Karpaten 5 – Verliebt in die Maramures

In einigem bin ich richtig schlecht. Im Zappen, zum Beispiel. Ich nehme mir vor, mal durchzuschauen, was so läuft – und bleibe im Ersten hängen. Ob ich deshalb auch gleich den Maramures, meiner ersten Region in Rumänien, verfallen bin? Vielleicht – aber bestimmt nicht nur. Auch viele Rumänen entdecken das Kleinod in diesem Jahr, in dem Corona ihnen Auslandsreisen verwehrt.
Das erste, was mir in Rumänien auffiel, war die unglaubliche Freundlichkeit der Menschen. Ich muss gestehen, dass ich nicht daran geglaubt hatte, obwohl es mir oft gesagt wurde. Der Weg hierher war eine freundlichkeitstechnische Durststrecke, vor allem durch Tschechien und Ungarn, in der Slowakei ging es schon wieder. Ich finde Pauschalisierungen echt schwierig, aber ich habe mich durch die vollkommen fremden Sprachen auf der einen, und durch die kurz angebundenen Menschen, die kaum Blickkontakt halten und schon gar nicht suchen auf der anderen Seite plus einen Fall von böswilliger Kaffeeverweigerung so einsam gefühlt, dass bei jedem Kind, das meinem Motorrad und mir winkte, mein Herz hüpfte und ich enthusiastisch zurückwinkte. Irgendwann war sogar ich diejenige, die zuerst winkte…
Wahrscheinlich zieht sich nun eine Spur von Eltern durch Tschechien und Ungarn, die ihre Kinder nachdrücklich mit “Du musst keine Angst haben, die verrückte Winkefrau auf dem Motorrad ist jetzt gaaaanz weit weg!”
Und dann komme ich nach Satu Mare, Rumänien, frage einen Menschen nach dem Weg in die Innenstadt und werde von ihm hingebracht. Bitte dort einen Passanten um eine Restaurantempfehlung – und werde wiederum gleich hingebracht Stehe am nächsten Tag irgendwo in der Pampa und überlege, ob ich links oder rechts fahre, als mir ein Hutzelmännchen von 273 Jahren auf die Schulter klopft und mir mit zahnlosem Lächeln und strahlenden Augen zwei Birnen in die Hand drückt. Jedes Mal hätte ich heulen können. Seit einigen Tagen bin ich nun in Rumänien und habe keinen unfreundlichen Menschen getroffen. Manche Klischees sind mehr als das.
Die Maramures sind eine kleine, zur Hälfte gebirgige Region im Nordwesten Rumäniens und ländlich geprägt.

Die D18 über den Gutai-Pass – ein Leckerbissen!

Ländlich geprägt bedeutet hier, dass tatsächlich die Familien das Heu auf den Feldern zusammenrechen, dass die Rasenflächen inner- und außerorts mit der Sense gemäht werden…

… dass immer wieder Pferdefuhrwerke – manchmal mit einem störrischen Kalb im Schlepptau – auf der Straße unterwegs sind, dass Melonen, Pflaumen, Kartoffeln und vieles mehr aus dem eigenen Garten oder aus Gemeinschaften am Straßenrand verkauft werden. Wer Glück hat (ich!), bekommt von Danina und Bogdan ein Glas Palinka, selbstgebrannten Pflaumenschnaps, eingeschenkt aus der 1,5l-Plastikflasche in Uromas Kristallgläschen. Holla, das Zeug brennt!
Aber das Fahren, insbesondere auf kaputten Straßen, geht sehr viel geschmeidiger.
Uroma und Uropa sind feste Bestandteile im Straßenbild, egal, ob noch gut zu Fuß, auf dem Klapperrad (eher er) oder mit Gehhilfe. Manchmal im Garten die Katzen oder sich selbst versonnen in einem alten, hölzernen Handspiegel betrachtend, manchmal mit Oma von nebenan auf der Bank sitzend und plaudernd, manchmal allein auf der Bank und Obst putzend oder Wolle spinnend, als wäre Schneewittchen nicht nur ein Märchen.
Die Bänke gehören zu den Orten wie Straßenschilder und Läden; gerade in kleinen Orten steht vor jedem Haus eine. Bisher habe ich keinen zwei gleichen gesehen, ich vermute also, dass es sich dabei um Privatinitiativen im ursprünglichen Sinne handelt.
Ich glaube, ohne diese Bänke würde die Kommunikation in den Dörfern zusammenbrechen, sie ersetzen Telefon, Radio und Fernseher gleichermaßen. Dabei leben Uroma und Uropa gar nicht so altmodisch, wie man denken mag – sie haben auch schon mal ein Nokia am Ohr. Vielleicht sind sie für die Moderne das, was das Nokia fürs Smartphone ist? Immer wieder belächelt, aber unverwüstlich? Schließlich tragen sie zu Sandalen, Kompressionsstrümpfen, dem dunkel geblümten Rock, der lila geblümten Bluse und dem dunklen Kopftuch eine leuchtend blaue Einwegmaske.
Auf die wunderschönen schlanken Holzkirchen kann ich gar nicht eingehen – das müssen andere tun. Wenn man sie betritt, wird die Seele berührt.

Corona ist auch hier.

Wie zu vermuten, spielt der Glaube, oder vielmehr die verschiedenen Glaubensrichtungen auf dem Land eine größere Rolle als in der Stadt. Einen Morgen verbrachte ich in Sapanta und wunderte mich über die Muezzin-Gesänge. Im Zentrum angekommen begriff ich (und bekam es von einer Einwohnerin bestätigt): Der orthodoxe Gottesdienst wurde wegen Corona per Lautsprecher in die gesamte Stadt übertragen. IN DIE GESAMTE STADT. Und auch das war magisch.
Sapanta ist vor allem für den “Fröhlichen Friedhof” bekannt, wo der Verstorbenen unter liebevoller Nennung ihrer Eigenheiten und Macken gedacht wird.
Ich fand ja viel witziger, dass der Friedhof zwei offene WLAN-Netze hat, eines davon G5 – und beide tot…
Außerdem gibt es ein paar äußerst spannende Malereien: Nimmt Adam etwa selbst einen Apfel? Warum meckert die Schlange nur mit Eva? Und sind das Soldaten, die Jesu Zustand am Kreuz prüfen?
Meine Nächte bleiben weiterhin vielfältig…
… und werden von mehr oder weniger liebsamen wilden Tieren begleitet:
A propos wilde Tiere: Die wilden Hunde von Rumänien waren bisher tatsächlich ein Problem, allerdings anders als vermutet: Am liebsten hätte ich den Fratz mitgenommen, auch wenn er meine besten Socken zerbissen hat.

Der gehörte aber zu der Tankstelle, wo ich die erste Zigarette meiner Tour geschenkt bekam. Das scheint dazuzugehören!
Morgen werde ich die Maramures schweren Herzens verlassen und in die Region Moldau weiterfahren. Wahrscheinlich hat Rumänien mehr zu bieten als “nur” das Erste!
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Josi ist top in Form dank:
– BTB Boxertechnik Berlin GmbH
– Wilbers Performance Suspension

Karpaten 3 – Kurz davor und mittendrin

Wie fasst man Tausende von Eindrücken zusammen, die vollkommen unterschiedlich und überraschend oft sogar gegensätzlich sind? Ich hoffe, es gelingt mir einigermaßen. Wenn nicht, schiebt es bitte auf den Wein, den ich nachher extra deshalb noch trinke. Viel Spaß!

Gerade noch rechtzeitig bemerke ich, dass der höchste Berg der Karpaten nicht in Rumänien, sondern in der Slowakei liegt. Komisch, wo ich doch wegen der Karpaten nach Rumänien… na, egal. Den muss ich mir wohl ansehen. Das Wetter ist toll, man sieht den Gerlachkovky Stit schon von Weitem. Immer wieder fahre ich an Straßenständen vorbei, die Weidenkörbe in rauen Mengen verkaufen – werden die wirklich gebraucht? Ich frage mich das auch in Deutschland, wenn ich Strick- und Wollläden sehe – wenn das Gesetz von Angebot und Nachfrage gilt, dann ist an der Theorie mit den Paralleluniversen tatsächlich was dran.

Auf halber Strecke in die Höhen des Gerlachkovsky merke ich, dass ich ihn von unten eigentlich viel zu schön finde, um weiter emporzufahren. Es fühlt sich an, als ginge er mir verloren – ich breche ab. Dass es nicht nur emotional die richtige Entscheidung war, sehe ich etwas später: Der Berg ist vor lauter Wolken nicht mehr zu sehen, in der Ferne donnert es schon.

Die Hohe Tatra war schon in Zeiten des Sozialismus Tourismusgebiet und ist es immer noch. Wen wundert’s, sie ist schließlich eines der schönsten Gebiete der Slowakei. Und so sieht man denn auch prachtvolle Hotels, die aus einer anderen Zeit kommen – wer mag, darf als Vergleich auch das Sanatorium aus dem „Zauberberg“ bemühen.

In einem dieser Nobelorte richte ich mich hinter einer Apotheke ein.

 

Am nächsten Morgen döse ich unentdeckt bis 11 Uhr: Heftiger Regen macht seit dem frühen Morgen alles andere zwar nicht unmöglich, aber doch unlustig. Dann aber machen sich Hunger und die Sorge um Josi bemerkbar. Letztere wäre nicht nötig gewesen – jemand hat sie liebevoll mit einem farblich passenden Schloss gesichert und charmanterweise seine Telefonnummer dagelassen.

Nach einem langen Frühstück lade ich die Polizei telefonisch vor, werde darüber informiert, wo ich Parktickets (!!!) bekomme, und werde vollkommen überraschend mit dem Erlass der Strafe beschenkt, als ich um eine Rechnung und Überweisung nach dem 1. September bitte – dann hätte ich wieder Geld auf dem Konto. Der nette Polizist befreit Josi von den Ketten des Sozialismus, und ich fahre aus dem Regen in die Sonne. Über unmarkierte, kurvige Straßen geht es durch dichte Wälder, Wasserdampf steigt aus Bäumen, während Lichtstrahlen durch die Bäume brechen. Mit dem sprichwörtlichen Dauergrinsen im Gesicht lasse ich Autos überholen, um die Fahrt zu genießen und jederzeit zum Staunen und/ oder für ein Foto anhalten zu können.

 

Diese Nacht verbringe ich neben einer Kirche – vielleicht ist es Inspiration für das nächste Krippenspiel?

Nach einer wohltuenden Dusche in einer Esso-Tankstelle stehen die Durchquerung Ungarns und die Ankunft in Rumänien auf dem Programm. Die Kontraste sind in Ungarn ebenso groß wie in den Ländern zuvor: ärmliche und wohlhabend direkt beieinander. Wobei ärmlich auch das mehrgeschossige Haus ohne Fensterscheiben ist, auf dessen Balkonen Kinderwäsche in der Sonne trocknet.

Der Grenzübergang nach Rumänien ist der einzige bisher, an dem tatsächlich Menschen sind – und die erledigen sogar ihren Job. Kontrollieren Frachten und Pässe und werden dabei von einem streunenden Hund beobachtet. Wurde der als Klischee hier ausgesetzt?

 

Ich bin gespannt, was Rumänien zu bieten hat – mit Blick auf Hunde, Landschaften und Menschen. Ich werde berichten!