„Land in Sicht!“

Vor einem Jahr hatte ich das magische Gefühlsmischmasch im Bauch, das dieser Satz auslöst: ein aufgeregtes Kribbeln, Vorfreude, Schiss. Ein riesiger Kontinent liegt vor mir und wartet – natürlich – nur darauf, von Josi und mir befahren zu werden.

Auf dem Foto ist das Land nicht zu erkennen, aber glaubt mir: Es ist da, irgendwo unter der untergehenden Sonne. Am nächsten Tag werde ich bei Sonnenaufgang in Chester, Philadelphia, aufwachen und ein paar Stunden später mein Frachtschiff Independent Spirit verlassen. Das wird traurig, weil ich auf dem Schiff 20 ganz wunderbare Menschen kennengelernt habe, die die Atlantiküberquerung zu einem der schönsten Erlebnisse in meinem Leben gemacht haben.

Und wisst Ihr was? Gestern bin ich in meinem Buch auf dem Schiff angekommen. Es ist toll, das alles nochmal so zu durchleben – selbst die Aufregung kommt wieder hoch. Ich komme also tatsächlich voran mit dem Buch, wobei es natürlich sein kann, dass kein Mensch irgendein Vorgeplänkel lesen will, das weder Josi noch die USA involviert. Ich vertraue da auf meine Lektoren.

Übrigens: Erinnert Ihr Euch noch an Ryan?

Er war derjenige, der mich an Bord begrüßt hat – er hatte Dienst. Damals war der Philippine Ordinary Seaman, also Matrose und Schiffsarbeiter.

Ich muss zugeben, dass ich ihn stundenlang hätte fotografieren können – irgendwas hat er. Wie dem auch sei: Seit einigen Tagen hat er noch etwas – nämlich den nächsten Schritt gemacht, um sich seinen größten Traum zu erfüllen. Als er es mir geschrieben hat, bekam ich totale Gänsehaut, ich hab mich riesig gefreut.

Was sein größter Traum ist? Nächstes Mal 🙂

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Aus dem Steinstraßenschreibstübchen

Es ist Sonntag, ganz Kiel sitzt draußen in der Sonne und isst Eis. Ganz Kiel? Nein… In einem gemütlichen Zimmer im fünften Stock einer frühlingsfrischen Altbauwohnung sitze ich und schreibe. An meinem Buch. Endlich.

Nachdem ich mir einen Überblick über die Literatur zum Thema „Schreiben“ verschafft, mich in die Erfahrungen und Vorgehensweisen von Stephen King („Das Leben und das Schreiben“ – inspirierend) und Elizabeth George („Wort für Wort“ – nicht so meins) vertieft, etliche online-Tutorials angeschaut und verschiedene Schreibprogramme ausprobiert habe, ist folgender Rat als gemeinsamer Nenner übriggeblieben und offenbar am erfolgversprechendsten:

„Setz dich auf deinen Allerwertesten und schreib.“

Nun gut. Wie gesagt: Heute habe ich es endlich mal wieder geschafft, vorher lief ein paar Tage nix. Aber es war ja auch alles aufregend mit Bewerbungsgespräch und Job und Josi und überhaupt.

Ich fühle ich mich gerade ein wenig in die Reisezeit zurückversetzt, weil ich endlich Josis Taschen ausgeräumt habe. Bisher hab ich mich davor gedrückt – als ob meine Traumtour damit wirklich zu Ende ist. Dabei bin ich schon seit vier Monaten wieder hier! Mir war nicht klar, dass es so viele Enden für eine Sache geben kann.

Beim Anblick dieser Dinge werde ich zugleich froh und wehmütig:

  • meine „Weltkarte“ – die einzige USA-Karte, die ich genutzt habe. Von den hier dargestellten Straßen aus ging es nach Gefühl und Sonnenstand auf kleine und kleinste Straßen – irgendwann kam ja sicher wieder ein Highway;
  • Maine – ein Traum… und Moab – ohne Worte…
  • der Kompass, über den meine Jungs auf der Independent Spirit sich liebevoll kaputt gelacht haben, der mir aber ausreichende Dienste leistete;
  • die Wärmflasche, die ich mir tatsächlich das eine oder andere Mal in einem Diner oder einem Pub auffüllen ließ, um mich dann in Schlafsack und Zelt zu kuscheln – bestens versteckt, Ihr wisst schon;
  • meine Laufhose („Wenn ich irgendwo ankomme, laufe ich erstmal eine Runde – das ist bestimmt gut für meinen Rücken“). Das mag so sein, aber die Hose hat nicht einmal amerikanische Luft geschnuppert, sondern ist original zip-verpackt wieder mit nach Hause gekommen;
  • die Anti-Juck-Salbe, die wirklich gegen alle von Insekten verursachten Schmerzen half – danke, Lisa und Tina!
  • meine Visitenkarte, die ich an meinen kreativ gewählten Übernachtungsplätzen morgens im Zelt hinterlassen habe, wenn Kaffee und Frühstück in der Nähe waren. Niemand sollte sein Zelt abbauen und packen müssen, ohne vorher 1+x Kaffee genossen zu haben;

  • der Drumstick, den ich nach einer großartigen Bluesnacht in einem entzückenden Café im Mini-Örtchen Jemez, New Mexico, geschenkt bekam – Ronald Reagan moderierte zwischen den Cowboyfilmen, die den ganzen Tag liefen;

  • und natürlich der dicke, freche Gynsburgh, der sich bis heute geweigert hat, den Sheriffstern abzulegen, der ihm in Baggs, Wyoming, verliehen wurde. Dass der Dreck der gesamten 37.000 km auch noch an seinen Füßen sitzt, ist für ihn kein Widerspruch dazu…

Ach ja, genug geschwelgt… Weiter schreiben. Damit all die Erinnerungen im Buch einen kuscheligen gemeinsamen Raum finden.

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b4b – Bilder für das Buch

Ach ja… wenn man Hilfe braucht, soll man darum bitten.

Ich will meine 5.300 Fotos reduzieren, eine Vorauswahl für das Buch treffen – für das immerhin schon das Inhaltsverzeichnis steht ;-).

Aber schon zu Beginn scheitere ich an der mir selbst gestellten Herausforderung, die jeweils drei besten Fotos pro Tour-Etappe auszuwählen – es sind immer zu viele. Vielleicht sollte ich einfach „Etappe“ neu definieren? Als Woche, Tag oder Stunde?

Oder Ihr helft mir – wie ist das?

Welche der Bilder sollen mit ins Buch, Kapitel „Überfahrt“? Schreibt es einfach in die Kommentare.

Wenn Ihr nochmal nachlesen wollt, wie die zwei Wochen auf dem Ozean waren, findet Ihr die Berichte ab hier.

Danke!

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(c) Beitragsbild: Elena Eliachevitch_Getty Images

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„Traveling is my favorite activity.“

Um in die USA zu kommen, habe ich den Atlantik an Bord der „Independent Spirit“ überquert – zwei großartige Wochen, an die ich voller Sehnsucht zurückdenke.

Das hat ganz bestimmt auch mit der tollen 22-köpfigen Crew zu tun. Ein Crewmitglied war Dmytro, ein freundlicher Hüne aus der Ukraine. Der Chief Engineer will seinen großen Traum in diesem Jahr umsetzen:

„Ich will im Sommer mit meiner Familie durch Europa fahren. Einfach ins Auto steigen und dann von Odessa durch Polen und Deutschland nach Dänemark. Und dann über die Niederlande, Belgien und Frankreich bis nach Spanien.

Ich hab so etwas schon einmal gemacht, aber das war eine kleinere Tour. Diesmal will ich mir mehr Zeit nehmen. So acht bis neun Wochen – darauf freue ich mich.“

Dmytro, wir wollen Fotos von der Reise – habt ganz viel Spaß!

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(c) Karte

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Von Chester nach Baltimore

Customs and Borders Office

So, jetzt will ich Euch mal wieder auf den aktuellen Stand der Dinge bringen, bevor die Briefe aus der maritimen Vergangenheit Überhand gewinnen. Ganz aktueller Stand: Ich bin noch immer im Hostel in Baltimore, ich habe nun endlich – und hoffentlich – allen Papierkrams bewältigt, der zwischen mir und Josi lag, und ich krieg sie morgen nun hoffentlich Nr. 2 wirklich. Heute hatte das Hafenbüro schon geschlossen…

Was passierte nun zwischen dem Anlegen der „Independent Spirit“ in Chester und jetzt? Der Abschied vom Schiff und seiner Crew fiel mir nicht leicht – wurde mir aber von Tony versüßt. Der über 80-jährige Seemannsmissionar kommt immer an Bord, um die Crew mit Zeitschriften zu versorgen und bietet vielerlei Unterstützung an. In diesem Fall durfte er „this nice young lady passenger“ zu sich an Bord nehmen. Es dauerte ungefähr zwei Minuten, bis auch er sich als Biker outete – seine Harley „Bird“ ist wirklich schick. Motorradfahrer zeigen sich ja die Bilder ihrer Motorräder, wie Eltern sich die ihrer Kinder zeigen. Die Fahrt mit Tony war so witzig – seine Frau findet sich übrigens zu alt, um noch als Sozia mitzufahren. Konnten wir beide nicht verstehen – 80 ist doch kein Alter…

Tony fuhr mich zum Bahnhof in Philadelphia, von wo aus ich mit Zug oder Bus nach Baltimore weiterfahren wollte. Die Preise sprachen eindeutig für den Bus und der hatte seine Baltimore-Haltestalle an einer Mall außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes. Blöd, weil nun doch nochmal Taxikosten anfielen – aber der Fahrer Aladdin war es allemal wert. So jemanden habe ich noch nie erlebt.

 

Als der philippinische Taxifahrer hörte, dass ich Deutsche bin, verfiel er in absolute Schwärmerei für eine Carola Bürger, die Anfang der 90er auf den Inseln war. Die beiden verliebten sich ineinander, sie besuchte ihn drei Mal, er wollte seine Ausbildung fertig machen und dann nach Deutschland kommen und sie heiraten. Dazu kam es nie – er fand die Welt und andere Frauen zu spannend. Aber seit einigen Jahren sucht er nach Carola und ihren strahlend blauen Augen, seit Neuestem sogar über Facebook. Wer also eine Carola Bürger kennt…

Ich hab mich dann im Hostel eingerichtet, es waren witzige, aber auch anstrengende drei Tage. Die Kombination von lauter Musik, dem laufenden Fernseher, drei telefonierenden Leuten und den Gesprächen in der nahen Küche – die extra laut sein müssen, weil die Teppichreiniger im Haus unterwegs sind – ist nicht so ganz meins.

 

Gynsburgh hatte sich die Nächte mit mehreren anderen Frauen auch irgendwie anders vorgestellt und ist beleidigt. Aber wenn alles klappt, übernachten wir morgen schon woanders…

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