Aus dem Steinstraßenschreibstübchen

Es ist Sonntag, ganz Kiel sitzt draußen in der Sonne und isst Eis. Ganz Kiel? Nein… In einem gemütlichen Zimmer im fünften Stock einer frühlingsfrischen Altbauwohnung sitze ich und schreibe. An meinem Buch. Endlich.

Nachdem ich mir einen Überblick über die Literatur zum Thema „Schreiben“ verschafft, mich in die Erfahrungen und Vorgehensweisen von Stephen King („Das Leben und das Schreiben“ – inspirierend) und Elizabeth George („Wort für Wort“ – nicht so meins) vertieft, etliche online-Tutorials angeschaut und verschiedene Schreibprogramme ausprobiert habe, ist folgender Rat als gemeinsamer Nenner übriggeblieben und offenbar am erfolgversprechendsten:

„Setz dich auf deinen Allerwertesten und schreib.“

Nun gut. Wie gesagt: Heute habe ich es endlich mal wieder geschafft, vorher lief ein paar Tage nix. Aber es war ja auch alles aufregend mit Bewerbungsgespräch und Job und Josi und überhaupt.

Ich fühle ich mich gerade ein wenig in die Reisezeit zurückversetzt, weil ich endlich Josis Taschen ausgeräumt habe. Bisher hab ich mich davor gedrückt – als ob meine Traumtour damit wirklich zu Ende ist. Dabei bin ich schon seit vier Monaten wieder hier! Mir war nicht klar, dass es so viele Enden für eine Sache geben kann.

Beim Anblick dieser Dinge werde ich zugleich froh und wehmütig:

  • meine „Weltkarte“ – die einzige USA-Karte, die ich genutzt habe. Von den hier dargestellten Straßen aus ging es nach Gefühl und Sonnenstand auf kleine und kleinste Straßen – irgendwann kam ja sicher wieder ein Highway;
  • Maine – ein Traum… und Moab – ohne Worte…
  • der Kompass, über den meine Jungs auf der Independent Spirit sich liebevoll kaputt gelacht haben, der mir aber ausreichende Dienste leistete;
  • die Wärmflasche, die ich mir tatsächlich das eine oder andere Mal in einem Diner oder einem Pub auffüllen ließ, um mich dann in Schlafsack und Zelt zu kuscheln – bestens versteckt, Ihr wisst schon;
  • meine Laufhose („Wenn ich irgendwo ankomme, laufe ich erstmal eine Runde – das ist bestimmt gut für meinen Rücken“). Das mag so sein, aber die Hose hat nicht einmal amerikanische Luft geschnuppert, sondern ist original zip-verpackt wieder mit nach Hause gekommen;
  • die Anti-Juck-Salbe, die wirklich gegen alle von Insekten verursachten Schmerzen half – danke, Lisa und Tina!
  • meine Visitenkarte, die ich an meinen kreativ gewählten Übernachtungsplätzen morgens im Zelt hinterlassen habe, wenn Kaffee und Frühstück in der Nähe waren. Niemand sollte sein Zelt abbauen und packen müssen, ohne vorher 1+x Kaffee genossen zu haben;

  • der Drumstick, den ich nach einer großartigen Bluesnacht in einem entzückenden Café im Mini-Örtchen Jemez, New Mexico, geschenkt bekam – Ronald Reagan moderierte zwischen den Cowboyfilmen, die den ganzen Tag liefen;

  • und natürlich der dicke, freche Gynsburgh, der sich bis heute geweigert hat, den Sheriffstern abzulegen, der ihm in Baggs, Wyoming, verliehen wurde. Dass der Dreck der gesamten 37.000 km auch noch an seinen Füßen sitzt, ist für ihn kein Widerspruch dazu…

Ach ja, genug geschwelgt… Weiter schreiben. Damit all die Erinnerungen im Buch einen kuscheligen gemeinsamen Raum finden.

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Nebraska – jetzt aber!

Von wegen Nebraska ist öde und langweilig – allein schon, dass ich drei Beiträge darüber schreiben muss (eins und zwei), beweist eindeutig das Gegenteil.

Heute kommen wir in die Metropole Johnstown. 2010 hatte der Ort 57 Einwohner – 2016 laut Wikipedia schon 61. Hier tut sich was – Johnstown rockt!

Das erste, was ich in der Abenddämmerung und auf der Suche nach einer Stätte für mein müdes Haupt in dieser Kapitale entdeckte, war ein freier Platz mit Picknicktisch. Ideal – da will ich schlafen! Aber als ich Josi am Straßenrand gegenüber parkte, sah ich mich gleich dem Sheriff des Ortes gegenüber. Na gut – ob Polizei oder Sheriff, ich bleib mir treu :-).

Der Sheriff bewacht den Saloon von Lynn und Jimmie. Die beiden sind zwei unglaublich nette Menschen – wir haben viel zusammen gelacht und genossen, u.a. das Frühstück am nächsten Morgen. Falls Unsicherheiten bestehen: Es sind alle satt geworden.

Früher hatte der Sheriff laut Lynn übrigens sogar einen Sheriffstern, aber den hat man ihm geklaut. Wie dreist muss man sein – dem Sheriff den Stern zu klauen???

Lynn und Jimmie besitzen und führen den Saloon, der in einem uralten Gebäude in Johnstown untergebracht ist, seit einigen Jahren. Gleich daneben war früher die Bank – sehr praktisch.

Lynn erlaubte mir sofort, auf dem Platz gegenüber zu übernachten – er wurde extra dafür eingerichtet. Der Platz ist viel größer als hier fotografiert, aber ich habe George und mich mit dem Baum vor Laternenlicht von links geschützt.

Am nächsten Morgen wollte ich Josi endlich, endlich mit der Steckdose versehen, die ich schon bei Louis in Kiel gekauft hatte. Bisher hatte ich immer rechtzeitig Steckdosen in Restaurants gefunden, um wahlweise die Powerbank, das Handy, das Laptop, die Kamera oder die Zahnbürste aufzuladen. Mit der USB-Steckdose für Josi könnte ich all das während der Fahrt erledigen und so Energieengpässe im eigentlichen Wortsinn vermeiden.

Mit dem Rest von Nebraska sowie Wyoming und Montana vor mir – die am dünnsten besiedelten Staaten der USA – sollte die Steckdose nun endlich ran. Ich will Krams wie diesen ja immer selber machen, um ihn zu verstehen – im Notfall hätte ich den Louis-Mann meines Vertrauens (hi, Hini) per WhatsApp-Videokonferenz dazugeholt. Aber kaum hatte ich angefangen, kam Jimmie, um mir zu helfen. Wir beide haben versucht, den Sicherungsteil des Ganzen zu verstehen, und hier muss ich eindeutig an meiner Dominanz arbeiten. Irgendwann hat er – mit viel Freude und ich bin auch dankbar! – allein gewerkelt und ich habe Werkzeug angereicht. Aber als dann ein Mensch in Camouflage dazukam und die beiden zu fachsimpeln anfingen, war ich raus. Dann ein Dritter, der hilfreiche Kommentare gab – ich hab mir das alles nur noch aus der Ferne angesehen, es war wie Comedy.

Und am Ende auch funktionstüchtig und fertig. Wenn man von den vier Schrauben absieht, die wir, trotz wieder gemeinsamer Anstrengungen, einfach nicht mehr unterbringen konnten. Ich warte immer noch darauf, dass irgendwas auseinanderfällt…

Nach getaner Arbeit haben wir zufrieden vor dem Saloon auf der Bank mit den vorgegebenen Hinternabdrücken gesessen und eine geraucht. Wen das Schicksal so zusammenführt – verrückt und wunderbar!

Thank you, Lynn, thank you, Jimmieh, thank you, Johnstown – being with you was great! Especially, when you introduced me to my first cowboys! Ich hatte kurz überlegt, mich auf die Zehenspitzen zu stellen, aber das hätte so rein gar nichts geändert…

Auch hier musste ich Abschied nehmen – ich hatte mir vor der Reise nicht klargemacht, dass es mir so schwerfallen könnte, von Menschen, Orten, Landschaften und Staaten Abschied zu nehmen. Immer mal wieder hatte ich den Gedanken: Mist, ein halbes Jahr ist zu kurz! Verrückt, aber wahr.

Nun, es geht weiter durch die (Mais-)Weiten Nebraskas und ich lasse Euch natürlich an einigen Eindrücken teilhaben:

Ich hab wieder einen Chevy gesehen! Zwar nicht wirklich in gutem Zustand – nun, eigentlich in einem miserablen Zustand – aber trotzdem schön…

Am Ende noch eine Perle – hier in Nebraska läuft die Zeit tatsächlich anders 🙂

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