Die Freuden des Campens

Endlich! Endlich! Endlich! Endlich konnte ich wieder zelten ohne zu frieren!

Vor wenigen Tagen habe ich allen Ernstes Frost im Norden Floridas erlebt – oder mitgebracht??? Ganz offensichtlich hatte ich von „überwintern in Florida“ bisher eine komplett falsche Definition… Interessanterweise bin ich aber nur zweimal kurz aufgewacht, habe George angehaucht, mich tiefer eingemummelt und weitergeschlafen. Wenn ich daran denke, dass ich mal bei 5 Grad vor Kälte nicht schlafen konnte – tsss…

Am Morgen haben der Engel Jimmy und der Engel Angela – Angestellte der Kirche, auf deren Gelände ich mich nachts geschlichen hatte, mich mit Kaffee, Wärme, Kaffee, Snacks und Kaffee versorgt. DANKE!!!!

Ha, aber ich wollte ja nicht mehr übers Frieren schreiben – und das muss ich auch nicht, jippieh! Denn heute Nacht waren es auf und in Key Largo, der größten Insel der Florida Keys, charmante 16 Grad. Die konnte ich im Garten von Sue genießen, die hier Bootstouren mit verschiedenen Schwerpunkten anbietet. Ihre Freundin Kat hat mir spontan noch eine Flasche Wein für den Abend mitgegeben – ich würde sagen: Läuft!

Da mein abgehärtetes Ich nicht mit nach Deutschland fliegen wird, sind dies wohl vorerst meine letzten Campingnächte – von Mittwoch bis Weihnachten werde ich zwischen Kuscheldeckenbett (inkl. Wärmflasche) und Badewanne pendeln. Aus diesem Grund habe ich mir gedacht, dass ich Euch an meinen Lieblingscampingmomenten teilhaben lasse – wie findet Ihr das?

Bitte versteht mich richtig: Es ist nicht so, dass ich unfassbar gern campe. Ich finde es zwar weit weniger schrecklich als befürchtet, aber vor allem spart es soooo viel Geld… Mit George habe ich ein super Zelt gekauft, das sich total schnell auf- und abbauen lässt. Inzwischen kann ich das sogar im Dunkeln!
Und so gibt es beim Campen tatsächlich viele wundervolle Momente – wobei ich hoffe, dass Ihr die in unterschiedlichem Maße vorhandene Ironie erkennt. Vermissen werde ich alles – einfach weil es Teil dieses großartigen Abenteuers war.

Hier also sind meine liebsten Momente und Situationen:

  • Wenn ich einen Platz gefunden habe, an dem ich die Leselampe anschalten kann, ohne befürchten zu müssen, entdeckt zu werden.
  • Wenn der Frühsport aus Schneckenschnipsen besteht: Die Minischnecken, die in der Nacht von außen auf das Zelt gerutscht/ geschliddert/ geschleimt – oder was auch immer – sind, kann man ganz wunderbar von innen wegschnipsen, ohne sich groß bewegen zu müssen. Wer das Känguru von Marc-Uwe Kling kennt, stellt zusätzlich Überlegungen zur Flugbahn an.
  • Bleiben wir noch einen Moment bei den Schnecken: Wundervoll ist es, wenn der Verwesungsgeruch der einige Tage zuvor mit dem Zelt eingerollten Schnecke(n) nachlässt…
  • Größere Schnecken erzeugen mit ihrem Schleim ganz außergewöhnliche Kunstwerke – man muss sie nur zu würdigen wissen.

Überhaupt sind Tiere beim Campen ein Quell steter Freude:

  • So habe ich mich des Öfteren gefragt, wo zum Himmel jetzt dieser Ohrenkneifer hingekrabbelt ist, den ich grad noch an der Schwelle zwischen Zelt außen und Zelt innen gesehen habe.
  • Genau hier war gerade noch ein Stinktier!!! In der Nacht hat es sich aus mir unerklärlichen Gründen mit George gestritten und ihn schließlich ordentlich besprüht. Ich sag Euch: Ich lag im Zelt und konnte nicht atmen, so sehr hat es gestunken. Mini-Atemhappen waren alles, was ich mir für bestimmt eine halbe Stunde gegönnt habe. Seitdem glaub ich nicht mehr an den Spruch, dass noch nie jemand erstunken ist…
  • Mücken – einfach göttlich. Und so schlau! Sie lieben insbesondere die Phase, in der man beim Auf- und Abbau hockend beschäftigt ist, wenn also Knöchel, unterer Rückenbereich, Handgelenke und Hände freiliegen. Davon hat man auch als Mensch am längsten etwas.

In puncto Spinnen habe ich eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht:

Phase 1 – Kindheit
Ein „Andrea!!! Staubsauger!!!“ reichte, damit meine zwei Jahre jüngere Schwester mit eben diesem Gerät zu mir kam. Sie musste nur schauen, wo ich grad stand, dann den am weitesten entfernten Punkt im Raum finden, schon hatte sie das Vieh. Und hat es todesmutig eingesaugt. Ich weiß bis heute nicht, was ich gemacht hätte, wenn sie mich damals im Stich gelassen hätte.

Phase 2 – Au pair auf Kauai, Hawaii
Hier gab es eklig viele Spinnen. Einmal in der Woche musste ich ums Haus gehen und alle entfernen und umbringen. Ihr Todeskampf in dem Eimer mit Chlor, in den ich sie mittels eines langen Was-auch-immer-es-war befördert habe, dauerte quälend lange – für beide Seiten. Einmal bin ich mit vollen Händen in ein Spinnennetz gelaufen, das ca. 90 cm Durchmesser hatte. Gesicht und Oberkörper. Ich hätte mich fast übergeben. Trotzdem bin ich seitdem der Überzeugung, genug Spinnen auf dem Gewissen zu haben und vermeide es, sie ins Jenseits zu befördern.

Phase 3 – Die Jahre seitdem
Kleinere Spinnen befördere ich selbst nach draußen. Natürlich mit Glas und ausreichend stabiler Unterlage. Bei größeren Spinnen hole ich meinen Schatz. Auch, wenn er gerade nicht da ist – dazu gibt es schließlich Telefone. Er kommt dann auch tatsächlich rüber – er könnte lediglich etwas gehetzter wirken. Und Bemerkungen wie „Ach, ist die süß!“, die ich schon durch die sicherheitshalber geschlossene Tür gehört habe, muss er sich noch irgendwie verkneifen. Aber er ist mein Held!
Da er natürlich nicht immer auf der Tour dabei war, mussten hier andere Menschen herhalten. So hab ich eine halbe Stunde gewartet, bis mir jemand die Spinne aus dem Rucksack holen und ich endlich den Campingplatz verlassen konnte. Und: JA, DA IST EINE SPINNE!

Phase 4 – Der Biss ins Dekolleté
Ich berichtete. Was ich nicht erzählt habe, ist, dass mein allerallerallererster Gedanke beim Anblick dieses Mistviehs – nur ein ganz kurzer Gedankenblitz – war: „Ach, ist die süß!“ War sie auch wirklich, schaut mal, das ist sie. Ich meine, deshalb muss sie ja noch lange nicht beißen, aber trotzdem…

Phase 5 – Spinne am Morgen…
Mein derzeitiger und ganz offensichtlich höchster Entwicklungsstand offenbarte sich in folgender Situation: Eines Morgens saß ich, mich innen und außen sortierend, mit dem Popo noch im Zelt, die Beine schon draußen. Und sah allen Ernstes eine Spinne AUF MEINEM BEIN krabbeln. Meine nonchalante Frage an sie, mit welchem Recht sie von drinnen nach draußen krabbelte und nicht umgekehrt, mag zwar auf eine ausgeprägte präcoffeine Lethargie zurückzuführen sein – trotzdem möchte ich die Situation nicht unerwähnt lassen.

So, zurück zu den tierlosen Freudenmomenten beim Campen:

  • Meist bewegt man sich im Zelt ja liegend, aufgestützt, sitzend oder auf allein Vieren. Sehr geschätzt habe ich die regelmäßig wiederkehrenden Momente, in denen ich mich gebückt aus dem Zelt bewegen wollte, mit dem Rücken zu weit nach oben und an die Zeltdecke kam. So erfrischend…

  • Tropfen auf dem Zelt bzw. das Geräusch des Tropfens beim Aufwachen rufen bei Anfängern romantische Gefühle hervor. Bis sie lernen, 30 Minuten weiter zu denken… Ein nasses Zelt im Regen abbauen – unbezahlbar. Hier heißt es, Verdrängung zu üben, sich im kuscheligen Schlafsack umzudrehen und weiterzuschlafen.
  • Nicht verdrängen kann man die ungünstige Organverteilung im Körper, wenn man mit voller Blase aufwacht, sich aber erst im Sitzen (für den Laien: abgeknickt) aus dem Schlafsack pellen und ggf. anziehen muss, um das Zelt zur Erledigung der Erleichterung zu verlassen.
  • Das Auf- und Zuziehen des Schlafsackreißverschlusses, welche nie, nie, nie ohne Verklemmen dieses blöden Mistdings vonstatten zu gehen scheinen, erweitert den persönlichen Fluchhorizont ganz ungemein.

Ich bin oft gefragt worden, ob ich denn nachts allein keine Angst hätte. Nein, ich hatte doch Gynsburgh! Im Ernst: Ich hatte nur zweimal Angst, weil ich die Geräusche draußen nicht zuordnen bzw. interpretieren konnte.

Im ersten Fall hatte ich George an einem relativ verlassenen Teich aufgebaut. Irgendwann spät am Abend kam ein Auto, dem Motorengeräusch nach ziemlich groß. Der Motor lief und lief und nichts passierte. Irgendwann hab ich mich rausgetraut – ein alter Truck, noch war niemand ausgestiegen. Also traute ich mich ans Fahrerfenster – und sah einen pickeligen Jüngling, der seine Flamme hierhin gefahren hatte. Offenbar wollten die beiden eine Runde knutschen… Schüchtern sagte er, dass alles okay sei und dass ich gern dort campen könne. Zu süß!

Im zweiten Fall bin ich von seltsamen Kratzgeräuschen am Zaun aufgewacht, hinter dem ich mein Lager aufgeschlagen hatte. Auch hier hab ich mich irgendwann rausgetraut – um einen dicken Waschbären auf den Zinnen des Zauns balanc…, äh, wandel… äh… äh… Gibt es ein Wort, das beschreibt, wie ein dickes Tier auf etwas Schmalem laufen will, mal nach links, mal nach rechts abrutscht, sich immer wieder hochzieht, zwei Schritte läuft und wieder abrutscht? Das war es, was ich erst mit vor Angst klopfendem Herzen, dann mit mühsam zurückgehaltenem Prusten gesehen habe. Und wieder: Zu süß!

PS.: Ja, ich hatte Pfefferspray dabei – und es beide Male nicht in meinem Krams gefunden…

So, Ihr Lieben, das war das. Wer jetzt noch nicht campen will, ist selbst schuld! So viel Freiheit gibt es nämlich selten. Sicher, ein tolles Zimmer in einem schnuckeligen Hotel ist was Feines. Aber zum Beispiel einen Privatstrand, an dem man für lau übernachten und wo man unbeobachtet ins Wasser hüpfen kann, gibt es eben nur so.

Dass überall noch die Überreste von Hurrikan Irma zu sehen sind, ist derzeit – und wohl noch in den kommenden Jahren – leider so. Und ermöglicht wohl überhaupt Refugien wie dieses.

So, das war’s jetzt aber wirklich. Ich will schnell zurück zu meinem Privatstrand und zum Sonnenuntergang ins Wasser hüpfen :-).

Wie krieg ich die nur alle heil nach Kiel???

Beitrag teilen

Ein Königreich für Wärme

Ich muss zugeben, dass ich auch auf der Fahrt weg von Dubois noch traurig war wegen Teton und Montana. Es sagt sich so leicht: „Ach, dann nächstes Mal!“ – „Ich komm bestimmt nochmal wieder.“ Aber stimmt das auch? Sicher, ich bin knackige 42, aber es ist kein Urlaub, den man mal eben so bucht.

Ich fuhr also, so vor mich hinträumend, aus den Bergen heraus und ignorierte dabei die Wolken und den Schnee am Horizont.


Suchspiele machen ohnehin viel mehr Spaß 🙂


Bald wurde klar, dass ich die Schneewolken zwar ignorieren konnte, dass das aber keineswegs auf Gegenseitigkeit beruhen musste. Die Temperaturen pendelten um den Nullpunkt, Schneematsch kam von oben und von unten, und natürlich war da dann noch die Baustelle, an der ich zwei Minuten warten musste. Murphy, du Mistkerl! Immerhin hatte ich so genügend Zeit, mit zitternd-steifen Fingern die Kamera aus meiner Jacke zu zuddeln und ein Erinnerungsbild zu machen.

Bestimmt eine Stunde bin ich so gefahren – und Alter, war mir kalt. So richtig. Mir ist ein Rätsel, wie einige Leute freiwillig (also richtig freiwillig, also gewollt und geplant) bei diesen Temperaturen mit dem Motorrad unterwegs sein können. Ein guter Bekannter von mir hat „Urlaub“ auf Island gemacht, unfassbar! Bei den Bildern und Berichten, die er auf Facebook gepostet hat, hab ich mich jedes Mal gefragt, ob das noch Spaß macht oder ob das nun als Urlaub mit schlechtem Wetter gilt. Oder war er genau darauf vorbereitet? Und ist trotzdem gefahren? Unmöglich. Ich muss ihn mal fragen.

Als ich wahrsten Sinne des Wortes keinen Finger mehr rühren konnte und selbst der Dicke vor mir anfing, sich zu beschweren, weil Kälte und Nässe durch Fell und Fett drangen, kam bei Split Rock eine Tankstelle in Sicht. Offenbar eine Tankstelle mit kulinarischer Ecke – dem Himmel sei Dank. Eine heiße Schokolade, ein Tee, ein Kaffee – irgendwas, woran ich meine Finger ins Leben zurückholen konnte. Der Rest würde warten müssen, es sei denn, ich würde einen Fremden fragen, ob er mir beim Ausziehen hilft…

Tatsächlich bekam ich umgehend einen schönen Pott Kaffee. Und während der meine Finger und mein Inneres auftaut, erzähle ich Euch kurz etwas über Split Rock (zweite Bergkuppe von rechts oder hier, Bild von der Hinfahrt, seufz…):

Dieser natürliche V-förmige Spalt war nämlich zum einen Orientierungspunkt für die Indianer (Shoshone, Arapaho, Crow und Sioux), die seit drei Ewigkeiten in dieser Gegend lebten, und ab Ende des 19. Jahrhunderts für die Siedlertrecks, die auf dem sogenannten Oregon Trail von Osten kamen und dann nordwestlich nach Oregon oder südwestlich nach Kalifornien gezogen sind. Ohne Straßen, Orte oder andere menschengemachte Orientierungshilfen war ein solch markanter Punkt Gold wert, zumal man ihn schon aus zwei Tagesreisen Entfernung sehen konnte.

Soviel zur Rubrik „Am Wegesrand“. Ich war inzwischen soweit aufgetaut, dass ich mich umsehen konnte. Und Ihr werdet es nicht glauben: Da stand ein Ofen! Mit Feuer drin! Warm! Ich hätte auf die Knie gehen können, aber Kälte und Alter sind eine ungute Kombination. Immerhin konnte ich mir die triefenden Motorradklamotten vom Leib pellen und sie rund um den Ofen aufhängen.

Den Königsplatz nahm selbstverständlich Gynsburgh ein – schließlich hatte er vor mir auf dem Motorrad gesessen und heldenhaft Wind, Schneeregen und Kälte von mir ferngehalten.

Ich stellte mir einen Stuhl vor den Ofen und so verbrachten wir zwei eine halbe Stunde schweigend (ich) und selig (beide) an der Wärme. Und obwohl es eigentlich nicht besser hätte sein können, wurde es das doch noch: Isebel, die Inhaberin der Split Rock Gas Station and Pub meinte ganz easy: „You can sleep here if you want to!“

Und ob ich wollte. Egal, wo – Fußboden, Sofa, Bett – Hauptsache, es waren vier Wände um mich und ein Dach über mir. Jemand sagte mal: „Wie gut, dass Häuser innen hohl sind.“ Wie wahr.

Ich hatte also ein Schlafquartier…… das ich zwar ab und zu teilen musste…

… aber dafür hab ich schnell viele neue – wenn auch eher ruhige – Freunde gefunden:

Der Tag in Isebels Pub verlief tiefenentspannt. Regelmäßig, aber nicht zu oft, kamen Männer unterschiedlichsten Alters und mit unterschiedlichem Alkoholpegel rein, um einige Zeit an der Bar zu verbringen. Manche tranken, manche aßen, manche schauten einfach nur fern. Da liefen übrigens die besten Wild West-Filme – ich hab auch eine ganze Weile geschaut.

Am späten Nachmittag kam dann das Jungvolk. Na gut, zwei davon. Stilecht mit Cowboy Boots und Hut spielten sie ihre Partien Billard, abgelenkt lediglich vom Fernseher in unmittelbarer Nähe.

Da lief eine der früheren Folgen von Game of Thrones, und wer die Serie kennt, der weiß, dass es darin durchaus explizite Szenen gibt. Ich sag Euch: Als Daeneris zur Vorbereitung ihrer Hochzeit mit Leckerbissen Drogon nackt in die viel zu heiße Badewanne stieg, war unser Cowboy hier total überfordert. Er starrte so gebannt auf den Bildschirm – sein Kumpel hätte unbemerkt alle Kugeln versenken können. Wobei ich mir jetzt natürlich jegliche Analogie spare.

 

Nach einer guten Nacht, viel Kaffee und einem anständigen Frühstück ging es am nächsten Tag weiter. Würde ich schreiben „am nächsten Morgen“, dann wäre das gelogen. Ich komme selten vor 10 Uhr irgendwo weg – es sei denn, ich muss einen semi-legalen Schlafplatz räumen. Hier aber konnte ich sogar ausschlafen und das lieeeeebe ich ja…

Beitrag teilen

Eiskaltes Vergnügen

Wer mich kennt, der weiß, dass bei mir im Zweifelsfall die Abenteuerlust über die Vernunft siegt. Wie viel Trotz in der Abenteuerlust ist und wie viel „Ach, wird schon gut gehen!“-Zuversicht, variiert von Fall zu Fall.

In Casper wurde für mich trotz Jacquies Warnungen klar: Ich will, ich will, ich will den Teton Nationalpark sehen. Und dann nach Montana – das wird schon irgendwie gehen. Wettervorhersagen treffen schließlich nicht immer ein und die Waldbrände in Montana sollten sie ja wohl auch so langsam unter Kontrolle kriegen. Ich muss gestehen, dass ich Yellowstone gar nicht so sehr auf dem Schirm hatte – er war für mich eher Durchgangsstation nach Montana.

Also verabschiedete ich mich von der kopfschüttelnden Jacquie und machte mich gen Westen auf. Ohne viele Worte nehme ich Euch mit den folgenden Bildern mit durch diese – wieder einmal – grandiose Weite:

Ich hab schon in diesen Momenten gedacht: Selbst wenn ich wegen Schnee und Kälte nicht weiterkomme, hat es sich allein wegen dieser Anblicke schon gelohnt, nach Westen rauszufahren. Denn genau deshalb wollte ich diese Tour machen – um in grandiose Weiten hineinzufahren. Und allein diese Farben in den Felsen…

Und wie gut, dass ich das gedacht habe, denn der erste Schnee wurde sichtbar.

Die Fahrt war so erfrischend, wie dieser Schnee es verspricht, und so war ich heilfroh, als ich gleich am Beginn des kleinen Ortes Dubois (sprich: dübeus, nicht etwa französisch: düboa) auf Mary-Ellen traf. Ihre Kirchengemeinde hatte es sich zur Aufgabe gemacht, durchreisenden Wanderern und Radfahrern ein kostenloses Quartier zur Verfügung zu stellen – was für eine tolle Idee! Zum Glück qualifizierte sie Josi auch als „Rad“ und so konnte ich mich drei Nächte lang einkuscheln, aufwärmen und ausruhen.

Das Motto der Gemeinde finde ich toll – davon kann man sich inspirieren lassen:

Dubois ist eine süße kleine Stadt (knapp 1.000 Einwohner). Bei dem Bild, das Google Search zur Stadt als erstes zeigt, musste ich gerade herzlich lachen. Sie sehen: Richtig – nichts. Zumindest keine Stadt. Aber Dubois hat tatsächlich so einiges zu bieten.

Hier in Dubois kann man sich noch so richtig das Leben in den Westernzeiten vorstellen. Inklusive Cowboystiefel für Kids, die gerade laufen gelernt haben. Oder lernen sie darin laufen?

Und einiges, das dann doch befremdlich ist, gibt es auch:

Aber warum blieb ich drei Nächte lang? Weil natürlich schon in der ersten Nacht Schnee fiel.

Tagsüber verzog das weiße Mistzeug sich immer in höhere Lagen…

… aber das tröstete nur bedingt: Zum einen waren die Temperaturen nun auch alles andere als motorradfahrfreundlich, zum anderen liegen die National Parks höher als Dubois und wurden also langsam und liebevoll eingeschneit. Straßen wurden gesperrt, von der Durchquerung von Teton und Yellowstone abgeraten. Ich hatte eine Weile lang Hoffnung auf den jeweils nächsten Tag – in den Bergen weiß man ja nie.

In der Wartezeit suchte ich mir – natürlich – ein schnuckeliges Café zum Sein, Warten und Arbeiten. Und ich hatte gleich das Gefühl: Hier werde ich verstanden!

Es gab – wiederum natürlich – Stammgäste; Tom war einer von ihnen. Seinen Namen habe ich erst bei meinem letzten Besuch erfahren. Wenn er nicht im Café war, war er auf der Jagd – zu den absonderlichsten Uhrzeiten, aber so ist das wohl bei der Jagd. Im Ort liefen viele Menschen in diesen Klamotten rum, auch Pärchen und sogar Kinder. Ob die wohl mit auf die Jagd gehen? Wundern würde es mich, ehrlich gesagt, nicht.

Nicht im Café, sondern in einem Restaurant lernte ich Biggy kennen. Zunächst befanden wir uns auf unterschiedlichen Seiten des Bartresens. Aber schon bald wurde klar, dass auch sie Deutsche ist – wie verrückt ist das denn? Birgit aus Luckenwalde war schon als junges Mädchen von Pferden und Indianerfilmen fasziniert. Also ist sie ausgewandert, hat Wyoming entdeckt, hat Pferde gezüchtet und lebt jetzt – soweit ich das beurteilen kann – mit ihren Pferden glücklich in ihrem Paradies. Ich find das so genial: Das war ihr Traum, also hat sie es umgesetzt. Es war bestimmt nicht immer leicht und auch jetzt arbeitet sie ja zusätzlich im Restaurant. Aber sie nimmt das auf sich, um ihren Traum zu leben. Ich hatte in vielen Gesprächen auf der Tour den Eindruck, dass Menschen zwar einen großen Traum haben, aber offenbar darauf warten, dass sich das Traumpanorama von allein entfaltet. Ohne Aufwand, ohne Verzicht. Hmm… Sehr unwahrscheinlich.

Am dritten Tag musste ich einsehen, dass es mit Teton und Yellowstone nichts werden würde. Es war zum Heulen, denn Montana fiel damit auch erstmal flach. Wobei fraglich ist, was ich angesichts der Waldbrände davon gehabt hätte. Gesperrte Straßen, diesige Sicht, Kratzen im Hals? Na, danke.

Da ich aber immer noch Mitte Oktober in Seattle sein wollte, musste eine neue Route her. Natürlich südlich der Rockys, denn Schnee konnte ich auch hier haben. Der neue Plan lautete also – in der Genauigkeit all meiner Pläne bisher: südlich aus Wyoming raus, dann durch die linke obere Ecke von Colorado nach Nordwesten, dann durch das 12-15-Viertel von Utah nach Nordosten, dann durch Idaho, Oregon nach Washington. Alles klar?

Na, dann kann’s ja losgehen! Machen wir aus der geplatzten Teton-Montana-Seifenblase einfach eine Utah-Colorado-Wunderblase.

Beitrag teilen

Casper – ausruhen im Wind

Wir haben mein frierendes, übermüdetes Ich im windigen Casper, Wyoming, zurückgelassen, wisst Ihr es noch? Damals habe ich – wie schon manches Mal zuvor – an die Obdachlosen gedacht. Ich meine, ICH kann mich ja jederzeit irgendwo einmieten, will es nur nicht, weil ich meine Lieben zuhause dann früher anpumpen müsste. Aber die homeless people haben diese Wahl nicht. Sie müssen sich irgendwo niederlassen – egal, welche Temperaturen herrschen, egal, wie verletzlich sie an ihrem Platz sind. Auf meiner Tour hab ich fast jeden Obdachlosen gegrüßt, ich fühlte mich irgendwie verbunden. Auch wenn es sicher anmaßend ist. Interessant, dass diese Menschen in Deutschland „nur“ kein Obdach haben, im englischen Sprachraum aber auch kein Zuhause…

Mit diesen und anderen, ähnlich hellen Gedanken fuhr ich langsam die noch leeren Straßen von Casper ab – auf Josi fühlte ich mich weniger verloren. Dass der Wind um jede Ecke fegte, brauche ich nicht mehr zu erwähnen, oder? Und endlich, endlich – gegen 5:30 Uhr – war ich erlöst. Ein kleines, schnuckeliges Café war erleuchtet: Jacquie’s Bistro, Brunch and Bar, also mit Sicherheit auch Kaffee, an dem ich mich festhalten und mir die Hände wärmen konnte, bis ich wieder aufgetaut war.

Jacquie hat ein so großes Herz, dass es kaum in den Laden passt. Zunächst ließ sie mich einfach in Ruhe warm werden und schüttete regelmäßig Kaffee in den Pott in meinen Händen. Dann gab’s was zu essen und während ich langsam wieder ich selbst wurde, hatte sie schon längst all ihre Freunde in der Stadt über Facebook gebeten, mir für eine Nacht Unterkunft zu gewähren. Sie hat sogar ein Frühstück ausgelobt – unglaublich, aber zum Glück wahr!
Jacquie, you’re the best – thank you for everything!Leider hat sie offenbar nur so seltsame Freunde, die sich morgens eher mit Wachwerden, Aufstehen, ihren Kids, der Fahrt zum Job und dem Start desselben beschäftigen, als damit, ihre Facebook-Nachrichten zu checken. Sehr seltsam – jedenfalls hatte bis neun, halb zehn noch niemand fest zugesagt. Weil ich nach dieser Nacht im Wind und der vorigen Nacht in der Kälte Newcastles vor Müdigkeit fast vom Stuhl fiel, hab ich mich in ein günstiges Motel eingebucht – geführt von einem Indian. Das will ich ja unterstützen. Dass er – um es mit Robin Williams im Film „Good Will Hunting“ zu sagen – ein Indian mit einem Punkt auf der Stirn und nicht mit einer Feder auf dem Kopf war, hat mich ebenso wenig gestört wie die, nun sagen wir mal „charaktervollen“ Darstellungen von Feder-Indianern. Ich lag um 10 Uhr morgens im Bett und hab geschlafen.

Nach einigen Monaten unterwegs habe ich gemerkt, dass ich nach einer Weile in der amerikanischen Weite immer wieder so zwei bis drei Tage brauche, die ich an einem kleinen, überschaubaren Ort verbringe. Wo ich Menschen wiedertreffe, wo die Orte mir ansatzweise vertraut werden, wo ich mal nichts Neues sehe, das verarbeitet werden will. Die Deer Isle in Maine war so ein Ruhepunkt, Floyd in Virginia ebenso, Higginsville in Missouri auch. Und Green River in Utah, nach dem Abenteuer beim Arches National Park. Offenbar war mal wieder so eine Zeit dran, denn am nächsten Tag fühlte ich mich in keiner Weise fit zum Weiterfahren. Ein ruhiges spätes Frühstück bei Jacquie, dann ein bisschen arbeiten, ein bisschen am Blog schreiben und dann zu einer Freundin von Jacquie, bei der ich übernachten konnte.

Mal so zwischendrin, während ich mich im Motel erhole:

Casper lag genau auf der Route der Sonnenfinsternis!

Und Casper ist romantisch…

Und Casper ist tier- und menschenlieb 😉

Am nächsten Tag – natürlich – Frühstück bei Jacquie. Als ich ihr jedoch sagte, dass ich mich tatsächlich nach Westen in Richtung Yellowstone aufmachen wollte, schüttelte sie nur den Kopf und zeigte mir eine Unwetterwarnung für die Region. Die Temperaturen sollten noch mehr fallen, es sollte Schnee im Yellowstone geben. Großartig… Wenn ich auf eines so gar keine Lust mehr hatte, dann frieren. Das hatte ich seit Wounded Knee getan. Auf der anderen Seite wollte ich unbedingt in den Teton Nationalpark und dann durch den Yellowstone nach Montana – Teton und Montana waren zwei der großen Träume dieser Tour! Scheiße…

Erstmal noch einen Kaffee, Karte studieren, nachdenken. Und dann schau’n wir mal.

 

Beitrag teilen