„… da ist meine Seele zuhause.“

Auf meiner Tour hatte ich das Glück, mit einigen ganz wunderbaren Taxifahrern unterwegs zu sein, wenn Josi gerade auf deutscher oder amerikanischer Seite im Zoll oder sogar noch auf ihrem Schiff war.

Einer von ihnen ist Ted, ein ganz großartig durchgeknallter Typ, der mich vom Überseehafen in Bremerhaven zum Hostel fahren soll. Ich habe das gesamte Gepäck für die Reise auf meinen Schultern und mein Herz ist schwer, weil ich Josi zwischen hunderttausenden von Containern zurücklassen musste. Nach einer Weile frage ich ihn nach seinem größten Traum:

„Ich habe keine Träume mehr – ich habe sie mir alle erfüllt. Ich war sieben Mal auf Jamaika, das war einfach nur großartig.“ Er verfällt in Reggae-Slang und spricht/singt weiter: „Ich hab da so viel gesehen und mit so vielen Leuten gesprochen – da ist meine Seele zuhause. Und die Musik – hör mal hier!“

Die Reggae-Musik erfüllt das Auto und ist tatsächlich sehr cool – man muss unwillkürlich grinsen. „Das ist Sugar Minott. You know: Bob (Marley) is the creator (of Reggae) and Sugar is the Master. Ich hab ihn mal für ein Konzert hergeholt in mein Dorf, von gesammelten Spenden. Ein größerer Traum geht gar nicht.“

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Ich hab sie wieder!

Es wird höchste Zeit, die Berichts- und Bilderlücken zwischen Baltimore und jetzt zu schließen – sonst komme ich gar nicht mehr hinterher. Ich habe immer die Vorstellung, Zeit zum Schreiben zu haben, aber irgendwie kommt meist das Leben dazwischen und es passiert etwas Neues, das natürlich auch erzählt werden will.

Im Moment sitze ich z.B. in New York, es ist kurz nach 3 Uhr morgens. Josi steht in Sichtweite auf der 8th Avenue, in Spuckentfernung von Trump Tower und Central Park, während ich hier drin Kaffee trinke. Wie das passiert ist? Die facebooker unter Euch wissen es, alle anderen müssen noch ein wenig warten…

Zurück nach Baltimore, wo ich voller Hoffnung angekommen war, Josi fix aus dem Zoll zu holen und loszufahren. Ha, aber nicht mit den Amis. Wer glaubt, in Deutschland sei die Bürokratie schlimm, der sollte hier mal was regeln – unglaublich. Drei Tage habe ich damit verbracht, per Email Ping-Pong mit Zollbehörden, Agenten und was weiß ich mit wem noch zu spielen. Irgendwann hab ich einfach alles nur noch ausgedruckt, ausgefüllt, unterschrieben und zurückgemailt – ich hoffe, es werden jetzt keine siebzehn Kühlschränke in die Esmarchstraße geschickt…

Richtig schön (ohne Ironie) war der Trip zum Flughafen – da ist das Customs and Borders Office. Dort treffe ich eine Dame an, die zuerst wie der sprichwörtliche bad cop auftritt. Barsch und einschüchternd kündigt sie mir an: „Sit down there. We’re gonne spend some loooooong time together, lady. You’d better get your papers ready.“ Das alles ganz platt und breit – wie eine Flunder. Göttlich. Aber die drei Tage Papierkrams haben sich offenbar gelohnt – wir kommen fix und ohne Probleme durch und fangen sogar an zu quatschen. Ob ich Kinder hätte, wenn ich eine solche Tour mache. Nein? Gut. Ob meine Eltern Bescheid wüssten, dass ich mich hier umtreibe. Ja. Wirklich? Ja, wirklich.

Und dann habe ich sie einfach gefragt, was ihr größter Wunsch sei. Ich war gar nicht sicher, ob sie antworten würde – aber es kam wie aus der Pistole geschossen. Sie wolle an einem Herzinfarkt sterben – an nichts anderem. Ihre Schwester ist offenbar vor kurzem qualvoll an Krebs gestorben, deshalb sei das ihr einziger Wunsch. Sonst habe sie alles, was sie wolle. Ganz schön offen…

Nach der Rückkehr ins Hostel bin ich noch ein wenig rumgeschlendert, am Abend lecker türkisch essen gegangen und dann ins Bett gefallen. Nichts ging mehr…

Am nächsten Tag war es dann endlich, endlich, endlich soweit. Ich hab mir ein Taxi gegönnt, um einigermaßen fix zum Frachthafen zu kommen. Die Behörden dort haben nämlich nur von 9-11:30 und von 13-15 Uhr geöffnet. Das dazwischen ist die Mittagspause… Mit Taxifahrer Amin hatte ich wieder unglaubliches Glück. Er ist aus Pakistan, war ursprünglich nach Australien ausgewandert, hat dort einige Jahre gelebt und ist dann in die USA gekommen. Sein größter Traum? Mit seiner Frau und seinen drei Kindern durch Australien zu fahren – ihnen die Orte zu zeigen, die er so liebt.

 

Amin hat mich bis aufs Hafengelände begleitet, was für uns beide ein Heidenspaß war, denn eigentlich sind Taxen dort nicht erlaubt. Deshalb sind wir auch durch alle Kontrollen gekommen – keiner wusste, was zu tun war, jeder hat uns eine Station weiter geschickt. Leider war irgendwann Schluss, wir haben ein Return Ticket bekommen und Amin hat mich bei einem Escort(!)-Service abgesetzt, der befugt ist, das Hafengelände zu befahren. Und dann hatte ich sie endlich wieder, meine Josi… Unglaublich dreckig, aber unversehrt. Mit ihr vom Hafengelände zu fahren war einfach ein Traum.

Um nach diesem Tag ein wenig runterzukommen, bin ich in die Peaberry Library gegangen, die mir das Hostel empfohlen hatte. Ein echtes Kleinod, in dem jeder Hans und jede Franzi arbeiten kann. Wenn ich das früher gewusst hätte…

 

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Von Chester nach Baltimore

Customs and Borders Office

So, jetzt will ich Euch mal wieder auf den aktuellen Stand der Dinge bringen, bevor die Briefe aus der maritimen Vergangenheit Überhand gewinnen. Ganz aktueller Stand: Ich bin noch immer im Hostel in Baltimore, ich habe nun endlich – und hoffentlich – allen Papierkrams bewältigt, der zwischen mir und Josi lag, und ich krieg sie morgen nun hoffentlich Nr. 2 wirklich. Heute hatte das Hafenbüro schon geschlossen…

Was passierte nun zwischen dem Anlegen der „Independent Spirit“ in Chester und jetzt? Der Abschied vom Schiff und seiner Crew fiel mir nicht leicht – wurde mir aber von Tony versüßt. Der über 80-jährige Seemannsmissionar kommt immer an Bord, um die Crew mit Zeitschriften zu versorgen und bietet vielerlei Unterstützung an. In diesem Fall durfte er „this nice young lady passenger“ zu sich an Bord nehmen. Es dauerte ungefähr zwei Minuten, bis auch er sich als Biker outete – seine Harley „Bird“ ist wirklich schick. Motorradfahrer zeigen sich ja die Bilder ihrer Motorräder, wie Eltern sich die ihrer Kinder zeigen. Die Fahrt mit Tony war so witzig – seine Frau findet sich übrigens zu alt, um noch als Sozia mitzufahren. Konnten wir beide nicht verstehen – 80 ist doch kein Alter…

Tony fuhr mich zum Bahnhof in Philadelphia, von wo aus ich mit Zug oder Bus nach Baltimore weiterfahren wollte. Die Preise sprachen eindeutig für den Bus und der hatte seine Baltimore-Haltestalle an einer Mall außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes. Blöd, weil nun doch nochmal Taxikosten anfielen – aber der Fahrer Aladdin war es allemal wert. So jemanden habe ich noch nie erlebt.

 

Als der philippinische Taxifahrer hörte, dass ich Deutsche bin, verfiel er in absolute Schwärmerei für eine Carola Bürger, die Anfang der 90er auf den Inseln war. Die beiden verliebten sich ineinander, sie besuchte ihn drei Mal, er wollte seine Ausbildung fertig machen und dann nach Deutschland kommen und sie heiraten. Dazu kam es nie – er fand die Welt und andere Frauen zu spannend. Aber seit einigen Jahren sucht er nach Carola und ihren strahlend blauen Augen, seit Neuestem sogar über Facebook. Wer also eine Carola Bürger kennt…

Ich hab mich dann im Hostel eingerichtet, es waren witzige, aber auch anstrengende drei Tage. Die Kombination von lauter Musik, dem laufenden Fernseher, drei telefonierenden Leuten und den Gesprächen in der nahen Küche – die extra laut sein müssen, weil die Teppichreiniger im Haus unterwegs sind – ist nicht so ganz meins.

 

Gynsburgh hatte sich die Nächte mit mehreren anderen Frauen auch irgendwie anders vorgestellt und ist beleidigt. Aber wenn alles klappt, übernachten wir morgen schon woanders…

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