Das schönste Satzzeichen der Welt

Das hier ist ein bisschen persönlich und nicht nur schön – wer das nicht will/ mag/ kann: Der nächste Artikel ist wieder anders 😉


Es fing in Independence, Missouri, an. Kein schlechter Ort für etwas Neues. Obwohl – eigentlich hab ich den Gedanken an dieses Tattoo schon seit einigen Jahren im Kopf. Weil ich in meinem Leben ein paarmal mit schweren Episoden dieser scheißdreckätzendfuckingblöden Depression zu tun hatte; die meisten von Euch wissen das. Jedesmal dachte ich: Diesmal ist mein Leben vorbei. Es geht mir so scheiße, ich bin aus allem rausgefallen, es kann gar nicht wieder gut werden. Es schien wie ein Punkt, ein Schlusspunkt.

Aber jedesmal ging es weiter – und ich bin dafür unendlich dankbar. Ich kann wieder lachen, arbeiten und reisen, und nichts davon ist selbstverständlich. Für dieses “Es ist nicht vorbei – es geht weiter.” steht das Semikolon. Das Ganze ist nicht meine Idee, sondern seit 2013 online und in der Tattoo-Welt zu finden.

Und genau deshalb hab ich jetzt dieses Tattoo:

Es wäre naiv anzunehmen, dass ich nie wieder eine Depression bekomme. Ich tue alles dafür, damit das nicht passiert (na gut, ich könnte mehr Sport machen 😉 ). Aber sollte es wieder passieren, hab ich jetzt diese Erinnerung bei mir, an mir. Als Ermutigung: Es geht weiter. Auch diese Kackepisode geht vorbei. Der Satz geht weiter, das Leben geht weiter – mit viel mehr tollen Dingen, als ich mir vorstellen kann. Hätte mir vor zweieinhalb Jahren jemand gesagt, dass ich tatsächlich Josi durch die USA fahren würde, hätte ich ihn sanft und vorsichtig zum nächsten freien Klinikbett geführt.

Und jetzt ist es genau so – ich fahre mit Josi und George und Gynsburgh (hm… ich sollte wohl in dieses Bett!) durch die USA. Und es ist wundervoll.

Also: In Independence fing es an – und zwar damit, dass ich NICHT nach Kansas City gefahren bin. Ein Bekannter hatte mir eine großartige Bluegrass-Band dort empfohlen, aber mir war das zu viel. Also bin ich nach Norden gefahren, bis zum Ort Liberty. Ein guter Ort zum Übernachten, dachte ich mir, und fand hinter einem Gebäude eine schöne Grasfläche für George und eine Stellfläche für Josi. Und ganz ehrlich: Wer solch nette Wünsche an die Hauswand schreibt, muss mit Schlafgästen rechnen, oder?

Das Gebäude stellte sich als Dark Lotus Tattoo-Studio heraus – und damit lag schon etwas in der Luft.

Die Öffnungszeit um 11 Uhr war toll – ausschlafen!!! Aber ich wollte nicht so viel Zeit vertrödeln; ich hatte ja grad zwei Tage wegen meines Beines “verloren”. Na, abwarten. Am nächsten Morgen kam um 7:30 Uhr Kens Stimme in mein schlafendes Bewusstsein: “Hey, you in the tent, get out and show yourself!” – “Eh, yes, hold on, give me a minute!” – “You alone?” – “Yes!” Scheint zu helfen, wenn eine Frauenstimme das sagt :-). Zumindest hat er das Wesen, das kontaktlinsenlos und im Morgenlook (Ihr kennt ihn inzwischen) auf ihn zuwankte, nicht mit gezogener Waffe begrüßt. Als Inhaber der benachbarten Reinigung ist er lediglich zu Arbeit gekommen, hat Josis Hinterteil gesehen und dann George. Mein Morgenlook scheint direkt das männliche “Gib dem armen Mädchen Kaffee und was zu Essen!”-Zentrum zu aktivieren, unabhängig vom Alter. Gefällt mir.

Ken mit dem Heiligenstrahl, den er verdient.
Er sagt, er guckt immer so.

Was Ihr hier nicht seht, sind Kens Tattoos, die – Überraschung – in meinem Herbergsstudio gemacht worden waren. Und natürlich war Ken ganz begeistert von den Jungs. Scheiße. Okay, erstmal George abbauen, dabei weiter nachdenken, ob oder ob nicht.

Britt, einer der Tattoo-Guys kam zum Dienst, war auch nett. Na super, wann bitte kommt der Moment mit dem schlechten Bauchgefühl??? Gar nicht. Britt hat sich Zeit genommen, sich meine Vorstellungen anzuhören, mir alles zu erklären, die Nachteile von Tattoos an der Hand zu erklären (verblassen durch die starke Nutzung relativ schnell – muss ich jetzt halt kürzer treten…). Um 16 Uhr hatte er einen Termin für mich. Jo, ist dann so. Witzigerweise hab ich nicht mal da (fünf Stunden Leerlauf) überlegt, das Ganze zu lassen. Ich bin in ein hübsches Café gegangen, habe gearbeitet und war nervös. So weit, so gut.

Gegen halb vier bin ich zurück ins Studio – es kann ja nicht schaden, schon ein bisschen Atmosphäre zu schnuppern und zu schauen, wie sehr die Patienten leiden (ha, doppeltgemoppelt!). Inzwischen war ich scheißnervös. Wenig hilfreich war, dass auf mehreren Monitoren ein Vietnam-Kracher lief – die Tatsache, dass selbst Mel Gibson weinte, hat mir nicht wirklich geholfen…

Britt war super, hat die Vorlage immer wieder aufgemalt, bis es mir perfekt gefiel (und wer mich kennt, weiß, dass ich echt penibel sein kann) und dann losgelegt. Meine große Sorge war, dass die untere Spitze des Semikolons zu breit oder schief oder plump wird – das hätte ich mir nicht ständig anschauen wollen. Aber Britt ist ein Könner, er hat das richtig fein hinbekommen.


Der Insider sieht, dass wir diese Bilder erst nach der OP gemacht haben. Als hätte ich vorher an so etwas Profanes wie Erinnerungsbilder denken können 😀


Thank you, Britt, for this wonderful tattoo and for telling me your story! It’s been a real pleasure to meet you!

And boss: Thanx for being so cool about me camping behind your building!

And Ken: You are the best!

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Bilder aus Baltimore

Ich mag Baltimore – es ist laut, dreckig, verkommen (außer in den Touri-Bereichen), alles irgendwie marode, schief, fußgängerunfreundlich. Also genau die Dinge, die mich extrem anstrengen und nerven. Nur (noch) nicht hier – Baltimore hat irgendwie Charme. Das hab ich sogar schon gedacht, bevor ich das Stadtmotto “Charm City” las.

Überall ist Musik: Wenn man von einer Ampel zur nächsten an den wartenden Autos vorbeiläuft, hört man das gesamte Musikspektrum. Bis auf Klassik – bisher. Es gibt Kunst an allen Ecken und Enden und mittendrin, ebenso wie kleine, süße Restaurants aus allen denkbaren Ländern.

Gestern war ich türkisch essen, vorgestern äthiopisch – und habe mir geschworen, letzteres beim nächsten Mal nur löwenhungrig zu tun. In einem äthiopischen Restaurant nicht aufzuessen, fühlt sich so richtig doof an…

Zurück zu Baltimore: Die drei Hauptbuslinien sind kostenlos, Beerdigungskorsos dürfen über rote Ampeln fahren (kein Witz – alle Autos warten! Das Ganze passiert natürlich mit Sirene, sonst würden sie natürlich ihr Geschäft genial ankurbeln), die Bewohner einer Seniorenresidenz, an der ich vorbeiging, saßen plaudernd auf dem Bürgersteig – und ich muss gestehen, dass ich es (wiederum: noch) total entzückend und kuschelig finde, wenn ich im Restaurant mit “Dear”, “Darling” und “Honey“ oder “Hon” angesprochen werde. Von weiblichen Bedienungen, wohlgemerkt. Was sie wohl zu Jungs sagen?

Wer sich übrigens in einer amerikanischen Großstadt einsam fühlt, sollte einfach mal barfuß durch die Straßen laufen. Ich mach das ja ganz gern mal – und ich bin noch nie so oft angesprochen worden wie hier. Meist wohlmeinend (“Dear, watch out…”), oft interessiert (“Where are your shoes?”) einmal mit offenem Mund (er): “I’ve heard of people in foreign countries who do that…” Zu lustig – ich denke, ich werde das als Experiment fortsetzen.

 

Ach, ein Fun Fact: Baltimore ist die “City of Firsts”: Gaaaaaaaaaaaaaaaaanz viele Dinge gab es hier zum ersten Mal. Den ersten Regenschirm, das erste Postamt, den ersten Ballonstart, die erste Sonntagszeitung, den ersten Kühlschrank und natürlich noch vieles mehr: baltimore.org/info/baltimore-firsts.

Die Obdachlosen, die man hier wirklich überall sieht, gehen mir nahe. Besonders die Menschen – ich wollte gerade “Gestalten” tippen, manchmal wirken sie eher so – die ganz unten und meist verwirrt sind.

Ich frag mich immer wieder, warum sie mich so berühren. Ich glaube, es ist, weil ich mich am Tiefpunkt meiner Depressionen letztlich immer so enden sah. Unvorstellbar, dass ich wieder am normalen Leben teilnehmen würde, undenkbar, dass ich wieder klar denken, arbeiten, reisen, lieben, lachen würde. Und deshalb fühle ich mich diesen Menschen irgendwie verbunden – gefühlt war ich fast da, wo sie sind. In meinem Empfinden war ich raus aus der Gesellschaft – über den Rand gefallen. Ich weiß, das ist objektiv nicht wahr. Aber wer eine schwere Depression kennt, wird mich verstehen. Jedenfalls gehe ich oft nachdenklich und auch dankbar für meinen anderen Weg (und meine Ärzte) an ihnen vorbei. Einer schaute vorgestern plötzlich ganz hell zurück. Ich hab ihm einen schönen Abend gewünscht (wie absurd!) – und er hat gestrahlt.

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Noch 10 Tage…

Schick, oder?

… und noch ein besonderer Abschied.

Ich lass Euch einfach an dem teilhaben, was mich in diesen Tagen beschäftigt. Ich weiß, es ist noch nicht viel Action, aber keine Sorge: Die wird kommen! Wohl spätestens ab Ende nächster Woche.

Auf dem Bild begegnen sich Josi und Lizzy zum ersten Mal so richtig. Und wo? In der DRK-Klinik “Hahnknüll” in Neumünster.

Hier habe ich zweimal jeweils mehrere Wochen wegen schwerer Depressionen verbracht. Das Team dort – Pfleger, Therapeuten und Ärzte (und natürlich jeweils auch die weibliche Form) – hat mich durch die bisher schwersten Zeiten meines Lebens begleitet. Ich weiß nicht, wo ich heute ohne ihr Können, ihre Umsicht und ihre Zuversicht wäre. Nie im Leben wäre meine Reise jetzt möglich ohne die Zeit dort – ich bin ihnen auf ewig dankbar. Und deshalb war es mir auch so wichtig, dort noch einmal vorbeizufahren.

Und wer ist nun Lizzy? Das Motorrad des Stationsleiters – kein Wunder also, dass das der richtige Ort für mich war :-).

 

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