Utah – tatsächlich nochmal Utah

Manch einer mag ab und zu auf meine „Hier treib ich mich rum“-Karte schauen und sich gewundert haben, warum ich mich nach meiner Zeit in Kalifornien nicht direkt nach Osten, sondern nach Nordosten bewegt habe.

Was soll ich sagen? Meine Mutter ist schuld. Das haben Mütter ja tendenziell so an sich, und es ist in diesem Fall – ebenso wie natürlich in allen anderen – wahr. Vor nunmehr 19 Jahren, also 1998, hat sie mir eine Postkarte aus dem Bryce Canyon in Utah geschickt. Und diese Landschaft sah so toll aus, wie nicht von dieser Erde, dass ich den Canyon seitdem sehen wollte. Dafür, dass er in Utah liegt, wo ich ja mein spezielles Abenteuer hatte, kann der arme Canyon ja nichts. Für mich war klar: Da muss ich hin, auch wenn es einen Umweg auf dem Weg nach Florida bedeutet. Und überhaupt sind wir ja großzügig – wir geben Utah eine zweite Chance.

Wenn man aus Südwesten zu den Canyons will, kommt man durch Kanab – ein kleines Städtchen, in dem unzählige Western gedreht wurden. Man fühlt sich ein wenig wie in deren Kulissen – nur dass es keine Kulissen sind, sondern voll krass echte Natur und echt alte Häuser. Verrückt.

 

Überhaupt hat man in Kanab das Gefühl, dass hier die spannenden Dinge und auch die Canyons ganz nah beieinander liegen:

Wer aber jemals durch die Staaten gefahren ist, weiß, dass dem nicht zu trauen ist. Alles ist 70x weiter als gedacht und dann nochmal die Hälfte drauf. Mindestens. Deshalb habe ich mich in Kanab auch nochmal ordentlich bei einem Mexikaner gestärkt, problemlos mit meiner Kreditkarte bezahlt (Leser meiner Abenteuer ahnen, was kommt) und mich dann dem Campingplatz von Kanab genähert. Weil die Nachttemperaturen um die 4° liegen sollten, wollte ich mir für 40 Dollar ein kleines Cabin, eine Ein-Raum-Holzhütte mit Pusteheizung, gönnen. Und natürlich funktionierte meine Kreditkarte … mal wieder nicht. Ich war nur halb überrascht, aber vollständig angepisst, denn gerade an diesem Abend war ich kaputt, durchgefroren, stinksauer, alles. Tapfer fragte ich nach Kirchen im Ort und geschützten Orten für ein Zelt, als Jo, die Platzwartin, mir umsonst einen Platz für George gab. Und auch wenn ich es inzwischen gewohnt war, mir anständige Plätze zu suchen, war ich heilfroh, das nun nicht mehr tun zu müssen.

Es wird noch besser: Als ich dabei war, George aufzubauen, bahnten sich zwei Taschenlampen ihren Weg durchs Dunkel des Platzes: Jo und ihr Mann. In den Händen eine Tüte mit Lebensmitteln – und ein Bündel Geldscheine, das sie mir zusteckte, als ich mich verdutzt und gerührt für die Lebensmittel bedankte. Ich hab den beiden dreimal gesagt, dass ich Geld habe und nur nicht rankomme – sie ließen sich nicht von ihrer Aktion abbringen. Ich wollte ihnen klarmachen, dass ich nicht bedürftig war und ihre Gaben in diesem Sinne auch nicht verdiene. Aber der Witz war ja, dass ich in diesem Moment sehr wohl bedürftig war. Denn bis ich das mit meiner Karte geklärt hätte, könnte ich weder Josi noch mich mit Energie versorgen.

Ich hab vor dem Schlafengehen gar nicht mehr geschaut, wie viel Geld es war. Denn ob 5 Dollar oder 20, es war einfach überwältigend. Am nächsten Morgen dann das große Schlucken: 100 Dollar. Für ein reiches – allein schon, weil weiß, gebildet und aus Deutschland – Mädchen, das es nicht auf die Reihe kriegt, genügend Bargeld oder eine zweite Kreditkarte dabeizuhaben. Natürlich bin ich nochmal zu Jo gegangen und habe versucht, ihr das Geld oder wenigstens einen Teil zurückzugeben – keine Chance. Ihre einzige Bedingung: „Pay it forward.“ Den Gedanken mag ich ohnehin: Einen Gefallen nicht (nur) zu erwidern („to pay back a favor“), sondern weiterzugeben („to pay it forward“) an jemanden, der einem bedürftig über den Weg läuft.

Versprochen, Jo!

Zu erwähnen ist noch, dass die Kreditkarte wieder funktioniert – von ebenso unregelmäßigen wie unerklärlichen Ausnahmen abgesehen. Natürlich.

So, jetzt aber auf zum Bryce Canyon. Wie so oft hatte ich das Gefühl, schon auf dem Weg zu einem Canyon durch besondere Landschaften und Strukturen zu fahren. Einerseits scheint das logisch, andererseits bin ich immer wieder erstaunt, welch unterschiedliche Gegenden, Sandfarben, Felsstrukturen etc. in nächster Nähe zueinander liegen.

In jedem Fall habe ich auf dem Weg von Kanab zum Bryce Canyon endlich verstanden, warum die Dinosaurier ausgestorben sind: zu Tode gequatscht von einem fusseligen Säugetier…

Ich hab schon davon gehört, dass das passieren kann – aber es wird wohl nicht in den Schulen gelehrt, weil es einfach zu absurd erscheint. In jedem Fall sind dort Fußspuren der armen Wesen zu sehen.

Auf dem Weg zum Bryce Canyon müssen die Touristen natürlich nochmal abgezockt werden – allerdings nur bis Ende Oktober. Jetzt sind die Läden der Westernstadt geschlossen, was Deputy Sheriff Gynsburgh nicht davon abhält, das Gefängnis zu testen – und es offensichtlich für gut zu befinden.

Dass er beim anschließenden Klamottencheck aber nur auf mein – zugegebenermaßen ungewöhnlich üppiges – Dekolleté geschaut hat, fand ich dann doch etwas verstörend.

Endlich im Canyon… Wir alle wissen, dass Bilder gerade solche Orte und Regionen nicht angemessen zeigen können – nehmt das Kommende also als Eindruck. Fahrt mal hin – es ist wirklich toll! Und man fühlt sich tatsächlich an die Kleckerburgen aus dem Ostseeurlaub erinnert!

Man kann – wie in vielen Canyons – auch hinabsteigen…

… und hat dann natürlich noch ganz andere Perspektiven:

Und natürlich die:

 

Wenn das jetzt alles ruhig, schön und friedlich aussieht, dann keine Sorge: Das war es nicht. Die Hälfte der Zeit war ich stinkig, weil ich hier mit meinem alten Handy fotografieren musste und die Bilder deshalb milchig und oft unscharf sind. Und die andere Hälfte der Zeit hab ich versucht, keine kleinen Japaner über Zäune, Brüstungen oder Felsen zu schubsen. Alter, haben die genervt. Massen von ihnen und dann in Großfamilien mit Omma und dem Zweijährigen, der auf dem Serpentinenweg laufen lernt, während die drei Geschwister hin und her hüpfen. Hätten die sich nicht ein Beispiel an China nehmen können???

Das Schlimmste ist aber, dass jeder Japaner ab 8 Jahren ein Handy zu haben scheint. Einen Handystick hat immer nur das jeweilige Familienoberhaupt, das damit auch die Macht besitzt, Omma, Partner/in und alle Kinder hin und her zu scheuchen und für Fotos posieren zu lassen. Aber nicht nur für EIN Bild – nein. Alle möglichen Konstellationen werden durchexerziert, gnadenlos gegen alle und jeden. Währenddessen warten die anderen Touristen darauf, dass der Weg frei wird. Und der Fotospot – denn der muss ja ganz toll sein, wenn die eine Familie da zwei Stunden lang Bilder gemacht hat.

Gern sitzen sie – gerade die Teenager (diese Jugend!) – dicht an dicht auf den Geländern und Brüstungen, hinter denen die Naturschönheiten zu sehen wären, wegen derer man angereist ist. Ist egal, dass keiner an diesen Gören vorbei- oder gar durchschauen kann…

Es war unsäglich und mein Blutdruck – sonst eher unterirdisch – war dauerhaft in medizinisch bedenklichen Höhen. Ich bin ja nicht fremdenfeindlich, aber… Ihr wisst schon. Japaner hab ich echt gefressen.

Inzwischen war es halb sechs am Abend und es wurde kälter und dämmrig. Als Besucher ist man auf 9.000 Fuß (Kiel liegt auf 16,4 Fuß) und entsprechend arschkalt ist es da. Die meisten Besucher strömten jetzt in Richtung Ausgang, ich aber wollte noch ein oder zwei andere Punkte des Parks sehen. Auf jetzt leeren Straßen bin ich also noch so circa 20 Meilen reingefahren und auch etwas höher – ich hatte alles für mich, auch den Schnee.

Natürlich hab ich mal wieder gefroren, aber die Straßen waren trocken. Belohnt wurde ich mit dem Gefühl, den Sonnenuntergang ganz für mich allein zu haben:

Ich hatte während der kalten Nächte seit Nevada immer wieder überlegt, ob es sich lohnt, noch einmal hoch nach Utah zu fahren. Und das hat es – selbst mit Japanern.

Beitrag teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.