Übernachtungsreport IV – meist ohne Wände

Es gab Beschwerden aus meiner Leserschaft – der Übernachtungsreport zu Hotels, Motels, Hostels war offenbar zu langweilig. Und was soll ich sagen? Ich kann es verstehen. Diese Unterkünfte sind warm, sicher und trocken – und in der Regel passiert da auch nix, was man dort nicht erwarten würde. Da checken die normalen Leute ein – also die wenigsten meiner Leser…

Dass so ein herrlich spießiges, warmes und kuscheliges Bett auf Reisen manchmal einfach sein muss, wird jeder verstehen. Jetzt aber schauen wir uns mal wieder meine im wahrsten Sinne des Wortes außerhäusigen Übernachtungen an.

Aber gehen wir es langsam, gesittet und legal an. So kann man in den National und auch in vielen State Parks wild campen, solange man alles so verlässt, wie man es vorgefunden hat. Das hatte ich auf dem Blue Ridge Parkway gleich mal ausprobiert – und, wie ich finde, sehr gelungen. Als gehörten Josi und George dahin, oder?

Auch die Übernachtung am Horse Shoe Lake war großartig…

… und besonders aus zwei Gründen werde ich sie so bald nicht vergessen:

Zum einen habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Mangroven gesehen und hätte sie tatsächlich eine ganze Weile einfach nur bestaunen können:

Zum anderen war nicht weit entfernt ein kleiner, feiner Pub, den Sherry vor Kurzem übernommen hatte. Sie hat mir einen grandiosen Hausdrink gemacht (ein perfekter Ersatz für den Mojito) und die Stimmung dort war so unglaublich gut, die Gäste so witzig, dass ich dort auch hätte durchmachen können.

 

In Städten gestaltet sich das ganze Übernachtungsthema schon schwieriger, wenn man kein Geld für eine Unterkunft ausgeben möchte. Aber auch da geht so einiges!

Zum Beispiel direkt zwischen Bibliothek und Schule. Bibliotheken mag ich ja, wie Ihr inzwischen wisst, auch wegen ihres meist offenen WLAN. Der Platz hier in Lincoln, Nebraska, war natürlich gewagt, und ich habe mich mehrfach gefragt, wer mich wohl aus dem Schlaf reißen und schlimmstenfalls vertreiben würde: die Polizei? Personal der Bibliothek? Der Hausmeister der Schule? Reinigungskräfte? Oder einfach Passanten, z.B. ein gewissenhafter Gassigeher?

Die Lösung lautet: Niemand. Ich hab tatsächlich bis sechs (ist unter diesen Umständen echt lange!) geschlafen und bis sieben alles abgebaut – ich war so naiv zu glauben, dass Lehrer ab sieben in die Schule kommen, um ihren Krams vorzubereiten. So war das jedenfalls bei mir! Aber nix da – Viertel vor acht kamen die ersten. Na, egal, ich hatte eine unerwartet gute Nacht.

In Nebraska City stand George fast unsichtbar außerhalb des Lichtkegels hinter einer Arztpraxis. Da die Straße in ein Industriegebiet führte, gab es keine Fußgänger, die links oder rechts hätten schauen können. Nur Autofahrer – und die schauen nicht hinter Gebäude :-). Tipp für Nachmacher: Die Öffnungszeiten der umliegenden Geschäfte prüfen und den Wecker entsprechend stellen! Gilt auch für Übernachtungen hinter katholischen Kirchen, erinnert Ihr Euch?


Ach, das ist für einige bestimmt schon wieder zu langweilig…

 

Also auf nach Kalifornien. Hier habe ich in kürzester Zeit ein paar verrücktere Übernachtungsplätze gesammelt.

Da war zum Beispiel Carmel Heights, ein kleines Wohngebiet südlich von Carmel-by-the-Sea und Monterey – alles wunderschön direkt am Meer gelegen. Eigentlich wollte ich auf dem Campingplatz im Big Sur Park übernachten. Aber der Preis von 60 (!!!) Dollar (bestimmt auch noch before tax) für Motorrad, Zelt und mich hat mich selbst um 22:30 Uhr noch zur Weiterreise bewegt. Da bin ich trotzig. Weil die Straße nach Süden irgendwann gesperrt war, bin ich zurück nach Norden und hab doch tatsächlich ein schnuckeliges Häuschen mit perfekter Rückfront gefunden – unter der Terrasse konnte ich wind-, regen- und blicksicher schlafen:

Und ich lüge jetzt nicht: Um viertel vor neun am nächsten Morgen, als ich grad die letzten Sachen auf Josi befestigte, kamen die beiden Wagen von der Baufirma. Wie rücksichtsvoll von ihnen, so lange zu warten!

Feuerwehren sind auch eine schöne Möglichkeit! Meist sind es ja nette, hilfsbereite, schnuckelige Jungs (jep, Sexismus, ich weiß) und fitte Mädels (das gleicht es nicht aus, oder?), die nix dagegen haben, wenn auf dem Grundstück für eine Nacht ein Zelt steht. In Los Alamos haben mir Tahj, Marissa und Mike Platz und Kaffee angeboten – mehr brauche ich ja nicht. Gynsburgh war auch ganz begeistert, endlich wieder unter Menschen in Uniform zu sein – aber er hat Marissa offenbar doch etwas eingeschüchtert. Auf mein Gesicht müsst Ihr in diesem Slider verzichten. Es war früh am Morgen und vor dem ersten Kaffee, aber ich wollte Euch Marissa und dieses coole Fahrzeug zeigen.

Und ich habe wieder nette Menschen gefunden, bei denen ich eine sichere Nacht verbringen konnte. Wobei man dabei natürlich auch mal überrascht werden kann…

Toni stand in Greenfield an der Straße und sprach mit einer Freundin im Auto. Ich war gerade aus einem Nachbarort geflohen, ohne mein Zelt aufzubauen – die Gestalten, die die Straße rauf- und runterschlenderten und mich beim Zeltaufbau beobachtet hätten, gefielen mir gar nicht. Nun wollte ich mir in Greenfield ein sicheres Plätzchen suchen und wollte Toni eigentlich nur fragen, ob sie mir eines empfehlen könne. Sobald ihr klar wurde, dass ich als Frau allein unterwegs bin, war es für sie ebenso klar, dass sie mir ihr Sofa anbietet. Und das in einem Haus von ca. 45 qm, das sie mit ihrem Lebensgefährten, zwei schulpflichtigen Enkelkindern und vier (!) Hunden bewohnte. In der Wohnung herrschte das größte Chaos, auch wenn man merkte, dass sie versuchte, es in den Griff zu bekommen. Es gab keine Heizung, nur einen Heizlüfter. Fenster schlossen nicht richtig und waren mit Kleidungsstücken abgedichtet. Das Waschbecken im Bad war kaputt, das in der Küche kaum zugänglich. Umso mehr war ich von ihrem Angebot gerührt – ich kenne ja meine Chaosgrenze, ab der niemand mehr in meine Wohnung darf…

Als ob all das nicht beklemmend genug wäre, waren an den Wänden zahlreiche Fotos von Familienmitgliedern angebracht. Mir wurden alle vorgestellt – und zwischendurch fielen die Worte „killed“ und „raped and killed“. Schluck. Nachfragen? Nicht nachfragen? Nun, sie hatte es erwähnt und ich bin ja auch unterwegs, um Land und Leute kennenzulernen… Ihr Sohn wurde mit Anfang 20 von einer der hiesigen Gangs ermordet. Zusammen mit seiner Freundin, weil beide aus der Gang raus wollten. Eigentlich wäre das auch okay gewesen, aber irgendwie dann wohl doch nicht.

Und die Tochter von Tonis Lebensgefährten wurde mit 14 entführt, vergewaltigt, gefoltert und erstochen. Ist das zu glauben? Ich fühlte mich wie im sprichwörtlichen falschen Film. Ich meine, wie kann man so leben? Praktischerweise war der Mörder ein illegaler Einwanderer, sodass ihr Vater (offenbar ein legaler Einwanderer) Trost und Unterstützung bei einschlägigen Gruppierungen fand und findet. Die wiederum von Trump unterstützt werden, unter anderem bei regelmäßigen Treffen.
Auf dem Bild trägt der Vater ein Shirt mit allem, was seiner Tochter angetan wurde – und dann halten die beiden doch allen Ernstes die Daumen hoch. Mir fehlen noch jetzt die Worte dafür. Unter dem Bild hängt ein Haarteil, dass das Mädel getragen hat (wollte ich Euch nicht bildlich zumuten). Also, ich war nicht allzu traurig, am nächsten Morgen weiterzufahren. Und für Bett, Wärme, Sicherheit und Dusche bin ich Toni allemal dankbar – sie hat ein riesiges Herz.

Goleta, ein Vorort von Santa Barbara, ist das totale Gegenteil von Greenfield. Schon fast so, wie man sich Santa Barbara eben vorstellt. Diesmal bot sich wieder ein Vorgarten an, es war warm und trocken und es gab tatsächlich auch Vorgärten. Natürlich ist nicht jeder geeignet: Größe, Neigung, Format und Bepflanzung müssen passen, außerdem will der verwöhnte Camper ja nix Verwahrlostes. Und schließlich müssen die Bewohner zu Hause sein, damit man brav fragen kann. Ich hatte das Glück, bei Mary und Rick zu landen, einem fröhlichen und netten Paar in Pension. Ohne zu zögern haben sie mich in ihren Vorgarten gelassen und mich am Morgen zu Dusche und Frühstück eingeladen. Ich muss gestehen, dass ich die entsprechende Hoffnung hatte… Thank you, Mary and Rick, it’s been wonderful to meet you – and thank you for letting me stay!

Hier kam auch endlich mal wieder ein Polizist vorbei!

Er hielt allerdings in freundlichster Absicht: Er ist mit Mary und Rick befreundet, selbst BMW-Fahrer und offenbar fest entschlossen, so lange als Motorradfahrer unterwegs zu sein, wie er überhaupt laufen könnte.

Der folgenden Übernachtungsstätte trauere ich noch hinterher – in Santa Barbara wurde es nämlich richtig nobel: Ich habe mich unter dem Yacht Club einquartiert. Einfach perfekt: kein Zelt nötig, regengeschützt, mit Meeresrauschen im Ohr, am Morgen Kaffee im Hafen um die Ecke.

Zuerst wollte ich meerseitig unter das Gebäude krabbeln, das etwa einen halben Meter hoch auf Stelzen steht. Das haben aber anscheinend schon andere vor mir probiert – plötzlich fand ich mich in einem roten Laserstrahl wieder und ein helles Licht ging an. So muss es Catherine Zeta-Jones bei ihrem Training mit Sean Connery gegangen sein ;-).

Zum Glück kein lauter Alarm, aber ich rechnete doch fest damit, dass gleich ein Security-Mensch um die Ecke kommt und ich gehen muss. War aber nicht – und dann geh ich natürlich auch nicht.

Die Seite des Gebäudes lag ebenfalls in dunkelstem Schatten und weil an der Unterseite Rohre verliefen, war hier keine Alarmanlage installiert. So ganz hat sich mir der kausale Zusammenhang nicht erschlossen – ein bisschen tiefer bücken und wer will, kann hier dann ebensogut schlafen.

Also bin ich hier tief reingekrabbelt und habe eine traumhafte Nacht verbracht.Am nächsten Morgen wachte ich selig zu diesem Blick auf – hinter dem Wällchen das Meer. Einzig ein Hund hat mich entdeckt, ist aber verschreckt wieder weggerannt. Ich hoffe, es war nicht mein Geruch…

Über die Definition von „tief reinkrabbeln“ hab ich dann tagsüber nochmal nachgedacht…

… aber da ist ja noch ausreichend Platz zur Seite.

So schön war es am Yacht Club – Ihr werdet verstehen, dass ich noch eine Nacht bleiben wollte.

Auch Monsieur fand es ganz schick da und hangelte sich durch die Rohre – natürlich wie Sean Connery. Nach meiner zweiten Nacht wollte er da auch den Tag verbringen und auf meine Sachen aufpassen. Nun gut.

Oder nicht gut – als ich am Nachmittag vorbeischaute, um Krams für einen Sprung ins Meer zu holen, war alles weg. Nur eine Schleifspur im Sand (breiter als Gynsburgh, keine Sorge) verriet, dass meine Sachen tatsächlich mal hier auf einer Plane lagen.

Im Übrigen war doch nicht alles weg – der kleine Hilfssheriff hing noch in den Rohren. Keineswegs kleinlaut – er gab eher den Zeugen als den Bewacher, der versagt hat.

Mein Gang nach Canossa bestand aus drei Etappen: zum Personal des Yachtclubs, das mich an das Hafenbüro verwies, und vom Hafenbüro zur Polizei, die meine Sachen eingelagert hatte. Ohne Probleme bekam ich sie wieder – wir hatten im Grunde nur zwei Gesprächsthemen: Wie viele Nächte ich schon da übernachtet hatte („Two? Hmm, that was one in my shift and one in someone else’s, damn…“). Eigentlich kontrollieren sie den Yacht Club jede Nacht! Das zweite Thema war meine Tour – echt entspannte Polizisten. Sie haben sonst sicher mit mehr oder weniger ansprechbaren Obdachlosen zu tun, sodass ich eine angenehme, zumal geständige, Abwechslung war.

Und auch meine Trauer über den Schlafplatz hielt nicht zu lange an – dieser Blick über L.A. bei meinem Platz in der vergangenen Nacht war auch ganz okay 🙂

 

 

 

 

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