekdoten aus dem „Hotel Atlantic“ in Berlin – was war das für ein toller Abend damals!

Mit Chris, dem Bestatter aus Higginsville, Missouri, diskutiere ich online leidenschaftlich über das amerikanische Waffenrecht, mit Porky, dem wunderbar verrückten Motorradbastler aus Wyoming, der mich spontan bei sich beherbergt hat, über Trump und die Baufortschritte in seiner Scheune.

Gut, die Musikerin Spring, Mitglied der Starbuck’s Gang in in Keyport, New Jersey, hatte sich etwas zurückgezogen. Dafür hat sie in den letzten beiden Jahren sowohl den Schock über ihre Krebsdiagnose, als auch den Krebs selbst überwunden. Das lasse ich gelten.

Also, ich hab da drüben nichts Oberflächliches gefunden. Zumindest nicht mehr als hier in Deutschland.

Und jetzt versuche ich nochmal, an die kurzärmligen Shirts von Sherry ranzukommen.

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*Kantar EMNID-Institut im Auftrag von chrismon: https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2019/43282/umfrage-welche-luegen-lassen-sie-noch-durchgehen

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Vorsätze und so

Okay, nun ist also 2019. Und natürlich geht der „Gute-Vorsätze“-Kelch auch an mir nicht vorbei. Sei es als „Und? Was hast Du für Vorsätze?“-Frage von anderen, sei es als Frage an mich selbst. Einige können das mit einem Schulterzucken abtun – mir gelingt das nicht so gut. Was Vor- und Nachteile hat.

„Neujahrsvorsätze? ICH?? Was willst du damit sagen? Dass ich mich VERÄNDERN muss?? Kumpel, so wie ICH das sehe, bin ich perfekt, wie ich BIN!“

Inzwischen ist wohl bekannt, dass 80% der Vorsätze bis Ende Januar gebrochen werden – irgendwo ist da ein Fehler im System. Aber egal, wir halten daran fest.

Dabei bin ich gar nicht sicher, welche Vorsätze ich für 2018 gefasst hatte. Ich glaube, es ging in die Richtung „Wieder in Deutschland ankommen und klären, wie es weitergeht“. Herrlich unkonkret und gleichzeitig herrlich vertretbar. Mein Jahr 2018 lässt sich dann auch in etwa so zusammenfassen:

Januar

  • Herzensprojekt: Scheiße, meine Tour ist tatsächlich vorbei…
  • Zeit: Aber es ist cool, so viel Zeit zu haben!
  • Geld: Es lebe das Arbeitslosengeld!
  • Job: Och nö, noch nicht.
  • Wohnen: Ich liebe meine Wohnung.

Februar

  • Herzensprojekt: Schluchz, meine Tour ist tatsächlich vorbei…
  • Zeit: Meine freie Zeit verbringe ich damit, meine Finanzen durchzurechnen.
  • Geld: So richtig weit komme ich mit dem Arbeitslosengeld nicht.
  • Job: Na gut, wenn es denn sein muss…
  • Wohnen: Ich liebe meine Wohnung, aber ich kann sie mir nicht leisten.

März

  • Herzensprojekt: Okay, meine Tour ist tatsächlich vorbei. Aber ich schreibe jetzt ein Buch darüber.
  • Geld: Man reiche mir den Mantel des Schweigens.
  • Job: Ich habe wieder einen Job – bin schließlich ein großes, vernünftiges Mädchen. Und brauche Geld.
  • Zeit: Schreiben neben dem 40-Stunden-Job? Klar, locker! Alles eine Frage der Organisation.
  • Wohnen: Ich ziehe bis Oktober zu einem Kumpel, meine geliebte Wohnung vermiete ich unter.

April

  • Herzensprojekt: Ich mache mich schlau über Schreibprogramme, Buchlayouts, Verlage und so weiter. Aber schreibe noch nicht. Typisch – erstmal sieben Jahre Vorbereitung. Oder Schiss?
  • Wohnen: WG ist gut. Mitbewohner Jens klasse, Hund Balou zum Knutschen.
  • Job: Puh, 40 Stunden sind schon nicht ohne, wenn man gerade ein paar Monate ohne Uhr und Verpflichtungen gelebt hat.
  • Geld: Besser.

Mai

  • Herzensprojekt: Ich fange tatsächlich an zu schreiben und es macht richtig Spaß.
  • Zeit: Aber neben dem Vollzeitjob schaffe ich nicht so viel, wie ich möchte. Organisieren ist ja schön und gut, aber ich werde nie ein Mensch für eine 6-Stunden-Nacht sein…
  • Wohnen: Gut.
  • Job: Gut.
  • Geld: Ist endlich mal kein Thema. Kein Überfluss, aber auch kein Mangel.

Juni

  • Herzensprojekt: siehe Mai.
  • Zeit: Nun ja.
  • Wohnen: immer noch gut.
  • Job: Läuft.
  • Geld: Auch noch alles gut.

Juli

  • Herzensprojekt: Ich streng mich echt an, regelmäßig zu schreiben. Also täglich. Aber es ist SOMMER MIT MOTORRAD IN KIEL. Klar, dass mein Liebster und ich die Feierabende am Strand und die Wochenenden auf Touren genießen.

  • Zeit: Siehe Herzensprojekt. Man lebt nur einmal.

  • Wohnen: Siehe Juni.
  • Geld: Ebenso.
  • Job: Läuft. Inzwischen zwar nur noch so rund wie ein Dreieck, aber läuft.

Die Zeit, die du brauchst, existiert.

August

  • Herzensprojekt: So geht das nicht weiter – ich brauche mehr Zeit.
  • Job: Ich kündige meinen Vollzeitjob, eine Teilzeitstelle muss her.
  • Wohnen: Noch immer gut, aber so langsam vermisse ich das Alleinwohnen. Wer gern allein wohnt, weiß, was ich meine.
  • Geld: Noch gut.

September

  • Herzensprojekt: Die Flyer für meine Fotoshows werden fertig! Hab Teile der Show zwar schon ein paar Mal gezeigt, aber man kann das Ganze ja auch professioneller angehen.
  • Zeit: Endlich wieder genug.
  • Wohnen: Siehe August. Mit mehr Vermissen. Und mit Vorfreude auf Oktober.
  • Job: Ab Mitte des Monats Teilzeitjob von POLO Motorrad – ich freu mich drauf!
  • Geld: Zum Weinen. Wegen Kündigung von meiner Seite kein ALG, Gehalt von POLO erst Ende des Monats.

Oktober

  • Herzensprojekt: Locations suchen, Flyer verteilen, weiter schreiben.
  • Zeit: Endlich genug für mein Wohlgefühl.
  • Wohnen: Endlich zurück in meiner Wohnung, es ist ein Traum. Aber für ein halbes Einzelhandelsgehalt ist sie immer noch zu teuer. Erste Gedanken an eine Teilzeitmitbewohnerin.

  • Job: Macht Spaß!
  • Geld: Siehe Wohnen.

November

  • Herzensprojekt: Autorenwettbewerb!
  • Zeit: Endlich genug für mein Wohlgefühl.
  • Wohnen: Das Experiment Mitbewohnerin entwickelt sich zum absoluten Albtraum und wird zu Ende des Monats beendet. Scheiße.
  • Job: Die ruhigen Zeiten beginnen – nur wenige fahren im Winter Motorrad.
  • Geld: Arschknapp – siehe Wohnen. Ich hab jetzt einen Putzjob.

Dezember

  • Herzensprojekt: Beim Autorenwettbewerb bin ich nicht unter den Gewinnern. Schade. Aber ich bekomme wertvolle Tipps zum Thema „Wie bringe ich mein Manuskript an den Verlag?“ Sechs Verlage dürfen sich jetzt glücklich schätzen, mein Manuskript auf ihren Rechnern zu haben.
  • Zeit: Wohl mehr als die meisten in der Adventszeit. Teilzeit hat was.
  • Wohnen: Schön… Meine Schnuckelwohnung nur für mich.
  • Job: Die ruhigen Zeiten werden etwas lebendiger – jetzt kommen die Frauen und Mütter der Biker, um ihnen Geschenke und Gutscheine zu kaufen.
  • Geld: Geht. Wenn man die Augen zumacht. Alles wird gut.

Ich denke, ich habe meine beiden 2018-er Vorsätze erfüllt. Bin angekommen in Deutschland (obwohl ich ohne Zögern sofort wieder losführe, wenn ich das Geld hätte) und habe eine Richtung für mich gefunden. Keine, mit der ich reich werde, aber eine, mit der ich mich in meinem Leben zuhause fühle. Merkmal 1 dieser Richtung: nicht mehr Vollzeit arbeiten, mehr Lebenszeit haben. Merkmal 2: In dieser Lebenszeit sollen Motorradfahren und Schreiben angemessenen Raum einnehmen. Ride & write, das klingt doch gut.

Und 2019?

Will ich das Buch so weit bringen wie möglich. Wieder etwas schwammig, ich weiß. Aber das Leben kommt einem ja gern mal in die Quere. Und es hängt auch nicht alles nur von mir ab. Wenn es das täte, könntest Du das Buch als Weihnachtsgeschenk für einen oder mehrere Herzensmenschen kaufen. Nachdem Du es selbst voller Begeisterung gelesen hast, versteht sich.

Das Motorradfahren wird natürlich nicht zu kurz kommen. Mein Liebster und ich überlegen schon, wohin es gehen wird. Für meine Alleintouren machen sich in meinem Herzen zwei Ziele immer breiter: der TET (TransEuroTrail, eine 38.000 km lange offroad-Strecke durch Europa) und Pakistan (total bekloppt, aber wer mal hier reinschaut, wird mich verstehen). Keines davon werde ich in diesem Jahr ansteuern, aber das macht nichts. Träume dürfen auch wachsen.

„Gib niemals einen Traum auf wegen der Zeit, die vergehen wird, um ihn zu verwirklichen. Die Zeit vergeht in jedem Fall.“
Earl Nightingale

 

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