Gesammelte Erkenntnisse

Seit meiner Rückkehr werde ich immer wieder gefragt, ob ich während meiner Tour etwas Wichtiges gelernt, ob ich große Erkenntnisse gehabt hätte. Am besten natürlich über mich.

Augenblicklich meldet sich mein schlechtes Gewissen – denn das habe ich nicht. Habe ich etwas falsch gemacht, etwas verpasst? Muss ich am Ende nochmal los?

So schön diese Variante auch wäre, so fallen mir dann doch einige Dinge ein, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe. Wie groß oder wie klein diese sind, wird sich zeigen.

So ist mir – neben meiner grenzenlosen Verwunderung darüber, wo um alles in der Welt dieses halbe Jahr geblieben ist – immer wieder klargeworden: Fast jeder Mist bringt auch was Gutes. Ohne die Schneestürme in Wyoming und die Waldbrände in Montana hätte ich nicht diese traumhafte Fahrt durch das atemberaubende Colorado erlebt. Und ich hätte in Utah nicht das Erfolgserlebnis gehabt, Josi mit Hilfe eines gebuddelten Lochs zum ersten Mal überhaupt allein aufzurichten.

Aber nur fast jeder Mist bringt auch Gutes. Manchmal ist Scheiße auch einfach nur Scheiße. Man kann und muss nicht alles schönreden. Scheiße darf man auch mal „Scheiße“ nennen – vielleicht noch „schöne Scheiße“. Gilt auf Reisen genauso wie Zuhause.

Ich bin gelassener geworden – mit Blick auf die Zukunft im Allgemeinen und mit Blick auf kritische Situationen. Es gibt so viele mögliche Lösungen und nicht nur die eine, die gerade vor unseren Augen zerfällt. Quer denken, neben der Spur – das bringt einen erstaunlich weit. Und erstaunlich viel Spaß.

Wenn gar nichts mehr geht, tauchen tatsächlich Helfer auf – woher auch immer. Erklären kann man das nicht. Man muss reisen, um es zu erleben. Man muss es erfahren.

Ich hatte schon immer ein eher positives Bild von Menschen. Auch in den Staaten habe ich erlebt, dass es ganz viele von ihnen gibt. Und dass sie noch viel offener, großzügiger und herzlicher sind, als ich mir vorstellen konnte.

Das Unterwegssein hat mich viel weniger angestrengt als erwartet. Das allabendliche Suchen nach einem Schlafplatz fast gar nicht. Überraschend schnell war das Vertrauen da, dass ich schon etwas Geeignetes finden würde. Dieses Vertrauen führte so weit, dass ich auch mal abends um acht an einem möglichen Schlafplatz vorbeigefahren bin, weil er mir nicht gefiel und/ oder es sich nicht gut anfühlte.

Lincoln, Nebraska: Zwischen Bibliothek und Schule – und keiner hat’s gemerkt

 

Es gibt eine Reihe kleiner, praktischer Dinge und Angewohnheiten, die mich unterwegs begleitet haben:

  • Duschen, wann immer es geht. Und sei es in der Trucker-Dusche an einer InterState-Kreuzung. So kann man vermeiden, beim Baden in Meer oder See gefragt zu werden, ob das denn nicht schon an Umweltverschmutzung grenze…
  • Servietten aus Restaurants mitnehmen, wann immer es geht. Die zweilagigen Taschentücher in den Staaten sind doof. Vom einlagigen Klopapier ganz zu schweigen.
  • Eine Wärmflasche ohne heißes Wasser wärmt nicht.
  • In Pubs kann man Wärmflaschen auffüllen lassen.
  • Beim wilden Campen: Klamotten abends immer richtigrum drehen – dann hat man sie schneller an, wenn nachts die Polizei draußen steht.
  • Die Polizei ist freundlich, auch in ungewöhnlichen Situationen. Wobei es sicher hilfreich war, dass ich ein blonde German girl on a bike war.

Nachts auf dem Vorplatz des Capitols, Washington

 

  • Wenn man abends im Dunkeln im Zelt Dinge ordnet: Helles auf Dunkles und Dunkles auf Helles legen. Gilt für Dinge, die man auch ohne Licht schnell wiederfinden will, wie z.B. Flaschendeckel, Tabletten, Kontaktlinsenbehälter (Licht ist bei heimlichem Campen nicht immer ratsam 😉).
    Immer, wenn ich die Sachen so geordnet habe, fühlte ich mich leicht zwanghaft.
    Immer, wenn ich den Krams problemlos im Dunklen fand, musste ich grinsen.
  • Waschbären sind laut. Immer.
  • Spinnen sind leise. Immer.
  • Erst das Zelt aufbauen, dann Wein, Margarita oder Mojito trinken. Is besser so – und eindeutig eleganter.

Tatsächlich habe ich doch noch drei Dinge über mich gelernt bzw. bin bestätigt worden:

  • Ich mache auch auf Reisen nicht regelmäßig Sport.
  • Ich bin keine Frühaufsteherin. Nicht einmal, wenn ich im Zelt schlafe.
  • Ich schlafe fast überall gut.
  • Ich will gut essen – aber nicht kochen.

Diese Dinge sind einfach so – Punkt. Jeder Versuch, das zu ändern, setzt mich unter Stress, verdirbt mir den Spaß und ist letztlich auch unnötig. Für mich funktioniert das Reisen so besser. Dann wird eben an den Unterkünften gespart, aber nicht am Essen. Geht alles – man muss nur gnädig mit sich umgehen. Und sich gönnen, in der Nähe des Morgenkaffees zu campen.

~ ~ ~

Das Spannendste war jedoch tatsächlich das Thema „Hilfe“. Ich habe gemerkt, dass es mindestens drei Stufen des Themas gibt und nicht nur zwei:

  • Stufe 1 – Hilfe annehmen
    Die Amis sind unglaublich hilfsbereit. Und wenn sie sehen, dass jemand ihre Unterstützung gebrauchen könnte, fragen sie nach. Und helfen. Ohne Erwartung einer Gegenleistung. Vielmehr leben sie nach dem Prinzip Pay it forward – eine schöne Maxime. Ein Gefallen soll nicht zurückgezahlt werden (to pay sth back), sondern forward, vorwärts an den nächsten, der es gebrauchen kann. Hilfe annehmen konnte ich ziemlich gut – schließlich hatte der andere sie ja angeboten.
  • Stufe 2 – Um Hilfe bitten
    Das war schon knackiger, zumindest zu Beginn. Da meine finanziellen Mittel begrenzt waren, wollte und konnte ich nicht jede Nacht in einem Motel, Hostel oder auch nur auf einem Campingplatz schlafen – letztere kosten auch gern mal zwischen 40 und 72 (!) Dollar. Also habe ich so oft wie möglich nach schönen Plätzchen für mein Zelt George geschaut und dafür immer mal bei Menschen geklingelt, um mich mit ihrer Erlaubnis in ihrem Vorgarten breit zu machen. Oder bei einer Kirche, um irgendwo drinnen zu übernachten. Und was soll ich sagen? Ich bin zwei Mal abgewiesen worden, nicht öfter. Und auch das war okay, schließlich kam meine Anfrage ja ohne jeden Anspruch. Und so konnte ich sie denn auch gut annehmen – das zu erhalten, worum man gebeten hat, ist ein tolles Gefühl.
  • Stufe 3 – (Viel) mehr bekommen als man erbeten hat
    Das war schwer. So habe ich bei 2 Grad Außentemperatur in einer Kirche gefragt, ob ich in einer Ecke drinnen mein Lager aufschlagen könne. Alles, was ich wollte, waren Wände und ein Dach. Aber nix da – das Übernachten auf dem Kirchenboden wurde als inakzeptabel eingestuft. Stattdessen sammelte der Pastor (Harley-Fahrer 😊) spontan Geld bei den anwesenden Gemeindemitgliedern, quartierte mich in einem sehr guten Motel ein und drückte mir die restlichen 40 Dollar in die Hand. Es gab einige dieser Situationen und am Anfang war es mir echt unangenehm. Erst nach einer Weile habe ich begriffen: Auch diese Menschen sind alt genug zu entscheiden, ob und wie sie mir helfen wollen. Und ein zweiter Aspekt war immer wieder hilfreich: Mir vorzustellen, wie gut sich das Helfen im umgekehrten Fall anfühlen würde. Denn wenn jemand helfen möchte, gewinnen letztlich beide Seiten.

Lisa und ihre Schwester Bonnie haben mich nach einem Restaurantplausch in ihr Gästezimmer eingeladen – Gynsburgh fand die beiden auch toll (Niantic, Connecticut)

Na, es ist ja doch einiges zusammengekommen, auch wenn es nicht die riesigen Erkenntnisse sind. Aber ich bin ja auch keine 20 mehr (ehrlich!) und hab mit 42 doch schon einiges gelernt – vor allem über mich.

Ich weiß, dass eine Managerkarriere mich nicht glücklich macht. Etwas mehr Geld wäre immer schön, aber reich sein muss ich nicht.

Solange ich eine sinnvolle Beschäftigung habe, genug Zeit für mich und für meine Herzensmenschen, fürs Motorradfahren, Genießen und zum Schlafen, bin ich glücklich.

Wie las ich vor einigen Tagen?

Man ist reich, wenn’s reicht.

Wenn das keine gute Erkenntnis ist, dann weiß ich auch nicht…

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Mut zur Lücke – oder eher zu Gräben

Meine Lieben, ich kann das Gerede von Kälte und Frieren nicht mehr hören – geht es Euch auch so? Deshalb schreibe ich das nächste Mal aus Texas und dann wieder aus Florida. Dann ist mir warm und Euch wird es das vielleicht beim Lesen.

Nein, Quatsch, das ist nicht der Grund dafür, dass ich jetzt ein paar Lücken in meinem Bericht ungefüllt lasse. Es ist einfach so, dass ich sehr viel mehr erlebe, als ich in der entsprechenden Zeit aufschreiben kann. Hinzu kommt, dass ich – abgesehen von Ost- und Westküste – nicht selbstverständlich davon ausgehen kann, einen Ort zu finden, dessen WLAN ich nutzen kann. Auch das gehört zu den Realitäten hier. Ab und zu kaufe ich mir etwas Netz, aber das dient eher dem Kontakthalten nach Hause und meinen Facebook-Weisheiten. Einen Artikel, der inklusive Bildbearbeitung mehrere Stunden braucht, um auf die Welt zu kommen, will ich für 3 Euro pro 10 min nicht schreiben – ich hoffe, Ihr vergebt mir das.

Außerdem will ich mich jetzt auf die letzten drei Wochen konzentrieren, will Euch noch auf der Route 66, in einige Canyons, nach New Orleans und über die Florida Keys mitnehmen. Ich hoffe, das klingt gut!

Und noch ein sehr guter Grund für die Lücken in meinem Blog: Ich will ein Buch schreiben! Über diese Reise, über die Menschen, die ich kennenlernen durfte, über das, was diese Tour mit mir gemacht hat. Und damit Ihr das Buch auch schön kauft, dürft Ihr natürlich noch nicht alles wissen! Aber ein bisschen neugierig kann ich Euch machen, okay?

So fragt sich der geneigte Leser vielleicht, was zum Himmel ich denn nun tatsächlich in einem Polizeiauto mache…

… wie es um den sozialen Wohnungsbau in Aspen, Colorado, steht…

… wie ich in höchsten Höhen plötzlich zur Celebrity wurde…

… wie man so viel Schönheit wie in Colorado überhaupt aushält…

… wie Gynsburgh sich verliebte…

… und ich mich trösten musste…

… wie ich eine Salzfarm erkundete – oder doch nicht?

… und jede Menge weitere Grenzerfahrungen.

Also, ich würde das Buch kaufen wollen. Ihr auch? Super. Der Plan ist, dies zu Weihnachten 2018 möglich zu machen. Dann habt Ihr auch gleich ein Geschenk für alle Eure Lieben 🙂

Eine wesentliche Erkenntnis dieser Reise ist übrigens, dass bei allen Unterschieden zwischen Deutschland und Amerika einige Dinge auch gleich sind – wie Kuhmistinspektor Gynsburgh heldenmutig (das Wort verdient, für ihn erfunden zu werden) feststellte:

So, ich mach mich wieder auf die Straße, Ihr vergebt mir die Lücken und Gräben und kauft dafür dann mein Buch. See you later!

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Wyoming is callin‘!

Jetzt hab ich auch wirklich lang genug damit gewartet, diesen Abschnitt zu schreiben – Ihr solltet inzwischen ähnliche Temperaturen haben wie ich damals, um Euch alles so richtig schön vorstellen zu können.
Nein, Quatsch, ich hab’s nicht früher geschafft. Aber temperaturmäßig passt es tatsächlich ganz gut 🙂

Wir sind noch immer in South Dakota, in der südwestlichsten Ecke. Frisch war es ja schon in den Badlands geworden, den ersten Nachtfrost gab es bei Porky. Weil es aber erst Mitte September war, hatte ich noch immer die Hoffnung auf warme Herbsttage und erträgliche Nächte. Schließlich wollte ich in den atemberaubenden Teton Nationalpark, durch den Yellowstone in Wyoming und dann in Montana den Indian Summer erleben. Ich Greenhorn.

In dieser Ecke South Dakotas kommt man natürlich nicht an Mt. Rushmore vorbei. Also, man kommt vorbei – aber man kommt im Grunde nicht daran vorbei, das Ding anzusehen. Im Leben wäre ich nicht auf die Idee gekommen, extra dorthin zu fahren, um mir in Stein gehauene Köpfe anzuschauen. Dementsprechend fiel es mir auch sehr leicht, nach dem Blick auf die Jungs aus der ewig langen Schlange zum Monument auszuscheren…

… und weiter in Richtung Black Hills National Forest zu fahren. Tolle Straßen, viele Kurven und immer wieder perfekte Blicke auf Mt. Rushmore – ohne Wartezeiten.

Außerdem sind die Herren Präsidenten ohnehin auf jeder Straße präsent:

Von da an ging es nach Südwesten in Richtung Teton. Und ebenfalls von da an wurden die Nächte immer kälter. In Newcastle, Wyoming, dachte ich, das Plätzchen in einer geschützten Ecke an einer Kirche würde helfen, etwas Wärme im Zelt zu halten, aber Pustekuchen. Ich hab noch nie so gefroren. Allerhand Ratschläge gingen mir durch den Kopf und glaubt mir: Ich hab sie alle ausprobiert. Klamotten an, Klamotten aus, das ja, das nein – ich hätte sogar einen Kopfstand gemacht, wenn es geholfen hätte.

Um 4:12 Uhr hab ich aufgegeben, mich angezogen und bin durch die klirrend kalte Nacht mit klarem Himmel die Hauptstraße auf- und abgegangen. Dabei hab ich entdeckt, dass Wacken offenbar Ableger hat :-).

Die Lady, die ihren Coffee Shop  schon um 5:45 Uhr öffnete statt um 6:00 Uhr, hätte ich knutschen können. Da hab ich mich dann erstmal eineinhalb Stunden aufgewärmt und gefrühstückt, bevor ich zur Kirche zurück bin, um George zu holen. Aber wenn ich dachte, es könne nicht kälter werden, sollte ich noch zweimal eines besseren belehrt werden…

Bevor es soweit war, konnte ich auf dem Weg nach Casper, Wyoming, schönste Weite genießen. Da hat das klare Wetter ja auch seine guten Seiten… Am liebsten würde ich Euch die Bilder ganz groß und leuchtend hier in den Beitrag kopieren, aber ich hoffe, dass sie auch so wirken:

Als ich – schon im Dunklen – in Casper ankam, machte ich mich naiv zuversichtlich auf die Suche nach einem Schlafplatz. Ich wusste noch nicht, dass es die schlimmste Nacht meiner (bisherigen) Reise werden sollte… Zunächst bin ich auf einen Hügel gefahren – schöne Ausblicke sind ja was Feines. Das Wohngebiet dort war allerdings so angelegt, dass ich keine Lücke für mich fand. Eine große, zugewachsene Wiese wäre eine Option gewesen – wir ignorieren jetzt bitte die Hunde, die dort in unserer Vorstellung rumhüpfen und mehr. Aber da oben pfiff ein kalter Wind, echt unangenehm, und der hätte die ganze Zeit entweder an mir oder an George gerüttelt. Auch nicht schön. Also weiter – und siehe da: ein größerer Kirchenkomplex. Mit Spielplatz, Garten, Hinterhof, allen Schikanen. Zuerst packte ich mich unter einen Baum – Mist immer noch der Wind. Also irgendwo eine windgeschützte Ecke suchen – aber es war einfach keine zu finden. Unglaublich.

Egal, wohinter ich mich versteckte: Der Wind wehte kalt über mich rüber. Also runter in die Stadt – vielleicht gibt es bei der Bibliothek eine gute Ecke? Dreimal umrundet: Nein. Unglaublich. Wind, Wind, Wind. Aber was ist das? Eine von allen vier Seiten von Plexiglas umgebene Bushaltestelle? Meine! Schlaf ich halt mal in einer Haltestelle, Hauptsache, ich kriege Schlaf! Inzwischen war es zwei Uhr und ich echt zermürbt. Ich wunderte mich kurz darüber, dass kein Obdachloser in der Haltestelle schlief, wusste aber auch bald, warum. Der Wind kam nicht nur durch die 20 cm hohe Lücke am Boden rein, die Verwirbelungen drinnen waren dann richtig schön. Alter, ich war durch. Später habe ich erfahren, dass Casper eine der windigsten Städte der USA ist. Ich würde wahnsinnig, wenn ich dort leben müsste!

Erklärung und Quelle hier.

Und während die Polizei sonst immer zu mir kommt, bin ich diesmal zu ihr gegangen – absolut ratlos, wo ich die letzten Stunden der Nacht verbringen sollte. Geld ausgeben wollte ich trotz allem nicht.

Ihr werdet es kaum glauben:

  • Die Polizeistation war offen.
  • Sie war warm.
  • Es war kein Mensch da.
  • Ich fand eine Möglichkeit, mich auszustrecken. Man wird ja bescheiden.

Und so schlief ich erschöpft und froh mit folgendem Bild vor Augen ein:


Selige Stunden von 2:30 bis 5:00 Uhr – was für ein Luxus!

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Selig in Floyd – der nüchterne Rest

Na, dann wollen wir diesen Artikel mal ordentlich zu Ende bringen, bevor wieder Margarita-Zeit ist! Teil eins schon wieder vergessen? Hier isser :-).

Einen Schlafplatz hatte ich nach meinen beiden Premieren-Margaritas in Marshall tatsächlich gefunden – gefühlt mitten in der Stadt, aber wunderbar gelegen. Sichtschutz für George, ein Stellplatz für Josi und sogar ein Klo! Wahnsinn, besser hätte es kaum kommen können. Und wieder einmal musste ich über mich selbst den Kopf schütteln, weil ich in diesen Plumsklos regelmäßig nach der Spülung greife. Geht das noch jemandem so? Bitte…

Weil Bauarbeiter meist früh anfangen, bin ich so gegen sechs aufgestanden und hab nach einem Kaffee (ich Glückspilz!) mit Abbauen und Packen angefangen. Und dann kamen sie doch noch, meine Polizisten – ich hatte mich schon gewundert! Allerdings kamen sie nicht wegen George, sondern weil jemand in der Nacht Josi in Verbindung mit der angeblich verschlossenen Toilette gesehen hatte – und drei Stunden später nochmal. Die Polizei hatte nun Sorge, dass im Klohäuschen jemand in ganz schlechtem Zustand war. War aber nicht. Alles in Ordnung. Und weil ich durch Josi zumindest indirekt beteiligt war und drei Polizisten (mit drei Autos!) auch eher ungewöhnlich, hab ich mir trotzdem mein Foto geholt.

Marshall darf man offenbar nicht erwähnen, ohne von Jim, dem Wunderhund, zu erzählen. Was ich hiermit im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten tue.

 

So, jetzt aber zurück nach Floyd und zur eigentlichen Geschichte, die hier begann!


… und gegen halb acht aufgewacht. Tatsächlich mal wieder eine Nacht ohne Polizei 😊.

Dafür tüdelten beim Lagerhaus zwei Männer rum, die immer wieder mal zu mir rüberschauten. Na gut, wer sollte ihnen das verdenken… Nach dem Zähneputzen bin ich hin und habe Tommy und Dan kennengelernt. Die beiden haben zusammen das Geschäft Finders and Keepers – ein einziger Stöbertraum. Tommy ist der Finder, der auch Fundstücke aufbereitet, Dan ist für den Laden mit Möbeln und Deko zuständig.

Tommy und Dan mit ihrem Neffen David (v.r.)

Wir haben uns gleich super verstanden und die beiden haben mich zu einem Theaterstück am Abend eingeladen. Erstmal aber hab ich mich der Dame in der Galerie vorgestellt – sie hatte rein gar nix gegen mein Campen auf der Wiese. Jippieh!

Den Tag verbrachte ich zwischen Country Store, Farmers Market (=Wochenmarkt) und George (Mittagschlaf :-). Immer wieder wurde ich angesprochen – wegen meiner Motorradklamotten, wegen Josi, wegen meines Akzents (dabei hab ich gar keinen…).

Besonders charmant war die Begegnung mit Chris, der mir zum Abschied seine Karte gab. Was die Red Rake Ranch, deren denn CEO er laut Karte war, denn für eine Ranch sei, fragte ich.. Er grinste breit: „Ich hab etwas Land. Naja, nicht viel. Eigentlich reicht es gerade, um mich auf dem Rasenmäher beschäftigt zu halten. Aber davon bin ich Chef.“ Zu schön.

Am Abend bin ich zum Theaterstück gefahren und es war einfach großartig – ich habe lange nicht mehr so gelacht. Im Stück wurden das amerikanische Fernsehen und die Lokalpolitik aufs Korn genommen. Dan war einer der Schauspieler und es war einfach zu gut. Ich hab sogar ein Autogramm bekommen! Und er hat mir angeboten, bei ihm zu übernachten und zu duschen. Ich hätte nie gedacht, dass ich so ein Angebot mal ablehnen würde, aber jetzt, wo ich quasi legal mit George campen durfte, wollte ich das auch mal genießen. Die Dusche hingegen hab für den nächsten Morgen gern angenommen…

Auf dem Rückweg in die Stadt bin ich nochmal beim Country Store vorbeigefahren – ich kann ja nicht genug kriegen von dieser Bluegrass- und Country-Musik. Schon gar nicht, wenn es live ist. Leider kam ich zu spät – es wurden noch zwei Lieder gespielt, dann war Schluss. Wie gut, dass es am Sonntagmittag weiterging 😊. Aus dieser Session hab ich mich dann aber rausgeschlichen – es half ja alles nichts, irgendwann musste ich weiterfahren. Dafür hat Josi noch einen Floyd-Aufkleber bekommen. Was muss, das muss.

Floyd hat mir richtig gutgetan: nette Menschen, Musik, ein überschaubarer Kontext. Ich brauch das einfach – gerade wenn ich hier sonst so losgelöst durch die Gegend fahre. Tommy and Dan, thank you for being so awfully nice to me! It’s been a pleasure to fool around with you!

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Charlottesville

Irgendwann hatte ich gesehen, dass Charlottesville, Virginia, nah an oder sogar auf meiner Route liegt. Und habe seitdem überlegt, ob ich vorbeifahre. Katastrophentourismus? Mal auf den schlimmen Ort gucken? Sagen können, dass man da war? Ich kann es noch immer nicht recht in Worte fassen – ich wollte irgendwie die „Atmosphäre danach“ spüren. Wobei selbst das ja höchst individuell ist: Was wird mir von wem vermittelt und warum, was nehme ich auf und wiederum: warum? Egal – ich hab mich entschieden hinzufahren. Besser als nicht hinzufahren und solche Orte zu meiden. Dann gewinnen auch die Falschen.

Ich bin ziemlich früh angekommen, so gegen halb acht. Hab bei der Bibliothek geparkt, um danach vielleicht noch zu arbeiten, und bin in die Fußgängerzone gegangen – die total schön ist. Aber schon beim Schlendern waren einige Zeichen des Geschehenen sichtbar und irgendwo war auch immer ein Polizist, eine Polizistin oder ein Polizeiauto zu sehen.

Ich wusste nicht genau, wo das Auto in die Menge gefahren war, hatte nur die Handybilder im Fernsehen gesehen. Und plötzlich stand ich an der Stelle. Jeder, der vorbeiging, hielt betroffen an. Blieb auch länger stehen, ging die gesperrte Straße hinunter. Ein junges Pärchen mit Hund hielt inne, das Mädchen begann zu weinen. Eine Joggerin bog in die Straße ein, wurde langsamer und blieb dann schließlich eine knappe halbe Stunde.

Man merkt es einer Stadt nicht zwangsläufig an, ob in ihr solche Arschlöcher wohnen wie dieser Typ. Oder die rechten Demonstranten. Die Fußgängerzone von Charlottesville hätte auch der Rathausplatz in Göttingen oder die Holtenauer Straße in Kiel sein können – die Atmosphäre ist die gleiche. Ich habe nicht mit Leuten gesprochen – das wäre mir zu nahe gegangen und ich finde, ich hab auch kein Recht, in sie hineinzubohren, nur weil mir zufällig danach ist.

Ich hab noch gefrühstückt, meine kommenden Kilometer geplant und bin losgefahren. Nach Arbeiten in der Bibliothek war mir dann doch nicht mehr.

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Washington bei Nacht – wann sonst?

Eigentlich wollte ich von Vermont aus relativ gerade und vor allem fix runter nach Süden bzw. Südwesten fahren, um auf dem sogenannten Blue Ridge Parkway für etwa 800 Kilometer die traumhafte Landschaft der Appalachen zu genießen.

„Eigentlich“ sagt dann ja auch schon alles – denn ein Moment am vorigen Sonntagabend änderte die Punkte „gerade“ und „fix“. Knapp vier Wochen zuvor war ich schon einmal an Washington vorbeigefahren – auf dem Weg von Baltimore zur Chesapeake Bay Bridge. Es war Samstagnachmittag, es war 33 Grad heiß und ich steckte im Interstate-Verkehrswahnsinn – einer irre machenden Mischung aus Stau und Raserei (also der Verkehr, ich noch nicht). Da war mir nicht wirklich nach Hauptstadtbesichtigung, zumal all die komischen Touristen ja auch da waren ;-).

Nun stand ich an einer Ampel in Richtung Süden, es war schon dunkel und plötzlich sah ich ein Schild in Richtung Washington. 34 Meilen. Scheiße. Das kann ich doch jetzt nicht – im wahrsten Sinne des Wortes – links liegenlassen! Nicht an einem Sonntagabend, wo alle Tatort schauen, die Touristen weg sind und die Pendler noch zu Hause! Also: Spur gewechselt, abgebogen und allein schon an der Vorfreude gemerkt: Das war die richtige Entscheidung.

Wieder alles beleuchtet zu sehen, die Straßen für mich zu haben, in Ruhe auch mal langsam fahren, suchend herumeiern und auch entspannt am Straßenrand stehenbleiben zu können: Das macht es für mich mehr als wett, dass ich in keines der Gebäude reinkann.

Und so hab ich mich natürlich auf den Bürgersteig gestellt, um Josi zu fotografieren 🙂

Mein Glück war an dieser Stelle perfekt. Aber Moment – ich hatte heute noch keine… Das Geräusch einer dicken Harley näherte sich – es gehörte zu einem Polizisten. Jetzt war die Welt wieder in Ordnung. Er hielt auf der anderen Seite der Poller, nahm seinen Helm ab und sagte: „I like your bike!“ Smalltalk – ein guter Start. „Well, I like yours – and it definetely sounds better!“ Zufriedenes Grinsen seinerseits – ich alte Schmeichelbacke. Aber dann: Augen auf und durch. „But that’s not what you’re here for, right?“ – „Nope. Parking on the sideway – that’s not allowed.“ Ach ja, weiß ich ja, aber ich konnte nicht widerstehen. Und ich bin auch schon fertig und gleich weg – hab alle Bilder gemacht, die ich machen wollte. „Pictures? Where are you from?“ Nach der Antwort war das Eis dann endgültig gebrochen und er hat mich sogar mit seinem Bike fotografiert! Rauf durfte ich leider nicht – state property. Ist auch egal – das war so schon so unendlich cool!

Noch einige kleine Gänge und Fahrten durch das nächtliche Washington – dabei bin ich auf ein Denkmal für den guten Albert Einstein gestoßen. Bei dem Präsidenten ist sein Ausspruch wohl passend wie selten: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Gegen elf bin ich dann wieder raus aus Washington. Eigentlich wollte ich es bis zurück auf meine ursprüngliche Route schaffen, aber ich war einfach zu müde. Und deshalb froh, als ich mal wieder eine Kirche mit Rasenfläche entdeckte – auch Josi konnte sicher stehen. Ihr wisst ja inzwischen, worauf es ankommt 🙂

Trotzdem war ich bei jedem vorbeifahrenden Auto unruhig – die Straße führte in einer Kurve an der Kirche vorbei, sodass ich jedesmal etwas davon hatte. Gegen 3:30 wurde ich wach, weil ein Auto mit laufendem Motor neben George stand, der Fahrer telefonierte. Ich wollte mich schnell anziehen und rausgehen – kommt ja immer gut an. Aber als ich – leicht nachtverschwitzt und deshalb klebrig – meine ebenfalls klebrige Motorradhose (weil mit Regeninlay) auf eine annehmbare Höhe gezerrt hatte und aus dem Zelt gestolpert war, hörte ich nur noch „Okay, I’ll take care of it.“ und ein davonfahrendes Auto.

Wer oder was auch immer das war – in dieser Nacht kam niemand mehr. Und als ich morgens dann auf der Suche nach Kaffee zur Tankstelle ging (ein Segen im wahrsten Sinne des Wortes), kam ich auch noch bei einem Medium (Psychic – Reader and Adviser) vorbei. Mir hätte in dieser Nacht also überhaupt nichts passieren können…

 

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