Aus dem Steinstraßenschreibstübchen

Es ist Sonntag, ganz Kiel sitzt draußen in der Sonne und isst Eis. Ganz Kiel? Nein… In einem gemütlichen Zimmer im fünften Stock einer frühlingsfrischen Altbauwohnung sitze ich und schreibe. An meinem Buch. Endlich.

Nachdem ich mir einen Überblick über die Literatur zum Thema „Schreiben“ verschafft, mich in die Erfahrungen und Vorgehensweisen von Stephen King („Das Leben und das Schreiben“ – inspirierend) und Elizabeth George („Wort für Wort“ – nicht so meins) vertieft, etliche online-Tutorials angeschaut und verschiedene Schreibprogramme ausprobiert habe, ist folgender Rat als gemeinsamer Nenner übriggeblieben und offenbar am erfolgversprechendsten:

„Setz dich auf deinen Allerwertesten und schreib.“

Nun gut. Wie gesagt: Heute habe ich es endlich mal wieder geschafft, vorher lief ein paar Tage nix. Aber es war ja auch alles aufregend mit Bewerbungsgespräch und Job und Josi und überhaupt.

Ich fühle ich mich gerade ein wenig in die Reisezeit zurückversetzt, weil ich endlich Josis Taschen ausgeräumt habe. Bisher hab ich mich davor gedrückt – als ob meine Traumtour damit wirklich zu Ende ist. Dabei bin ich schon seit vier Monaten wieder hier! Mir war nicht klar, dass es so viele Enden für eine Sache geben kann.

Beim Anblick dieser Dinge werde ich zugleich froh und wehmütig:

  • meine „Weltkarte“ – die einzige USA-Karte, die ich genutzt habe. Von den hier dargestellten Straßen aus ging es nach Gefühl und Sonnenstand auf kleine und kleinste Straßen – irgendwann kam ja sicher wieder ein Highway;
  • Maine – ein Traum… und Moab – ohne Worte…
  • der Kompass, über den meine Jungs auf der Independent Spirit sich liebevoll kaputt gelacht haben, der mir aber ausreichende Dienste leistete;
  • die Wärmflasche, die ich mir tatsächlich das eine oder andere Mal in einem Diner oder einem Pub auffüllen ließ, um mich dann in Schlafsack und Zelt zu kuscheln – bestens versteckt, Ihr wisst schon;
  • meine Laufhose („Wenn ich irgendwo ankomme, laufe ich erstmal eine Runde – das ist bestimmt gut für meinen Rücken“). Das mag so sein, aber die Hose hat nicht einmal amerikanische Luft geschnuppert, sondern ist original zip-verpackt wieder mit nach Hause gekommen;
  • die Anti-Juck-Salbe, die wirklich gegen alle von Insekten verursachten Schmerzen half – danke, Lisa und Tina!
  • meine Visitenkarte, die ich an meinen kreativ gewählten Übernachtungsplätzen morgens im Zelt hinterlassen habe, wenn Kaffee und Frühstück in der Nähe waren. Niemand sollte sein Zelt abbauen und packen müssen, ohne vorher 1+x Kaffee genossen zu haben;

  • der Drumstick, den ich nach einer großartigen Bluesnacht in einem entzückenden Café im Mini-Örtchen Jemez, New Mexico, geschenkt bekam – Ronald Reagan moderierte zwischen den Cowboyfilmen, die den ganzen Tag liefen;

  • und natürlich der dicke, freche Gynsburgh, der sich bis heute geweigert hat, den Sheriffstern abzulegen, der ihm in Baggs, Wyoming, verliehen wurde. Dass der Dreck der gesamten 37.000 km auch noch an seinen Füßen sitzt, ist für ihn kein Widerspruch dazu…

Ach ja, genug geschwelgt… Weiter schreiben. Damit all die Erinnerungen im Buch einen kuscheligen gemeinsamen Raum finden.

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Klein, aber fein – das Motorrad Globetrotter Treffen in Struppen

Ich freu mich, Anfang Mai wieder von meiner Tour erzählen zu können! Im kleinen, aber feinen Struppen… Was? Wo das ist? Wartet – hier: „… auf der linkselbischen Seite der vorderen Sächsischen Schweiz im Rathener Elbbogen zum Teil auf einer Hochebene – der Struppener Ebenheit.“ Alles klar? Grob gesagt: Zwischen Dresden und der tschechischen Grenze, nicht weit von Elbsandsteingebirge und Sächsischer Schweiz. Also in einer traumhaften Gegend, die manchmal auch an die USA erinnert.

… findet nun das ebenso kleine und ebenso feine Motorrad Globetrotter Treffen statt. Motorradfreunde, die ich im Apfelhotel kennengelernt hab, haben mich auf das Treffen hingewiesen, es muss echt schnuckelig sein. Für die riesigen Treffen mit hunderten Motorrädern bin ich ja nicht gemacht.

30 Minuten Redezeit habe ich, danach versinkt das Mikro im Boden. Das reicht natürlich nicht für die ganze Tour – ich denke, ich werde mit den Anwesenden nach Wyoming, Colorado und Utah reisen. Ist irgendwie auch das Herz meiner Tour.

Ich bin gespannt und ich freu mich!

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Beitragsbild: (c) Iven Eissner, http://www.eissner-dresden.de

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Ein Königreich für Wärme

Ich muss zugeben, dass ich auch auf der Fahrt weg von Dubois noch traurig war wegen Teton und Montana. Es sagt sich so leicht: „Ach, dann nächstes Mal!“ – „Ich komm bestimmt nochmal wieder.“ Aber stimmt das auch? Sicher, ich bin knackige 42, aber es ist kein Urlaub, den man mal eben so bucht.

Ich fuhr also, so vor mich hinträumend, aus den Bergen heraus und ignorierte dabei die Wolken und den Schnee am Horizont.


Suchspiele machen ohnehin viel mehr Spaß 🙂


Bald wurde klar, dass ich die Schneewolken zwar ignorieren konnte, dass das aber keineswegs auf Gegenseitigkeit beruhen musste. Die Temperaturen pendelten um den Nullpunkt, Schneematsch kam von oben und von unten, und natürlich war da dann noch die Baustelle, an der ich zwei Minuten warten musste. Murphy, du Mistkerl! Immerhin hatte ich so genügend Zeit, mit zitternd-steifen Fingern die Kamera aus meiner Jacke zu zuddeln und ein Erinnerungsbild zu machen.

Bestimmt eine Stunde bin ich so gefahren – und Alter, war mir kalt. So richtig. Mir ist ein Rätsel, wie einige Leute freiwillig (also richtig freiwillig, also gewollt und geplant) bei diesen Temperaturen mit dem Motorrad unterwegs sein können. Ein guter Bekannter von mir hat „Urlaub“ auf Island gemacht, unfassbar! Bei den Bildern und Berichten, die er auf Facebook gepostet hat, hab ich mich jedes Mal gefragt, ob das noch Spaß macht oder ob das nun als Urlaub mit schlechtem Wetter gilt. Oder war er genau darauf vorbereitet? Und ist trotzdem gefahren? Unmöglich. Ich muss ihn mal fragen.

Als ich wahrsten Sinne des Wortes keinen Finger mehr rühren konnte und selbst der Dicke vor mir anfing, sich zu beschweren, weil Kälte und Nässe durch Fell und Fett drangen, kam bei Split Rock eine Tankstelle in Sicht. Offenbar eine Tankstelle mit kulinarischer Ecke – dem Himmel sei Dank. Eine heiße Schokolade, ein Tee, ein Kaffee – irgendwas, woran ich meine Finger ins Leben zurückholen konnte. Der Rest würde warten müssen, es sei denn, ich würde einen Fremden fragen, ob er mir beim Ausziehen hilft…

Tatsächlich bekam ich umgehend einen schönen Pott Kaffee. Und während der meine Finger und mein Inneres auftaut, erzähle ich Euch kurz etwas über Split Rock (zweite Bergkuppe von rechts oder hier, Bild von der Hinfahrt, seufz…):

Dieser natürliche V-förmige Spalt war nämlich zum einen Orientierungspunkt für die Indianer (Shoshone, Arapaho, Crow und Sioux), die seit drei Ewigkeiten in dieser Gegend lebten, und ab Ende des 19. Jahrhunderts für die Siedlertrecks, die auf dem sogenannten Oregon Trail von Osten kamen und dann nordwestlich nach Oregon oder südwestlich nach Kalifornien gezogen sind. Ohne Straßen, Orte oder andere menschengemachte Orientierungshilfen war ein solch markanter Punkt Gold wert, zumal man ihn schon aus zwei Tagesreisen Entfernung sehen konnte.

Soviel zur Rubrik „Am Wegesrand“. Ich war inzwischen soweit aufgetaut, dass ich mich umsehen konnte. Und Ihr werdet es nicht glauben: Da stand ein Ofen! Mit Feuer drin! Warm! Ich hätte auf die Knie gehen können, aber Kälte und Alter sind eine ungute Kombination. Immerhin konnte ich mir die triefenden Motorradklamotten vom Leib pellen und sie rund um den Ofen aufhängen.

Den Königsplatz nahm selbstverständlich Gynsburgh ein – schließlich hatte er vor mir auf dem Motorrad gesessen und heldenhaft Wind, Schneeregen und Kälte von mir ferngehalten.

Ich stellte mir einen Stuhl vor den Ofen und so verbrachten wir zwei eine halbe Stunde schweigend (ich) und selig (beide) an der Wärme. Und obwohl es eigentlich nicht besser hätte sein können, wurde es das doch noch: Isebel, die Inhaberin der Split Rock Gas Station and Pub meinte ganz easy: „You can sleep here if you want to!“

Und ob ich wollte. Egal, wo – Fußboden, Sofa, Bett – Hauptsache, es waren vier Wände um mich und ein Dach über mir. Jemand sagte mal: „Wie gut, dass Häuser innen hohl sind.“ Wie wahr.

Ich hatte also ein Schlafquartier…… das ich zwar ab und zu teilen musste…

… aber dafür hab ich schnell viele neue – wenn auch eher ruhige – Freunde gefunden:

Der Tag in Isebels Pub verlief tiefenentspannt. Regelmäßig, aber nicht zu oft, kamen Männer unterschiedlichsten Alters und mit unterschiedlichem Alkoholpegel rein, um einige Zeit an der Bar zu verbringen. Manche tranken, manche aßen, manche schauten einfach nur fern. Da liefen übrigens die besten Wild West-Filme – ich hab auch eine ganze Weile geschaut.

Am späten Nachmittag kam dann das Jungvolk. Na gut, zwei davon. Stilecht mit Cowboy Boots und Hut spielten sie ihre Partien Billard, abgelenkt lediglich vom Fernseher in unmittelbarer Nähe.

Da lief eine der früheren Folgen von Game of Thrones, und wer die Serie kennt, der weiß, dass es darin durchaus explizite Szenen gibt. Ich sag Euch: Als Daeneris zur Vorbereitung ihrer Hochzeit mit Leckerbissen Drogon nackt in die viel zu heiße Badewanne stieg, war unser Cowboy hier total überfordert. Er starrte so gebannt auf den Bildschirm – sein Kumpel hätte unbemerkt alle Kugeln versenken können. Wobei ich mir jetzt natürlich jegliche Analogie spare.

 

Nach einer guten Nacht, viel Kaffee und einem anständigen Frühstück ging es am nächsten Tag weiter. Würde ich schreiben „am nächsten Morgen“, dann wäre das gelogen. Ich komme selten vor 10 Uhr irgendwo weg – es sei denn, ich muss einen semi-legalen Schlafplatz räumen. Hier aber konnte ich sogar ausschlafen und das lieeeeebe ich ja…

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Eiskaltes Vergnügen

Wer mich kennt, der weiß, dass bei mir im Zweifelsfall die Abenteuerlust über die Vernunft siegt. Wie viel Trotz in der Abenteuerlust ist und wie viel „Ach, wird schon gut gehen!“-Zuversicht, variiert von Fall zu Fall.

In Casper wurde für mich trotz Jacquies Warnungen klar: Ich will, ich will, ich will den Teton Nationalpark sehen. Und dann nach Montana – das wird schon irgendwie gehen. Wettervorhersagen treffen schließlich nicht immer ein und die Waldbrände in Montana sollten sie ja wohl auch so langsam unter Kontrolle kriegen. Ich muss gestehen, dass ich Yellowstone gar nicht so sehr auf dem Schirm hatte – er war für mich eher Durchgangsstation nach Montana.

Also verabschiedete ich mich von der kopfschüttelnden Jacquie und machte mich gen Westen auf. Ohne viele Worte nehme ich Euch mit den folgenden Bildern mit durch diese – wieder einmal – grandiose Weite:

Ich hab schon in diesen Momenten gedacht: Selbst wenn ich wegen Schnee und Kälte nicht weiterkomme, hat es sich allein wegen dieser Anblicke schon gelohnt, nach Westen rauszufahren. Denn genau deshalb wollte ich diese Tour machen – um in grandiose Weiten hineinzufahren. Und allein diese Farben in den Felsen…

Und wie gut, dass ich das gedacht habe, denn der erste Schnee wurde sichtbar.

Die Fahrt war so erfrischend, wie dieser Schnee es verspricht, und so war ich heilfroh, als ich gleich am Beginn des kleinen Ortes Dubois (sprich: dübeus, nicht etwa französisch: düboa) auf Mary-Ellen traf. Ihre Kirchengemeinde hatte es sich zur Aufgabe gemacht, durchreisenden Wanderern und Radfahrern ein kostenloses Quartier zur Verfügung zu stellen – was für eine tolle Idee! Zum Glück qualifizierte sie Josi auch als „Rad“ und so konnte ich mich drei Nächte lang einkuscheln, aufwärmen und ausruhen.

Das Motto der Gemeinde finde ich toll – davon kann man sich inspirieren lassen:

Dubois ist eine süße kleine Stadt (knapp 1.000 Einwohner). Bei dem Bild, das Google Search zur Stadt als erstes zeigt, musste ich gerade herzlich lachen. Sie sehen: Richtig – nichts. Zumindest keine Stadt. Aber Dubois hat tatsächlich so einiges zu bieten.

Hier in Dubois kann man sich noch so richtig das Leben in den Westernzeiten vorstellen. Inklusive Cowboystiefel für Kids, die gerade laufen gelernt haben. Oder lernen sie darin laufen?

Und einiges, das dann doch befremdlich ist, gibt es auch:

Aber warum blieb ich drei Nächte lang? Weil natürlich schon in der ersten Nacht Schnee fiel.

Tagsüber verzog das weiße Mistzeug sich immer in höhere Lagen…

… aber das tröstete nur bedingt: Zum einen waren die Temperaturen nun auch alles andere als motorradfahrfreundlich, zum anderen liegen die National Parks höher als Dubois und wurden also langsam und liebevoll eingeschneit. Straßen wurden gesperrt, von der Durchquerung von Teton und Yellowstone abgeraten. Ich hatte eine Weile lang Hoffnung auf den jeweils nächsten Tag – in den Bergen weiß man ja nie.

In der Wartezeit suchte ich mir – natürlich – ein schnuckeliges Café zum Sein, Warten und Arbeiten. Und ich hatte gleich das Gefühl: Hier werde ich verstanden!

Es gab – wiederum natürlich – Stammgäste; Tom war einer von ihnen. Seinen Namen habe ich erst bei meinem letzten Besuch erfahren. Wenn er nicht im Café war, war er auf der Jagd – zu den absonderlichsten Uhrzeiten, aber so ist das wohl bei der Jagd. Im Ort liefen viele Menschen in diesen Klamotten rum, auch Pärchen und sogar Kinder. Ob die wohl mit auf die Jagd gehen? Wundern würde es mich, ehrlich gesagt, nicht.

Nicht im Café, sondern in einem Restaurant lernte ich Biggy kennen. Zunächst befanden wir uns auf unterschiedlichen Seiten des Bartresens. Aber schon bald wurde klar, dass auch sie Deutsche ist – wie verrückt ist das denn? Birgit aus Luckenwalde war schon als junges Mädchen von Pferden und Indianerfilmen fasziniert. Also ist sie ausgewandert, hat Wyoming entdeckt, hat Pferde gezüchtet und lebt jetzt – soweit ich das beurteilen kann – mit ihren Pferden glücklich in ihrem Paradies. Ich find das so genial: Das war ihr Traum, also hat sie es umgesetzt. Es war bestimmt nicht immer leicht und auch jetzt arbeitet sie ja zusätzlich im Restaurant. Aber sie nimmt das auf sich, um ihren Traum zu leben. Ich hatte in vielen Gesprächen auf der Tour den Eindruck, dass Menschen zwar einen großen Traum haben, aber offenbar darauf warten, dass sich das Traumpanorama von allein entfaltet. Ohne Aufwand, ohne Verzicht. Hmm… Sehr unwahrscheinlich.

Am dritten Tag musste ich einsehen, dass es mit Teton und Yellowstone nichts werden würde. Es war zum Heulen, denn Montana fiel damit auch erstmal flach. Wobei fraglich ist, was ich angesichts der Waldbrände davon gehabt hätte. Gesperrte Straßen, diesige Sicht, Kratzen im Hals? Na, danke.

Da ich aber immer noch Mitte Oktober in Seattle sein wollte, musste eine neue Route her. Natürlich südlich der Rockys, denn Schnee konnte ich auch hier haben. Der neue Plan lautete also – in der Genauigkeit all meiner Pläne bisher: südlich aus Wyoming raus, dann durch die linke obere Ecke von Colorado nach Nordwesten, dann durch das 12-15-Viertel von Utah nach Nordosten, dann durch Idaho, Oregon nach Washington. Alles klar?

Na, dann kann’s ja losgehen! Machen wir aus der geplatzten Teton-Montana-Seifenblase einfach eine Utah-Colorado-Wunderblase.

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Casper – ausruhen im Wind

Wir haben mein frierendes, übermüdetes Ich im windigen Casper, Wyoming, zurückgelassen, wisst Ihr es noch? Damals habe ich – wie schon manches Mal zuvor – an die Obdachlosen gedacht. Ich meine, ICH kann mich ja jederzeit irgendwo einmieten, will es nur nicht, weil ich meine Lieben zuhause dann früher anpumpen müsste. Aber die homeless people haben diese Wahl nicht. Sie müssen sich irgendwo niederlassen – egal, welche Temperaturen herrschen, egal, wie verletzlich sie an ihrem Platz sind. Auf meiner Tour hab ich fast jeden Obdachlosen gegrüßt, ich fühlte mich irgendwie verbunden. Auch wenn es sicher anmaßend ist. Interessant, dass diese Menschen in Deutschland „nur“ kein Obdach haben, im englischen Sprachraum aber auch kein Zuhause…

Mit diesen und anderen, ähnlich hellen Gedanken fuhr ich langsam die noch leeren Straßen von Casper ab – auf Josi fühlte ich mich weniger verloren. Dass der Wind um jede Ecke fegte, brauche ich nicht mehr zu erwähnen, oder? Und endlich, endlich – gegen 5:30 Uhr – war ich erlöst. Ein kleines, schnuckeliges Café war erleuchtet: Jacquie’s Bistro, Brunch and Bar, also mit Sicherheit auch Kaffee, an dem ich mich festhalten und mir die Hände wärmen konnte, bis ich wieder aufgetaut war.

Jacquie hat ein so großes Herz, dass es kaum in den Laden passt. Zunächst ließ sie mich einfach in Ruhe warm werden und schüttete regelmäßig Kaffee in den Pott in meinen Händen. Dann gab’s was zu essen und während ich langsam wieder ich selbst wurde, hatte sie schon längst all ihre Freunde in der Stadt über Facebook gebeten, mir für eine Nacht Unterkunft zu gewähren. Sie hat sogar ein Frühstück ausgelobt – unglaublich, aber zum Glück wahr!
Jacquie, you’re the best – thank you for everything!Leider hat sie offenbar nur so seltsame Freunde, die sich morgens eher mit Wachwerden, Aufstehen, ihren Kids, der Fahrt zum Job und dem Start desselben beschäftigen, als damit, ihre Facebook-Nachrichten zu checken. Sehr seltsam – jedenfalls hatte bis neun, halb zehn noch niemand fest zugesagt. Weil ich nach dieser Nacht im Wind und der vorigen Nacht in der Kälte Newcastles vor Müdigkeit fast vom Stuhl fiel, hab ich mich in ein günstiges Motel eingebucht – geführt von einem Indian. Das will ich ja unterstützen. Dass er – um es mit Robin Williams im Film „Good Will Hunting“ zu sagen – ein Indian mit einem Punkt auf der Stirn und nicht mit einer Feder auf dem Kopf war, hat mich ebenso wenig gestört wie die, nun sagen wir mal „charaktervollen“ Darstellungen von Feder-Indianern. Ich lag um 10 Uhr morgens im Bett und hab geschlafen.

Nach einigen Monaten unterwegs habe ich gemerkt, dass ich nach einer Weile in der amerikanischen Weite immer wieder so zwei bis drei Tage brauche, die ich an einem kleinen, überschaubaren Ort verbringe. Wo ich Menschen wiedertreffe, wo die Orte mir ansatzweise vertraut werden, wo ich mal nichts Neues sehe, das verarbeitet werden will. Die Deer Isle in Maine war so ein Ruhepunkt, Floyd in Virginia ebenso, Higginsville in Missouri auch. Und Green River in Utah, nach dem Abenteuer beim Arches National Park. Offenbar war mal wieder so eine Zeit dran, denn am nächsten Tag fühlte ich mich in keiner Weise fit zum Weiterfahren. Ein ruhiges spätes Frühstück bei Jacquie, dann ein bisschen arbeiten, ein bisschen am Blog schreiben und dann zu einer Freundin von Jacquie, bei der ich übernachten konnte.

Mal so zwischendrin, während ich mich im Motel erhole:

Casper lag genau auf der Route der Sonnenfinsternis!

Und Casper ist romantisch…

Und Casper ist tier- und menschenlieb 😉

Am nächsten Tag – natürlich – Frühstück bei Jacquie. Als ich ihr jedoch sagte, dass ich mich tatsächlich nach Westen in Richtung Yellowstone aufmachen wollte, schüttelte sie nur den Kopf und zeigte mir eine Unwetterwarnung für die Region. Die Temperaturen sollten noch mehr fallen, es sollte Schnee im Yellowstone geben. Großartig… Wenn ich auf eines so gar keine Lust mehr hatte, dann frieren. Das hatte ich seit Wounded Knee getan. Auf der anderen Seite wollte ich unbedingt in den Teton Nationalpark und dann durch den Yellowstone nach Montana – Teton und Montana waren zwei der großen Träume dieser Tour! Scheiße…

Erstmal noch einen Kaffee, Karte studieren, nachdenken. Und dann schau’n wir mal.

 

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Wyoming is callin‘!

Jetzt hab ich auch wirklich lang genug damit gewartet, diesen Abschnitt zu schreiben – Ihr solltet inzwischen ähnliche Temperaturen haben wie ich damals, um Euch alles so richtig schön vorstellen zu können.
Nein, Quatsch, ich hab’s nicht früher geschafft. Aber temperaturmäßig passt es tatsächlich ganz gut 🙂

Wir sind noch immer in South Dakota, in der südwestlichsten Ecke. Frisch war es ja schon in den Badlands geworden, den ersten Nachtfrost gab es bei Porky. Weil es aber erst Mitte September war, hatte ich noch immer die Hoffnung auf warme Herbsttage und erträgliche Nächte. Schließlich wollte ich in den atemberaubenden Teton Nationalpark, durch den Yellowstone in Wyoming und dann in Montana den Indian Summer erleben. Ich Greenhorn.

In dieser Ecke South Dakotas kommt man natürlich nicht an Mt. Rushmore vorbei. Also, man kommt vorbei – aber man kommt im Grunde nicht daran vorbei, das Ding anzusehen. Im Leben wäre ich nicht auf die Idee gekommen, extra dorthin zu fahren, um mir in Stein gehauene Köpfe anzuschauen. Dementsprechend fiel es mir auch sehr leicht, nach dem Blick auf die Jungs aus der ewig langen Schlange zum Monument auszuscheren…

… und weiter in Richtung Black Hills National Forest zu fahren. Tolle Straßen, viele Kurven und immer wieder perfekte Blicke auf Mt. Rushmore – ohne Wartezeiten.

Außerdem sind die Herren Präsidenten ohnehin auf jeder Straße präsent:

Von da an ging es nach Südwesten in Richtung Teton. Und ebenfalls von da an wurden die Nächte immer kälter. In Newcastle, Wyoming, dachte ich, das Plätzchen in einer geschützten Ecke an einer Kirche würde helfen, etwas Wärme im Zelt zu halten, aber Pustekuchen. Ich hab noch nie so gefroren. Allerhand Ratschläge gingen mir durch den Kopf und glaubt mir: Ich hab sie alle ausprobiert. Klamotten an, Klamotten aus, das ja, das nein – ich hätte sogar einen Kopfstand gemacht, wenn es geholfen hätte.

Um 4:12 Uhr hab ich aufgegeben, mich angezogen und bin durch die klirrend kalte Nacht mit klarem Himmel die Hauptstraße auf- und abgegangen. Dabei hab ich entdeckt, dass Wacken offenbar Ableger hat :-).

Die Lady, die ihren Coffee Shop  schon um 5:45 Uhr öffnete statt um 6:00 Uhr, hätte ich knutschen können. Da hab ich mich dann erstmal eineinhalb Stunden aufgewärmt und gefrühstückt, bevor ich zur Kirche zurück bin, um George zu holen. Aber wenn ich dachte, es könne nicht kälter werden, sollte ich noch zweimal eines besseren belehrt werden…

Bevor es soweit war, konnte ich auf dem Weg nach Casper, Wyoming, schönste Weite genießen. Da hat das klare Wetter ja auch seine guten Seiten… Am liebsten würde ich Euch die Bilder ganz groß und leuchtend hier in den Beitrag kopieren, aber ich hoffe, dass sie auch so wirken:

Als ich – schon im Dunklen – in Casper ankam, machte ich mich naiv zuversichtlich auf die Suche nach einem Schlafplatz. Ich wusste noch nicht, dass es die schlimmste Nacht meiner (bisherigen) Reise werden sollte… Zunächst bin ich auf einen Hügel gefahren – schöne Ausblicke sind ja was Feines. Das Wohngebiet dort war allerdings so angelegt, dass ich keine Lücke für mich fand. Eine große, zugewachsene Wiese wäre eine Option gewesen – wir ignorieren jetzt bitte die Hunde, die dort in unserer Vorstellung rumhüpfen und mehr. Aber da oben pfiff ein kalter Wind, echt unangenehm, und der hätte die ganze Zeit entweder an mir oder an George gerüttelt. Auch nicht schön. Also weiter – und siehe da: ein größerer Kirchenkomplex. Mit Spielplatz, Garten, Hinterhof, allen Schikanen. Zuerst packte ich mich unter einen Baum – Mist immer noch der Wind. Also irgendwo eine windgeschützte Ecke suchen – aber es war einfach keine zu finden. Unglaublich.

Egal, wohinter ich mich versteckte: Der Wind wehte kalt über mich rüber. Also runter in die Stadt – vielleicht gibt es bei der Bibliothek eine gute Ecke? Dreimal umrundet: Nein. Unglaublich. Wind, Wind, Wind. Aber was ist das? Eine von allen vier Seiten von Plexiglas umgebene Bushaltestelle? Meine! Schlaf ich halt mal in einer Haltestelle, Hauptsache, ich kriege Schlaf! Inzwischen war es zwei Uhr und ich echt zermürbt. Ich wunderte mich kurz darüber, dass kein Obdachloser in der Haltestelle schlief, wusste aber auch bald, warum. Der Wind kam nicht nur durch die 20 cm hohe Lücke am Boden rein, die Verwirbelungen drinnen waren dann richtig schön. Alter, ich war durch. Später habe ich erfahren, dass Casper eine der windigsten Städte der USA ist. Ich würde wahnsinnig, wenn ich dort leben müsste!

Erklärung und Quelle hier.

Und während die Polizei sonst immer zu mir kommt, bin ich diesmal zu ihr gegangen – absolut ratlos, wo ich die letzten Stunden der Nacht verbringen sollte. Geld ausgeben wollte ich trotz allem nicht.

Ihr werdet es kaum glauben:

  • Die Polizeistation war offen.
  • Sie war warm.
  • Es war kein Mensch da.
  • Ich fand eine Möglichkeit, mich auszustrecken. Man wird ja bescheiden.

Und so schlief ich erschöpft und froh mit folgendem Bild vor Augen ein:


Selige Stunden von 2:30 bis 5:00 Uhr – was für ein Luxus!

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