Wenn die Recherche ganz kurz ausfällt

Nein, nicht ich bin die Recherche. Auch wenn ich zwischen den beiden Cowboys so richtig kurz bin.

Ich wollte Hintergrundinfos zu Johnstown, Nebraska, sammeln, dem Ort, in dem ich meine ersten Cowboys getroffen hatte. Aber ich habe nur den wohl kürzesten Wikipedia-Eintrag gefunden, der mir je angezeigt wurde:

Auch der Link auf die offizielle Webseite Johnstowns versprach mehr, als er hielt:

 

 

 

 

Geht es noch deprimierender?

Ich hoffe, es gibt den Ort noch – ich hatte mich doch so über den Einwohneranstieg von 53 (2000) auf 64 (2010) gefreut!

Es bleibt nur Nostalgie…

Nebraska – jetzt aber!

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„Nu Jim bald wird singen vor Freude…“

Na, kann jemand das Zitat einordnen? Ich gebe zu: Das Bild oben hilft.

Heute Mittag hab ich angesichts eines total verrückten Zufalls fast vor Freude gesungen: Ich war gerade dabei, über meine Fahrt durch Cairo, Illinois, zu schreiben. Diese Stadt macht einfach nur traurig, sie ist wohl die desolateste der Vereinigten Staaten. Selbst Geisterstädte sind angenehmer, weil in ihnen niemand mehr lebt, der seine Hoffnung auf Besserung begräbt oder am Leben hält – ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Ein Sprung in die Vergangenheit ist nötig, um zu dem Zufall zu kommen.
Aufgrund seiner Lage geriet Cairo Ende des 19. Jahrhunderts in der Sklavenhalterfrage zwischen die Fronten der Nord- und Südstaaten. Was es dazwischen überhaupt geben kann? Sehr, sehr wenig. Ein bisschen Wasser, mehr nicht.

(c) www.legendsofamerica.com

Cairo, zu Illinois und damit einem Gegner der Sklavenhaltung gehörig, war auf drei Seiten von den Südstaaten Kentucky und Missouri umgeben – und entschied sich, bei den alten Gepflogenheiten zu bleiben und nix auf freie Schwarze zu geben. Die geselltschaftlichen Entwicklungen im restlichen Illinois und in den anderen freien Nordstaaten ignorierte man einfach. Das wurde für viele Schwarze, die aus dem tieferen Süden nach Norden flohen, zur Falle – Cairo war eben nicht das ersehnte Tor zur Freiheit, sondern bedeutete oft den Rückverkauf in den Süden.

Lange Rede, hoffentlich auch Sinn: Ihr erinnert Euch an Huckleberry Finn? Und vielleicht sogar an den Schwarzen Jim, der „Jim von Mrs. Watson“ (=Sklave von Mrs. Watson)? Eine meiner Notizen behauptete, Twain habe beide auf einem Floß in Richtung Cairo fahren lassen!

Solchen Dingen muss ich ja immer gleich auf den Grund gehen. WLAN gibt es in meinem Schreibcafé nicht, auf dem Handy war mir die Recherche zu mühsam. Also ab nach Hause zum Internet!

Manch eine/r von Euch weiß, dass ich an keiner Bücherkiste vorbeigehen kann, seien die Bücher nun zu verschenken oder zu verkaufen. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass die Überwachung auf der Holtenauer Straße 1A funktioniert. Denn dort lagen, ohne Scheiß, diese beiden Bücher in einer Kiste:

Ist das verrückt oder ist das verrückt? Reflexartig hab ich sie eingesteckt, denn sie haben ja eindeutig auf mich gewartet. Zuhause hab ich dann mein eigenes Exemplar aus dem Regal gezogen: eine Ausgabe von 1974, ein Jahr älter als ich. In diesem Buch habe ich schon als Kind gelesen…

… und jetzt als erwachsene, reife und abgeklärte Frau nachgeschaut, was es mit Huck und Jim und Cairo auf sich hatte.

Jim ist seiner Mrs. Watson weggelaufen. Auf seiner Flucht treffen er und Huckleberry aufeinander (sie kennen sich). Sie suchen sich ein Floß und fahren den Mississippi hinab – hinauf ist mit einem Floß sehr anstrengend. Ihre Hoffnung und ihr Ziel stromabwärts ist die Stadt Cairo, Illinois. Für Jim ist klar, dass „er … im selben Augenblick, wo er sie zu Gesicht bekäm, ein ’n freier Mann wär.“ Immer wieder ruft er beim Anblick von Lichtern in der Dunkelheit: „Da ist Cairo!“ – „Da ist die Stadt!“

In den freien Staaten will Jim arbeiten und das Geld sparen, um seine Frau freizukaufen. Dann „wollten sie beide schuften wie’n paar Pferde, um auch ihre beiden Kinder loszukaufen.“

Hucks Reaktionen auf Jims Träume sind ein spannendes Thema für sich, ebenso wie Jims Schicksal. Das wird aber heute nix mehr, und überhaupt kann das ja jeder selbst nachlesen. Nur so viel: An Cairo fahren die beiden aus Versehen vorbei…

Habe ich jetzt erzählt, was ich erzählen wollte?? Dass Mark Twains Helden mein Cairo kannten? Jep. Und dass genau das Buch in einer Bücherkiste lag, nach dem ich mich grad umschaute? Ja, irgendwie auch.

Es muss ja nicht immer alles stringent erzählt sein, oder?

PS.: Über Cairo findet Ihr so einiges im Netz, unter anderem einen Beitrag auf Deutschlandfunk Kultur.

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Kill your darlings.

„Bring deine Lieblinge um die Ecke.“

Wie bitte, geht’s noch? Die sind mir lieb und teuer, einen Teufel werde ich tun!

Natürlich geht es bei diesem Rat nicht um Menschen, sondern um Vorlieben, Gewohnheiten und andere Dinge, die verhindern können, dass eine Sache noch besser wird. Man muss sie loslassen und vertrauen, dass es richtig ist.

Das gilt auch für Schreibende.

„Töte deine Lieblinge, töte deine Lieblinge. Selbst wenn es dein kleines egozentrisches Schreiberlingsherz bricht – töte deine Lieblinge.“ – Stephen King

 

Wann immer ich mir das Buch über meine Tour vorgestellt habe, hatte es schönes, glattes Papier und die Bilder dort, wo sie textlich hingehören. Nun, das ist zwar schön, aber auch teuer. Das schwerere, gestrichene ( = glatte) Papier kostet mehr und natürlich auch der durchgehende vierfarbige Druck. Damit wird auch das Buch teurer.

Der Verlag will normales (schluchz!) Papier und sogenannte eingeschossene Bilder, also Blöcke mit jeweils mehreren Bilderseiten, die sich auf Textpassagen irgendwo im Buch (nochmal schluchz!) beziehen. Diese Buchversion wäre günstiger und hätte damit auch größere Verkaufschancen.

Ich kann Euch sagen, die letzten Tage waren schwer. Natürlich auf Luxusniveau, aber trotzdem.

Soll ich „mein“ Buch aufgeben? Bin ich dann nicht zu enttäuscht, wenn es in so einer „Sparversion“ daherkommt? Aber wenn es sich dann besser verkauft? Na und? Schnöder Mammon! Welche Alternative gibt es? Meine Traumversion des Buches als Self-Publisherin herausbringen? So könnte ich alles allein bestimmen – müsste aber auch alles allein machen. Und vor allem bezahlen.

Ich hab eine ganze Reihe Leute nach ihrer Meinung gefragt und spannenderweise war ich die einzige, die Probleme mit den eingeschossenen Bildern hat. Und es gibt eine ganze Reihe von Argumenten, die für dieses Layout sprechen.

Also wird es wohl so werden. Und mein zweites Buch dann anders. Ätsch!

Noch etwas Schönes zum Schluss: Die Lektorin hat mir „einen sehr unterhaltsamen, flüssigen und pointierten Stil“ bescheinigt – jippieh!

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Eins von drei.

85 Seiten – das erste Drittel meines Buches.

Am Montag gehen sie zum Verlag. Und ich bin ganz schön aufgeregt. Bisher kennt der Verlag ja nur meine acht Seiten Exposé.

Jetzt also deutlich mehr. Mein Liebster hat Korrektur gelesen, und die ersten Rückmeldungen meiner Testleser sind da. Mit Lob und mit wertvollen Anregungen und Vorschlägen. Danke an Euch!

Nun noch ein Durchgang von der Autorin, dann muss ich loslassen.

Und hoffen, dass der Verlag bei seiner Zusage bleibt und sich nicht zu einem „Ähm… wissen Sie, Frau Strehler, eigentlich dachten wir… nun, wir hatten gehofft… aber das hier, ähm…“ genötigt sieht.

Wir werden sehen – ich halte Euch auf dem Laufenden. Gedrückte Daumen sind selbstredend willkommen!

„Ganz ruhig, es ist nur Ungewissheit.“

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Jeden Tag ein Date

Hab ich euch schon meinen Muserich vorgestellt?

Nein? Dann wird es höchste Zeit. Musen sind ja die Wesen, die die Künstler küssen und ihnen auf diese schöne Weise Ideen schenken.

Nun finde ich Küsse von Mädels zum einen nur wenig reizvoll, zum anderen dürfen in den Zeiten der Gleichberechtigung ruhig auch ein paar männliche Musen – eben Museriche – unterwegs sein.

Stephen King hat auch einen, und das klappt ja ganz gut mit den beiden.

 

(c) David Zinn

So einen Überkorrekten brauche ich allerdings nicht – ich will ja auch ein bisschen Quatsch mit ihm machen.

Außerdem darf mein Muserich gern etwas tolpatschig sein, das entspannt mich.

(c) David Zinn

Inzwischen habe ich den perfekten Muserich für mich gefunden und bin jeden Tag in einem Café mit ihm verabredet. Natürlich kommt er nicht jeden Tag, aber falls er auftaucht, ist es wichtig, dass ich da bin.

In dem Café gibt es (noch) kein WLAN, also weniger Ablenkung. Manchmal vergessen die Angestellten, die Musik anzuschalten – das sind dann richtig gute Stunden. Inzwischen kenne ich einige der anderen Stammgäste, wir plaudern kurz und dann kümmert sich jeder wieder um seinen Krams. Es ist ein guter Ort zum Schreiben.

Darf ich also vorstellen: Mein Muserich heißt Sluggo und ist ein kleiner Kaffeejunkie, was natürlich sehr gut passt.

(c) David Zinn

Ins Leben gezeichnet hat ihn David Zinn, ein genialer Street Art Künstler aus Ann Arbor, Michigan.

Sluggo nascht ebenso gern wie ich und er ist ein Gentleman. Wenn es denn sein muss…

Ich freu mich jedenfalls über jedes Inspirationsgeschenk, das Sluggo mir für mein Buch macht…

(c) David Zinn

… und nach einem (weiteren) Kaffee seh ich auch mehr aus wie ich 🙂

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Fundstücke – Wolfgang Herrndorf

Wenn ich Bücher lese, werden sie meist mit einem Schmierzettel und einem Bleistift ausgestattet. Mit dem Bleistift werden (erwartbar) besondere Stellen markiert, der Schmierzettel liefert kleine Zettelchen, die beim Wiederfinden der markierten Stellen helfen.

Und seit knapp 25 Jahren (ich ächze beim Schreiben dieser Zahl…) schreibe ich diese besonderen Stellen heraus. Irgendwie sind sie mir dann näher – und ich erinnere mich leichter an sie.

So auch bei „Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf. Beinahe hätte ich mich vom Titel des Buches abschrecken lassen – mir wäre Gutes entgangen. In seinem Online-Tagebuch schreibt der an einem Hirntumor erkrankte Autor (u.a. „Tschick“) über sein Leben mit Diagnose und Krankheit, über das Schreiben, über Freundschaft, Beziehungen und darüber, wie er versucht, seinen Weg ohne Kompromisse zu gehen.

Viele Stellen haben mich berührt – hier sind einige davon.

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11.8.2010

C. liest das Kapitel und gibt den Ratschlag, den sie immer gibt: Kürzen, das muss alles schneller in die Handlung münden, und wie immer hat sie recht. Was ich bräuchte, wären im Grunde Korrekturleser, die direkt hinter mir den Besen durchschwingen. Ich verplempere unglaublich Zeit, nicht nur damit, dass ich an aussichtslosen Stellen herumfeile, ich kann auch die Qualität der guten nicht erkennen.

 

27.12.2010

Fußball mit meinem Vater und seiner Gruppe, die seit knapp 50 Jahren zusammen spielt. Der Hausmeister hat in den Ferien die Schlösser der Halle ausgetauscht, und ein Dutzend 70-Jähriger steigt hinten über den Zaun und marschiert durch den halbmetertiefen Schnee auf dem Sportplatz zum Hintereingang, um mit der Begeisterung, (und teilweise auch den Fähigkeiten) von Fünfjährigen eine Stunden zu kicken. So hatte ich mir mein Alter auch immer vorgestellt.

 

20.3.2011

Interessante Zeiten, wo eine drohende Kernschmelze in gleich mehreren Atomreaktoren nur noch auf Platz 3 der Nachrichten steht.

 

28.3.2011

… Bilanz eines Jahres: Hirn-OP, zweimal Klapse, Strahlen, Temodal. 1¾ Romane, erster großer Urlaub, viele Freunde, viel geschwommen, kaum gelesen. Ein Jahr in der Hölle, aber auch ein tolles Jahr. Im Schnitt kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, nur die Ausschläge nach beiden Seiten größer.

Insgesamt vielleicht sogar ein bisschen glücklicher als früher, weil ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind.

 

Fragmente (4)

Ich kann sagen, dass ich in meinem Leben nichts getan habe, was ich nicht wollte. Wenn ich unfreiwillig etwas getan habe, weil ich Geld verdienen musste zum Beispiel, habe ich mir immer Arbeiten gesucht, die keinen Geist erforderten, rein körperlich waren. Lieber habe ich am Existenzminimum herumgekrebst, als etwas zu tun, was mit Unfreiheit verbunden war … Schreiben wollte ich immer.

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Beitragsbild: Shirin Abedinirad – Evocation

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