Santa Season in Santa Fe

Geht es Euch auch so? An den Tagen nach Weihnachten werde ich immer ein wenig wehmütig.

Vor dem 24.12. der ganze Stress (dem ich ja diesmal entgangen bin), dann mit Glück einen, mit Pech zwei und mit viel Pech drei Tage mit Menschen, deren Gesellschaft nicht zwingend ganz oben auf der eigenen Wunschliste steht.

Und wenn das alles geschafft ist, lugt der Alltag schon wieder grinsend um die Ecke. Einige müssen zwischen den Jahren arbeiten – ob am Arbeitsplatz oder am Schreibtisch zu Hause -, andere müssen schon wieder Dringendes erledigen in Geschäften, denen man die Weihnachtstage nur an den reduzierten Weihnachtssachen anmerkt.

Mir geht das Ganze jedenfalls immer viel zu schnell vorbei. Ebenso wie die gesamte Dezemberbeleuchtung, der irgendwann im Januar der Strom abgedreht wird. Als ob die Zeit nach Weihnachten, der Rest des Januars und der Februar mit Kälte und Dunkelheit nicht auch etwas extra Schönheit vertragen könnten.

Deshalb dachte ich mir, ich entführe Euch nach Santa Fe. In dieser ganz besonderen Stadt war ich Ende November – und fand die Atmosphäre ganz wunderbar.

In den Wintermonaten werden massenhaft Chilis geerntet und zu unterschiedlichsten Hängegebilden verarbeitet. Die werden dann zusammen mit Weihnachtsbäumen überall in der Stadt verkauft und dann an Türen, Gebäuden und auf Plätzen aufgehängt. Allein durch ihr kräftiges Rot wirken die Chilischoten weihnachtlich – und durch die Nähe zum Weihnachtsgrün nochmal mehr.

Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Alten Marktplatz von Santa Fe wurde an verschiedenen Stellen beworben. Bei der „Ersterleuchtung“ Ende November scheint alles voller Menschen zu sein, die „Ah!“ und „Oh!“ rufen. Das hatte ich zwar um ein paar Tage verpasst, wollte aber trotzdem sehen, was da so schön ist.

Auf dem Weg vom Hostel in die Innenstadt gab es einiges zu bestaunen. Ich bin zu Fuß gegangen – die Entfernung gab das her – und es war beeindruckend, wie einheitlich das Stadtbild ist, ohne gezwungen oder langweilig zu wirken. Von Einfamilienhäusern über Reihenhäuser, Verwaltungsgebäude, Autowerkstätten bis hin zu McDonald’s ist alles im Adobe-Stil gehalten. Adobe ist die Bezeichnung für einen luftgetrockneten Lehmziegel, aus denen seit Jahrtausenden kleine Häuser und riesige Pyramiden hergestellt werden. Und eben auch die Häuser in Santa Fe. Eine stringente Stadtplanung seit den frühen 1900-er Jahren hat das ermöglicht: Neue Gebäude durften nur in diesem altmexikanischen Pueblo- bzw. Adobe-Stil erbaut werden; bestehende Gebäude wurden restauriert. Nur wenige Gebäude haben mehrere Stockwerke. So sieht dann sogar ein McDonald’s erträglich aus.

Die ganze Stadt wirkt entspannt, bodenständig, menschenfreundlich. So etwas hatte ich bisher noch nicht gesehen. Hier sind einige Bilder von Onkel Google.

Allerdings habe ich mich auf dem gesamten Weg gefragt, was diese unsäglichen Plastikzipfeltütchen sein sollten, die fast jedes dieser schönen Häuser verunstalteten. Schutz für irgendwelche Holzteile? Restaurierungen? Keine Ahnung…

Während ich durch die Straßen streifte, entdeckte ich in der katholischen Kirche, dass Santa Fe tatsächlich sein eigenes Wunder erlebt hat: Mit St. Kateri Tekakwitha wurde hier die bisher einzige Native American der amerikanischen Geschichte heiliggesprochen. Ihr Leben war dafür auch nicht ganz so spaßig – ich hoffe, das war es wert…

Am Alten Markt angekommen, konnte ich zusehen, wie er immer bunter wurde. Das ist sicherlich Geschmackssache, aber zum Farbenlernen ist es grandios:

Wer braucht schon Drogen, wenn er das hier anschauen kann?

Auf dem Rückweg ins Hostel wurde dann klar, wofür die Plastikzipfelmützchen auf den Häusern dienten: Es waren Windlichter! Hier war also die Weihnachtsbeleuchtung für die Spießer, zu denen ich mich in diesem Fall gern zähle. Ruhig, dezent, stilvoll, wunderschön und über die ganze Stadt verteilt:

Meine Kamera konnte das nicht angemessen einfangen, aber ich hoffe, dass Ihr einen Eindruck bekommen habt.

In diesem Sinne wünsche ich Euch, dass Ihr schöne, ruhige Weihnachtstage hattet und dass Ihr die Stimmung noch eine Weile mitnehmen könnt!

Und ich danke Euch sehr dafür, dass Ihr meinen Blog bis hierhin gelesen habt – und hoffentlich dabei bleibt! Gern möchte ich Euch nämlich Anteil daran geben, wie aus der Reise hoffentlich ein Buch sowie Abende mit Erzählen, Lesen und Bilderschau werden!

Ein erster aufregender Termin steht schon fest: ein zweistündiges Radiointerview Ende Januar. Der genaue Termin folgt selbstverständlich!

Liebe Grüße aus Kiel

Eva

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Driving home for Christmas

Ich bin zuhause. Und es ist gut.

Drei Tage auf den Florida Keys haben mich versöhnt. Ich konnte – legal! – ohne Helm über die vielen langen und kurzen Brücken dieses Paradieses fahren, wie ich es mir schon seit Jahren vorgestellt habe…

… noch ein wenig Restbräune mitnehmen, zweimal allein an einem (leider noch hurrikanverwüsteten) Strand zelten…

… und hier auch, quasi an meinem Privatstrand, im Atlantik baden:

Nur der Dicke ließ sich nicht dazu bewegen, ins Wasser zu gehen – aber er ist ja auch so dekorativ genug.

Die Keys waren der perfekte Abschluss für mich. Danach hieß es, nach Miami fahren und Josi für ihre Überfahrt abzugeben. Ich wusste, es würden gute Hände sein – schließlich hantieren diese vorrangig mit Traumautos. Kurz habe ich überlegt, mich über Nacht in der Halle einschließen zu lassen – aber da waren überall Kameras…

Dann hieß es freilich, ohne Josi zum 12,3 km entfernten Flughafen zu kommen. In meiner energisch-deutschen Euphorie bin ich erstmal zu Fuß los – 14 kg Gepäck hatte ich auch schon auf dem Jakobsweg getragen, und zwar 974 km weit. Dass dieses Gepäck damals in einem tollen Rucksack und nicht in zwei Schlenkertaschen, ich damals Wanderschuhe und keine Motorradstiefel getragen habe und ich vor allem fast 20 (krächz…) Jahre jünger war, fiel mir dann so Schritt für Schritt ein. Eben die Erkenntnisse, die man beim Laufen so hat. Geld für ein Taxi wollte ich nicht ausgeben, Trampen klappte nicht – blieb also nur, Polizisten, die gerade an einer Ampel warteten, um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten. Hat geklappt! Was soll ich sagen: Die Polizisten in den USA sind super – das belegt meine Quer-durch-alle-Staaten-Analyse ganz eindeutig.

Die Wartezeiten auf den Flughäfen in Miami und Brüssel habe ich mir mit der letzten Handwäsche der Saison…

… und allerlei Beobachtungen versüßt:

Käse mit Brie-Geschmack…

So richtig absurd war, dass Menschen 15 Dollar dafür bezahlen, ihre stabilen und robusten Koffer, die zur Unterscheidung von anderen Koffern verschiedene Designs haben, mit einer Plastikfolie zu umhüllen, die den Koffer vor Reisespuren schützt und ihn optisch an hunderte andere angleicht, so sie derselben Prozedur unterzogen wurden. Und das nicht nur in blau bei den verrückten Amis…

… sondern in grün auch bei den Belgiern:

Bescheuert. Und aus Umweltsicht unerträglich.

Jetzt bin ich zuhause. Wurde von meinem Liebsten am Flughafen abgeholt, habe Badewanne und Kuschelbett genossen – Letzteres 13 Stunden lang. Tja, gekonnt ist gekonnt! Ich bin noch nicht ganz sicher, wie es ist, wieder hier zu sein; bisher tut es jedenfalls noch nicht weh.

Naja, nicht mir. Der Dicke leidet schon – unser kleiner Schwarzfußcowboy muss sich an den Gedanken gewöhnen, doch bald ein Bad zu nehmen…

Ich gehe mir jetzt in Kiels schönster Straße etwas Weihnachtsstimmung holen – die Deko in den USA war dazu nicht gerade angetan. Obwohl… Dieser Weihnachtsmann an einem Strand am Golf von Mexiko war schon süß, oder?

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Time flies

Ich weiß nicht, wo dieses halbe Jahr geblieben ist. Sowohl mein Handy als auch mein Laptop zeigen an, dass wir den 14. Dezember haben – aber kann das wirklich sein? Ich bin doch grad erst mit der Independent Spirit in Chester, Philadelphia, eingelaufen – habe doch grad erst vergeblich einen Tag lang nach Bruce Springsteen gesucht, musste Josi in Moab zurücklassen, bin über den Great Salt Lake gefahren, habe mit meinem Liebsten die Westküste erfahren, mich mit Utah versöhnt, in Jemez, New Mexico, getanzt und auf der Route 66 breit gegrinst…

Aber allein die mehr oder weniger geschmackvolle Weihnachtsdeko hier in Florida zeigt, dass es wohl stimmen muss. Untermalt wird die Weihnachtsdeko momentan von Bollywoodmusik aus dem Handy des Motel-Portiers. Der Gute hat gerade extra für mich nochmal Kaffee gekocht – ihm geht es mit seinem Tee wie mir mit meinem Kaffee. Man kann sicher ohne überleben, aber ist das ein Leben?!

Ich fange schon wieder an zu erzählen – es gibt aber auch so viel, das zu erzählen sich lohnt! So hat mich gestern der Pastor einer Kirchengemeinde (Harleyfahrer) in das Motel hier in Perry verfrachtet. Er fand es unzumutbar, meiner Bitte zu entsprechen und mich auf dem Boden in der Kirche mein Schlaflager aufschlagen zu lassen… Kommt alles ins Buch.

Es ist also der 14. Punkt. Nicht zu leugnen. Am 18. will ich Josi bei dem Bekannten eines Freundes in Miami abgeben. Er wird sie irgendwann in den nächsten Monaten mit einer Ladung US-Oldtimer über den Ozean bringen. Das wird eine schöne Fahrt für sie. Ich selbst fliege am 19. ab Miami nach Hamburg. Insofern sind die Kälte und der Frost der letzten Tage (selbst hier in Florida!) wohl die perfekte Vorbereitung…

Ich habe noch vier Tage, um von Perry zu den Keys im Süden Floridas zu kommen, bis Key West zu fahren und wieder zurück nach Miami. Es wird knapp, aber es sollte klappen. Denn mit dem Motorrad diese 290 km zu fahren, über Brücken, die über 200 kleine Inseln verbinden, das muss toll sein.

Aber zunächst habt Ihr einen Rückblick auf die vergangenen zwei Wochen verdient. Kurz vor der Grenze von New Mexico zu Texas habe ich die Route 66 verlassen. Ich hätte wieder auf einer Interstate fahren müssen und dagegen bin ich inzwischen ziemlich allergisch. Die Belohnung folgte auf dem Fuße: ein Autofriedhof! Einfach so im Grenzlandnichts.

 

Über dieses verlassene Gelände zu streifen hat mich abwechselnd in größtes Entzücken (Oh, was ist das da denn? Oh, ist der schön!) und in Herzschmerz gestürzt, weil diese Schätze da so vor sich hinfaulen. Wenn man sich die alle neu vorstellt…

Vom Autofriedhof führte eine unauffällige Schotterstraße durch das Geisterörtchen Glenrio…

… über die Grenze nach Texas. Ich hatte mir vorgenommen, Texas mit Scheuklappen zu durchfahren, damit ich rechtzeitig in Miami bin. Das habe ich auch fast durchgehalten. Aber die riesigen Baumwollfelder konnte ich nicht ignorieren, zumal ich mit ihnen überhaupt nicht gerechnet hatte.

Im Süden von Texas bin ich dann tatsächlich vom Schnee eingeholt worden – aber ich wollte ja nicht mehr über die Kälte schimpfen…

Die Küste des Golfs von Mexiko, die ich in Texas, Louisiana, Alabama und Florida kennengelernt habe, ist grandios. Und erstaunlich vielfältig – im Schönen wie im Schwierigen. In Texas gibt es schönste Häuser, natürlich auf Stelzen, und eine deutliche Prägung durch die Ölgewinnung und -verarbeitung. Louisiana wirkt wilder, unentdeckter (ich weiß, das kann man nicht steigern). Die Häuser auf Stelzen sind schlichter, manchmal sind es auch Container. Ich bin an vielen verlassenen und verfallenen Häusern, Geschäften und Orten vorbeigekommen – nach den Hurrikanes ist die Ölindustrie hier zu großen Teilen nicht wieder aufgebaut worden. Und wenn die Arbeiter fehlen, fällt alles in sich zusammen. Alabama scheint wieder nobel, Florida hingegen unendlich langweilig. Sicher, es sind alles nur flüchtige Eindrücke, aber spannend ist es allemal.

Mit diesen Bildern lasse ich Euch wieder allein – ich will heute noch ein bisschen vorankommen!

 

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No more kicks on Route 66

Nach den Bildern des lebendigen oder zum Teil irgendwie am Leben gehaltenen Mythos Route 66 kommen hier die traurigen Bilder davon, wie er an anderer Stelle einfach und im wahrsten Sinne des Wortes in sich zusammenfällt.

In den meisten Orten entlang der noch bestehenden Route 66 wird man noch angemessen willkommen geheißen…

 

… aber dann sieht man sich auch schon schnell mit dem Verfall konfrontiert – es bricht einem echt das Herz. All die Motels…

… Cafés, Diners und Läden…

… verfallen einfach so vor sich hin. Und doch spürt man es noch: Hier war richtig was los.

Man kann den Niedergang natürlich auch mit Humor sehen:

Ich habe keine Ahnung, wie man das Ganze wiederbeleben könnte – zumal die Straße wie gesagt nicht mehr durchgängig und zum Teil richtig beschissen befahrbar ist. Stichwort „Bad roads are worse than no roads.“ Außerdem ist mit den schönen großen Oldtimern offenbar auch die Lust am Fahren als solches verlorengegangen – zumindest bei den Autofahrern. Motorradfahrer reichen als Zielgruppe bestimmt nicht aus.

Bisher bemühen sich einige Anwohner zumindest um einen würdevollen Verfall der Reste. Das ist bei Autos sicherlich einfacher als bei Gebäuden – von uns Menschen wollen wir jetzt mal gar nicht erst reden…

A propos „Verfall“: Wer immer schon mal überlegt hat, die Route 66 oder Teile davon zu fahren: MACHEN! Es lohnt sich noch immer – und links und rechts gibt es hunderttausende toller Dinge zu sehen und zu tun.

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Get your kicks on Route 66

„Was? Du fährst durch die USA? Mit dem Motorrad? Dann fährst Du die Route 66, oder?“

Es war spannend zu erleben, wie viele meiner Freunde und Bekannten diese Straße als Inbegriff von Freiheit und Fahren in den USA abgespeichert haben – sicher befördert durch Lieder und verschiedene Filme. Die muss man nicht mal selbst gesehen haben, um die Mythosluft zu schnuppern, die sie verströmen. Ich sag nur Easy Rider. Na, klappt’s?

Dann lasst mich den Mythos der Route 66 mal mit einigen Fakten unterfüttern:

  • Sie war ab 1926 eine der ersten durchgehend befestigten Straßenverbindungen von der Ost- zur Westküste.
  • Sie war ursprünglich 3.944 Kilometer (2.451 Meilen) lang.
  • Sie verläuft von Chicago (Illinois) nach Santa Monica/ Los Angeles (Kalifornien).
  • Sie wurde und wird liebevoll Mother Road oder Main Street of America genannt.
  • Heute ist sie leider nicht mehr durchgehend befahrbar.

Eigentlich hatte ich gar nicht geplant, auf der 66 zu fahren, weil es mir bei meiner Tour vor allem um die Landschaften geht. Und die 66 führt eben nicht zwangsläufig durch die schönsten Gegenden. Sie wurde rein pragmatisch angelegt, um dem steigenden Verkehrsaufkommen und dem wachsenden landesweiten Handel gerecht zu werden. In ihrer Blütezeit entstanden links und rechts neue Orte, schon bestehende verzeichneten einen unerhofften Aufschwung – Unmengen von Tankstellen, Diners und Motels wurden gebaut und genutzt. Aber letztlich hatte das arme Ding als einspurige Straße von vornherein verloren. In dem Maße, in dem der Verkehr zunahm und die Trucks erst erfunden und dann größer, schwerer und länger wurden, war sie überlastet.
In den 1950er Jahren wurden auf Initiative von Präsident Dwight D. Eisenhower die ersten Interstates gebaut. Der Gute hat sich dabei in Teilen am deutschen Autobahnnetz orientiert:

  • Wichtige Interstates erhalten ein- bis zweistellige Nummern.
  • Gerade Nummern verlaufen in Ost-West-Richtung, ungerade Nummern in Nord-Süd-Richtung.
  • Je nördlicher bzw. östlicher, desto höher die Straßennummer.
  • Interstates, deren Nummer glatt durch 5 teilbar ist, sind die wichtigsten Routen, die über besonders lange Strecken führen.

Mit den neuen Interstates verlor die Route 66 ihre Bedeutung, Orte und Einrichtungen entlang der Strecke verfielen. Teilweise gibt es noch Abschnitte der 66 entlang der Interstates, teilweise ist sie komplett verwahrlost und teilweise gibt es noch richtig schöne Stücke. Zwei davon lagen tatsächlich auf meinem Weg – beziehungsweise habe ich meinen Weg von Las Vegas nach Utah ein wenig danach ausgerichtet.

Wenn man die Straße fährt, gibt es auch außerhalb der Ortschaften einiges an Abwechslung. Zum einen die unterschiedlichen Landschaften, durch die die 66 führt, zum anderen ihre unterschiedlichen Zustände. Da ist echt alles dabei – Josi hatte ihre helle Freude.

Ich allerdings auch – denn mit Löwen am Rande der Straße hätte ich nun ganz gewiss nicht gerechnet. Zwei Stück standen dort einige hundert Meter voneinander entfernt. Aus Marmor, etwa zweieinhalb Meter hoch, stolz. Jetzt kann sich jeder eine schöne Geschichte ausdenken, wie sie dorthin kamen – und warum sie allein dort blieben…

So, genug der Preliminarien – jetzt kommen Bilder von dem, was man heute noch an „Route 66“ erleben kann.

Natürlich wird an allen möglichen und unmöglichen Stellen damit geworben. Warum sich aber gerade Seligman, Arizona, als Geburtstort der Route 66 bezeichnet, ist nicht ganz klar. Und vielleicht auch egal.

Lilo, die ich leider weder gesehen noch getroffen habe, ist vor 25 Jahren von Deutschland nach Seligman ausgewandert und hat hier ihr Restaurant eröffnet. Unnötig zu erwähnen, dass Deutsche hier besonders willkommen sind.

Ein ganz besonders interessantes Menü hat das Roadkill Café:

Die werden wahrscheinlich nie Nachschubschwierigkeiten haben…

Als wäre das alles noch nicht genug Nostalgie, geht es an einigen Stellen noch weiter zurück:

Das Witzige ist, dass man irgendwie so sehr in diese Route 66-Welt eingetaucht ist, dass einem diese Dinge als Reise in die Vergangenheit vorkommen, nach deren Betrachtung man wieder in die Gegenwart (!) der Route 66 zurückkehrt.

Ich glaube, wir bleiben da noch eine Weile. Bilder vom Verfall zeige ich Euch extra – die machen echt traurig.

Jetzt aber ist Freuen angesagt – über Josis neues Tattoo. Was muss, das muss!

Wisst Ihr, was total verrückt ist? Dass es sich tatsächlich einfach genial anfühlt, auf der Route 66 zu fahren. Obwohl sie natürlich nur eine Straße ist wie x andere auch. Zumindest physikalisch. Ich bin ja auch ohne Erwartungen an die Sache rangefahren – aber trotzdem. Sie hat schon was. Jedenfalls dann, wenn sie nicht gerade neben einer Interstate verläuft. Das kann man sich natürlich schenken. Aber fernab davon und in den Orten, die damals pulsierten – da kriegt man noch seine Kicks.

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Brief aus der kalifornischen Gegenwart

Ach, es ist ein Traum. Gerade hab ich noch geschrieben, dass ich gern zwei Wochen mit Nix hätte, als mir wieder einfiel, dass ich das ja einfach machen kann! Ich meine: Wann, wenn nicht auf dieser Tour?!

Meinen Geburtstag hatte ich nach dem Abschied von Bernd nicht in Downtown San Francisco, sondern ruhig im Hotel verbracht. Dösen, lesen, facebook-Quatsch – und schließlich ein entspanntes Abendessen im Hotelrestaurant.


Ich meine, nachdem Bruce extra für mich ein T-Shirt rausgebracht hatte, konnte ja ohnehin nichts mehr passieren, oder?


Ich habe am Tag nach meinem Geburtstag zwar noch etwas Zeit in San Francisco verbracht, aber sehr viel weniger als geplant. Die Ausstellung, die ich sehen wollte, war mir mit 25 Dollar zu teuer – das ist auf dieser Reise in etwa das Tagesbudget. Die Photos von Walker Evans hätten mich zwar interessiert, aber es war kein Herzensthema.
So hab ich mich ein wenig im SF MoMA rumgetrieben, dem San Francisco Museum of Modern Art. Die Stahlskulptur Sequence wurde übrigens in Deutschland hergestellt:

 

Die Lombard Street bin ich auch nicht hoch- oder runtergefahren. Der spannende Teil hat ja alles, was ich so gern mag: enge Kurven in Steigungen bei langsamem Fahren. Weder für rauf noch für runter verlockend, wenn man annehmen muss, dass 7.000 japanische Touristen auf den Auslöser drücken, wenn man umkippt…
Obwohl: Im Zweifelsfall ist das Bild ohnehin nix. Ich hab mich mal in Honolulu von einem Japaner fotografieren lassen. Naiv, wie ich war, bin ich davon ausgegangen, dass sie fotografieren können – sie tun es ja so viel. Weit gefehlt… Als ich das Bild nach meiner Rückkehr ins beschauliche Vechta entwickeln ließ (ja, so war das damals), sah ich eine rechteckige Bodenfläche, die fast das ganze Bild ausfüllte. Im „Fast“ am oberen Rand in der Mitte (immerhin…) waren bordeauxrote Chucks zu sehen. Die hatte damals außer mir auch niemand sonst – das war also ich da auf dem Bild. Seitdem weiß ich, dass Japaner so viel knipsen, um die Wahrscheinlichkeit für ein gelungenes Bild zu erhöhen.

Also – keine Lombardstreet und auch keine Wave Organ. Darüber bin ich ein wenig traurig, aber ich hätte nochmal durch die ganze Stadt fahren müssen.

Stattdessen bin ich in Richtung Süden gefahren und in der Half Moon Bay gelandet, in der ich schon mit Bernd war. „Damals“ war es sonnig und heiß – mindestens 30er Sonnencreme, wenn man sich denn eincremt. Nun hatten  sich die Temperaturen halbiert, es war neblig und grau und trotzdem wunderschön.

Ich bin insgesamt vier Nächte in der Bucht geblieben und habe die Tage im „Ebbtide Café“ von Jürgen Harpo Marx verbracht. Der Jazzfreak aus Düsseldorf hatte sich vor 34 Jahren in eine Tänzerin aus San Francisco verliebt und war ausgewandert. Seit 32 Jahren sind sie jetzt verheiratet…

Diese Tage waren Balsam für den Teil von mir, der Alleinzeit braucht. Die Zeit mit Bernd war traumhaft schön und aufregend, aber ich brauche beides. Ich habe gelesen, geschrieben, aufs Meer geschaut, Leute beobachtet, leckerst gegessen, kurze Spaziergänge gemacht. Kein großer Input, einfach nix.

 

George stand derweil sicher im Garten eines verlassenen Hauses oberhalb des Venice Beach. Darunter machen wir es nicht mehr 🙂

Niemand würde auf die Idee kommen, in diesen Garten zu gehen – schon gar nicht bei schlechtem Wetter. Josi hatte sogar ihre eigene Garage unter Grün und die Spinnen in den Sträuchern haben mir den Gefallen getan, genau da zu bleiben.

Niemand würde auf die Idee kommen, in diesen Garten zu gehen? Doch – ein kleiner pummeliger Waschbär trotzte allem. Er hat mir einen gehörigen Schrecken eingejagt, als er sich neben George auf den Zaun hievte. Die Krallen haben ordentlich Lärm gemacht und ich konnte das zunächst überhaupt nicht einordnen. Als ich aus dem Zelt kam, sah ich das dicke Ding tolpatschig auf den Zaunzinnen wandeln, immer wieder rechts oder links runterrutschend. Mein Foto dieses Naturschauspiels wurde bisher allerdings nicht angemessen gewürdigt:

Nun denn – ich fahre erstmal weiter durch die orange leuchtende Halloweenwelt.

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