Was für Scheißtage…

Man, was waren die letzten Tage scheiße. Aber so richtig. Ich bin inzwischen sicher: Utah mag mich nicht.

Der aufmerksame Leser meines Blogs und Betrachter meiner Karten fragt sich jetzt vielleicht, was um alles in der Welt ich in Utah verloren habe, wo ich doch nach Seattle wollte. Glaub mir, das frage ich mich auch… Mein letzter Artikel kam aus Nebraska und von dort aus wollte ich Wyoming und Montana erkunden – zwei meiner absoluten Wunschstaaten – und von hier aus durch/ über die Rockys kommen. Und wieder einmal gilt: Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm Deine Pläne…

In Wyoming holte mich der Winter ein, der in diesem Jahr beschlossen hatte, besonders früh in den Rockys Einzug zu halten. Die Straßen in den Bergen und die Pässe in Richtung Norden und Nordwesten waren zum größten Teil unbefahrbar und daher gesperrt.


Hinzu kamen unzählige größere und kleinere Waldbrände in Montana, Idaho, Oregon und Kalifornien – derartige Gegensätze gibt es wohl nur in den USA.


Selbst wenn ich irgendwie durch diese Gegenden hätte fahren können, wäre das Sightseeing doch stark beeinträchtigt gewesen. Also hab ich die Berge Wyomings („Brokeback Mountain“, schnief…) und Montana schwersten Herzens abgeschrieben – es fiel mir echt nicht leicht. Die einzige Möglichkeit für mich, Seattle zu erreichen, wo am 13. Oktober mein Liebster ankommt, ist nun die Umrundung oder Überquerung der Rockys im Süden. Und Süden heißt hier: janz weit runta…


Deshalb bin ich jetzt in Utah. Die Rockys habe ich hinter mir, nun geht es nach Norden. Und ich verspreche Euch, dass Ihr hiervon noch Berichte und Bilder bekommt:

  • South Dakota – wunderschön und beklemmend zugleich;
  • Wyoming – hat mich schon mit dem bisschen beeindruckt, das ich durchfahren habe – und ich habe noch nicht einmal die schönsten Teile gesehen;
  • Colorado – atemberaubend. Nichts hätte mich auf so etwas Großartiges vorbereiten können.

Vielleicht musste nach Colorado einfach ein Absturz kommen. Obwohl: Nein, musste es nicht. Utah mag mich einfach nicht. Und ich mag es auch nicht, so.

Wie fing es an? Auf einem Rastplatz hatte ich Paul getroffen, der mit seiner 800 GS (Josis größere Schwester) auf Wochenendtour war. Und ich sag Euch: kein Spritzer, null Dreck an Maschine oder Outfit – unfassbar. Darüber lästere ich ja gern und als er zögerte, eine abkürzende dirt road (hier in den Staaten allgemein für „unbefestigte Straße“) nach Moab, auch meinem nächsten Ziel, zu fahren, sagte ich: „C’mon, the road is dry! Take it and get that bike dirty!“ Ich meine, dafür sind unsere Halb-Enduros doch da, oder?

Paul hatte vor allem Sorge, mit dem Bike zu stürzen und es allein nicht wieder aufrichten zu können. Eva 1, böse: Ein ausgewachsener Mann, der seine 800er nicht aufheben kann, sollte besser eine Harley fahren… Eva 2, demütig: Schätzchen, das kannst Du denken, wenn Du Josi allein aufheben kannst. Nicht vorher.

Während ich das hier eintippe, frage ich mich, ob es nicht vielleicht doch so etwas wie Karma gibt oder ob Josi meine Gedanken lesen kann. Und ich weiß nicht, welche Möglichkeit ich schlimmer fände…

Ich bin die dirt road eine Weile nach Paul gefahren, sie war für mich anspruchsvoll und hat richtig Spaß gemacht. Sogar die Haarnadelkurven mit Steigung auf Schotter hab ich geschafft!

Zwischendurch immer wieder Eva 1: Na, mal sehen, ob wir dem Paul beim Aufheben seines Motorrads helfen können. Böse, böse, böse.
Dann kam auf der Utah-Seite das Castle Valley – und was da einfach so in der Gegend rumsteht, hat mir einfach den Atem verschlagen:

Auch die halbe Stunde durch die Schlucht am Colorado entlang (ja, dieses Flüsschen ist genau der Colorado, der später den Grand Canyon formt, äh, geformt hat, äh, formen würde – Ihr wisst, was ich meine) war unglaublich. Ich hab mich mehrmals gefragt, wie Menschen auf die Idee kommen, da noch weiterzugehen und tatsächlich eine Stadt zu gründen?

Moab selbst ist eine unglaublich touristische Stadt mit Preisen bis sonstwohin: 0,1 Rotwein = 8 Dollar – ich hab mich gar nicht mehr getraut, nach einer Margarita zu fragen und das will was heißen. Gegessen hab ich in dem Laden dann auch nix mehr.

Dafür hab ich für George das perfekte Plätzchen gefunden – hoch leben die Bibliotheken!

So weit, so gut. Nach eineinhalb Tagen in Moab (ich hatte einiges zu erledigen) wollte ich am Sonntagnachmittag endlich raus aus diesem Ort und in den naheliegenden Arches Nationalpark – Ihr kennt vielleicht Bilder dieser tollen Felsenbögen. Tagsüber wäre es mir dort zu voll gewesen – man merkt das Wochenende in den Parks total. Bei Moab kommt hinzu, dass es offenbar nur vier Wochen im Jahr zu genießen ist, weil es sonst zu heiß oder zu kalt ist: Mai/ Juni und September/ Oktober. Volltreffer…

Und jetzt fing der Mist an. Zunächst bin ich in die falsche Richtung gefahren. Ich sag Euch, das hat total an meinem Ego gekratzt. Seit zweieinhalb Monaten fahre ich hier mit Karte, Straßenschildern (auf denen immer nord/süd/ost/west steht), Sonnenstand und Bauchgefühl umher und es klappt fast immer – hier nun nicht. Außerdem war ich nicht warm genug angezogen, nach der Kälte von Colorado hatte ich Utah falsch eingeschätzt. Tagsüber werden das im Moment schon mal 28 Grad, aber Fahrtwind und der Schatten zwischen den Felsen nehmen davon einiges weg. Ich bin also umgekehrt, um in die richtige Richtung zu fahren, um mich wärmer anzuziehen. Inzwischen hatte ich auch noch Hunger bekommen – super. Aber 15 Uhr und noch kein Mittag, das geht gar nicht. Beim Chinesen in Moab wurde mir dieser Glückskeks zuteil:


Dann gegen 5 Uhr endlich in den Park. An sich sollte das okay sein: zum einen hoffentlich weniger Leute, zum anderen wollte ich auf dem Campingplatz im Park übernachten. Pustekuchen 1: Von wegen weniger Leute. Nun, vielleicht waren es weniger als vorher, aber immer noch zu viele für mich. Vor allem zu viele Japaner (dieser Artikel ist in puncto political correctness ohnehin verloren). Pustekuchen 2: Nix mit Campen: So-Do schließt der Park um sieben. Ätzend. Ich hatte mich sehr auf den Park gefreut – nach den Google-Bildern könnt Ihr das vielleicht verstehen. Auf den Bögen klettern allerdings entweder Touristen herum, die man nicht auf seinen Fotos haben möchte, oder aber die Bögen sind erst nach 45 min Fußmarsch zu sehen. Außerdem fand ich doof, dass man die schönen Punkte entlang der Straße regelrecht abfrühstückt. Man wird hingeleitet, parkt, vorn gibt es jeweils Fotos von dem, was einen erwartet, sodass auch ja kein Überraschungseffekt entsteht. Man hätte ja mal staunen können. Es war so gar nicht meins. Insofern gibt es auch keine guten, liebevollen oder aussagekräftigen Bilder aus meiner Kamera – sorry.

Nun sollte es auf einer Nebenstraße nordwestlich aus dem Park hinausgehen, um dann weiter nach Norden in Richtung Salt Lake City, Idaho und schließlich Seattle zu kommen.
Ja, an der Straße stand ein Warnschild: „Unbefahrbar, wenn nass.“ Aber ich schwöre, es war trocken!
Beim Anblick dieser Straße dachte ich nur: Endlich was Gutes an diesem Tag…


… aber wir wissen ja, dass Murphy ein Arschloch ist. Die erste halbe Stunde war großartig, aber dann bin ich in einer Kurve in feinsten roten Tiefsand geraten und Josi ist weggerutscht. Es war die Situation, von der alle gesagt haben, dass sie kommen würde – und ich wusste es ja auch. Josi am Boden und nur ich, um sie aufzuheben. In Kiel habe ich das nicht ein einziges Mal geschafft. Und bisher hatte ich auch immer das Glück, dass ein bis drei Jungs in der Nähe waren, um den Helden für das blonde deutsche Mädchen zu geben. Aber nicht jetzt.
Ich hab es ein paarmal mit verschiedenen Techniken versucht – man hört ja so einiges. Mein Lieblingsrat ist: „Heb sie auf, solange Du noch richtig sauer über die Situation bist.“ Blöd nur, dass ich nicht sauer war. Obwohl – ein bisschen doch. Auf mich, weil ich zwar die tollsten Apps für Krafttraining auf mein Handy geladen, die Übungen aber nur am Anfang meiner Reise gemacht hatte. Davon war jetzt nix mehr übrig.

Aber man kann ja auch ein Loch buddeln, alles entfernbare Gepäck entfernen und das Motorrad soweit aufrichten, dass das Hinterrad in das Loch fällt. Das ist sehr viel weniger Strecke, zumal sie durch den Koffer ohnehin nicht ganz auf dem Boden liegt. Und dann einfach aus dem Loch rausfahren. Alter, ich war stolz wie Bolle und tierisch erschöpft – zum Auflockern der Erde hatte ich nur einen von Georges Heringen gehabt. Aber egal: Es hatte geklappt!

Naiv, wie ich bin, dachte ich, dass der Tag nun wenigstens gut enden würde. Dass ich auf dieser dirt road weiterfahren und entweder irgendwann auf die Road 191 treffen oder bei Einbruch der Dunkelheit irgendwo campen würde. Das mit dem Campen sollte klappen… Vorher aber fuhr ich in der Dämmerung über schlichten Schotter…


… in Dunkelheit über diesen amerikanischen Albtraum – steinharte Wellen im perfekten Folterabstand:

… und schließlich – selbstredend ebenfalls in tiefster Dunkelheit – wieder in eine rote Feinstaubfläche. Eine Fläche mit 10 cm Tiefe, was sonst. Wieder kam Josi ins Schlingern, wieder rutschte sie elegant auf die Seite. Ich vermute inzwischen, dass sie das Motto von Moab zu Ernst genommen hatte…


Ich hab noch zweimal versucht, sie aufzurichten, wusste aber im Grunde, dass ich zu müde dafür war. Unter dem 10 cm Feinstaub kam eine feste Lehmschicht, die ich kaum auflösen konnte – auch hier war also nichts zu holen. Na gut, dann also in the middle of nowhere übernachten. Stand das nicht auf meiner Bucket List? Übernachten im Nationalpark unter Sternen?

Der Nacht war nicht viel Gutes abzugewinnen:

  • es gab keine Sterne. Also schon, aber über den Wolken, wo sie ihre Freiheit genossen;
  • die Nacht war mit 3 Grad arschkalt;
  • ich hatte zwar noch Taschentücher, aber sie waren natürlich in dem Koffer, auf dem Josi schlief. Nase putzen mag ohne irgendwie gehen, Pipi ist schon deutlich weniger schön und von allen anderen Bedürfnissen blieb ich zum Glück verschont (Murphy muss geschlafen haben);
  • ich verlor meine linke Kontaktlinse (es ist immer die linke, die Probleme macht!) – alles Kommende bitte ich Euch also halbblind zu lesen;
  • und natürlich fing es in der Nacht an zu regnen. Wieder naiv dachte ich: Oh schön, vielleicht wird der Boden dann etwas fester! Wer sich aber an das Schild zu Beginn der Straße erinnert, ahnt, dass die Geschichte noch weitergeht…

Aber nicht mehr heute – es tut mir leid. Die Pizzeria, deren WLAN ich nutze, schließt gleich. Immerhin habe ich George schon auf dem Rasen hinter selbiger aufbauen dürfen. Ich hatte die Hoffnung, nach einem schönen Glas Merlot weinselig in den Schlafsack zu krabbeln und die Kälte wegzuschlafen – aber ich bin in Utah. Da haben viele gerade kleinere Lokale keine Lizenz, weil die unsäglich teuer ist. Aber vielleicht ändert sich das bald – angeblich sitzt inzwischen ein Alkoholiker im Liquor Control Board (die für Alkoholausschanklizenzen zuständige Behörde). Nicht mein Witz…

Also: Morgen oder übermorgen bekommt Ihr den Rest der Story. Versprochen!

Und hier isser!

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8 thoughts on “Was für Scheißtage…

  1. Andi

    ein großartiger Bericht, das Abenteuer hat Dich voll im Griff. Lass Dich von den äußeren Umständen treiben, solange ein waches Auge und hin und wieder die demütige Eva2 mitfährt, kommst Du mit kleinen Schrammen aber gestärkt hindurch.

    • Eva

      Ach Süßer, Du bist wunderbar!

      Und Du musst es wissen mit Deiner langen Lebenserfahren – HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUM GEBURTSTAG!!!

      Ich hoffe, Du hattest einen ganz großartigen Tag mit den Menschen, die Dir wichtig sind!

      Liebste Grüße – noch immer aus Utah 😉
      Eva

      • Andi

        ups und danke – aber mein Geburtstag war ja schon im Mai 😉 – lass einfach im Zweifel Eva2 die Entscheidung in den ganz kritischen Fahrsituationen tragen und wir sehen uns irgendwann wieder, bei Wolf in Werder.
        Gruß
        Andi

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